Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2857 (10.2.1927)
- Date
- 1927-02-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2981945--29043-3017135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Geitc Wien, D«if»erAt«g 10. im nt. mi Mtes und neues Judentum im&utgentand eiseUwiefe «*»*« Ctie JitoeimsJ) Aaftcht von Mlttterrburg. ÄlS ich a»»ka»»», trug man die Todesopfer von Schattendvrf zu Grabe. Auch m Mattersbnrg formte sich ein Zug tut Trauernden. Bom hochge^zeuen Bahnhof durch Hügel-- igekände führt der Weg 'in eine Erdfalte. Sie birgt das Ghetto von Matter'sdorf, einem Marktflecken, der sich in naivem, sympathischem Lokalpatriotismus (aber mit poetischer Lizenz) den Namen Mattersbnrg beigelegt hat. Eine gestreckte Dorfftraße entlang, an einer hochgelegenen Kirche vorbei, zu der eine prachtvolle Freitreppe hinanführt, über den weiten Platz, dann ein hurtiges Bächlein mit» einer tüchtigen Holzbrücke, und ich bin bei dem Wahrzeichen der Gaß. den „Erew-Stomg:n", angelangt. Erster einprägsamer Eindruck des jüdischen Mattersburg: durch die Judenstadt zogen die Bauern und Bäuerinnen zum Leichenbegängnis nach Schattendorf. In ihrer besonderen Tracht, die Frauen Kerzen in den Händen. Und längs der Häuser stand die ganze Judenstadt Sparer. Ganz alte Leute, junge Menschen, kleine Kinder, alle Jahrgänge. In der äußeren Erscheinung, in den Bewegungen, die Spiegel des Temperaments sind — Mi Welten. Schärfster Gegensatz, unverändert aeblleben \m Wandel der Iahchmiderte. Jetzt ist die Judckstadt leer und zeigt mir ihr Antlitz. Beim Eingang, bevor man zur Schul kommt, rin bizarres, vorspringendes Häuschen; alles rviudschies, bucklig., Miniaturfenster, Miniaturturen mit krästigeu, verwitterten Eisenläden. Und von diesem alten, gebrechlichen Hans, das dasteht wie ein nach heiterenr Weingenuß torkelnder, während der schwerfälligen Bemühungen, vonvarts zu kommen, plötzlich zu Stein gewordener HKcis — von diesem Märcheichaus beim Ghetto-Eingang windet sich eine mächtige, bemooste Sterntreppe weit in die Gaß hinein. Der Anbau übertrifft das „Hauptgebäude" nur das Dreifache. Bon der dunklen Schul' an (der eine eiserne Standarte, die „Schulfahn'", aufgesetzt ist, damit das Haus Gottes die anderen Häuser überrage), Gewölbe an Gewölbe, ein reges Treiben von Handel, Handwerk, Getverbe. Der B ick in die a"ten, schnralen Häuser und Häuschen gibt Ausschluß über die Vergangenheit. Genauste, übereinander geschichtete Wohnun an, gedrängt wie die einzelnen Fächer am Regal des Kaufmannsladens, aber nicht so wohlgeordnet, sonderrr durcheinander gerüttelt und verschnitten, wie auf einem kubistischen Bilde. Es währt eine Weile, bis sich der Blick zurecht findet und Ordnung in das Chaos bringt. Namentlich das Haus Nr. 21 der .Hauptgasse, ein ganzes Konglomerat von Wänden, Nischen, Mohnungstüren, fr'i.iegenden und ge^ecklen Treppen, Bogengängen, Höfen, die zu Lichtschäch.en reduziert werden müßten, läßt sich nur schwer überblicken. Und ein Haus, es trägt die Nummer 23 und ist als „Hans" betrachtet, doch nur fingerhutgroß, zählte nicht weniger als achtundzwcmzig Hausanteile. - Leben in der Nußschale, eng geschartes, durcheinander- Dribbelndes, luft- und lichtloses, geliebtes von hohem Gedankenflug geadeltes Leben! Aber die Hauptstraße erschnnt doch königlich, wagt man sich in die armbreiten Seitengäßchen, aus winzigen, aneinandergeklebten, ineinander^.eßi:en Arme'eutön'.en zusammengesetzt, von Feuchtigkeit triefend, von Schmutz überkrustet, tief in die Erde gestampft. In den einzelnen'Gäßchen Haüseingang und Fenster stets nur auf einer Sekte. Gegenüber bloß die Rückenfront der „Zelte Jakobs". Sorge vor dem „bösen Blick" gestattet in dieser Enge kein vis a vis. Nach dem Rundgang, Zick-Zack-Gang, — bei dein die Erinnerung an das Mische Leben von einst immer wieder dur chbie peinvolle Mahnung unterbrochen wird: In „Rüfle Ziperls G:ßl" oder in „Chane Bachrrns Äeßl" wohnt, lebt, darbt inan auch heute noch, zeugt Kinder, sängt sie und wird siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt — nach diesem summarischen Betrachten wenden wir uns. unter trefflicher Führung den BZonderhüten der uralten berühmten Judengemeinde Mattersdorf zu (und belassen ihr den ererbten Narnm). Die altersgraue, würdige Synagoge, laut Inschrift im Jahre 1364 errichtet, trägt an der Seitenfront einen winzigen Anbau, das „SchnneZ-Häusl". Durch die freiliegende Oessmmg werden hier lose Blätter hrbräisch-c Druckschriften (die nicht prosaniert iverdei: dürfen) „bestattet". Sonst pflegt dieser . Aufbewahrungsraum im Innern der Gsbethan'er, etwa in der Borhalle, der .„Pöltschen" ihren Platz zu finden. Die Sorge, man lärmte aus dem frei irrenden S:he.neZ-H2nsl denn doch die Blätter entnehmen und prosanieren, besteht in der frommen treuen Gemeinde Mattersdorf nicht. Neben dem Haus des Rabbi beim Mühlbach liegt der Chewra- Platz, ein Stückchen Wiese, in dm traurigen Dimenstonm, den Gäßchen und Wohnungen entsprechend, aber groß genug, die Jugend von Mattersburg zu fröhlichem Tun zu vereinigen. Soweit sie nicht nebenan beim Rebbm viele, viele Stunden des Tages lernen. Hier sah ich sie an diesem vorfrühlingshaft ml den, sonnigen Februa tag mit reisigm.Ringtämpfe» beschäftigt und — man ist hier nicht fortschrittlich — das längst aus dem Kurs gekommene Titschkerl-Spiel unserer Bubrnjahre treiben. Ich freute mich, daß sie am Rasen balgten und die Wamung des ^liedchenS mißachtend, das da lautet: „Ehottle wechas, geh nit auf de Gaß, Dü kennst dich vakihle cholile..." *1 Siche «Wiener Myrgen^sitmla" vorn 3-, 4. und ft. FrSruar 1 <ßrr Mein Begleiter , führt mich zum Schammes, der Smnmes nahm die Schlüssel, g:Ng Mit zum „Zdoke-Gabbe" in die Buchüinderwrrkstätte, der Zdoke-Gabbe unterbricht seine Arbeit und wir besichtigen zu viert im Sitzungszimmer der Kultusgememde die kostbaren Schätze von Mattersdorf. Der Schutzbrief wird hrrvorg holt, den Esterhazy im Jahre 1800 den Mattcrsdorsern erteilte und der sich mtf einen älteren Schutzbrief aus dem Jahre 1694 beruft. Das historische Dokument, auf Pergamentblätter geschrieben, ist in rotes Saffiauleder gebunden und hat leider anläßlich einer Ueberfchtvemnmng Schaden genommm. Bunte, prächtige Thora- Vorhänge älteren ititb jüngeren Datums werden entfaltet. Darunter in herrlicher orientalischer Stickerei ein sehr altes „Kaporcth" von flüchtige»: Spaniolen der Mattersdorfer Schul geschenkt und, wie man mir stolz versichert^ wiederholt auf große»: Kunstausstellungen gezeigt. Unter dem reiche»: Silberzeug der Che.vra Kadischa befinde»» sich zwei mächtige Hunchen, tvie sie dern tüch^'M Landsknechtdurst eutspwchen haben möge»:. Jedes neue Mitglied der Cheivra Kadischa rnußte den bis zu»n Rand gefüllten Weinkrng leeren, um seine Widerstandsfähigkeit unb Kernigkeit zu erweisen, dem: er hatte ja gelegentlich auch Cholera-Leichen zu rvaschen, zu kleiden, zu beerdigen. An einem alten Thoravorhang von seltener Schönheit, der mit Kostenaufwand geflickt ur»3> wiederhergestellt wurde, an der Renovierung eines Silberfiligran stückes, a»: dessen Lederfutteral feine Bejahrtheit zu erkennen ist, ließ sich , leider seststcllen, daß MattcrSdvrs mit seinen Kunstschätzen nicht durchaus sachge,näß und kui:stverstä»:dig umgeht. * Ich bin wieder auf der Gaß, das Tagesgetriebe ist abgeklunger: u»»d das Interesse wer:det sich von den Steinen, Mauern und Devolionalien de»: Menscher: zu. Dieser hier, ein Man»: in mittleren Jahren, der jetzt einem Bauernjungen für zehn Groschen Pf.-fserm'« z lätzchen zuwiegt, vorhir: ein Faß rollte, dam: die Mohnrnühle drehte, ist ein Überaus kultivierter Geist, Privatgelehrter von ernster philosophischer Schulung, Folklorist, wenn er das Gewölbe gesperrt hat, Kenner der Vergangenheit seiner Heimat. Mit ihm darf ich jetzt eine Stunde der Erinnerungen und der kritischen Betrachtung der Gegenwart zubringei». Und mit einer Großmutter spreche ich/lebensvoll von der Vergangenheit erzählend, während sie rüstig vorgezeigte Kopftücher u»»d Barchentstücke wieder in Ordnung legt. Einen alten kräftigen Mann in »nächtige»: Stieseln durch die Gasse starnpfend — er war Chosen und »vird jetzt von der Gemeinde» erhalten — höre ich mit herzlicher Fröh'ichleit Anekdote-.: auskramssn. Die Schüler der Jeschiba sehe ich zum Be.en eilen. Ich selbst habe mir aus Büchern nurnch.'s Stück der Erinnerung an die Her.-angenh it g holt. -. - Und was ich aus Gehörtem, Gesehenem, Ge eseneiu, »ras ich im Abendspaziergang durch die Gaß, bein» gastliche», Beisammensein in einein Judenhans aus Gesprächen u:»d Berichten zusarnmengetragen habe, will ich in meinem nächsten Briese niederlegen, den ich Mattersdorfer Gestalten itttb Geschichten »vidmen möchte.. Irr Abgeordnete als Polizeispitzel. Sensationelle Wei^.mngen der Affäre Wojcwovzki. Wa/schau, 9. Februar. Das vom Sejmpräsidenten eingesetzte Schiedsgericht, welches die gegen den Sejmdeputierten Wojetvvdzli im „Glos Prawdh", de»n Organ des Münsterpräsideuten, erhobene Beschuldigung zu prüfen hat, ob Wojewodzki tatsächlich in der soger»auilten „politischen Defensive", dem militärischen Geheimdienst, Spitzeldienste gegen seine politischen Freunde geleistet habe, hat feine Verhandlungen noch nicht beendet; sie »vurden zur Einvernahme weiterer Zeugen auf Donnerstag vertagt. Jnz»»nschen bringt das rechtsstehende Blatt Recz- Ztonlitiadf Bgiirkiiektioii Währimf Sonntag, den 12 Februar 1927,findet um ' ,1 Uhr abends im Festsaale des WähHngef Rathauses (Vhl., Martinstr. 100 eine VERSAMMLUNG ' statt. Tagesordnung: Der Aufbau palSsklnas Redner t Oberrabbiner Dr* H. P. Chaje«, Dr. Nahum üoldinann (Berlin) Sonntag, den 13. Februar 1927, um Vjll Ur vormittags Im Irls-Kino (XVill., Wähnngerstr. 123) Vorführung des neuesten Pal&stlnafitms ..Klndsriand Palästina“ ._Ansprache Frau Dr. Nadja Stein.__ pofpolita" heute |en>a:ioneue .^ttc.i,.uu^u, aus denen hervorgchen »vürde, daß Wojewodzki im Kreise PilsudskiS eine große Rolle gespielt hat. Neben ihm hätten in der ziveiten Abteilung deS Generalstabes auch der Oberst Slawik gearbeitet, der vor einigen Tagen zum Chef des Kabinetts des Marschalls Piisüdski ernannt un:rde, ferner der jetzige Postininist'er M i e d z: n s k i, der Redakteiw des Blattes „Glos Prairdy" Spiczinski, dessen Blatt gegei: Wojeirwdzki die ersten Angriffe erhoben hat, schließlich zwei a»:dere hervorragende Persönlichkeiten des jetziger: Regimes »raMens Polakie wiez und Koszialkvwski. Die „Reezpospolita" sagt, daß Wojeroodzki vor dem Sejmmarschallgericht eine Reihe seiner früheren Mitarbeiter verraten Hab«, di« noch vor kurzen als seine Ankläger ausgetreten seien. Bleuer eine ecQelmotoonlfatton ottsgeDoben. Warjchan, 9. Februar. Im Gebiete von Wilna wurde, eine neue große Organisation aufgedeckt, die für Rußland arbeitete. Bisher wurde»: 25 Zivilpersonen und Beamte verhaftet. Ser polnisch-Sfterreichlsche Schtedsgerlchts« vertrag ratWerr. Warschau,/.). F e b r u a r. Der Sejm hat herrte »rach« »ilittagS in zweiter und dritter L ö s u n g der Rati-- sizierung des Vergleichs- und Schiedsgerichtstrages mit Oesterreich zugestimmt. Aus dem HSusche« geraten. Ein flammender Protest der nattoualseutfchen Jude« gegen daS deutsche „Pro.Palästina-Lkomltee". Berlin, 9. Februar. Eine von sühdenden Persönlichkeitei: der Vereinigung für das liberale Jude n t ü »n u»:d de? B e r b a n d e s n a t i o n a l d e ü t s ch e r Juden heute einberusene Bersa»»»mtung nahm gegen das von zionistischer Seite unter Beteiligung zah lreicher nichtjüd ischer Polit i k e r g e g r ün d: t e „P ro - Pal äst in a - K o m i t e e" ür einer EntschliHung Stellung, in der es u. a. heißt: Die von derltschfüh^iiden Juden verschiedener po.itifcher und re.igo--' ser Nich'.uug zufammengerufenen Dcutfchen «.heben stärksten Einspruch gegen die hemmungslose Agitation des Zionismus, die geeignet ist, wüte Kreise der deutschen Juden, insbesondere der leicht beeinflußbaren Juge»ü>, dem! deutschen Vaterlande zu entfremden und schwere 'Zerwürfnisse i»: viele Familien zu tragen. * Seit dem Protest der Rabbiner, »oelche Die Abhaltung des ersten Zionistemangresseö in München verhinderten und den Zionismus als staatSsei»:dlich bei der Negierung vernaderten, ist kein - beschäinenderes Dolnlnent verös'fentlicht worden als diese „Entschließung" der reichsdeut scheu Assimilanten. Es ist der traurige Versuch, die nichtjüdische We-lr gegen den Zionismus aufzupeitischen u-nd die Arbeit für den Palästina-Ausbau durch Terror zu beeinträchtigen. Die Kulturwelt wird diese wütige Donnniziaii'on entartorer Eigenbrötler nur belächeln. WIR HABEN, Jahres-Abonnenten erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Jahresbezugsgebühr nach Wahl: jPoaefifkiM STtanptua SÄMTLICHE WERKE, ln drei eleganten Prachtleinenbanden, Mehr als 2000 Felten, schönster, klarer Druck, holzfreie.» Papier, oder Weinrieft Oroefs GESCHICHTE DER Geschenkbande. 220Q oder IUDEN. Drei Seiten stark, vornehme VERB Halbjahres-Abonnenten |> erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Bezugsgebühr folgende Gratispramien nach Wahl: HXkeorfo» Kersl FEU LLETONS. Zwd geschmackvolle Geschenk bande. 700 Selten stark jfdoljf 0&öfkwn DIB ZIONISTISCHE BEWEGUNG Zwei Bande in einem hocheleganten Großoktavband. Qebd. ca. 400 Seiten Uferenann ftwudfc DAS OSTIÜDISCHE ANTLITZ. 52 Meisterzeichnungen Text von Arnold Zweig DAS SCHÖNSTE JÜDISCHE SAGENBUCH 400 Selten in modernem Leinenband. Sven yCedtn PALÄSTINA. Ein herrl.Lexikcpband m 300neuen Bildern aus Erez Israel In melsterhatter Reproduktion. Text v d. berühmten Forschungsreisenden. Das Jahresabonnement der ,Wiener Spesen « S 61.50, für alle übrigen .. . Monatsbezugspreises, zuzfiglich Portopesen von S 2.50 im Gegenwerte der betreffenden Landesvaluta. Die »Wiener Morgenzeitung* kann In Wien In jeder Tiaflk bezogen werden Morgenzeitung1* kostet für Oesterei ch S 60.— und 8 130 Porto- Linder das Zwölffache des am Kopfe des Blattes angegebenen