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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-06 · Heft 2853 (6.2.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2853 (6.2.1927)
Date
1927-02-06
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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«eile 10 Somttay «vmlff «. mnm 1927 «-.2888 COPYÄIÖMT 1006 SY 43BOM6I MOLLE* VERU-* SARAS ABENTEUER von PIERRE MILLE 6omfe tarnt«, der in GeneM M ri«M»r gedient und nun in Bokc au der Psefsinküstc die Stellimjj eines Polizeirvüchters einttahrn. hatte die Gewohnheit, jede Nacht auf dem weichen Uferjatrd unterhalb der PvomeniHr des Gouverneurs xu schlafen. Er erwachte an dem Tage, an dem fich die Dinge ereigneten, von denen ich hier erzählen ,triff, etwas früher als gewöhnlich, mit dem unbestimmten Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Seine rechte Hand, die Samba »rührend des Schlafes stets über die Augen legte, um sie vor dem schArlichm Einfluß des Mondezu schützen, fiel schwer auf "ben weichen Boden zurück. Sofort erhob sich ein eigentümlich unheimliches Geräusch, eS war, ÄS ob der blaßgrünliche Boden, auf dem der große Neger lag, plötzlich lebendig genorden fei und sich schnell nach affen Seiten zurückzöge. Durch die Bewegung des Erwachenden erschreckt, ergriffen Tausende von Krabben, mit denen die Westküste Afrikas übervölkert ist, eiligst die Flucht. 'Mit lvütend zischendem Geräusch, eine über die andere wegyaftend, flohen diese häßlichen, schnellen und doch ungeschickten Tiere nmh allen Richtungen auseinander. Es war ab« nicht die Gegenwart der Krabben, die in Samba Taraore das Gefühl erweckte, als ob etwas nicht stimme. Er kannte diese unreinen Tiere sehr getrau und hatte keine Angst vor ihnen. Aber von der Seite des „Missieu Directeur la Douane" gehörigen Gartens drangen leise klagende Töne zu ihm hm. Man erkannte an der dünnen, schwachen Stimme, daß es ein kleines, zartes Wesen sein müsse, das da bitterlich weinte und dem jedenfalls ein schweres Leid widerfahren sein mußte. Samba erinnerte sich sofort seiner Pflichten als Hüter der Ordnung der Bewohner Bokes. Er erhob sich schnell, um zu sehen, was es Me. Ganz nahe dem großen Hause der Douanen kauerte ein kleines, schluchzendes NegermÄchm am Fuße eines Mangobaumes. Sie war kaum zehn Zahre alt. Ihre nackten Brüstchen, die noch nicht ganz entwickelt waren und die wie kleine wilde Birnen aussahen, hoben und senkten sich stürmisch, sie schluchzte verztveiflungsvvll und hielt den Kopf so tief geseirkt, daß die Wirbelsäule ihres Rückens sich wie ein Kettchen auf ihrer schwarzen Haut cckzeichnete „Nicht wohl sein?" fragte Taraore. Sie erhob den» Kopf ein wenig unb er erkannte sie. Es war Sara, die kleine „Mousso", die das englische Waisenhaus in Freetoton an Madame August, die Frau des Zolleinnehmers, abgetreten hatte. Ganz verstört blickte das arme Ktrck» M ihm auf Und sagte endlich: ..Nicht gut, nicht gut, sterben wollen!" . Sich mühsam erhebend, deutet das schmerzerfüllte kleine Wesen, das wie eine lebende Puppe vor 'ihm stand, auf seine Hüften. Ein schmaler Streifen von blauem Baumwotlenstosf, der um ihre dünne Taille geschlungen war, verhüllte sie nur halb, und über ihre magren Glieder, ans die Knie und herab aus die Knöchel rieseltet: zwei Mutbäche, zwei schreckliche, schon halbgeronnene Mutbäche. Samba verstand. Aber er war Muselmann, und seine Religion, wie die Sitte seines Volkes legte ihm, Frauen gegenüber, die größte Zurückhaltung auf, solange sie nicht durch einen richtigen Kontrakt käuflich erworben oder als Kriegsbeute ihm zugefallen waren. Er sagte deshalb kein Wort. Wer er ging zu der verschlossenen Tür des Zollhauses und klopfte gegen die Läden. Herr Auguet, in rveißer Hose iunt> einer'-Zacke saus 'rosa Baumwollenstoff, erschien auf der Veranda der ersten Etage und Frau Auguet in leichtem Musselinüberwurf folgte ihn:. Ihr Haar war "schon ergraut, aber ihre gulen, narveni"Augen und ihr rundes, frisch aüZsehendes Gesicht, dessen blühetcktc Farben kaum von dem Klima gelitten hatten, verliehen ihr ein beinahe jugendliches Aussehen. „Kleines Mousso Sara halbkaputt!" meldete Sanüra kurz und mit ruhiger Stimme. ,sWas?" rief Herr Auguet. „Kleines Mousso Sara hakbkaptttt!" wiederholte Samba Taraore. „Was sagt er?" frug Frau Auguet, die das Argot der Tirailleure twch nicht gut verstattd. „Er sagt, daß Sara vergewaltigt worden sei," erklärte Herr Auguet, der ganz bleich gemordet: tvar. Sich <m Samba Taraore wendend, fuhr er fort: „Hole sofort Herrn Toubeau herbei." .'tootkcat,, das war der Polizeikommissar. Samba gruHte militärisch und marschierte ab, gang wie ein richtiger weißer Sol'dat. Frau Auguef schloß Sara in ihre Arme un'd führte sie in ihr Zimmer. „Mein Kind, mein armes, kleines Mädchen," sagte sie, ,chast du große Schmerzen?" Nun gab Sara sich rückhaltlos ihrem Kummer hin; heiße Tränen überfluteten das Gesichtchen, und ihre Augen, ihre großen, braunen Augen, dies? schönen, nicht ganz menschlichen Augen der SOvarzen, die aimxHlcti den unschuldigen, klagenden Ausdruck otnes gequälten Tieres ann'.'chmen, blickten zärtlich ttnb vertrauensvoll - zu ihrer Schätzerin auf „Mama," schluchKte sie, ,,o Mama, Mama!" Dieses Wort ist dasselbe in fast allen Sprachen der Erde, m «ttf-cht in ganz naMrflchsr Weife mn die Zeit, wo die Keinen Kinder die ersten durch das Wachsen 'der Zähne entstehenden Schmerzen in öhrem brennenden Zahnfleisch «npfiniden; es ist sin SchmerzenAschrei: sr ruft die Mutter herbei. Und sie fahren fort, Mama zu sagen; es ist das Wor», womit sie durchs ganze Leben die Mutter rufen. Das ist die EnistthungSgefchichte des ersten und heiligsten Wortes, da- -die Kinder der Menschen je gestammelt haben- Erst nachdem die Kleine anfgehürt hatte zu weinen uckd ansing, sich etwazu beruhigen, stiegen die Tränen in die Augen der gtvten Frau Auyuet. Sara Wief ein — das arme Kind hatte ja keine Ruhe gefunden, seit — — seit daS Schreckliche passiert war. Att sie erwachte, stand «in großer, dickbäuchiger Mann mit schtvarzcm Schnurrbart vor ihr, der einen weißen Dolwan mit goldenen Knöpfen trug. Sie stieß einen lauten Schrei aus. ,^abe keine Angst," sagte Frau Auguet, „es ist der Polizeikomimissar. Es ist deines Wohles wegen, daß er hier ist." Und Herr Toubeau.rief: ,Llch, 'die Kanaille! Wo ist 'das Schwein, das so ekvas verüben konnte? Vorwärts, Kleine, rede! .Hast du ihn gesehen?" Aber Sara umklammerte Frau Augusts Hals mit ihren Armen und schluchzte wieder herzbrechend, ohne zu antworten. „Nun, wer war es," fuhr 'dar Polizeikom-missar . fort, ,^>m Schwarzer, nicht wahr? Einer dieser schmutzigen Schwarzen, was. . .?" >»VW»W>V»»»»V»»V>W»»UW>M»» Soeben erschienen: „PHLHSTINH“ MONATSSCHRIFT FÜR DIE ERSCHLIESSUNG PALÄSTINAS Heraasgegeben vom Zionistischen Landcslcomitce für Österreich Redaktion Adolf BÖHM Das Doppelheft Jänner-Februar enthält n. a. Aufsätze von Dr. Artur Rappin, N. Reiner, Dr. Zagorodztä, Kurt Aschner, Dr. Arje Tartakower, Dr. Kurt Granwald. Zn beziehen durch das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich, Wien, 1., Kärntnerstrane 28. EINZELNUMMER 80 GROSCHEN •fc» Abonnement: halbjährig S 4.50, ganzjährig 8 8 —. ■■■■■■•«■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■Mm* Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und m eine der seinen gelegt, imt der anderen hob er <Ärras Kinn empor und zwang sie, ihn anzusehen. Das schmale, schwarze Gesichtchen erbleichte vor Augst. ,,Du hast jhn nicht erkannt? Du halst ihn wirklich nicht erkannt?" Sie blickte ihn gang entsetzt an und machte ein verneinendes Zeichen. ' „Sie machen Ihr Angst", sagte Frau Auguet. „Sie wird nichts sagen", antwortete der Kommissar. ,Zch kenne sie, sie sind alle so. Aber ich werde es erfahren, ich werde H, 1 schon herauslkriegenl Ich wetbe meine Untersuchungen anstellen." Die Pflicht der Hötflichkeit forderte, daß Frau Attguet Herrn Toubeau ein Früststück anbot. Er trank zuerst einen Mbsmth, dann einen Cockckail. Zur Rechten der Hausfrau sitzend, tat er ihren guten Gerichten alle Ehre an und erzählte dabei, wie er von morgens bis abends im Dienste tätig sei.' Und 'daß >män Alm allein für die Sicherheit der Stadt zu danken habe. Auf seiner broiten Brust schimmerte e>m kolonialer Orden, aufdey er von Zeit zu Zeit wohlgefällig herabblickte. Er sprach ganz entrüstet üiber die Lasterhaft i«gike>it der Schwarzen. „Und , di« der Weißen?" fragte Frau Auguet traurig.. „Die Weißen?" antwortete Herr Touboau. ,Gtau-- ben Sie, daß es vielleicht ein Weißer gewesen ist, der — aber, oh es nun ein Weißer oder ein Schwarzer gewesen ist, das ist mir vollständig gleichgüMg. Ich weiß, was meine Pflicht ist, und ich werde sie erfüllen. Solch ein Schwein 1 Ich werde die Sache aus das strengste untersuchen. Um fünf Uhr, gnädige Frau, werden Sie von mir hören." Er ging endlich fort; die gute Mahlzeit schien seinen gerechten Zorn.nur erhöht und noch wortreicher gemacht zi» haben. Alber man hatte Mütze, Sara wie'der-> zufiniden. Sie hatte sich versteckt uitib wie ein gehetztes Tier in ein WiElchen Mischen einem Ruhebett und der Wand verkrochen. Dort lag sie zusammengekauert wie ein Häufchen Unglück: ihre Angst schien sich -noch vergrößert zu haben. Fnm Auguet stiyte gjt ihrem Mann: ,/Laß mich mit ihr allein, willst du? Die Männer machten ihr Angst — jetzt", setzte sie mit leiser Stimme hinzu. Nachdem Herr Auguet sich entfernt hatte, tat sie das, was das einzig Richtige war, weil sie eine Frau., eine gute und mütterliche Frau war. Sie nahm das Kind liebevoll aus ihren Schoß. Und Sara, die wieder ganz ebne kleine Wilde geworden, umklammerte ihren .Hals mit beiden Händen, legte das Gesichtchen auf die Schulter, klammerte sich mit den Beinen fest um die .Hüsten der Frau, in deren Schutz sie sich völlig geborgen glaubte, und nahm 'die Lage ein, in der die Mütter an den Ufern des Fatalla, wo sie geboren war, ihre Kinder zu tragen pflegen. Nachdem sich Sara völlig beruhigt hatte, ließ sie sich mit einem schönen Stoff umhüllen, einem Stoff, auf dessen grünem Grund viele rote und gelbe Blumen prangten und der wie eine blühende Wiese zur Regenzeit aussatz. Als dann Sara endlich danübar die ihr gebotenen Zuckerstückchen nnmiahm und zu knabbevll begann, saih Frau Auguet, daß sie keim Angst mehr hatte. Dann evst fragte sie gang leise: „Der Mann, 'dar Mann von dieser Nacht — kennst du ihn?" ,/Jch Mann kennen," amworiebe Sara, „und du auch Mann kennen ..." ..Ich kenne ihn?" frug Frau Auguet .tief erschrocken. ,^tt," nickte Sara, „ist Kommandant und essen hier!" Irr 'den Augen -dieser Schwarzen siird alle Weißen, die irgendein Amt bekleiden, Kommandanten. Ein entsetzlicher Verdacht stieg m Frau Auguets Seele auf: ihr Mann also — ihr Mann? Ach, was kann ntan nicht alles erleben 1 ..Sage mir, wer es ist, sage mir, wer es ist?" In ihrer Erregung heckte sie die Stlmme erhoben» und Sara, die wieder an allen Gliedern zitterte, gab keine Antwort. Frau Auguet bcherrschte sich und sprach der Kleinen mit sanfter Stimme zu: „Sei doch ruhig, ich An doch fetzt bei dir! Wer Wtmte dir eint Leid gufligen, solange ich bei dir bin? Komm, sei gut, sage mir, wer es ist?" Sara deutete auf einen Platz des jetzt abgetragenen Sp eiset isches mrtd sagte: ,/Da gegessen, mit dir gegessen, ganz trotze bei dir." „Der Poliseikontmtsfar?" rief Frau Auguet gaw» vernichtet. ,^Fa", sagte Sara. Da nach diesem Geständnisse sich nichts iveiter ereigne-te und auch der Grund ihrer Ftrrcht, der Herr Poltzetkommlssar, nicht sofort erschien, um sie tot zu machen und aufzuessen, so beruhigte sich die Kleine und verknakberte den Rest ihres Zuckers. MElich um fünf Uhr -- wie er versprochen —- stellte Herr Toubeau, der Poliizeikömmisfar der Stadt Boke, sich wieder ein. Seine Sti-rn war m,it Schveiß bedeckt, wie dies nur nallürlich, wenn man >den gamyen Dag ehrlich gearbeitet hat. Samba Taraore begleitete ihn barfüßig wie immer, aber da or doch im Dienste war, hatte er seinen blauen Dolman Liber der schwarzen .Haut fest zugeknüipft. ,^Fch habe ihn noch nicht gefunden," erklärte Herr Toubeau, „aber ich werde ihn finden. Ach, ein so brutaler Kerl! Ein Kind zu vergewaltigen — sin armes, hikfloses Kind! Aber ich wotzde ihn schon finden, ich werde ihn zur Stelle bringen, und wenn es der Gouverneur selber sein sollte. Ich werde ihn an Hätrden und Füßen gefesselt hierhin Mren. Eine solche Kanaille 1" „Die Kleine sagt, daß Sie es seVÜst gewesen", hauchte Frau Auguet mit leiser, zitternder Stimme. Das Gesicht des Polizeiikom-missars verwandelte sich plötzlich, er erbleichte jäh und stammelte ein paar unverständliche Silben; es war, als ob sein keck ihemufgewirbelter Schnurrbart herabsänke. „Das, das hat sie gesagt ... sie hat das g^fogit?" Aber eS war ein ganzer Mann. Diese Anwandlung von Schwäche dauerte nur einen Augenblick. Er fand bald seine Geistestgegenwart wieder und sagte mit vollkommener Ruhe: „Nun demt, ja, ich bin es gewesen! Was bedeutet das? Eine Negerin? Das hat nichts zu sagen.". Uttib in würdiger Haltung, mit festem Schritt vor» ließ dieser Hüter 'der Moral und der Ordnung das HatrS. Samba Taraore 'machte 'Nti't ihm ke!hrt, nachdem er ehrerbietig wiederholt: ,Meine Motlsso Sara halMputt —: 'das hat nichtzs zu sagen." Herr Auguet dachte einen Augenblick nach, dann sagte er zu seiner Frau: „Wenn du klug bist, so emälhle diese Geschichte, -einem Menschen." Aber sie hat mir sie doch erzähl

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