Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-02-08 · Heft 2855 (8.2.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2855 (8.2.1927)
Date
1927-02-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981943--29022-3017112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

0h; 988, M«, SteMtag Sette 8 Tagesbericht. „fine Sinheitsfront ffit de« ParSstlna-Ausbaufonds/ (ounel MIM«»» wer leine «lener MI«-«««. Colonel Wedgwood, der gestern früh t.t.:r Frankfurt am Mnin, wo er in einer zionistischen Versammlung sprechen wird, nach London abgereist ist. richtete vor seiner Abreise an das Direktorium des Keren Hajcssod kn Jerusalem nachstehendes Telegramm: „Ich beglückwünsche t*tt Keren Hajessod zu dem rtthmcnSmrrten Witt, wrlch»:s in Wien vor sich fjiljk* Ich bin sehr gerührt über die Sympathien der Führer der Dicrvr jüdische» Bevölkerung dom Zio. niSmus gsHSnüder, sowie Über der«n Pflichterfüllung chS-MÜber dem östlir-cn Judentum. Lord und Lady Christo» [nb:n zu diesem Erfolg ungsmoin viel brigorvagsn. Hier arlciten tatsächlich Engländer und Juden an der «asm Allianz zusammen. Ich l osßr, daß all: Wiener JlL^sn, ob reich, ob arm, eine Ein* y<itSfront für den Palästinaaufbau. fonds bUd:n wsrdou. Wedgwood." Die Botschaft Wedgwoods an die Wiener Judenschüft werden wir in unserer morgigen Ausgabe veröffentlichen. Ser Empfang für Wedgwood bei« Diener englischen Se'andten- Wir habcn bereits in unserer Sonntagsausgabe über den Empfang berichtet, welchen der Wiener englische Gesandte Viscount C h e l st o n zu Ehren des Colonol Wedgwood Cams.ag nachts veranstaltete und welchem die Leitung der österreichischen zionistischen Organisation scwie des Keren Hajessod, eine Anzahl Wiener Juden aus Bank- und Jndustrrckrcisen und namhafte Schriftsteller und Gelehrte zugezogen waren. Auch über die ausgezeichnete Rede Wedgwoods, die dahin gipfelte, daß es hoch an der Zeit sei, wenn sich in weit größerem Maße als bisher auch die reichcn Juden am Aufbau des j üdi schen Palästinas beteiligten, haben wir bereits berichtet. Tiefen Eindruck machte die sachliche und doch lebensvolle Schilderung, welche Wedgwood von seiner Reise durch des neue jüdische Palästina gab und die Charakteristik des jüdischen Menschentums in den Kolonien, von dem er mit großer Wärme sprach. Der Obcrialbiner Dr. Chajes, der nach ihm das Wort nahm, dankte dem englischen Gesandten; fein Dank beziehe, sich nicht .bloß auf die gewährte'Gastfreundschaft. Es sei keine alltägliche Erscheinung, wenn ein Vertreter einer Großmacht die Vertreter der Judenheit zu sich einlädt, um gemeinsam mit chnen einen Mann zu begrüßen, einen Engländer, der einen großen Teil seiner Arbeit dem Wohle des jüdischen Volkes widmet. „I ch erblick« den Haupt wert des Zionismus darin — sagte Dr. Chajes — d aß d u rch ih n d as V erhält nis dcr Judenheit zu den anderen Völkern grundlegend geändert wird. Im Weltkrieg hat man gelernt, wie schwer sich Völker verständigen können, und wir wissen, wie schwer es für Nichtjuden ist, uns Juden zu verstehen. Dieses Gefühl, daß das Verständnis für das Judentum so schwer zu erschließen ist, war in . allen Jahrhunderten für uns noch drückender als die blutigen Verfolgungen." Daß sich dics durch den Zionismus geändert habe, gebe den Zionisten dm Glauben, der Anfang der m-cssianischen 'Zeit sei gekommen, der Zeit, in der die Völker lernen, einander zu verstehen. „Man hat elagesehen, daß das jüdische Volk keine bankrotte Firma ist, von der man verlangen kann, daß sie in eine andere Firma aufgeht. Man hat unseren Reichtum erkannt, er ist aber gebunden, und man bemüht sich jetzt, ihn wieder flüssig zn machen für uns und für die ganze Kulturwelt. Wir Z i o n i st« n haben die f e st Ueberzeugung, daß wir mit unserem Werke der ganzen Menschheit dienen. Und wenn wir England dankbar sind, sind wir es deswegen, weil es den Bann gebrochen hat, der uns Jahrtausende umgab. Wir wissen, daß unter Len führenden Männern Englands Wedgwood in seiner tatkräftigen Begeisterung für d?n Wiederaufbau des jüdischen Gemeinwesens in Palästinas nicht allein steht. In allen englischen Parteien gibt es zahlreiche Männer wie er. In der Person seines Wiener Vertreters statten wir Juden England unseren Dank ab." Ae Sltrrretchlsche Keren Sairlfod-Ak io». Lifts der Scktionsleitumzrn. Sektion 1: Dr. Norbert Hosfmann, 1. Bez., Zolinkagasse 13. Sektion 2: Markus Bartfeld, 2. Bez., Zirkusgasse 33. Sektion Prater: Ing. Markus Mühlbauer, 2. Bez., Vorgartenstraße 150. Sektion' 3: Bruno Rabinowitz, 3. Bez., Rudolf-v.- Alt-Platz 6. Sektion 4/5: Meier Schreier, 5. Bez., Spengergasse 7a. Sektion 6/8:, Ing. Walter Fleischmann, 8. Bez., Blindengasse 7. Sektion 6: Frau Sabine Paßweg, 9. Bez., Schlickgaffe 5. Sektion 10/11: Ing. Josef Fischmann, 10. Bez., Viktor-Adler-Platz 1. Sektion 12/15: 1. Dez., Kärntnerstraße 28. Sektion 16/17: Leopold Sitz mann, 16. Bez., Brunnengasse 41. Sektion 18: Frau Dr. Perle Wechsler, 9. Bez., Währingerstraße 2. Sektion 19: Alfred Weißhut, 19. Bez., Billrothstr. 9. . Sektion 20: I. G o l d b e r g, 20. Bez., Karl-Meiscl-Str. 5. Sektion Zwischcnbrücken: S. Oppermann, 20. Bez., Universumstrabe 48. Unsere Kr-uzwortkätseikonlurrenz. Kommenden Samstag beginnt d« ,Wrener Morgeuzeitung" mit einer großen Krvuzworträtscl-Konkurrenz, für deren Lösung wir besonders schöne Preise ausyesetzt haben, deren Erringung wohl in jedermanns Interesse golegen söm dürft«. So beträgt der erstePreis eÄve geschmackvoll KUsrmmengestellte Bibliothek von 300 Da «den, der zweite Preis gestaltet bm EcLvmner, ebne Gratisreise n a ch Palästina zu un4ernchmen, wahrend mit dem dritten Preis der Erwerb von fünf Dunam Boden in Palästina verbunden ist. Außerdem stohrn den restlichen Giwinnorn — es w erden insgesamt 50 Preise aus ge setzt — eine Ne^he schöner Gewinste zur Beifügung, so Damentoilettegegenstände, Herrengebrauchsartikel, Bllde-r, Nippes, Bücher usw. ufw. Die näheren Beugungen unftrcr Konkurrenz werde« wir noch veröffentlichen. W'r hoffen, mit der Einführung von Kreuzworträtseln Villen irnfeam Lesern eine willkommene Gabe zu bHe«, 8. Februar 1927 LBwenfranzbranniweln mit Menthol ♦ i zSu 1 Airä ärztlich empfohlen l /vu!\ I del Rheuma, dicht, Gliederreißen usw. sohotzawke. üeberall erhältlich. OOOOOOOOOOOOOOOOCOQQOQQOOOQ003CCOOOOOO» Segen die „manschemden Kabaretts. Eine Attiou des Zentralvereius deMscher Staatsbürger Mische« Glaubens. Die natioiraweutschen Israeliten Deutschlands, strenge Belenner der Assimilation und Gegner des Zionismus, führen einen löblichen Kampf gegen die „mauschelnden" Kabaretts, an dem sich gedanlen- und würdelose Juden an> erer Vreiteu eiu Beispiel nehmen sollten. Cie dulden nicht, daß die Kabarettisten in ihren Vorträgen dcks Judentum verunglimpfen und feiern, wie ihr Organ, die „C.-V.-Oeitung" bctom, daß alles ausgemerzt wird, „was auch nur den Anschein erwecken könnte, als wolle man mit der Verunzierung jüdischen Wesens ein Geschäft betreiben". lieber ihre Intervention mußte nun auch Professor ' W i e f e n t h a l das Berliner Charlolt-Kasino verlassen. Wiesenthal hat nun an den ,Lcntralverein" einen Brief get. ,.a. tn dc: - heißt: „Ich bin kein dahergelaufener Bänkelsänger. Sie w^'cn, daß ich «sechs Jahve e as erste Kabarett in Wien hatte. Christ und Jude ergötzen sich bei nvir... Wenn Sie wühlen, wie schwer mern Beruf ist, und wre schwer eö ist. einen ganzen Abend hindurch Lachsalven zu erzeugen, lönn.en Sie verstechen. daß man h:u und wi^er ein Wort sagt» das man nicht sagen sollte. Un.) wie dan'Tbar bin ich jedem, der mich darauf aufmerksam macht... Nie habe ich bewußt auf Konto eines Lacherfolges mein Judentum v e r ge s s e n..." Die Sache wurde dann gückich ibeigelegt. Was Wieisenthal antelangt, so dürfen wir bestätigen, Latz er mit jenen jüdischen Leuten vom Brettl, denen SeLstbeschmutzung. Besudelung des Ju>len:«umS eine scheuernde Angelegenheit ist, nicht verwechselt werden darf. Er ist vielmehr ein-jüdischer Künstler fernes Faches und pflegt mit viel Humor jüdische Schwächen zu geißeln. Hat nicht gar Herr Wiefenthal — wir wissen, er -rrifft das — die Deulschtiümlel, den Germanewkoller cer deutschnationalen Irden hergenommen? Es wäre ein bitterer Spatz, wenn Wiesenthal nach Cancissa.. gehen müßte. nicht weil er das Judentum verunglimpft, sondern weil er die d-euffchtümelnden Israeliten — an Ahr Judentum erinnert haben sollte. Blldmudsunk durch die Ravag. In -cl'ner gestern stalrgefundenen Pr-essalonferenz der Räivag gab Ler englische Kapitän F u l d s o n Auf/lärupgen über den von der österreichischen Nadiogesellschaft geplanten BiLrundfunk nach dem englischen System Cor ne» Daker. Der Btldrundfun'k soll eine Ergänzung des täglichen N<v'.:oprogrammes bilden. Die Uebertragung von Photographien nach diesem System erfolgt auf die Weise, datz die zu sem-dende Phorographie zr erst durch einen vorgeschalteien Schirm ausgenommen und das Bild dann in ein Schwavz- Weitz-Billd umgewandelt wird. Auf einem mit einer phot.ochemischen Schicht' überzogenen blanken Kupferblech werden diose Bilder dann für elektrischen Strom übertragen, das Ser jüdische Volkswitz. Bon Dr. Siegfried Schmitz. SonlUag las Dr. Max P r ä g e r im mittleren ' 'Eonzerthausfaal jüdische Schwänle, worüber wir an anderer Stolle be.ichte'.r. Di; Vorlesung, die d m za.st.e'chm Publiaun ci -.e.t überouZ an.egenfc:n, genußrcichNk Abend ve.-schif,t;, wurde turch einen Borlraz von Dr. Siegfried Schmitz eingelci'.et, d;m die nachstehenden Ausführungen entnommen find. Um über jüdischen Bolkswitz zu sprechen, bedarf eS zunächst einer Abgrenzung: Gemeinhin »verden als jüdischer Witz jene Erzeugnisse ausgegrben, mit denen die mitteleuropäische Zivilisation oder Kltltur sich so gern gegen^ über der angeblich unzivilisierten und kulturlosen jüdischen Existenz bestätigt — jene Anekdötchen und Geschichtchon vom Pendant der Frau Vmr Pollak, von Mojschr Pulverbestandtcils Wasser- und Seifcnscheu und von dem mauscl)eltrden Kindermund des kleinen Moritz; dazu komme»: dar»» noch jene zahlreichen Histörchen ans der Unterleibssphäre, die ztlmcist das für den Witz seit je ergiebige erotische Mvmeirt in den Bezirk unaMtltlicher Schmierigkeit hinabziehen. Dieser landläusige jüdische Witz tat natürlich auch, »vie jeder Witz, seine soziologische Grundlage: es ist die Fremdheit des Juden inmitten seiner Umgebung, die, wie es Mellschen immer tun, den andersartigen Gesellen fürchtet und verachtet. Es ist daher auch mit Sicherheit anzunchrnen, daß alle diese Witze nichtjüdischen Ursprungs sind; betrüblich nur, daß sie — auch von Jtlden erzählt werden. Dies ein Zeichen destruktiver sozialer Komponerrten im jüdischen Leben mitteleuropäischer Präg»r»»g. Nun gibt es aber einen jüdischen Witz echten jüdischen Ursprungs, der so deutlich zu erkennen ist wie etwa der englische, französische oder türkische (in Paranthese: einen deutschen Witz besonderer Eigenart gibt es eigentlich nicht, was wohl mir eine Ursache dafür ist. daß der landläufig - Mische Witz im Gebiete deutschen Wesens so dominiert). Diesen ursprünglichen jüdischen Witz zu charakterisieren ist nicht leicht; eS kann auch nur cin beiläufiger Umriß erfolgen; denn jeder Witz charakterisiert sich eigentlich selbst und hat — als genialer Augenblickseinfall, wie ihn einer der besten Kmner des Humors aller Völker, Alexander M o s z k o w s k y, nennt — keine wissenschaftliche oder historische Charakterisierung nötig. So ist denn nur rün soziologische Einordnung vorzunehnten: Der ursprüngliche jüdische Witz ist, »vie jeder Witz, ein von der Masse getragenes Geistesprodukt, in dem man dann auch Pas besondere geistige Profil der verschiedenen Gruppen, Klassen, Völker erkennen kann. Der Witz der jüdischen Masse, die im Osten wohnt, ist demgemäß beeinflußt durch ihre innere geistige Veranlagung und ihre äußeren soziologischen Umstände. Sein besonderes Kennzeichen ist vor allem eine fast schrankenlose Assoziationsfähigk e i t; sie stammt wahrscheinlich aus der dem Juden als Orientalen inne»vohne»rdrn Beziehu»»g zum Wort, das in den orientalis --n Sprachen eine viel größere Zahl von Begriffen und Begrisfsymbolen umsaßt, als es in Europa der Fall ist. Diese Asioziationsfähigkeit ermöglicht viel häufiger und schlagkräftiger jene überrasch'nden Pointier rnngen, die dem Witz eigen sind, Auch in der Art der Erzählung hat der jüdische Bolkswitz etwas Eigenartiges: Er liebt die breite, ausgeschmückte Darstellung urrd lebt sich so gewissermaßen schon vor der Pointe in der dem Juden als Orientalen inne»vohnenden Freude am Geschichtenerzählen gründlich ans; beliebt sind Komplikationen der zur Pointe sührenden Erzählung und häu.iz auch Jn^iuand^rsüMchte.urlgen, Kompilationen von Varianten gleichartigen Witzgebietes. Daher denn auch der geradezu formelhafte jüdische Unterbrechungsruf „Zn der Sach: »veiß ich eincn besseren Witz!" Diese Erzählungs- Methode gibt dem jüdischen Volkstvitz häufig etwas Schsvankhaftes. Zur äußeren Charakteristik des jüdischen Witzes sind die eigenartigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Judentums in Osten heranzuziehen. Dazu sei lediglich hervorhebend bemerkt, daß es im jüdischen Bolkswitz unendlich viel Schirorrergeschichten gibt, weil eben die große wirtschaftlich: Not uilcndlich viel Variätäten des Bettelns hervorgebracht hat und weil in per jüdischen Anschauung die Pflicht, den Armen zu beschenken, eine große Rotte spielt. Der überragenden Bedeutung von Heirat und Kindersegen, welche das traditionsgemäße Leben ber jüdischen Masse kennzeichnet, - entspricht die Legion von jüdischen Hcirats- und Schadchen-» »vitzen. Die Wicküigkeit des religiösen Lebens Inhaltes spiegelt sich im jüdischen Bolks»mtz ebenso reich und vielfältig wieder, »vie di: E.dmtung, die der Hark-el i»n Wirtschaftsleben der Juden hat, »vobei in der letzten Kategorie als besonders »oitzsörd:rüdes Element die Ab» Normalitäten, Brschränkungen und Beengtheiten des jüdischen Wirtschaftslebens im Osten htnzukcmmen. Selbstverständlich nehmen im jüdischen Bolksrojtz die noch bis vor kurzer Zeit in vollen» Maße nnrksameu äußeren LebenSbesckjränkungen der Juden in Rußland und dem damals zu Rußland gehörigen Polen einen breiten Raum ein. Eine beforckere Kategorie bildet die Beziehung des Juden zur Umwelt und zur großen Welt von Technik und ~ , um eS mit dem gebräuchlichen Namen zu bezeichiren — Fortschritt, die zu betreten für den.Juden stets ein Abenteuer bedeutete.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.