Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2856 (9.2.1927)
- Date
- 1927-02-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2856 Wien, MtSwoch Wiener Mergengriinns CHINA-WIIH MIT Blfill RewXHRTEfTl$ KRXFflGUNCSHITm FÜR SCHWaCHIICH6o.REKONVAIE12BNT« Tagesbericht. eine Botschaft Wedawood«. Au die Wleuer Juöcn)/M. Colonel Wedgwood, der, wie berichtet, Montag früh nah Frankfurt a. M. aögereist ist, rietet im W:5e der „Wiener M^rgenzeiütttf}" die folgende AbschiedSbotschaft on die Wiener Wische Bevölkerung: „An memo jüdischen Freunde in Wien! Bevor ich Eure gastfreundliche Sladt verlasse, habe ich das Bedürfnis, den Führern der hiesigen zionistischen Organisation und allen Zionisten für den mir zuteil gewordenen herzlichen Empfang und für ihre Gastfreundschaft aus vollein Herzen zu danken. Während meines dreitägigen 'Ausenthaltes rn Wien habe ich Gelegenheit gehabt. Eure Arbeit zu beobachten und die Macht des jüdischen Gedankens in der Wiener Judenschaft festzustellen. In einer Reihe von Veranstaltungen bin ich mit Vertretern der Presse und der verschiedensten Kreise der hiesigen jüdischen Gesellschaft zusammengekommen. Ich konnte mit Besriedi^ung wahrnehmen, daß hier ein warmes Interesse für die Bestrebungen der zionistischen Organisation vorhanden ist. Die gegenwärtige 'Lage in Palästina erheischt die Mitarbeit und Förderung dn -ch alle Juden. In Palästina bauen di« jüdischer Pioniere E u r e H e i m st ä t t e. Pflicht aller Juden ist es daher, 'dieses Werk mit voller Kraft zu Unterstufen. Ich", wo Palästina eine Tatsache im jüdischen Leben geworden ist, gibt es keinen Grund und gar keine Ausrede mehr, dem Palästina-Ausbau die volle materielle Un t e r st ü tz u n g zu versa.en. Meine zionistischen Freunde führen jetzt in Eurer Stadt' die Merb.'arbeit für den Pa a' i a Ausbau onds (Keren Hajessod) durch. Ich appelliere an alle Juden, obl reich, ob arm, ihrer Pflicht dem Palästina-Aufbau gegenüber zur Gänze uachzukon'men. Zeichnet für den Palästina-Aufbaufonds, um das Werk der Errichtung Eurer Heimstätte in Palästina zu sichern. - Die zionistische Bewegung ist stark genug, um das Gelingen di.'fes großen historischen Aufbauwerkes sichern zu können. Die ganze Kul'urwelt benmndert die Leistungen Eurer Pioniere, die in Palästina nicht nur einen neuen Menschentypus, so'.'dern auch neue Siedlungsformen schassen. Um die Leistung dieser Menschen könnte Euch so manches Volk beneiden. Ich hasse dahw, daß meine jüdischen Freunde in Wien, dieser heroischen Leistungen eingedenk, alles tun werden, um dem Palästina-Ausbau ihre materielle Unterstützung zuteil werden zu lassen. Zeichnet für den Paläßina-Ausbaufonds (Keren Hajessod) und Ihr werdet damit für die Zukunft Eures Volkes imb Eurer Heimstätte sowie auch für die Menschheit überhaupt etwas getan haken." gez. Eol. Josiah C. Wedgwood. Metrovolis. ‘ Elue FllWrMere ui Me«. Hätte mau iau/£ gehupt, fiay das ioud) zu diesem Fiün von Thea von Harbou angesertigt wurde, so hätte man au die selige Frau Marlitt gedacht. Die sozialen Gegensätze, durch die Liebe über.mindsn, das ist ein Licblingsthema der thüringischen Erzählerin gewesen. Sie ist ihm auch mit mehr Geschmack rmchgegangen als Frau Harbou, die eine von Sentimentalität und Rührseligkeit starrende, in der Fabel unendlich einfache und harmlose Geschiichte liefert. Es geht taut und lärmend zu, aber die Liebe, sie höret nirnmer auf und sie fügt am Schlüsse alles . gut und harmonisch zusammen. Es nnrd geküßt und haudgedrückt. Urchristentum ist da mit Kaiakombcn, Skcletteu, a.fragenden Kr ziix.n, ums. ei tvon WachSkerzcrc. Eine Maria spricht Worte des Fried ns und der Versöhnung zu den aügerackertcn Fronknech'.en dcx Maschine. Leitartikel der „Roieu Fahne" neben Sittenfprüchen der „Neuert Freien Presse"; ein Chemiker erzeugt eine Maschinenmenschin, die danrr als Pssudomaria Kvmnrunisteuredeit von sich gibt. Und zu allem eine Musik, die die Ereignisse synchronistisch untermalt, bald Orawrium, bald Jazz-Band; das Stampfen der SchiffSma-* schinerr aus dem „Potemkin" begrüßten wir als guten Bekannten, das Saxophon quäckt und dazwischen schrillen von Zeit zu Zcit, grell, ausreiKend, sortreißcnd, die Eingartgötakte der Jitternationale. Und am Schluffe, nachdem dem Zuschauer die Nerven versagen, das Filmbild sogar akustisch die Denkfähigkeit zerschlägt — am Schlüsse kommt die gute brave Marlitt. Es »oird versöhnt und geküßt. Wer Bilder gibt's in diesem Film Volt einer erschütn-rndeu Ärast. Es ist schade um das fast ans Unglaubtiche grenzende Aufgebot technischer Pharrtasie. Dir Kontraste der Gesellschast: Liebe und Haß, Vater und Sohn, Kapital und Arbeit, so alt rvie die Menschheit und wahrscheinlich unlösbar, hüben hier, rvie selten, die Eirchildungskraft und Schaffenssreude des Ingenieurs beflügelt. Wo die Phantastik sich ausleüt, schweigt die Logik. Die Errt- Ser Siegelring. Von Jahoasch. Der vor kurzem veristorbene jüdische Dichter I ehoa sch z>u-essen Gedenken der Wiener jiddische KulturkreiS heute eine Feier veranstalte^ fchritL neben seinen lyrischen Dichtungen auch zahlreiche Skiggen, die sich eurch feine Ziselierung auS« zeichnen. Wibeeöffenttichen hier ebne Probe seiner feinen nachdenklichen Kunst: MS König Salomo mit dem Bau des Heiligtumes urvd der herrlichen Paläste slür sich und ferne junge Gemahlin, die Tochter Pharaos, fertig war und seine Heruschery'walt sich arff ufcUß Länder erstreckte, da v.«rsammelte er alle Großen mrÄ Weisen der zwölf jüdischen Stämme sowie die Weisen) Zau>berer und Stemdeuter aller Länder, die unter seiner Boffchaift standen, und sprach zu öhnen: ,-Gott hat mich Mit mehr Pdacht und Klugheit gcqcMDt als alle anderen Könige der Erde. Meine Schiffe bringen mir Goßd aus Lh'ih'rr und teure Edelste me aus dom Lande Ho'du, und was mein Herz sich wünscht, wird sofort cirffüllt. Meine Gcwatt erstreckt sich über alle Tiere und Vögel; alle Geister und Dämonen der Oder- und Unterwelt harren meiner Befehle. Ich halbe meine Paläste auf dem Libanon und im Tale und Städte mit R'.'»itern und Fußtruppen ahne Zahl. Doch weit verstreut ist dieser Besitz aus großer Fläche und ich kann ihn nicht mit einem Blick umfassen. Darum mochte ich mir einen Siegelring ansprligen lassen, auf dem eine Gestalt oder ein Zeichen eingraviert ist, die M'.'ine Macht sinnfällig darstellt. So Hede ich euch denn hicherberufen, damit ihr mir ratet: Welche Gestalt oder welches Zeichen meiner Macht soll meinen Si gelring schmücken, aus daß sich mein Herz meines Besitzes erfreue?" Als erster nahm einer der Weisen vom Lande Ho'du das Wort und sprach: ,^Herr und König! Du bist stark, klug und mächtig und du wi'.st ein hph- «s Alter erreichen. Ist Locher nicht der El-cifturt das riäftige Tier- Symbol für deinen Siegelring? Er ist stark, klug und lebt am längsten von allen Tieren des Waldes." Der König aber sprach: „Du bist klug und dein Rat ist weise, aber in vie-l Beratung ist Weisheit. Wir wollen Horen, was di-r anderen raten." Da stand ein Zauberer auf und sprach: „Die Schlange ist das weisest« Tier auf dom Erdenrund. Sie rollt sich in einen Kreis zuisamruen, der Eern Ende hat, gleich dem Leben und dom Tode. Ihr Verstand ist eine innare Quelle, von der kein Tropfen durch einen Laut verloren g7ht. Mo in Rat geht dahin, daß du dir V eine Schlang,? aus dem Ring eingravrerst." Es sprachen noch viele und ein jeder riet, was ihm am besten schien. Endlich kam ein alter Schisser aus : Sidon an die Reihe. Er v 'rneiigte sich vor dem König und sprach: . ,-Groß ist das Meer, das sich immer erneuert. Seiner Gewässer Ausstrahlung ist der der Sonne gleich. Oben herrscht Unruhe, Donner und Getöse, unten aber ist Ruhe um- Frieden. Es nährt Millionen Wt>n und dermoch genügt ein Augenblick seines Zornes, um ein Schiff mit Menschenleben zu zerschellen." Der König hörte allen Worten zu, sein Gemüt war ties bcwegt. seine Seele weitrhe .si.Zwie ein Segel im wimung tu ticm Füm ijt sprunghaft, das Wichtigste unerklärlich. Wer die Darstellung braust mit atemloser Energie daher, sie setzt nicht einen Augenblick aus. Unter Sirenengeheul vollzieht sich der Schichtwechsel in der Mammutfabrik, die tausend Zerbrochenen kommen in Zwölferreihen, Mann an Mann, Kopf hinter Kopf, aus dem Gittertor; nebenan ziehen die tausend noch Frischen, in Zwölferreihen, Mann an Mann, Kopf, hinter Kops, in das Gittertor, steigen die Stiegen hinauf, bis sie im Hintergrund versch'.r/indsn. Auf Schä.t.aftln b.itzerr die Lichter auf, Kolbenstangen und Zylinder von Haushöhe drehen sich, - Taylormcnschen stehen da, machen immerfort, zehn Stunden lmrg, nur einen Griff, eine Bewegung. Induktoren, Kabel, Schrvungräder, Gestänge wirren durcheinander. Mathematische Formeln leuchten hinter Glastäfeln; ein Mensch liegt in einem gläsernen Sarg, Kopf und Füße durch Spiralen mit der Gliederpuppe verbunden; in Gläsern steigen Dämpfe und Flüssigkeiten auf, der Chemiker zieht an Strängen und Hebeln, und die Puppe hat auf einmal ein pochendes Herz in der Brust, steht' auf und geht urrd hat die Gestalt der in tiefer Ohnmacht Liegenden angenommen. An der Herzmaschine saust eine stählerne Scheibe, d«r Zeiger wird durch verbrecherische Hand auf 12 gestellt, Butze entladen sich, alles breiutt, stürzt, Züge rasen ineinander, die Hochbahn splittert aus Wolkenkratzerhöhe auf dm Erdboden, Staubecken platzen, das Wasser kommt, rauscht in kalten, turmhohen Kaskaden durch die Häuser der Armen,, treibt die Kinder vor sich her, Lärmgongs schlagen, Dampf urrd Feuer zischt imb verbrennt restlos die Ausnahmsfähigkcit des Gehirns in einer Orgie der Katastrophen. Urrd die Fabel: Fred er, der verwöhnte, verzärtelte Sohn des großen Joh Fredersen, des H»rrn von Metwpolis, hat sich in Maria perliebt urrd bekcmrmt iu der Liebe, soziale Gewissensbisse. Er lehnt sich gegen den Vater auf, verschroindet als Arbeiter in der Schicht, diewell sein abgelöster Bormarrn in der Freudenstadt Joshiwara unterlaucht. In den Katakornbei: findet Freder seine Maria, die den Arme» Trost und Mut gibt. Sie 9. Fev«mr im mu 8 Liwenfranzbrannlweln Schutzmarke. mit Menthol Das gute Einreibe-Hausmittel Ist die erste Hilfe im Hause! Darf in keinem Haushalte fehlen! Ueberall erhältlich. OOCXXXXX)OOOODOCOOOOOOOCXX«OOOOOOOOOOOOt Morgenwinds urvd er lächelte b:m nächsten zu, rhn so zur Rrbe auffordernid. Da trat em stiller Eirvsiedler aus drm Kreirsc und stand dem König gegenüber. Er blickte itzm fast ins Auge und sprach: „Was ist passenider fÜL des Königs Siegelring als dos Bilid e-rnes Wurmes!?" Ein Gemurmel d.'s Unwillens erheb sich und die königliche Le'.<ügarbe drang mit ihren Larven auf den Redner ein. Doch Salamo gcbot ihnen, sich zurückßuzichen, unid der Einsiedler konnbr wertevsprechen: „Schön ist dein purpurner Mantel, wie gereffte Reben im Sonnenlicht, und außer dir darf niemand solchen Man-tcl trcgen. Schön sirb die gehauenen Märmorquadern deines Palastes. Doch, wenn du aus deinem goldenen Throne im Marmonpalast, in deinen Purpüt'- mantrl gihüllt, sitzestwo ist das Würmchen „CHÄazon" (Purpurtz'chr.ccke), mit dessen Blut dein Purpurmantel gefärbt wurde? Und wo ist das Würmchen „Schamir", mit dem die festen Stein»2 gffchnitten wurden?" Da entließ König Salomo die Versammelten. Den Siegelring aber ließ er nicht anferl'lgen. (Aus dem Jrddi'schen übertragen von Salv P e r l st e i n.) gehoasch' MbelSbersetzuug vollendet. Aus Newyork wird uns berichtet: Die Witive deS verstorbenen jüdischen Schriftstellers Jehoafch erklärt in ihrer Danksagung für die viclen Sympathie- und Beileidskundgcbungen anläß'.i.h des Ablebens ihre- Mannes, daß das in verschiedenen Nachrusarlikeln ausgedrückte Bedauern, daß Jehoasch seine Arbeit der Uebersetzung der gesamten Bibel' nicht fertiggebracht habe, unbegründet sei. Richt nur sämtliche Bücher der Bibel wurden von Jehoasch übersetzt, sondern auch die Kommentare und Anmerkungen zu seiner. Uebersetzung waren. schon fertiggestellt, bevor die Bibelübersetzung im Netvyorkcr „Tog" zu erscheinen begonnen hat. Nunmehr werde das ganze große. Werk in Buchform auch erscheinen. Shurchw« PalMoabesuch verschöbe«. Jerusalem, 7. Februar. Wie der ,Haaretz" berichtet, mußte, der englische Schatzminister Churchill infolge der unsicheren' Lage in China vorläufig auf seinen geplanten Besuch in Palästina verzichten. Mjjerr rirrano^r (jzümrange drei Minuten). Maria wird von dem Chemiker Rottvang, der im Aufträge Joh Federsens an der Erzeugung von Maschinenmcnschen arbeitet, ins Laboratorium verschleppt und dient als Modell; die Kopie geht zu den Arbeiterrr, reizt sie zum Maschinerrsturm auf. Alles fliegt in Fetzen. Während Maria, in Gefangenschaft sitzt, tanzt ihr Mbild Lastertünze in Joshiwara, verführt die Jugend und verdirbt sie. Schließlich wird sie von den heulenden Aufrührern auf dem Sch.'iterhaufen vor dem Dom verbrannt, Maria wird drinnen von dem Chemiker verfolgt, hängt sich an beH Glockenstrang, fällt die Stiegen hinunter, Freder erscheint, rettet sie, schmeißt den Chemiker von dem Turmdach in die Tiefe. Drunten sinkt der Vater in die Knie, das Volk steht ergriffen in der Runde. Maria kommt, Freder kommt, der Vater ist da und der Maschinenmeister. Grot. Kapital und Arbeit reichen sich die Hand und es ist bewiesen, daß die Liebe zwischen Hirn und Hand als Herz vermitteln kann. Ein Tusch der Musik annoncierte das Erscheinen des Bundesprüsidenten. Durch die Lüwengasse scl/ob sich eine Schlange von Privatautomobilen, von starken Polizeiposten behütet. Die Eingänge zum Löwenkino waren von hellen Livreen besetzt, das Foyer mit Palmen mtb Olearcherbäumen geschmückt. Drinnen hingen Teppiche mit dem Ufa-Mtonogramm von den Logenbrüstungen herab. Es sah alles so aus wie bei Theatre pare. Premiereupublikum quirlte durcheinander, schwarze Röcke, Abendtoiletten der Damen, viel Dekolletes mit oft gewagtem Parfüm. Operngläser blitzten. Man ging an eine Sensation. Aber der Film, der zum ersterrmal abrollte, stand doch in einem zu starken Gegensatz zu diesem auf Frack ausgemachten Gesellschaftsbi.d. Die Korrtraste stoßen scharf aufeinandcr, und das Auskunstsmittel der Liebe ist doch zu dürftig. Man girrg zerschmettert und ermüdet fort. Die Qual der sozialen Konflikte kann auch, wie e# scheint, der Film nicht abmildern. Aber es ist schon viel, daß er sie mit solcher DeutlichkeU zeugt, wenn auch die christianisierende Tendenz, die sich mit solcher Aufdringlichkeit vorscksicbt, peinlich empfunden wird. —sh.