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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-09 · Heft 2856 (9.2.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2856 (9.2.1927)
Date
1927-02-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Dien, MLSvoch Wie«« MorsMzett«»- S. Februar 1W7 me 8 Cmrt,u ISN bf «- tWft T«U#, Wien - Mn'( d BetitU«**.) *, w. \i v, Mel hob sich sacht empor in die schvebende atmende Stille und nun erschrak , er. Im B-tt neben ihm lag eine fremde Frau... Da lag ein junges, w.ißes Gericht mit lächelnd offnem Munde in einer Woge goldnen Haares. Aus dem Linnen- Kssen attnete diese Meile unbekannten goldnen Meeres, nach BlÜien duftend, um dieses nie gesehene Gesicht. DaS Kind bückt« sich, den ersten Herzschlag des Mannes spürend, über dieses unbekannte Antlitz. Aber — es war die Mutter. — Sie hatte dm schwarzen Scheitel abgelegt und lag in ihren: gewachsenen blonden Haar im Schlaf eines Menschen, der geliebt wird, in einem lächelnden Schlaf, einen: süßen Schlaf, der Trunk ist ans dem Jungbrunnen, Trunk aus Gottes zärtlicher Hand. Zun: erstenmal sah der Knabe das verbotene Haar der Mutter. Er sah, daß auch die Mut'.er eine Frau ist, daß auch die Mutter schön ist wie ein Mädchen und Haar hat wie die Mütter der fremden Kinder, schöneres als er je bei an» deren gesehen. Sein Herz schlug lauter und schneller vom künftigen Manne. Das goldene Flämmcheu verklärte die verwan. bette Schläferin. Und das Kir.d schlief ein, hingesunken in die Welle Haar, im verbotenen heimlichen Duft und Wunder der Mutter. Danach fällt wieder Dunkel über das Leben. Vieles muß vorgegangen fein, doch die nächste Erinnerung, die an jene Nacht schließt, liegt Ja^'re Weiler hinauf, und es ist ei r st .-ah en.der Tag im Sommer. Die Schu.e war aus, u.d Mcl Ad^er, müde von fünf Stunden ihm sinnlos dünkenhen Msmerlens und Lernens, schlich durch das Tor des großen, grauen Hauses. Kinder in stinkenden Mengen um ihn, alle den Geruch des elterlichen Berufes und Hausens in den Kleidern: Slall, Mohol, Feld, Lumpen, L.'der, Hering", Kühe; sechs Menschen in einer Stube; «viger Krmittopf in der Küche, Kaninchen untern: Herd, Ung-zieser in den Belten. Aus diesen Haufen tönte dem Knaben der gewohnte Schimpf nach: „Jhig! Mauschel! Stinksude! Mörder des Herrn Jesus!" Der kleine Jude, in unendlicher Vereinsamung — die anderen Jr^enschüler drück.en sich, versteckten sich, bis die Feinde fort waren, erkauften sich mit Bonbons, Slahlfedern, Knöpfen, Murmeln, Butterbrot Frieden und Fr.undfchaf: — furchtbar allein ging der kleine Jude feinen Weg. Mit kaum bervegten Lippen betete er feine ersten hebräischen Gebete: „Boruch Ato Adanoj .. und lauschte in sich hinein auf diese Stimme der Urahnen, hüllte sich in sie, feite sein Ohr öcjttt dm Schimpf der Knaben. Man wagte sich nicht an ihn heran. Aus. gesicherten Verstecken kam der Nuf: „Jtzig! Mau sch l!" Denn ein mal, als der feige Schinrpfer dicht hinter ihn: rrar, hatte Abel Adler sich umgewandt, ihn ergriffen, den Größeren. Stärkeren, geschüttelt, niedergeworsen, getre c.t, heulend mit gefletschten Zähnen, ein erwachtes Tier, keuchmd wie daganze Geschlecht seiner Ahnen, eick.'ich, endlich sich ennannend und dm Feind zermalmend. Alle hatten sich auf ihn gestürzt. Hundert blonde Drstien Lberwältigt-m dm sch.vaz::: Menschen, das. erlesenere Wesen, rissen ihm die Kl.i'.cr vom Leib. Dir Lehrer standen an der, Fenstern und lach'.en. Ein einziger stürzte hinunter, ein schmaler, blasser, junger Mensch, riß die Tiere an den Haaren fort, erreichte das ni^ergetrttene Kind, hob es auf. „Herr Lehrer," stanrmelte der K.cabe, blutend aus den dm Ohren, die Haut geschunden, dm Oberkörper nackt und blau getretm, „ich habe sie ja gereizt." Severin Gnrassa trug ihn durch die Borstadt nach der Tosterstraße. Wmn ihn Leute anhreltm u:rd fragten, sagte er: „Eure Kinder!" Mirjam Adler rupfte ein Huhn auf der Altane. Sie blieb ruhig mck> still, nahm das bewußtlos gewordene Kind an die Brust, und in ihren: stcinernen Gesicht laS Gnrassa Vergangenheit und Zukunft deS jüdischen Volkes. Ihr Blick — unaussprechliche Liebe — sagte: „Nur hier, an diesen: Herz«:, Frieden für dich, mein Leben, mein Kind. Ueherall fdnst Jagd auf dich, Steinwurf, Haß, Schimpf, Bevgttvaltigung. Verlaß mich nie." Ger'on M»ler, w:iß w'e Schnee, war stumm. Er holle Tokaier für der: Lehrer, f brr der flößte ihn dem Kirche ein und errötete, als Miriam fnne Hand nahm unfc küßte. Er schüttelte dm Kopf. „Auch ich bin schuldig, Frau Adler." Am nächsten Tage fhmb am Schulfchuß Gerson vorder Schule. Als die Knaben hlnauOrömlen, die Mädchen hinter ihnen, die gestern kicherrrd oder fiebernd «regt daS Schauspiel mitgenvssm hatten, schtvang er die Fäuste über den blonden Mips«: und schrie: „Die K.wchen im Leibe zerbrechm werd' ich Euch, .Verfluchte, wmn Ihr meinm Sohti berührt! Gott straf' Euch für Eure Sünd:! GraS soll wachsen vor der Tür der Leute, die solche Kirrder setzen in dir Welt!" Severin Gurassa leg'e dm Arm um ihn und» führte ihn fort. Jetzt johltm die Kinder hinter ihm h:r und hmttm die Worte, die Schimpf und Schande sein solltm. Aber der Rabbiner Levysvhn sagte abends in der Religionsstunde : „Jude ist ein Ehvmtitel. Rust es Euch einer nach, Kinder, dann hebt den Kopf höher und seid eingedenk: Wir -flnb GotteS aus^rwählteS Volk. Er stellt uns auf die Probe; wir müssm sie nur bestehen. Laßt sie schimpfe::! Wer im Unrecht sitzt, verliert seine Würde. Und wenn sie Euch inS Gesicht spcim: lächelt sie an und sagt: das schadet mir nicht, du erniedrigst bloß dich! Und gehen sie mit dem Knüppel loS» sch'agt nicht zurück: versucht zu lieben. Wer lieben kann, ist der Slärkere. Glaubt mir, meine gutm Kinder. Tut so, auch wmn Ihr noch nicht versteht. Ich >neiß cs. Ihr werdet gehaßt, weil Ihr besser seid. Aber nun zeigt auch, da ß Ihr es stid. Be!v:ist Eure Ucberlozenheit. Liebe ist stärker als Haß, und Liebe macht schön und edel. Habt Geduld, meine lieben Kinder, Gr uld und Nachsicht und Güte. Auch für die Feinde. So tritt es Gott." Alle liebten den Rabbi Awrohom. An dm großer» Festragen ging Abel, der noch nicht zu den Männern durfte, mit der Mutter in Schul, auf den kleinen Balkon, rvo die Frauen in schrarzer Seide, mit schweren, altm Goldketten saßen, in ihrm strengen Scheiteln, alle mit sanftm, zärtlichen Apgm. Da saß. er, in Mir.'ams kühles Kl id gedrückt, ihren mütterlich wa.men Duft trinkeird wie einst als Kind ihre Milch. Und aus der Tiefe herauf schölle:: dumpf, mystisch, beglückend die Li! m.eien der Väter, der Gesang des Kantors» die schöne, weiche Stimme des Rabbi Atvrohorn. Die Schofa: Hörner b.ie'en, daß noch sein Gebein in wunderbarem Schauern ecbcbtc. Und sein inneres Auge sah Bilder, die er nicht verstand. Er ahnte Reinheit, Askese, Gütt.ichkeit der uralten Lehre, ahnte alle Entsagung, Beherrschung, Ergebung, die er auf sich nehmen mußte, uni Jude zu sein, zugehörig Gottes liebstem Volke. Doch nun war da jener strahlende Tag im Sommer ueunzehnhundertsieben, und Mel verließ die Schu'e. Sie schimpften, nicht lange hinter ihm her, hent, denn alles, tras Kind war in der Stadt, war in hoher Erregung. Zigeuner lagerten draußen auf der Wiese neben der G.'eiwi, er Chaussee. Seit zwei Tagen gingen die bunten Weiber von Hans zu Haus, weissagten, boten Salben und Tränke an, Spitzen, Slickcreien. Männer zogen mit Schloi-rad durch die Straßen, 'aßen Töpfe f ick.md auf Hausfchw.l'en, ließen junge Pfer'.e auf. dem Roßmarkt vor zögernden Käufern laufen. Kinder in wten Fetzen, seltsam schön, mit langem Haar, bettelten, tanzten, schlugen Purzelbäume. Nnd alle E'tern schärfteil den . Knaben und Mädchen ein, sich in acht zn nehmen, sich nicht dersch'eppen zu lassen, sich nicht dem Lager der Zigeuner zu nähern. * (Fortsetzung folgt.) *25ie!" Der Aufruf eines Cuza-Blattes. In Ploesti in Rumänien erscheint seit dem 24. Jänner ein Cuza-Blakt namens „Carpatii". DaS Blatt ist mit dem Hakenkreuz und der Devise „in hoc signo vinees" (in diesem Zeichen wirft du siegen!) geschmückt. In d:r ersten Nummer finden wir den folgenden Aufruf: „Die Juden haben im ganzen Reiche die Offensive ausgenommen. mit der Absicht. aÜeS. was gut ist, zu vernichten und drn Staal zugrundezurich!en. Die Regierung schwelgt hiezu. Auch die Rumänen schwelgen und da- Resultat wird unsere Vernichtung sein, wenn wir weiter fortsetzen werden, mit der roten Bestie zivilisiert zu werden. TSrel- Unsere nationale Würde befiehlt uns herrisch, sofort tödlich dreinzufchlagen gegen jedes Individuum, welcheunser Volk, unseren Etaat zerstören will. Töte ohne Furcht! Niemand hat daS Recht, unseren Arm aufzukalten, wenn die Existenz des rumänischen Bottes am Spiele ist. Ehre dem, der den venäler oder Feind seine- Landetötet Einmal muß endlich die Eckende aufbören. daß wir blödsinnig und sprachlos dachen. Wer fühlt sich nicht Mann genug Rumäne zn fein! Ich wiederhole: Den. Feind des Landes zu »ö'en ist kein Verbrechen. ES ist die grüßte Ehre eine- Rumänen. TSt, also! Die Sklaven weluen, Helden aber töten." 6ln Slttnofcrt (fit gohaan Sremevetzky. Am Dienstag, den 1. Februar, fand im Hotel Cm« trncntal aus Anlaß deS 25jährigen Jubiläums des Keren Kajcmech ein Bankett zu Ehren Johann »remen e tz k y s, des ersten Organisators und Direktors dieses Fonds, statt. Der Einladung waren zirka 170 Personen gefolgt. Erschienen waren das Zionistische Landeskomitee, das Präsidium des Keren Hajesiod und Keren Kajem^h, Vertreter der verschiedenen Sektionen und Organisationen, sowie eine große Anzahl von Freunden und einstigen Mitarbeitern Johann KremenctzkyS. Das Bankett leitete der Präsident des Zionistischen Landeskornitees, Herr Dr. Leo G o l d h a m m e r. Der Präsident deS Direktoriums des Keren Kajemerh, Herr Nssischk i n, hatte telegraphiert: „Unseren aufrichtigen Wunsch dem Begründer und ersten Direktor unseres Fonds Kromenetzky. Möge ihm die Verwirklichung der Befreiung des Landes bald in unseren Tagen befchieden sein." Herr Obcrrabbiner Dr. ChajeS hob die Be« deutung der Mitarbeiter Herzls und speziell die großen Verdienste des JublLarS hervor. Namens der alten Freunde und Mitarbeiter Jchann Kromenetzkys sprach Herr Med.«Rat Dr. M. T. Schn lerer, namens der Frauen Frau Berta Berger und namens der zionistischen Jugend Herr Willi Schorr. Herr KreMenetzky dankte in seiner einfachen, sachlichen Art allen Rednern. Mit Rührung gedachtt er der ersten schweren Zeit der Schaffung unseres Bodens fonds. Er erklärte, nicht mehr als seine Pflicht getan zu haben; da nun die Versammelten sowie die gesamte zionistische Bewegung das von ihm begonnen« Werk so erfolgreich fortgesetzt haben, fei die Rechnung beglichen. An die Reden schloß sich dann ein künstlerischer Teil. Herr Professor W o l f s o h « spielte seine hebräische Suite. Fräulein Grete Bach und Fra« . Mirjam Schnabel-Höflich lasen aus der Bibel und Herr Oberkantor Gerfon MarguLieS trug hebräisch-jüdische Lieder vor. Mordversuch an einem RateahSadler in Sraz. Sellitstmord »es Täters. Aus Graz wird gemeldet: Der ehemalige Gasthaus-- pächLer Johann Rabl erschien abends im Geschäft des Ratenhäudlers Hans Bobik, dem ge-enüber er auS einem Pro,',eß Forderungen zu stellen hatte. 'Jivifchen beide» kam es zu einem Wortwechsel, der tätlichen Charakter annahnc. Rabl fcuerte aus einem Revolrer mehrere Schüsse ab, wodurch Bobik im Gesicht schwer, dessen Mutter, die Majorswittve 'Else BoLik, leicht verletzt wurden. Die glcrch'alls anwesende Schwe st er Bob iks rettete sich durch einen Sprung auS dem Fenster der im Parterre g.'legenen Wohnung. Rabl ei!te» nachdem er fünf Schüsse abgefeuert hatte, davon und erschoß sich in einem Hause in der nächsten Gasse. MafrehuMrise Mnver. Dü: „BlutSbrüoerschaft" abenteuerlustiger Bursche». Aus Berlin wird gemeldet: Die Kriminalpolizei hch eine dreiköpfigeBandelSjährigerRäuber festgenommen, die sich am Lehrter Bahnhof hwumtrieb. Die drei jungen Burschen waren aus Augsburg nach Berlin gekommen, nachdem sie, wie sie saiten, Blutsbrüder schaft geschlo'sm hatten. Zur Bestäimng hatten ste auf einem Stück Karton, den sie mit sich führten, geschrieben: ..Wir wollen uns auf zwei Jahre zu einer Bluts« brüderschast zusammenstlli:ßcn." Untersch-ieben haben sie sich mit einigen Tropfen ihres Blutes. Nach ihrer Ankimft in B:rlin kauften sie sich Revolver, Dolche, einen Ru cksack und schwarze Masken. Sie hofften, in Berlin Beute zu machen und daun auf eine:« Schiff in das Ausland zu kommen. Die Volizei machte jedoch dem Abenteuer ein rasches Ende und schickt«! die Burschen unter polizeilicher Bereitung nach. Augsburg zurück. Sie MSchrnhanvelrvehSrve von Mlokol« vor Gericht. Duidapsst, 8. F üruar. Nor dom MiÄkolozer Strafd. gsrrcht bc^-ann deute die Hark^tverlhandlunig in dem Senilationdprogeß gegen die Mädcherchändler von MiSkolez. AngcEleyt sind der seines Am>teS enthckbene Leite« der skaatlicken AtbeitSvvrmIttlungkistelle in MiSkolcz, Dr. Frany Dzikszay. der Bcamte des JrMuts. Melchior Weißberger. die BGtzerin eines Sffentlichen HaEs in Mnzocsa-t sowie drei Agenten, die dcm Szisisüay Schlepperdienste geleistet haben. Sämtlick'e Awg.-Äogte werden deS Mädchenhandels. Dz'iH'ay außerdem des Mißbrauches der Amtsgewalt bcschuvd'igt. Da verschieideme wichtig? Zeugen bet Vorladung nicht Folg? geleistet hoben n.n'd von den verkuppelten Mädchen^ die als Kronze »ginnen g-ogen das Misboleger staatliche AcheitSvenmittlungSamt auftreten sollten, kein einzigrs risckienen war, mußte dve Verhandlung auf Anfang März vertagt werden. 6fn mne« He lversohrra gegen die ZaSurat! AnS Budapest wird g»7»meSdet: Me der „Mi Kurir" auS N o v i s a d (N-e.r«fatz) eoführt, fft eS dem Chefarzt deS dortigen Gpidcmie-Hnsftitutr, Prozessor Dr. Ad^!,f H r m p f, gelungen, ein n e u e S H e t l ° verfahren gegen die Tollwut du f kcheg.

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