Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2858 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gsltr L Mm, Freitag So geht's Sicht! d—, Wie«, 11. Februar. Daß mvst die vielfältigen österreichischen Uebel damit za erllüren sucht, sie seien eben Erbübel und, wie die sprichwörtlich gewordene österreichische Schlamperei, von den Altvorderen einfach übernommen worden, ist nicht mchr a!4 eine faule Ausrede. Es ist rveniger eine Art Lethargie, ein Sichgehenlassen und Gemährenlassen, da? die österreichische Misere fast unausrottbar erscheinen läßt: nicht die Unterlassungssünden sind das Schwerwiegende, sondern der böse Wille. Bor Jahr und Tag wurde Oesterreich das Burgenland zugeteilt. Man hat hier wahrlich von der Sach.» nicht viel Aufhebens g.>macht und nie daran gedacht, es als Kompensation zu nehmen oder zu annektieren. Als die Monarchie zusammenbrach und das kaiserliche Manifest allen Völkerschaften des Staates freistellte, sich eine Häuslichkeit nach eigenem Wollen zu zimmern, da schlugen die Ansprüche allüberall über die alten Landergrenzen hinüber. Die Tschechoslowakei und Jugoslawien standen in ihrem heutigen territorialen Umfang schon als international anerkannte Staatengebilde da und Oesterreich verlangte nur, daß in den feiner Ostgrenze vorgelagerten westungarischen Komitaten eine Volksabstinpnung ükr die Zugehörigkeit dieser Gebietsteile stattfinden solle. Die Sache war nicht aussichtslos, da Jugoslawien und die Tschechoslowakei Ansprüche auf dieses Gebiet erhoben und Italien unter ollen Umständen Len sogenannten slawischen Korridor, der von den Murtnstln über das Burgenland bis zum Preßburger Brückenkopf führen sollte, verhindern wollte. Nach mannigfachen Widerwärtigkeiten wurde das Land, das dem ersten Staatskanzler der Republik Dr. Renner seinen Namen verdankt, in verstümmelten Zustand an Oesterreich angeschlosien. Die Bevölkerung war nicht gefragt worden, brachte aber für die neue Staatszugehörigkeit einen großen Vorschuß an Vertrauen mit. Von dem, ungarischen Panduren- und Bolschowikenregiment erlöst, hätte sie verdient, sich ihr Haus nach ihren Bedürfnissen einzurichten und von dem neuen Staat alle Förderung zu finden. Man hat gewiß das Turgenland nicht als Kolonie behandelt, aber man schickte ins Land Beamte, die zum Großteil eine Wesensart haben, die mit ba der Vurgenländer nur schwer harmoniert. Was in der Tschechc-slowakei an Beamten wegen seiner agrefsiv nationalistischer Einstellung nicht Unterkommen konnte, meldete sich ui Wien zum Dienstantritt, als ob es hier gar keine BeamtentzypertropHie gäbe. Und bald tauchten diese. Leute in allen' möglichen Stellen der staatlichen Verwaltung, bei den Bahnen» in der Gendarmerle und in der Finanzwache des Burgenlandes auf. Es sind unter ihnen gewiß sehr tüchtige Beamte, die nur den einen Fehler haben, sich zur Rasse der „Unartenlosen" zu zählen und darum schon vielfach Anstoß erregen Müssen. In dem Geist des deutschböhmischest Kleinkrieges aufgewachsen, mangelt ihnen die Fähigkeit, sich ln die Wesensart der'Burgenländer einzu fühlen, die Heanz'n, Heidebauertt, Kroaten, Magyaren und Juden, jahrhundertelang einträchtig miteinander gehaust haben. Ihr Deutschtum tragen sie um so ostentativer zur Schau, ihren Antisemitismus betonen sie um so geflissentlicher, als sie glauben, sich damit über die Bevölkerung. deren Wohl und Wehe ihnen setzt anvertraut ist, erheben und als die „rassisch" Besseren erscheinen zu können. Man hat im Burgenland vielfach das Gefühl, Laß es nicht die Auslest der österreichischen Beamtenschaft ist, die dahin entsendet wurde,-sondern daß mau!n der Zentralbureaukratie in Wien das Land als Strafkolonie für Beamte anstehr, die andetswö unmöglich geworden sind. Und das haben sich die Burgenländer von -Oesterreich wo.?, nicht verdient. Aus ähnlichem Holze geschnitzt scheinen die Leute zu ' sein, die jetzt in der österreichischen Industrie richtunggebend wirken. Es wäre den Versuch wert, einmal festzustellen, aus welchen studentischen Verbindungen die diversen Jndusiricfokretäre und leitenden Personen in diesem Staate überhaupt hervorgegangen sind, wobei nicht daran vergessen werden darf, daß sehr viele hohe Staatsbeamte von den Ministerien zur Industrie hinübergewcchselt haben. In der letzten Zeit sind in Wi-en und anderswo antisemitische Pamschlete in periodischer Folge .erschienen, die in Riesenlettern von allen Anschlagsäulen die rüdeste Judcnhetze predigen. Seit Jahr und Tag werden von den Selbstschutzverbänden, den Hakenkreuzlerorganisation Httlerschet Und Schulzöscher Richtung, alle wilden Instinkte gegen die Juden mobilisiert. Diese Agitation hat zuviel Methode, sie ist zu kostspielig, als daß sie etwa der Eingebung einiger an Puberiätskoürr leidenden jungen Leute oder den aus eittÄn ordentlichen Erwerb hervuk-gewörsenen Schreiberseelen enlsvrunge» wäre. Zu dieser Agitation gehört Geld, viel Geld, und man muß sich bei einer solchen Bewegung doch immer fragen, wem sie von Nutzen sein soll. Es ist gewiß begreiflich, daß die österreichische Industrie gegen den Austromarxismus eine Kampfstellung bezieht, upd daß sie der Sozialdemokratie in allen Stücken Abbruch tun will. Das rechtfertigt aber rwch nicht Mittel, die sich weniger an dem Gegner, als an gänzlich flnbetettigien üuswirken. Ein strikter Beweis konnte und kann nicht geführt werden, aber es sind nur zu deutliche Anzeichen dafür vorhanden, daß der Feldzug der Industrie gegen Besteuerung und Soziallasten mit Sturmtruppen geführt wird, die erklär termaßin nur auf den Juden drr-ssiert sind. Irgendeine Ordre de batäille muß doch bei der Industrie bestehen, und da. Wie lck Kriege, nicht die Heerführer, sondern die Stabschefs die Detailanordnungen treffen, so wird es wohl auch am, W1«E Ms»s«srttm»s 11. Aktuar 1SS7 Sh. 8888 Echwar-enbergplatz der Fall st in, daß die Sekretäre ihre HilfStruppen gegen die „rote Armee" zum Kampf gegen die Juden in Sold nehmen. Es ist eine Groteske, daß diese Jndustrlkffekretäre meist Raffenantistmiten schärfstes Odsernanz sind, während doch ein guter Teil der Industriellen stlbst aus gute« Juden besteht. Sie sollten wenigstens diesen Sekretären auf die Finger sehen. Der Kampf um die Zuteilung der Cteuerqucllen, um die Besteuerung der Industrie cder um das Wiener RathauS darf nicht auf dem Rücken der Juden ausgetragen werden. Ae Me am Injestr. SffiAiRitge rat Hit OfntM rmottit MD beraubt. — M -utsulear, ein «euer Molareren. Czernowitz, 9. Feüruar. Noch ss-rd die Untaten des LerckianiSMora re Sen ln allgemeiner Erinnevuny, der am Dn-jestr, k>sm Grenzfluß Machen Rumänien und Rußland, Fllück/llinige ans dem Sciw^'üstvat ßtmorta und berauben ließ (di,: Gerichte sprachen ihn aus Manytt an Bkwo'isen frei), wieder wird die Bevölkerung diurch einen citM'ichen» ebenso grauei.haften Fall in VkWrzuny venfstzt. Unter allgemeinem Auffchen wurde der Kommandant tat Jnformi</.imgäEÄnng des Lzernowitzör ArmrÄorpS, Jljü H u t s u l e a c, verhaftet. Hn'lsuleac, ffeinerzr-it Adjutant Lcs ukrainischen StSron* Prätendenten, ErzHerScg Willhe l m, übrigens später selbst Prätendent duff den ukvrimfchen Thron, hat, wie nun fc silst «hi. im Jachre 1923 an der B e r a u - bung einer Po'st-kut«sch« hei Cthotin teil" genommen, «toten mil'iiär'sche Bc-s/citunig (3 27tam) et m:f> feine Kasup-ligen niedermachten. Den Räubern fielen 5-^ Millionen Lei in die H8n^. Ein Kc-n.pl izs des Huti'uleac, mit Namen SchestobuS, wuiLe in Polen, festigenommen uir.S gcstand di,e Tat mit ihren €T'I itctt ein. AlS duffer ZH^stebuS über Anraten des rumänischen Konsuls nach Rumänien zurüMhrte, um sich den Dohorden, die ihm nach dem rumänischen G^etz c/s Angtiger -Straffre'HerEg^iwähren müssen, zu fallen, fiel er «seinem Komplicen H u t s u l e a c in die Hä'nto. HutsulUe emnovdo^e den Schestobuö und schnitt ihm den Kopf ab. Die rumän'ffck'sn Behörden waren karge Zeit Lem>i't)t, Bcimeisunaterial gigen Hn' isuleae zu erhalten und ließen ihn ständig herdachten. Nun ist er verHa-ftet worden, da ihm nach):wi'i>sün werden kann, daß er eine wartverAvL'iÄ'de Ooganiisation am Ufer tos Dnststr u.r.«tev hx<t, die Stusto ittbctcr und Flüchtlinge übet die Grenze Nach Rmnänien lockt« und sie Van» ermordete und loenubte. Ein,: große Zahl sickch-er Raulbmoiß« ist dem Hutsuleac bereits nach'>.iwiäsen; <4 tvivd vermutet, daß die Zahl jein-er L«ptfer noch viel großer ist. Zugicich, mit Hutisull-eac wurden mehrttw Informatoren des Czcrnowl^r Armoekorps verhaftet, d':>2 seiner Mord- und Nauborga.N'i!sation vr.g. hörten. Die Untcrsuchn-ng:ü'.ihörden sind eifrig b-tirüiöt, die graueMollen Vorgänge cm Dnscstr mrumchc völlig aufzuklären. Baaiol MÜHlste!» — palnlscher Cesandter ln Volk»? Warschau, 10. Fubrrmr. Das an-tifemitische Blatt ,/Naz:ta Warsü<wSka" bringit die Ml-tbeAung. daß-die pol-nische Rcgierur.g an Stelle des gegenirvantigen Ge« sandten in Belgien, Graf Schebeko, Äen jetzigen G> sawdtlsZaftSs'Skretär Ainaiol Mühlstein zum Ge« schö'ststräyer Polens-in Belgien ernannt habe. Das genannt Blatt ent üstet sich fcatilC>er, daß die Regierung einen Juden als Vierirct^r der polnischen Republik in .ein-.'m so ausgasprochen katholischen Lände, wie Belgien/ ernannt Hot. ' Der Warschauer. ,^äjnt" bemerkt zu 'dieser Milteilnng, daß die Au.ffrcgurg der ..Gazeta WarszawAßa" völlig unb:gr»iMet sti, da MWstern Putzers seiwr M'iiscken Mste'Nimung mit-idem Judentum- Nichts grmtzin habe. Ml 'iMsm ist noch aus semer Zeit als Beamter d's Außenministeriums in Warschau als ain cha uv-i n istischer Ass i m ila nt bekannt. Er hatte sernerzett w'gM seimS öffentlichen Unverantwortlichen Auftretens gegen d i e j ü d i s ch n a t i o n a l e n F o r d e r u n g e n und s-.iner Len Tc-iisachen widerffprechenden Schilderung der damaligen Lage der Juden in Polen die E «n t r ü st u n g der gesamten jüdischen öffentlichen Meinung Polens 'heworgerufen. Seinen Einstüsterungen und sainer Bceinflussur^-rst es-zum großen Teile zuzvischreLett, daß Henry Mo rg.en t ha u anläßl-ich s.'iner Studienreise in Pplen jenen unseligen, die wirklick« Lrge der Juden entstellenden Bericht verfaßt hct. M'vhlstein b:hau>p'iel': Morgenvhau g?genöi>brr, daß es den Jttdtzn in Polen schr gut sche, die Mittoilungen über die Lamriligen Ausschreiturgen und Verfügungen Mertricben oä»:r völlig aus <der Lust gegriffen seiest. MMW.Msche BMmNatt-a. MS Riga.süMibt uns ein Freund unseres Blattes, der Über die gegenwärtige Lage der Juden in Litauen genau informiert ist: „Wie alte nationalen Minderheiten, steht auch die jüdische unter deck schrveren Druck des fasetstischon Regimes in Litauen. Die Neue Negierung ist wohl klug genug, um keine greifbare Aktion gesetzgeberischer Natur gegen die Minoritäten -U Unternehmen, sondern begnügt sich zuttächst, den von ihr geschaffenen ANsnahmSzüständ gründlich gegen die nationalen Gruppen auszunützest. Während jedoch die anderen nationale» Minderheiten geschlossen zusammenstehün und aus ihren MitlderheitSrechteN beharren und keines dieser Rechte aufgeben, findet sich, wie in anderen Ländern, auch in Litauen, so sonderbar es klingen mag» eine, WMN auch an Zahl nicht große» aber vom jüdischen Minderheitsstandpunkr betrachtet gefährliche Gruppe von Inden, die das fascistische Regime offen begrüßt urw die Regierung wisst« ließ, daß die Juden aus ihre nationale Autonomie ick Interesse des Patrrtandes gerne verzichten. Der durcl-aus judensetndlichen Regierung ist diese SelbstentäUßetUNg eines Teiltder Juden natürlich sehr willkommen, utü> fie beruft sich bei ihrer Berfolgung jüdischer nationaler Institutionen und Organisationen aus die Zustimmung dieser asstmilatorisclM Elemente. Die Folge dieser würdelosen Haltung det Assickilauten ist auch in Litauen, wie überall, die üleiche: die fascistische Bureaukratie macht keine» Unterschied zwischen Juden und Juden, behandelt alle gleich schlecht, während die Regierung stets behauptet, daß die verfolgten, verurteilten und verschtcktM Jude» zu jener Gruppe gehören,, die sich mit dem heutigen Kurs nicht absiuden will und auch von den sogenannten „patriotischen Juden" verleugnet wird. Die Lage d:r Juden in Litauen'ist dank dieser Ässimilantenpolrtik eine dauernd gedrückte, und es ist vorläufig nicht abzusehen, w-elche schwerwiegenden Ereignisse noch eintreten können." Ae Snternteruna des Michael Fagodlls. Die... Ungar iscl-sn Behüroe» wenden beeanutlich schiedone -Mittel an, um politische Flüchtlinge wieder'in ' ihre- Gewalt, zu gekommen. In einzelnen Fällen, wurden solche Flüchtlinge aust ungarischen. PoLen gelnckt .otzer auch - mit .Gewalt dahin entführt. / Daneben wird auch eiste/ andere Methode gehandhabt. Tie ungarischen Gerichts-'- behörden stellen neuerdings AusiieferungsbegehreN Ulster Verschweigung des Umstandes, baß der Gesuchte wogest eines politischen Delikts unter Anklage gestellt, oder zur Verbüßung einer Strafe verhalten werden soll, uck> verlangen ldie Auslieferung auf Grund der Beschuldigung eines Verbrechens oder Vergkhens. So war es auch im Falle des Michael I a g o d i t s, der ist Wien ein Asyl gesmrden hatte. DaS Gericht in Steinamanger stellte cin Aus.i.'f.'rungsbcgchren wegen Verbrechens der D irb stah ls t eil n am o, und das Wiener Gericht lieferte den/JagoditS prompt aus. JagoditS nmrde daraufhin in Ungarn in eün Internierungslager gesteckt. Der für das österreichische Justiz.oesen veralltwörttich* großbeutscho Vizekanzler Doktor Ding Hofer redet sich nunmehr in einer gestern bekanntgegebrnen Ansragebeantwortung bamü aus, daß eben die ungarische Behörden die Auslieferung nur rvegen gemeiner Berbrechetr begehrt haben. Ätlcrdings erstrecke sich feinet Meinung nach die Pflicht Ungarns, den Ausgelieferten wegen strafbarer Handlung, derentwegen die Auslieferung nicht bewilligt wurde, nicht zu verfolgen, nicht nur aus die, Unterlassung einer gerichtlichen Verfolgung, sondern auch auf die Unterlassung der Verhängung von Be» schränkungen de« persönlichen Freiheit, durch andere Behörden. Cr hübe darum die österreichische Gesandtschaft in Budapest angewiesen, bei der ungarischen Regierung wegen der Internierung des JagoditS Einspruch zu erheben und deren Aushebung zu verlangen. Lr, Srllntt. der aboesSüte SchlMestder. Der svziatd.mü.rattsü)e ^arrd.S.)auptmat.Nj»el.dertret2r von Tirol Dr. Grüner hat sein Bundes ra Ls Mandat nieder gelegt. An feinst Stelle wird Landtags abgeordnetet Prantl in den Bundesrat etnzichtn. Doktor Grünet ivurde bekanntlich wegen des Umstandes heftig angegriffen, weil er als Proletarier ein Schloß angekaust und auch sonst sehr bourgeoise Allüren gezeigt hatte. Är wurde aus diesem Grutlde von den Sozialdemokraten gerüffelt und mußte sich verpflichten, seine Rarrdate ntederzulegen. Den Posten als LalckeZhauptMattttstettvertteter wird et noch ÜiS zU den Wahlen betbehalten, da die Sozialdemokraten sonst Gefahr lausen, die LandcShauptmannsicttverlreteEellv in Tirol Überhaupt zu verlieren.