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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-08 · Heft 2855 (8.2.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2855 (8.2.1927)
Date
1927-02-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wien, Dienstag W1r»r» Morgrnzeltnng 8. Februar ISS? Osite 5 IfettfiMM HW hf ttt»wfi fert** M« - Wiwf«. „Wollt Ihr satt werden? Warm werden? Gut sein imb glücklich? Dann liebet! Im eignen Herzen ist unsere Welt beschlossen. Braucht Ihr ein Opfer? Da bin ich! Gebt, wenn ich mich furch'los in Eure Hände begebe: könnte mich ver Tiger zerreißen, wenn ich ihn umarme? Ich lubr Euch, ich kenne Eure Not, ich komme aus größerer. Wen beneidet Ihr? Diese Unglücklich-», d-nen ich Musik zu ihrem Wein mache, der bitter ist von Einfanskelt, zu ihren Austern, die salzig sind von Träwssn? Laßt mich Euch doch erzählen, was es kostet, zu lachen! Mas dis Perlen an Frauennacken kosten, die Brillanten in Frackhemden! Kein Herz ist verlassenes als das unter diesem Hermelin, und diese Stint unter Dianrantendiadem ist bleich von nie stillbarer Sehnsucht, die weher tut als Htrnger des Magens. Ich bin Euer Bruder, ich habe gehungert tvie Ihr nicht nur, ich Muß> noch vor Euch zittern, w:il Ihr denen, mit deNen ich mein Blut teile, nach'le'lt. Und wenn ich zu Euch komme, ist di« große Versöhnung möglich. Ich bin der Jude?lbel Adler und das einzige Kind alter Leute. Vielleicht habt Ihr sie heute Nacht getütet.... Und wenn Ihr sie getötet habt, ich liebe Euch und bitte: besinnt Euch und schämt Euch nicht Eure- Herzens. Denn wenn Ihr lieben könn', g'bt eS Gleichheit und Gerechtigkeit. Und diese blutige Schwelle zwischen Euch und uns wird Blumen tragen." Es hörte ihn niemand. Nur die Frauen Oliva imb Priska, das Judemnädchen aus Lublin und Dirne vom Kursürstendamm und das Fräulein aus Zürich aus dem weißen Haus« am See, die Braut des Siegers, wußten um sein Herz, das so voll Liebe war, daß es den Einzelnem nicht nrehr lieben konnte. . ' - Kein Stern hing Über Berlin in dieser Februarnacht, als der Jude vor seinem Feinde sich verkriechen imijte, Stelywurf und Knüppelsihwung, Hansschnur und Pistole! Wäre das Kreuz noch leer gewesen, sie hatten die Liehe darangeschlagen... Als Abel Adler Priskas entbluteten Kopf aufhob, löst« sich ihr schönes goldenes Haar und fiel in duftender weicher Welle über seinen Arm. Gr schloß die Augen, öffnew sie schon wieder und trug dir Leblose fort. Abrr in der Sekunde dieses Lidschlages hatte er durchlebt, was erste unk unsterblich; Erinnerung ssinss Lebens war. Dort, wo Oberschlesien schon von polnische Seele durchpulst war, wo polnischer Wind die schwarzen Rauch vollen der Esleu ins Land wehte, stand dis kleine, trübe, melancholische Stadt. Ihre engen Straßen liefen dem „Ring" zu, wo das Rathaus mit der Wach;, ein Brunnen mit Nepomuk, die Apotheke standen. In der Tosterstraße von Oskretschanr hatte Gerson Adler seinen Laden, Kurz-und Ga^anterieiparen, Spielzeug, Glas, Porzellan, Bi.'outerisn aus Böhmen, russischen Tee imb Konfekt, ein bißchen Manufaktur, Petersburger Galoschen mit Pelz und Flanellsutter, Kinderwagen, Petroleumlampen, Gasampeln. ES war ein langes, schmales Gewölbe, in dessen Mitte imnier eine Gasflamm; zuckend brannte. Born war die Auslage, ein Kunterbunt aller?l!rtikel, und die Tür zur Straße, verbaut mit einem Kinderwagen, Gartengerät, Hosenträgerbündel und Pfeisenstänher. Und hinten ging ein blindes Fenster auf dm Hof, wo unter der Altane Kisten sich stapelten, die Hundshütte stand, Hühner und Enten lärmten und das Getisr der Nachbarschaft, Katzen, Hund-, eine Ziege den kleinen Abel, ihren Wohltäter und Spielgefährten, besuchten. I» diesem Paradies des Kindes war noch kein Blut geflossen. Min Hund' stellte die Katze, kein Huhn f'oh vor feindlichem Rachen. Aus Abelö Händen floß friedlich vereintem Geiser Futter und Liebe. Gerson Adlers Laden war weit bekannt. Die Bäuerinnen kamen über die Grenz«, bei ihm zu kaufen. Nur Zwirn, aus der Tosterstraße vom Adler Gerfchon \n Okpetschäm hielt die Knüpf« fest; aus Adlers Pseisenküpfen schmeckte noch der Tabak aus dem eigenen Garten wie seeisches Blatt. An den Markttagen, an Jahrmärkten stauten sich dis bimten lachenden Frauen, die rauchrndcn, fckMr« zen, frsundlirhen Männer in dem düsteren Gewölbe, Alles schwatzte, witzelte, feilschte heiter, betimndsrte, zählte schweres Geld in großen Beuteln. Der kleine Abel wurde von Arm zu Arm gereicht. Die Mutter Mirjam war voll Angst. „Ge'ch'eht deinem Goldkind nichts!" riesen hie Bäuerinnen, di- Händlerinnen. „Gib mir die Augenweide!" schrie die alte Duchalka »mh reckte die hageren?lnne. Der kauende Knabe wandert« von Brust zu Brust. „Süßes Hsrrgöttchen du," flüsterte die kinderlose Mi» lada Notvak und ließ ihn nicht los, schaukelte ihn, hielt ihn <8. Fortftturz.) ihrem schönen Mann zum Küssen Hin. DaS Kind zaust« feinen langen Schnurrbart und griff ihm nach den funkelnden Zähnen. > Mirjam half, kassiert«, bedirnts, riss den Fortgehenden Freundliches nach. Seltsam schön war ftr, weißhäutig, grauäugig, mit dem schwarzen Scheitel der verheirateten Frau, die Rabblner'.ochler aus Lissa. , „Melk" rief sie und sucht« das Kind, das <m den großen, weichen Brüsten der polnischen Weiher lag und lächelte. , ' „Schöne Herrin," sagte der zähneblitzende Nowak, „dein Sohn wird viele Frauen unglücklich machen." So war einmal eine Nacht da. März, neunzehnhundertvier. Gerson Adler war zur Messe nach Leipzig gefahren und Mirjam allein im Hause. Oben itn Dach schliefen der Kommis und der Lehrling. Die Magd hatte ihr Bett in einem Verschlag neben der Küche. Immer, wenn der Vater fort, war, wanderte Mel von seinem Kind-rbettchrn ans in das große, gewaltige des Vaters, das neben dem der Mutter stand. Da verlor er sich in kühler wcißer Weite. Immer tvosste er wach bleiben, bis die Mutter sich neben, ihn legte, aber immer schief «r vorher ein. Nur früh brachte er zuerst, kroch vorsichtig zu ihr hinüber, rieb sich an il,rrm Ser Mische FrkdZof van KSrmend wird nicht verkenn. Ein publizistischsr Erfolg der „W'.enrr MorgenMung". Aus Körmen d wich UNS berichtet: Durch den Bericht in der „Wiener Morgenzcilung" Über den von einigen Mitgliedern der hiesigen Chewra Kadkscha propagiwten Plan, den alten jüdischrn Friedhof als Baugrund an ein« Baugesellschaft zu verkaufen, wurden die durch solch: Pietätlosigkeit tief berührten Interessenten ausmerksam gemacht und daS geplante Attentat konnte abgewehrt werden. In der letzten Versammlung der Chewra. Kadischa, in welcher die Fva.)e des Frirdhvfvrrlaufes zur Verharzung stand, wurde nach langer, stürmischer Debatte schließlich der einhellige Beschluß gefaßt, das Kanfanbot zurückzuwetsen und bic weitere Erhaltung deS FriedhoftS sicherzustellen. Sine avsgevandrtte Mrngemeiaüe. In Garreburg im Elsaß wurde dieser Tage das Mitgltch des GtadtrateS Camille Levy zum Presidenten der jüdischen Gemeinde gewählt. Levy zog erst wenige Jahve vor dem Krieg aus der Nachüargemrinds Jmling mit den letzten zehn jüdischen Familien nach Sarreburg. Jmling gehörte zu den ältesten Judengemsinden des Elsaß. Im Archiv der Stadtgemeinds von Jmling finden sich Aufzeichnungen über die dortigen Judm aus dem Revolutionsjahr 1789. Es sind zumeist Vermerke über die eingehobenen Tolsranzgalder und Wehrtaxen von Judcr^ Interessant sind die verzeichnet«« Ausgaben „an den Inden Moyse, Kaufmann, 18 Sols für die Lieferung von einem Pfund Kerzen für die MjtternachtsmM". Solche Ausgaben an den jüdischen Kaufmann Moyse für Llefrrungen an die Kirche kymm'N wiederholt vor. Im Jahre 1S£Q hatte die Gemeinde noch einen eigenen Friedhof, der jedoch später bei einer Stadtregulierung verschwunden ist. Die Synagoge wurde, bevor die letzten Juden die Stadt verließen, an einen katholischen Klub verkauft. HllsiaMon für Dfe tutfnlsfen 3!oniHen In Slvtzlavd. Nach langen Unterhandlungen ist er gelungen, die Zustimmung der Sowjetregierung zu erwirk:», daß dreihundert von den nach Sibirien verschickten Zionist;» nach Palästina gebracht werden. Düs« Prrsoncn befinden sich zum Teil noch in den verschiedenen russischen Kerkern. Die Sowjetregierung M sich jedoch nur bis zu einem bestinrmten Termin — Ende dicses Monats — an ihre Zulsage für gebunden. Sollten die in BUracht kommenden Personen hiß dahin nicht nach Palästina gebracht wrrden, w werden hie Urteile an ihnen restlos vollstreckt Arni, ihrer Schulter, bis sie erivachte,!äch;lte, Lachte, ihn mit sanftem Druck hoch über sich hob, daß er ihr sckMeS geliebtes Gesicht unter sich schimmern sah, Heimat aller begehrten und erträumten Dürge. In dieser Nacht erwachte er im Bett des Vaters. Die Tür stand offen in die andere Stube; da saß die Mutter» mit David Adler, dem jungen Brud-r ihres Mannes, der, in der Dampfmühle von Guretzli Buchhalter war, ein zwanzigjähriger bloßer Mensch mit schwer bewimperten Augen, und großem weichen Munde. Mer nein, er saß nicht nel^n Mirjam an dem Tisch mit der gestickten roten.Decke... Abel saß groß da, vier Jahre alt, im Daterbett, und starrt« mit zärtlichen ahnungslosen Angen. Onkel David lag neben der Mutter auf den Knien. Und Abel hörte di« ersten bewußten Worte seines Lebens. Mit diesen Worten begann, in seiner Erinnerung, die Sprache, die er sprach. Es war, als hätte er vor ihnen nie gehört, daß Menschen sprechen. Mit diesen Worten ging ihm das bewußte Lebenauf. Onkel David sagte: „Ich liebe dich." Die Mutter bückte sich über ihn, streichelte, sein«» Kopf, der in ihren Schoß sank. Sie sah über ihn hinweg in die Stube, ivo ihr Kind schlief. „Davidel," sagte sie leise, immer wieder, „Davide!, armes, liebes, geh, ssi vernünftig." „Ich liebe dich." Es klang schon beim erstenmal hoffnungslos. «S klang immer demütiger und zaghafter. „J t, liebe dich." Da fiel der kleine Mel wieder zurück und schlief schon wieder, und mehr als zehn Jahre vergingen, ehr einmal dieses nächtliche Bild mit seinen drei Worten wirder vov ihm aufstieg, als eine Frau sie sprach, auch hoffmmgSlos, zu ihm, mich kniend und in ihr Schicksal schon ergeben, ehe er eS entschied. Aber in derselben Nacht erwachte er noch einmal. W war so still, wie er es noch nie empfunden hatte, und er' wollte sich schon fürchten, da entdeckte er, daß es hell war. Es war Jahrzeit nach der Großmutter in Lissa, und Mutter Mir um hatt: das Glas mit dem Oek und tont winzigen Fläminchen ins Schlafzimmr geste'lt. Das gab ein goldiges Licht. DaS Maldbild an der gelblichen Tapete bämnrert« so geheimnisvoll wie noch nie. Das Reh, das aus dem Dikkicht trat, schien vor Leben zu zittern., "Fortsetzung folgt.) wrrden. Da diäse Märtyrer ihrer Gesinnung naturgemäß nicht über die Mittel für eine R:'.^r verfügen, wurde tu ve schiedenen Ländern «ine Hilfsaktion eingeleitet, dis besonders in Polen, Litauen und Lettland von Erfolg begleitet war. In Riga (Mühlengaifse 65) hat sich «in ans Vertretern aller ziontstMen Grupp:» bestehendes Komitee gebildet, das eine intensive Arbeit zur Aufbringung der erforderlichen Mittel leistet. Skr Kahle« r«m amerlkaailch'lüvische« Kougkeb. In den Städten Amerikas werden gegenwärtig die Wahlen von Delegierten zu dem am 20. und 31. Februar stattfindenden amerikanisch-jüdischen Kongreß durch geführt. Der Kongreß wird in Washington abgehalten werden. Die Lage der Inden in Rumänien und in drn anderen osteuropäische Ländern wird ebenfalls zur Beratung stehen. «ler Achav Haam-tza»«. Der Jüdische Naiionalfonds beschloß, demnächst «ine» Achad Haam-Hain auf Naiionalfonds-Boden anzulegen in der Art, wie der Herzl-Hain angelegt ist. In mehreren Ländern, so auch in Deutschland, wird für äm Hain ge-' samlmlt. Berelne, Bortküge «nd Berlammlunge«. Z^»r»isttsche BogirkSfMon Inn«'« Stadt. Heute, um halb 9 U-hr abends, i», K.pblokale des Cafe Hatsburg, 1. Ben., Notenturmsiraße 24 (Hoteleingang Adl-eraaffe, 1. Stoa). Vortrag Dr. Karbach: „Das Palästina- Mandat". — Jüdische Tischgesellschaft Landstvatze. Mittivoch, r«n 9. Februar, Vortrag des Herrn Dr. Leo G o l d-> Hammer über ^ßalöistinafragen" im Cafe Levrana, S. Vez.. Moengasse Ä>. — Jüdischer Frauenbund und Zionistlscho Fra.',enorganls»:ion (Kulturstelle). Heute, yavb 8 Uhr. J'üdlscheS Zentrum,. 2. Bez.. Untere Augartenftraß« SG, Vibe'vortrag her Fr. Wher Mieses; .Sprüche". Eintritt frei. Gäste wiMommen. — Die Brich Ha-Zpfim. L. Bez.. Umere Augarten>stvaße 8b, hat, ihrer Neoryanisation und neuen Aichtlinien entsprechend, den Namen „Hi sthadrnth Hazofeh Hazair (Orgcniisation des jungen Pfat'-finper-) angenommen. Ver'antbnrttnaen erich-einen fortab unter diesem Namen. — Sonntag, den 13. d. M.. findet eine Zentralwonderung statt. Trefft'imkt und Ziel wird bekannt» gegehen werden. Zugunsten der Rettungsgesellschaft veranstalte: di* Frauenvereifligung der Wiener Freiwtu.gen RsttunaS^sellschass unter dem Protektorat BundoSlanzkers a. D. ','etw'ö!''^etttsn Jct^ann Schober und <tor Frauen Elisabeth Kinskh-WNesek und Maria Plen«,» ^ötvtzs am Mittwoch, den £8, d. M. 9 Uhr abends, in d«» Soflonsälcn einen „Jahrmarkt mit G.>ückr<hnsen". DaS Rein» ertrüants fuegt zur ^-anee der Wiener Freiwilligen Nettüngs» «'^ellschaft m. Eintrittskarten zu 7 ^chiklina sinh i» Komiteelylal, 1. H«rrengasf« Nr. 5 sPala'ik WileM), «rhättlich. JÜDISCHE WEIT

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