Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2858 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nv. 2868 HS'.cft, Freitos W emr Ms*s««Zsttrms 11. FcLrvor 1927 Gsite S Tagesbericht. klar verUeate Lektion. Die deutsch.at o.la.en Naan.a.M'Jne.! i»t wol- Icti sich mit den schon bisher erlittenen politischen uns moralischen Niederlagen nicht abfrnden und holen sich tätlich neue Blamagen und Zurechtweisungen der christlichen deutsche.! Kreise, die sie gegen den Zionismus mobilisieren möchten, wobei sie sich erkühnen, ihren Lesern über das wahre Deutschtum Lehren zu erteilen. Dir ga^en le ei s ee.ren kurze Auszug der Erklärung des Präsidiums des deutschen Pro-- Palästinakomtiees, an dessen Spitze Graf Be rn sto r ff steht. Nunmehr liegt der folgende Wortlaut dieser bedeutsamen Erklärung vor: „Das Deutsche Komitee Pro-Palästina hat die Ueberzeugnng, daß der Aufbau der im Palästinamandat vorgesehenen vom Völkerbund garantierten Heimstätte für das jüdische Volk aus politischen und wirtschaftlichen Erwägungen und'als ein Werk menschlicherWohlfahrt und Gesittung Anspruch auf die deutschen Sympathien und die tätige Anteil» nähme der deutschen Juden hat. Das Deutsche Komitee Pro-Paostina tritt für ein jüdisches Werk und eine mit diesem Werk verbundene Betätigung ein, lehnt es aber selbstverständlich ab, im innerjüdischen Kampf gegen irgendeine jüdische Rich ung Stellung zu nehmen. Es ist andererseits nicht einzusehen welches Jnterrsse eine 'jüdische Gruppe daran haben kann, die Mitglieder des Deutschen KonntteZ Pro-Palästina zu einer Stellungnahm ezu inner jüdischen Fragen zu veranlassen. Die Annahme, daß die Mitglieder des Deutschen Komitees Pro-Palastina über die mit dem Aufgabenkreis dieses Kvir.itteI zu amiue.chä.lgentan grund a^ichon Fragen nicht ausreichend informiert worden sind, entlehrt jeder Grundlage. Die. Mitarbeit am jüdischen Palästinawerk ist in keiner Weise geeignet, die Stellung der Juden im deutschen Staats- und Volksleben zu beeinträchtigen. Das in Palästina unteriwmmene Werk trägt entscheidend dazu bei, die Stellung der Judenheit in der Welt günstig zu beeinflussen." Botschafter z.,D. Graf Bernstorff, M. d. R. Aber diesen gottverlassenen Ve.b'en^eten ist nicht zu helfen. Sie haben sich in einen dummen Chauvinismus verrannt mrd scheuen jede offene Diskussion über die ihnen so wichlig erscheinende Frage. In der von ihnen einberufenen Protestversammlung gegen das Pro-Pa'ästina-Komitee sollte, im Sinne der Einladung, eine frei« Aussprache zugelassen werden. Als jedoch die erschienenen Delegierten des gleichfalls eingeladenen Zionistischen Verbandes für Deutschland,die Herren Rechtsanwalt Dr. Klee und Glases um das Wort zur freien Aussprache baten, wurde es ihnen vom Vorsitzenden Dr. Simon unter dem Vorwände verweigert, daß es augenblicklich nicht festznstellen fei, ob der Zionistisch- Verband wi k.ich einge'a'en worden sei. Die beiden Zionisten verließen h'erauf den Saal und die „freie Aussprache" in Abwefenhüt der Gegner brachte deren auch die hirnrissige (von uns gestern gemelde'.e) Resolution zustande, die in allen, nicht nur jüdischen Kreisen der Welt, die tiefste Verachtung Hervorrust. Es ist bekannt, daß neben der von allen Juden begangenen Purim sei er am 14. Adar, bei welcher die Megillah von der Geschichte Esthers und Mordechrrs verlese:! wird, auch noch eine ganze Anzahl von lokalen oder sogar Familien- Purimfeiern begangen w'.rd, die mit irgend eicer wunderbaren Befreiung aus Nationaler Not in Verbindung stehen. Eine der interessantesten Megillath die'er Mt ist die Me - gilath Saragossa, die am 17. Schewat, wie aljahrlich auch h.uer von der in Jerusalem lebenden FamilieSaragossa gestiert wurde. Die Familie Saragossa besitzt eine von Generation zu Generatiou ererbte eigene Megillah mit folgendem Text: „Zur Zeit des Königs Sara.gvssamus wohnten sehr viele Inden im Land:, besaßen zwölf Synagogen und so bst der König dort vorbe'.zog, wurden aus jeder Synagoge drei Thorarollen geholt und ihm zur Begrüßung entgegengetragen. Einmal beschlossen die Vertreter von zwölf Synagogen gerneinsanr mit den 24 Dajanim in einer Beratung, anstatt mit einer w'rk.ichm Thora Gottes, bloß als Symbol mit einer ohne Thoratext versehene Rolle, die mit dem üblichen Thoramäntelchen bekle'.det Ware, vor dem König zu erscheinen, da es sich »ich: gezieme, den. sterblichen König, der auch Götzen aubete, mit der Thora des ewigen lebendigen Gottes zu empfangen. Inzwischen ereignete eS sich, daß ein böser, zanksüchtiger Mann, namens Chajim Samuel zum Christentum übertrat, am königlichen Hof großen Einfluß errang und seinen Nomen in Markus änderte. Einmal befand sich Markus im Gefolge des Königs, als dieser durch die Judengasse zog. Die Juden eilten dem König mit den Thorarollen entgegen. Als der König am Abend in Gesellschaft seines Stabes saß, bemerkten seine Ratgeber, wie schön es doch sei, daß die Juden mit ihren Thorarollen den König begrüßen. Hierauf erzählte Markus der Täufling, daß die Juden solches nicht täten, der König möge viel mehr zur Kenntnis nehmen, daß di- Rollen, die ihm entgegengelvagen wnrdnr, leer seien und nichts enthalten. Der König befragte seine Hofjuristen wie ei..e solche Tat zu qualifizieren sei, und diese antworteten, daß für ein solches Vergehen die Todesstrafe gebüh e .Der König möge einen B-fehl ergehen lassen und eine Kommission entsenden, die bei Tagesanbruch eine Untersuchung in den Judengassen vornehmen und sämtliche Thorarollen in Augenschein nehmen sol*e. Da w'rde es sich dann erwtt'en. ob die Unsere KremwsrttUrl'KovIurrem. Kommenden Sonntag beginnt di« ,M iener Morgenzeitung" mit einer großen Kreuzworträtsel-Konkurrenz, für deL'eu Lösung wir besonders schöne Pri iise tmrS^'s^t haiben, deren Erringung wohl in jcbormLnns Interesse so« dürfte. So betragt der e r st e P r e i s eine gcschnnckroll zufammengLstellte Bibliothek von 3Oy Bänden, der zweite Preis gestattet dem Gciw'nnar, eine G r a t i s r e i j e nach Palästina zu unternehmen, während mit dem dritten Preis der Erwerb von fünf Dun am Boden in Paläfti ua verbunden ist. Außerdem stechen den restl'chen Gewinnern — es werdeninsgesamt 50 Preise ansgesetzt — eine Reihe schöner Gewinste zur Verfügung, so Damentoikstte gegen stände, H err enge brauch.>- artikel. Bilder. Nippes, Bücher ee^w. eesw. des Markus auf Wahrh.i: b-ruhen oocr nicht. Sol.te MatÜeS recht behalten, so sollen in der Jndengasse alle Benwhner nied-rg:m-tzelt und dir Synagogen in Dmud gesteckt werden. In dieser Nacht wich der Schaf von den Aug-n des Schammes der Gemei.ide Efraim Baruch und er konnte keine Ruhe finden. Als er auf wenige Miini'.e.e in Schlaf verfiel, erschien ihm die Gestalt eines göttlichen Mannes ähnlich dem Prophtten E.ijahn, der ihn a.iricf und sagte: „Erhebe dich und eile in das G-m-indchaus, lege dieThorarollen in dir Behälter, dir heute dem König entgegengetragen wurden und dann kehre zu deiner Ruhe zurück!" Efraim tat, wie ihm b'.sohlen, l'gle sich dann wieder nieder und fand ruhigen Sch'af. Dassr.be Traumgesicht hatten die Schamossim aller zwölf Synagogen, aber keiner verriet es dem anderen, denn so hatte es, dr* ihnen erlch'enen lvar, b fohlen. Und es geschah am 17. Schewat im Jahre . 1352 nach Zerstörung des Temp.ls (1420), daß der König plötzlich unangemeldet, von einem starken Trupp Reiter begleitet, in das jüdische Viertel kam. Als die Juden davon erfuhren, eilten sie ihm nach, alter Sitte mit den Thorarollen zum Gruß entgegen; da sprach, der König: „Ich möchte doch gerne oie Thora "des Gottesmannes Moses, in dessen Namen ihr mich begrüßt, mit eigenen Augen schrn." Die Weifen erschraken und flüsterten einander zu: „Was hat uns Gott zugesügt?" Aber sie hatten keine Kenntnis davon, wie sich der Gott unserer Väter unser erbarmt hat. Männer aus dem Gefolge des Königs traten nun an die Rabbiner heran, öffneten einen der Behälter und fanden dort die Thorarolle gerade an der Stelle, wo geschrieben stand: „...und trotz alledem werde ich sie, wenn sie im Lande ihrer Feinde sein werden, nicht verachten noch verwerfen und iverde nicht meinen Bund mit ihnen brechen, denn ich bin der Ewige, ihr Gott!" . Es wurden die übrigen Bchälter geöffnet, und in allen befand sich die wirkliche Thorarolle. Als der König dies sah, begrüßte er die Juden freundlich und erließ ihnen die Steuern für drei Jahre. Gleichzeitig befahl er, den bösen Verleumder an fenem Bqume zu hängen, den er zur Hinrichtung für die Juden bestimmt hatta. Und der Groll des Königs hatte sich beruhigt. Deshalb haben es die Juden, die in der Stadt Saragossa zu finden waren, aus sich genommen und gelobt, daß sie selbst und' ihre Nachkommen den 17. Schewat als Feiertag begehen, einander beschenken und den Armen Almosen geben werden, mrd im Kreise der Juden war Lustigkeit, Freuüenjuüel und geg.nscttig2 Achtung... „Verflucht sei Markus, gesegnet Efraim! Verflucht die Böse», und gesegnet die Guten!" Wie man sieht, ist die Megillath Saragoffa ln ihrer Fassung der Megillath Esther stark nachgebildet.. Irr zweite Weltflug de Plnedos. Aus Mailand wird uns gemeldet: Gestern mittag. ist de P ined o zu seinem zweiten Weltfluge von S e st o . Calende am Gardasee ausgestiegen. Sein Flugzeug ist ein Sais mit Jsotla-Fraschini-Motor und führt den Na-, men „Santa Maria", nach dem Schiff, das Kolumbus auf feiner Entdeckungsfahrt getragen hat. De Pinedo wird den' Atlantischen Ozean überqueren und will dann die südamerikanischen Anden überfliegen, und eine Forschungsfahrt über dem unerforschten Quell-, gebiet des Amazone n stromes machen g'jie Woche Bern». MltSten! NüvlMen! Montag. Nachmittags bezaubert Maria Corda im „Neuen Dubarey"-Film den Usapaläst. Man erhascht Paris und ein fulminantes Kinoschicksal: erst Laddnmädel, Stubenmädel, dann Revuegirl, große Kokotte» Königrliebchen. Wär's nicht zu lang, wär's kurzweiliger. Aber nun versucht (mit Erfolg) auch der Wiener F'ckm, amerikanisch zu sein. - Abends fährt man aus der Haut zwischen „Dover- Calais". Aber das ist ein Lustspiel von Julius Brest! im Komödienhans und spielt im Ozeanblau, auf einer Luxusjacht. Ein Weib mitten in einer SchWbesatzung, noch dazu Amerikanerin, noch dazu Jounalistin, noch dazu schön wie eine feste, goldene Aprikose, saftig, jung wie Wein im Oktober, noch dazu Erika von Thellm a n. Ihr Widerpart, in jedem Sinn, der überwältigende Ralph Arthur Roberts; der andere Liebende Hans B r a u s e w e t t e r, so fett und doch gar nicht schmalzig. Immer noch ein Junge zum Anbeißen. Man lacht sich in die Nachtvorstellung vor. Liebe. Wieder,Film. Berliner Film nach Balzac, den man endlich für die L.'inwand entdeckt. Nun: ebenso wie Asta Nielsen,'sich im Bilde erschöpft, das Letzte in der Bewegung gibt, so gibt Elisabeth Bergner ihr Letztes jenseits der Leimvand. Sie, hier in „Liebe" die Herzogin von Langrais, ist auf die persönliche Wirkung angewiesen, auf die redende, leibhaftige Erscheinung; sie bleibt immer Photographie. Bei Asta stört die Leibhaftigkeit. Und E-isabeth erschüttert am meiste», wenn man, um halb eins in der froflir***« Nacht, den Film hinter sich hat... Dienstag. Es spielt das Guarneri-Quartett. Ein klein wenig monoton, ein klein wenig zu süß, man schnuppert nach Mokka und Apfelstrudel. Mer dann: Forellenquintett. Mit d^r Ridcr-Pejsart vorzüglich am Klavier neck» Lehe recht Gaedecke am Kontrabaß, diesem Vollblütmüsiker, drr seinen Koloß streicht, streichelt, schlägt, zupfc wie kein Zweiter. Der dampft von Musik, der schmilzt (selbst Koloß) in Musik, auf seinem blühenden Gesicht alle Abwandlungen der Musik. Hier entfesselte sich das junge Quartett, im Schubert brgann es lebendig zu werden. Es war zum Jauchzen. Zur selben Stunde evarf Max Adalbert sein Nollendorf-Theater um. Gleichgültig, in - welchem Stück. ,Müllers" hrißt es, wenn ihr darauf. besteht. Er ist immer Max Adalbert. Keine Spur von Pallenbergs Genie. Obschon er sich aufs selbe hinausspirlt. Nur Maxe! Mer das ist — für Berlin — sehr viel. Er braucht sich nicht mehr anzustrengen. Durchaus nicht. „Papa Müller", wer kräht nach dem! Mer sie kräh'» bei Herrn Adalbert. Mittwoch spielt Lucie Caffaret, zum ersten Male in Berlin, sofort bejubelt als Phänomen. Sie beginnt mit Bach, stilvoll schlicht, perlend leicht, Musik aus Elysium. Dann funkelt Scarlatti. Unerhört. Es blenden, blitzen, rauschen, betören moderne Franzosen. Der Charme einer blonden - Frau gibt dem vollendeten Spiel besondere Nuance. Das Klavier bekommt geradezu ein Herz. Zuletzt Chopin. Die Fantasie (FEoll) nicht mit letzter Ausgeglichenhcit, mit det üblichen konzertmäßigen Bravour. Um so besser! Denn dafür mit Aufdeckung des musikalischen Gehaltes, mit einem beglückenden Herausspielen der Chopinschm Seele, der Gefühlsintensitäten. Sie hatte einen halbvolle» Saal und verdient ausverfanftc Häuser. . In den Autobus! Er fegt durch die tauende Nacht. Wahrhaftig! Es wird nach dreißig Stund n Frost schon wieder Frühling... Man erhascht ihn noch, Moana, den Südseejüngling, die Insel, das Getier, die wehenden Palmen, den Rest Paradies im Atlantic. Was ist's? Nun, der Südseefilm, dn seit Jahr und Tag im glücklicheren „Drüben" läuft, reichhaltiger als hier, «r ist viel zu schnell für unser Etttzücken. Seit ztvanzig Jahren lesen, hören, ersehnen u-ir: Süds^e... Da ist sie! Das Herz tut weh... Um elf Uhr jagen die Autos aus den Theatern zu den Ballportalen. Ucberall wird getanzt. Armes Europa, armseliger Charlestoremcnsch! Donwrrötag lE man mit Victor Hugo. Es nennt sich Mensch unter Menschen" und hat zwei Teile, und ein tür:& darin ist wirklich Kind, rührend im bloßen Da-sein. (O schrecklicher Theaterjunge Jaüie!) Denn es ist ein Film, natürlich. Womit lockt man sonst nachmittags Tausend in einen Saal! Man macht so was unanfechtbar in Amerika, und immer entdecken sie jemanden, und nie geht man rmbeschcnkt aus ihren Filmen. Mer abcnds ist Porto- Ni che für Berlin entdeckt. „Germaine". Einmal, ach — da saß ich, in der Lichterstadt, und Gnitry sprach, und die Rejan? rvandelte, schon etwas fett, aber zum Schluchzen Mensch, Weib. Hier die Orska, hirr Loos. Sie kann alles. ‘ und er h at viel. Das reicht für einen großen Theaterabend. Und Porto-Nich.'? Ern fast vierzig Jahre altes Stück? Immer noch ein „Stück". Lebendiger als die von heut. Denn er hat — der Dichter! — zwar nicht mdhr als alle nach ihm, die Routine, die Situationen, die Verknotnngen, Spannungen, Ausbrüche: großes französisches Theater. Mer eines hat er nrehr als die um ihn und nach ihm: die Empfindung! die Wehmut des enüg Komischen.» as feuchte Lächeln der bewußte» Sentimentalität! Er hat rroch ein — Herz! Bei ihm gibt es - das Ungesagte, damals gingen noch Menschen, ins Theater. Heute sitzt die Menschheit 1927 da und schreit hinten „Lauter!". FrvUag. Kokoschka stellt bei Cassirer aus. Porträts von Wöenschen und Tieren, alte und neue. Die neuen sind ivirNichkeitsnährr, saftiger, farbig blühender; aber hie alten haben das gespenstisch Visionäre, erschreckend Offmbarende genial geschauter Kreatur.. Immer noch unser« Mal« Größter!