Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2853 (6.2.1927)
- Date
- 1927-02-06
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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s. FeLnrar KS7 GeS» 7 Nr. 2853 Wien, Gsrmj»« 4RtNCf M»rg«»j«Uimtz SqMtM ltw% Ä» ttv» füM» Win - Mptig (L Fortseh««-.) .Mirjam, mein GoK», Wf mir bloß 'rein. Sei * KabaÄkts str'eDr Mnal bei Gr ab. Es gab da einer) ruhig. Das Letzen gerettet. Und Du.? Du? Bist Du gesund?" Mestizen, eine Brasilianerin, englische lNrls, skandinavische Künstlerinnen. Menkommendes Wesen als such durch Evachre HerzenGgüte die Sympathien und Zuneigung ttmÄichrr Hörer erworben. Die Mische Technkkevschaft wird ihm stets «in chttndoS und dank, bares Angedenken bewahren. Gin MSdchenhSndler. Wir haben vor kurzem über -dic Beryasrung des «Vjähri« gen angevlichen Oekonomen Karl Rudolf Am on»Kriech» bäum berichret, der seit dem Hertlst 16LÜ mit einer Tänzerin gemeinsam gelebt und sich von ihr mit dem Geld unterstützen hatte lassen, das ihr galante Abenteuer einbrachden. Der Mann, der auf Frauen und Mädchen einen urcheivvollen Einfluß ansübte, hatte die Tänzerin gegen den Wissen öer Eltern entführt und sie durch Drohungen davon abgiehalten, eine Anzeige zu machen. Auch gegen eine Freundin der Tänzerin hat er sich schwer vergangen und ihr den Antrag gestellt, einen unsittlichen Lebenswandel zu führen. Wie aus Briefen des Mädchens an feine in Mödling wohnend« Mmter hervorgeht, hat Amon-Kriechbarin eS.in Deutschland veranlaßt, galanten Abenteuern gegen Bezahlung nac^ugehen und von diestrm Verdienst bat er gelebt. Schließlich gelang es der Filmstatistin. sich aus fernen Klauen zu befreien, doch ist die EnMhrt« seither nicht z u r ü ckgv kehrt. Die Behörden werden sich nun eingehend mit dem Mädchenhändler befassen. Eine Hochstaplerln. Das PoligeÄommissariat Tvbbing hat die 46jährige angebliche Opernsängern! Helene NeiSner, die sich den Künstlernamen „Roda" beigelegt und zurgeit keinen fchben Unterstand hat. wegen mehrfacher hochistaplerischer Betrügereien mit einer Schadenssumme von etwa 300 Schilling dem Landes» geeichte eingeliefert, so har sie bei der Milchverschleißerin Wilhelmine Schändtner Schulden in der Höhe von 200 S. gemacht. Sie hat ihr überdies 15 S. unter der Vorspiegelung entlockt, sie besitze in Daten eine Wiese, die sie verkaufen wolle. tzrn Hmel „Grinzing", wo sie früher gewohnt hat, hinterließ sie eine Mietschuld von 70 Schilling. Sie hat sich in der Regel als Helene Roda gemeldet und hat auch sonst Neueren Geschäftsleuten gering« Beträge für ihren Lebensunterhalt entlockt. D«r Dempeldieb von Eisenstadt. Am 23. v. M. wurde aus bum Tempel in EiferiPadt durch Einbruch ein Talli th und ein Geberriemen im Werte von 50 S. gestohlen. Unter dem Verdachte, den Diebstahl verübt zu haben, wurde hier auf Ersuchen des Gendarmeriepostenkommandos Eisenstadt am 3. d. M. der aus llsien abgeschaffte LSjäbrige Galvaniseur Israel Jakob Feld mann auS P i t o st i in Rumänien tin der Hollarv^straße von Kriminalbeamten verhaftet und gestern dem Landesgerichte mngeliefert. Er bestreitet die Tat. Untorschlaigimseii vlrreS Preßburgsr OborrvchnungSvateS. Aus Prehburg wird gemeldet: Einer der angesehensten Beamten -des Preßburger Ministeriums, der OberrechnungSrat Du s ei, hat nach Unterschlagungen Sie Flucht e rgriffen. Er verwaltete im Ministerium den Fonds .zur Unterstützung der Tschechoslowakei: im Auslande. Mitte Jänner fand eine Revision statt, wobei ein Fehlbetrag entdeckt wurde. Dusel wurde verhalten, das Geld bis E-n^e des MonmeS zurückzuzahlen, konnte jedoch die Summe nicht aufbringen und fluchtete. Er hat unzählige Beleg« mit sich genommen, so daß man mit einem großen s Schaven rechnet. - Dle eigene Mutter ermorde^ Aus Berlin wird , gemeldet: In Sch w o r n i g a.tz wurde eine 70 j äh r i g e F r a u von ihrem Sohn, als. sie in der DunkeHert zum Brunnen ging, erwürgt und in den Brunnen geworfen. Der Mörder -st verhaftet worden Gtrre Mörderin, die ihvv 30jährige Strafe abgvbüßt hat. Aus Paris wird gemeldet: Gestern wurve Frau Carrara aus dem Gefängnis entlassen, deren Verbrechen vor 30 Jahren riesiges Aufsehen erregt hat. Sie hatte gemeinsam mit ihrem Mann einen Bahnkassier in ihre unterirdische Pilzzüchterei gelockt, ihn e r s l a g e n und die Leiche, nachdem sie einen hohen Geldbetrag geraubt hatte, «ingeäschert. Der Mann der Frau Carrara wurde seinerzeit guillotiniert. Neue Strahlen. Prof. Wood von der Hop kiu s - Universi steitthat in Gemeinschaft mit dem bekannten Finan.zlna.nu LoomtS oszillographifche Messungen an schwingenden Quarzkristallen durchgeführt und es ist ihm gelungen, eine ganz neue Art von Strahlen zu entdecken. Sie gehören in das Spettralgebiet der Gammastrahlen und sind in bezug aus die physiologischen Wirkungen den Sekundärstrahlen der Antikathode einer Röntgenröhre verwandt. Die Strahlen werden dadurch erzeugt, daß ein Kurzwellen-Röhrensender et,neu natürlichen Quarzkristall zu mechanischen Ggenschwingungen anregt. Die'e Eigenschwingungen äußern sich in. einer außerordentlich starken Volumenänderung des Kristallstückchons, das sich im Rhythmus von 300.000 und noch mehr Schwingungen pro Sekunde ausdehnt und zusammenztcht. Dadurch wird der Kristall zur Quelle neuer Schwingungen anderer Art, die eine viel höhere Frequenz ausweisen. Der elektrische Stuhl. Zwei Biologen vom Rockefell«r->Jnsti.tut werden demnächst im Newyovker Staatsgefängnis „Sing-Sing" an zürn Dode verurteilten Häftlingen während ihrer Hinrichtung im elektrischen Stuhl mittels eines elektrischen Kardiographen Studien vornehmen, um festzustellerr. ob der Delinquent im elektrischen Stuhl tatsächlich sofort nach der Einleitung des elch« krischen Starkstroms in oen HinrichbungSstuhl stirbt, oder ob er, wie vielfach behauptet wird, bloß in einen Zimarch der Lähmurrg verfällt und in diesem Zustand begraben wird. AkS Gtudienohjekte sollen Moi Raubmörder dienen, die Mitte .Februar im Staatsgefängnis hingerichtet werden. Zahle allerhöchste Preise. Cnrt BrOefc VI. Bes., Hlrschesgeste Nr. £ 491 Juwe'ensahmuck gesuchtl wirken vorbe’ugend und lindernd die ärztlich erprobten und empfohlenen Scsilwaim Knoblauchtropfen. Vorzüglich bei Frauen in den Wechseljahren« Preis S 3.50. Erhältlich in allen Apotheken. ist Erzeugung: Alte Feldapotheke, Wien, l. Stephansplatz. Sie lhotz, stützte, trug ihn. Aus ihrem Haar quoll Duft, und der Alte, schmerzentrückt, sank mit dem blutigen Gesicht m dos mädchenhafte Blond. Wie Bräutigam, damals, jenseits, lächelte, atmete, seufzte er. Aber die Mutier, ganz, gang in dklser furchtbaren Siunide, dachte: „Und Mel, Mel, mein Mnd?" Der Mur, die schiefe Treppe, plötzlich wimmelte alles von Juden. Aus jeher Dlür quollen sie, schlugen das HauStor zu, schalten jiddisch, polnisch, russisch, lettisch den Alten. Wie konnte ex sich auch auf die Straße wagen! Frauen kamen Mit nassen Tüchern. Eine Alte bedeckte das entblößte Haar der Mirjam unid murmelte hebräisch. Alle, scheltend^ keifend, mühten sich liebevoll; Menschen aus Kiew, Wa-rschau, Lemberg, Kcwno, Preßbürg, eine einzige Familie, scharten sich um die alten Adlers, verkrochen in dem hinfälligen Haus, zchammenlebend mit Hühnern, Flöhen, Wanzen, Katzen, Wand an Wand mit dem haßerfüllten Femtz, dem blonden Germanen, dem weißen Arier, ein Floß Schiffbrüchiger, denen der gesichert Schiffende nicht Seil, nicht Look, nicht Hoffnungswori zuiwars, sondern die er mit Fußtritt, Much und Schuß grausamer ins Vorderben jagte. ' „Mel, mein Kind —" — — — — — —, Da hatte Mel die Geige siniken lassend Priska' LuLlmers Schrei stieg im gleichen Augenblick auf wie das Schnrerzigoheul seines Vaters Ge.rsou. Ein eisiger Schauer ützerlief ihn. „Ihr Feiglinge!" schrie er, sprang vom- Podium, stürzte durch den gpldeneu Saal, den blauen, ins Flehte pompejanischr Foyer, in die Garderobe, wo der schwarzsilberne Portier cm der. eisernen Jalousie des Ausgangs lehnte, lauschte, indes die zwei Garderobefrauen, das alte geschminkte Toilettenweib, Willy, der kleine Chasseur beseligt angstvoll ein einziges Wesen , zu hi den schienen. . Einmal hatte, eilt üppiges Lustrum lang, a'ls die. ivestliche Welt iwch im süßen Schlaf des Nichtwissenwollens wvllustreich träumte, . „Casino de Paris" über der funkelnden Tür dieses kleinen Luxusrestaurants gestanden. Dann war es, als der erste Schuß des ersten großen deutschen Krieges siel, gelöscht worden, überklebt. „Zur Heimat" hieß es damals und schenkte geheim französische Weine aus, hatte Eiskeller voll verbotenen Fleisches und Geflügels. Unter falschem Namen gab es Eierspeisen, geschlagenen Rahm, geschmuggelten Kaviar, Austern. Dann wurde es entdeckt. Die Tür wurde geschlossen, der Betrieb verboten. Der Krieg stieg, raste, grassierte, und hinter den Rolläden tanzten die Urlauber. Offiziere mit nackten Frauen, geschininkten Jungen; spielten mit verbotenen Goldstücken^ tMschten geraubte Kunstwerke, entführte Mädchen. Dann das Ende des gwßen Mvrdens, die Ausschweisimgen des Besiegten. Nichts mehr stand über der Tür dieser lustgeweihten Stätte. .Hreresbedarfsartikel mtrden in den Räumen verschleudert. Monds, hinter den gesicherten Fmstern, tobte die Orgie des Unterganges. Im Winter des Jahres einundzwanzig — Christus, endgültig tot, sollte nicht länger den Kalender zieren; wir schreiben ab neunzehnhundert neu imd anfänglich; diese Welt hier, jetzt, heut besteht erst seitdem; sie hat nichts mehr mit Christus gemein; wir wollen erst wieder einen kreuzigen! — im Winter einundzwanzig erivarb ein alter Komödiant diese verdorbenen Räume, ließ sie in der Pracht des Simili neu erstehen, schrieb „Eremitage" über die Tür aus «tem Holz und Kristallglas und Nickelgriffen, setzte eine ausgediente Dirne in die Toilette, machte einen Matrosen, der das Schloß geplündert hatte, zum Portier; zwei Frauen, die in Wilna im Regimentsbordell dem Heer gedient hatten, kamen in die Garderobe; Willi, der schlanke Chasseur, hatte sich in der Napoli-Diele der Bülotvstraße finden lassen. Und nun ergoß sich der Unrat Berlins in die Eremitage, fraß mid besosf sich im goldenen Saal, imi blauen Salon, im türkischm Salon, in der japanischen Galerie, im Spiegelkabinett. Im dritten Stock dieses Kursürstendammpalastes, fünf Minuten von der großen Kirche des Kaisers, war ein Fremdenheim. Man konnte geraden Wegs von der Eremitage da hinauf sich fahren lassen und ein Bett mit Zimmer und Bad für den Rest der Nacht Habens Hafte man unten nichts Passendes gefunden, so bot sich unter den Insassen dieses Fremdenheims der Baronin Brugg allerlei Auswahl. Die Tänzer und Tänzerinnen der Jetzt vergaß sich Abel Wler vor dieser Tür. Gr fchlutz an den eisernen Laden. „Hoch! hoch!" Draußen heulte der Mob. Die Flucht des Lebendigen vor ihm, seine leeren Hände, der Blutdurst, den noch kein Tropfen gestillt hatte, diese Jagd ohne Beute, machten ihn rasend. Als witterte er den Feind, das Geld, den Juden, die gewissenlose Macht hinter diesen verbarrikadierten Riesenfmstern, drang er in den Borgarten, warf sich gegen das Haus. Steine, Stöcke schlugen an die Eisenwcmd, und die Stimmen von tausend Rächern, Feinden, Neidern drangen wie Brmidung eines fiebernden Meeres gegen dieses angsterfüllte Eilaiid. Aber einer wollte zu ihnen hinaus, Mel Adler. Ev glaubte: ein Wort aus dem Herzen zu ihrem Herzen —' itnb sie gehen demütig davon. Ein Anruf der Liebe, und sie erliegen... Was nwllen sie, was fehlt ihnen, wonach hungern sie: Liebe! Er zog cm dem Gurt. Scheu, langsam, widerwillig, hob sich der Rolladen, das Licht der Eremitage drang unten hindurch, ruhiges, duftendes, weingewürztes Licht. Da waren Stiefel, Männerstiefel, Frauenlatschen, ausgefranste Hosenbeine, schlumpige Kleiderfäume Aus den Sälen war man denr Geiger nachgelaufen« Priska, die Schöne, die teuerste Frau vom Kurfürstendannih hatte Harry Benthien, den gwßen Maler, sitzen lassen und und war. dem jungen Abel gefolgt. Jetzt warf sie sich, bis! zur Selbstvergessenheit exaltiert, vor ihm auf die Knie. I /,Geh' nicht. Ich sterbe mit dir. Sie töten dich" ‘ Er hörte sie geiviß nicht. Er hängte sich an den Gurt? rmd die Jalousie stieg cinpor. Schon sah man Beine; keine Hände. Alle Arme tvaren erhoben. Eisige Lust drang herein. Und tiefe Stille. Ein Schweigen, das so lautlos atmete, daß es Grauar verbreitete. Die siirchtbare Menge draußen schwieg, schwieg. Es war. so ungeheuerlich, daß da etwas sich öffnete, daß da der Feind sich ihnen stellte, daß maty freiwillig, ihnen Einlaß bot... ' - Ein ganz junges Mädchm, braunhaarig, in einem weißen Kleide, mit blaßen Armen, stand zwischen dem entsetzten Menschen und hob die Arme. Einen Augenblick sich Älbel Lldler sich um und sah in ihre Augen. Er kannte sie nicht. Sie war das einzige reine Wesen in diesem Hauset; An der Schulter hielt sie ein Mann, der sie ungläubig anstarrte. Er sagte unaufhörlich: „Oliva, Oliva." Alle kannten ihn. Es war der reiche Cornelius Wassiteff. Er hatte mit seiner Braut, Oliva Leu, der Tochter des Schweizer Seidenkönigs, seinen Sieg gefeiert. Preisträger des Autorennens Basel—Pforzheim—Würzburg—Weimar-Berlin— Hamburg. Die Gäste seines Tisches standen rings um das Paar. Die Spannung nmr unerträglich ,F)liva", flüsterte er. „Oliva, besinn dich" Mer sie starrte den Abel Adler an, dm sie heut zuur zwettm Mal gesehen hatte. Sie kam herein, den grauen Pelz noch umgeschlagen; rveil sie fror. Er spielte, alleur> ohne BegleitlMg, die Zigeunerweisen des Sarasate. Er sah sie nicht. .Er sah sie den ganzen Zlbeni» -nicht, während Oliva Leu davon zu leben schien, daß ihr Blick Lltnn, Lächelt^ Worte aus ihm schöpfte. Es blieb keinem verborgen. Derschöne Wckssilesf trank besinnungslos, aber kein Rausch verschleierte ihm die Wirklichkeit^ Sein Herz erkaltete. Er) fühlte: Oliva, die geliebte Llngebetete, verließ es. Da stand sie nun, haßte Priska Lnüliner, beneidete die schöne Priska, die sich vergaß und Abel, dem Geiger, zu Füßen lag, eine herrliche Magdalena vor einem Knaben, einem schvarzen Knabm Jesus, der Liebe zum Volk predigen wollte. Er hing am Gurt, der Laden hob sich Eick Schrei, endlich, tausendfach in einen gefaßt, brach draußen los. Sie imtterten Blut. Da rief Priska: „Ich vor dir!" Und in. ihrem blausilbernen Brokatkleid, die ttacffeit Schultern mit der Aquamarinkett« voran, kwch sie unterder Jalousie hindurch, dm Geliebten zu b«fen, ihr Mut vor seinem zu verspritzen, liebende Frau... Nud hier geschah das Gräßliche. Der Gurt, an be»u Tlbel Adler hing, morsch von unzähligem Auf und M vor Polizei rmd Streifen und Nazzim, der Gurt riß... Der eiserne Laden sauste hinab, stürzte auf das Kreuz der Frau, die auf die Straße kwch und vollendete ihr Opfev, ehe sie es Hatte bringen können. Ohne Schrei brach sie itSe* der, den Rücken zerschmettert. Schwaigen inmn und «rußen. (Fortsetzunim MmckagSlatt)