Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2853 (6.2.1927)
- Date
- 1927-02-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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»seile 6 Wien» Soinitag Wiener Morges-ettang S. Februar 162^ Nr. 2888 firM Her Zlnnlsten-R6tisianlsieg Oisttrrclclis. Heute Sonntag, den S. Februar, um 11 Utir vormittags, im Verbandsheim, 4 Schottenring Nr. 13 (Cate Müller) Fortsetzung der Diskussion über die Pariser Konferenz der Zionisten-Revisionisten und Über die Frage der Jewish Agency. Zionistische Oäste willkommen! Mit Rücksicht auf diese Zusage der Student^nvertreter verfüge ich, daß ab Montag, den 7. Februar 1987, die Vorlesungen und Uebungen im Bereiche der Universität -- mit Ausnahme der beiden anatomischen Institute — wiederaufgenommen werden, mache aber aufmerksam, daß die geringste Ueberschreitung dieser Zusage die sofortige Sperre der Universität nach sich ziehen würde. Ich gebe der Erwartung Ausdruck, daß die Studierenden — des Versprechens ihrer Führer eingedenk — die M ä ß i g n n g und Besonnenheit an den Tag legen werden, die in ihrem eigenen Interesse und mit Rücksicht auf die Würde des Akademischen Bodens geboten erscheint. Der Rektor: Malisch. ein nilchtliqer Wenlrenzdmnnikl in Da fflfmtnztRtate. In dem hatcnlreuztenj^n Hetzblatt, das ungehindert Mordlisten jüdischer Persönlichkeiten veröffentlichen darf, war für gestern abtnds ein „Bummel" auf der Kärntnerstraße angeordnet rvorden, dem etliche Radaubrüder Folge leisteten. Abends fand in der Volkshalle deS Rathauses eine Halenlr^uz'.erversammlung statt. Dort wurde die Parole ausgegeben, geschlossen über die Ringstraße zu ziehen. Die Polizei hatte umfangreiche Vorkehrungen getroffen und verhinderte einen geschlossenen Aufmarsch. Die Hakenkreuzler gingen deshalb einzeln zur Opernkreuzung und veranstalteten an der Sirk- Ecke einen Krawall. Die Polizei nahm einige Verhaftungen vor und zerstreute die Demonstranten. Sie Lage der jüdischen Studenten an den leich-deutsche» Hochschulen. Von Dr. Stephan Krauß, Univ.-Assiistent in Heidelberg. Die jlüidische Oeffentlichkelt gewinnt immer mehr Dsr-anlassung, sich mit den Vorgängen an Hochschulen des In- und Auslandes zu heschästigcn. Es ist charakteristisch, daß die reaktionäre Welle, von der die Nmnerus clauq'uEeweMNg nur ein vor dem wirtschaftlichen Antisemitismus seinen Schatten werfendes Symptom ist, seine diensteifrigsten Vortrupps in den Reichen der Student.'nschaft findet. Sie wird, wosür ein geeignetes geistiges Futber zu sorgen hat, zum wiMächrigen Instrument der um iihre Privilegien bangenden Kasten des feudalen Grundbesitzes, der hohen Beamten und der GroßindrOrie. Das Lied von dev akten Burschercherrlichsseit, es klingt inmitten einer in ihrem Gofüige sich wandelnden Gesellschaft nach bittersüßer Melodei, und irgendein romantischer, ins Rebulistische gesteigerter Trotz sucht sich seine Schilupfwinckel in den früheren Hochburgen ländevbeKwingender Fvsiheitsi'deen. Das waren unsere Hochschulen, e>he in den B-echer des Wissens der Gifttropfen fiel, der den auifftrebenden Stamm unserer Intelligenz nun schon an der Wurzel bedroht. Salvsmn bekannt mit der Art u»n>d Weise, in denen die Wiener Universität vor dem Lehramt das Jndensieb au spannt und vor der wißbegierigen Jugend im Schmuck der exquisiten Haken-- kreuzliteratur zu prangen sich bemülht, wendet sich unser Interesse den Verhältnissen in jenem Lande zu, dessen Einfluß für uns noch von großer Bedeutung sein wird. Um die reichSdeutschen Hochs chulv e rhäl tn i ssc zunäckst zweckdienlich in weiterem Zusainmenhang zu betrachten, mutz betont werden, datz es schon aus Grund der soziologischen Struktur der deutschen Gesellschaft zu einer Einseitigkeit in konfessioneller oder parteipolitischer Hinsicht nicht kommen kann. Der Katholizismus inkibesondere befand sich in Deutschland die längste Zeit in einer mchr oder weniger gedrückten Stellung, so datz er sich den klevikal-antisemitischen Einschlag., wie in Oesterreich und ln anderen Ländern, in denen er Vormachtpokitik betreibt, nicht erlauben konnte. Andererseits hat sich Deutschland auch nicht der Segnungen des Zweiparteiensystems zu erfreuen. So bringt es die Situation, in der sich mC&me große Gruppen die Wagsschale halten, mit sich, daß im Grunde genommen von mchreren Selten auf Gesetzlichkeit peinlich geachtet wird. Bekanntlich spielt sn dem großen, attfiwÄ'hlenden Verfassungskampf, der jetzt innerhalb der deutsch?« Studentenschaft vor sich geht, was reichsdentsche Staatsbürger anbelangt, piß Judenfrage gar keine Rolle. Es lauh.'t nämlich § 1 der Satzungen dar deutschen Studentenschaft: „Mitglieder der Studentenschaft sind alle voll immatrikulierten Studierenden deutscher Reichsang-chörigjkeit sowie diejenigen deutscher Abstammung und Muttersprache." Mer dieser letzte Passus, die sogenannten „A u s l a n d d o u t s ch e n" betreffend, barg den — vielleicht willkommenen Zündstoff. Pichls lag näher, als wenigstens in diesem Punkte, nach dem Vorbild der berüchtigten „Kammer- , wählen" an den österreickl.schen Hochschulen, den Rassenstandpmrkt durch',us.'tzon, wie dies auf dem Bonner Stndententcg des vergangenen Jahres geschah. Mer die Rechnung dieses sonderbaren .MnschlusftS" ' war ohne den Wirt gemacht: nicht überall wird das verschlagene Liebäugeln mit der Reaktion mt täglichen Regieruugkgescktfft geduldet. So kam es, daß der preußische Unterrick.tSminist.er Dr. Becker Im Sinm des preußischr-n Stuidentenrechtes, das nur die Vertretung der Gescm!h«it der Skndiermden staatlich anerkennt (vyl. Silvio Conti, DaS preußische Studentenrecht, 1936), die Forderung nach GatzungSündrrung oder Auflösung erheb, auf die korrekte ,,H e 1 d e lst e r g e r Verfassung" als Leiisipielgilbend himvieS und die Mahnung auSsPrach das „grohdeulsckv" Ideal nicht durch eine völkisch-rasienschiltzlerlsch? Interpretation zu vevfäffchsn. Die deutsche Studentenschaft hatte in wackfender Anstvallung grgen die Staattzautorltät nichts eiligeres zu tun, a!S die Heidelberger Studentenschaft auSzuschließcn. Schließlich aber fällt sie in dhre eigene Grube, denn mit der jüngst ans der Tagung der westdeutschen Hochschulen in Honnef beschlossenen Billigungsrcsoln'tion für den Minister hat der Zepbröckelurgsiprozetz m aller Stärke eingesetzt. In dieser Zeit der Verirrungen hat «8 besondere Bedeutung, daß gerade am heißesten Punkte, in München, oin Mann von Würde und Freimut, der derzeit'ge Rcktor und be.7<Dmte Romantist. Geheimrat Karl Doßler. sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung e'ihcb. Nachdem ihn vor kurzem bei der Jahrhundertfeier der Münchner Umversität die deutsche Stnidentervschast durch Aufschluß der jüdischen Kor- » Eine Bibliothek von 300 Bänden! Eine Pelästlnareise I Fünf Dunam Boden in Palästina I Das sind die ersten drei Preise der groSen Kreuzworträtsel - Konkurrenz, die nächste Woche in der „Wiener Morgenzel'ung“ beginnt. Sie umfaßt 50 Rätsel. Außer diesen drei Hauptpreisen können Sie eine ganze Reihe anderer großer Preise gewinnen. Fünfzig Rätsel — fünfzig Preise! Beachten Sie unsere weiteren Ankündigungen I porationen vor fertige Tatsachen gestellt hatte, durchkreuzte er bei der R-nchsgründunMeier ihre auf das gleiche Ziel gerichteten Pläne und hielt bei dsm-on- .strativrr Mwesenh-eit der Couleurstudenten an Stelle des angcscgten Redners selbst seine wuchtige Ansprache und Anklagerede über „Politik und Gnstigkoit". So geschahen in München — auch Mr den Wiener Hausgebrauch sei dies Rezept wärmstenS empfohlen 1 ES ist übrigens d.rselbe Boßler, der im letzten Heft der jüdischen Zeitschrift „Der Morgen" in einem Aussatz jüdische Herkunft rmd LkteratpUhistovik" sich energisch gegen den Rassen-Llteratuvhistoriker Bartels wendet. Dies Verhalten h.bt sich scharf ab vom Wiener Requisit der zarten Verschämtheit. Es vst eine Folge her bereits au'sgewiesenen soziolcg.schen Stellung des deutschen Judentums, datz eine jüdisch-nationale Vertretung der Mischen Studentenschaft bisher nicht in Frage kommen konnte; insbesondere aber grenzt es an Tragikomik, wenn oin österreichischer Jude etwa seine Rechte als „Auslanddeutscher" zu verteidigen in die Lage kommt. Auffällig ist es aber, datz die Zahl der in Misch-akademffchsn Verbindungen Inkorporierten eine vschättnismähig geringe ift. Auch eins talkräftige Mion für die Jerusalemer Universität wäre zu wünschen. WaS die Ostjuden archelangt, s-y fanden sib früher allerdings wie andere Ausländer Schwierigkeiten bei der Aufnahme, die aLsr heute g schwunden sind. CS bedarf kaum der Erwähnung, datz man bei dar fast durchgängig gewahrten Aschigen Disziplin an den reichKdeuWen HMchukn, die ein« Ausbreitung dss , > IIJHIil »»UH» I 1111 , Haute abends halb 8 Uhr Dr. Präger: Jüdische Schwänke Mittlerer Konzerthaussaal j PSbelantisemrtiS.mus nicht zulätzt (d'r geschätzt« Autor hat an Hannover vergessen — Red.) und höchstens den von Ghamberlain genährten Scheinstildungsantisemitis' muS blühen lätzt, davon verschont bleibt, durch aufdringliche Hakenkreusplakate un-d Mbzeichen anK:widert zu werden. Was aber am wichtigsten ist, ist die Tatsache, daß unter den Hock-schullchrern sich geniügenid verantwortungsvolle Männer finden, bi6 der deutfchen Jugend wlMiche Führer und Mahner sind. Dies gibt den Mut, dom Krankheitspregetz in der druöfchen Studentenschaft schließlich doch «ine günstige Prt^nose zu stellen. Wenn die Anzeichen nicht trüg-en, wird mit -dsm Durchdringen einer wirklich republikanischen Gesinnung der Fried« elnkchren, ein« Dorb«din'gung, d^ron Erfüllung auch in Oesterreich gefordert und erhofft werden kann. Men, 6. Februar 1627. Die Wiener Woche. Der Aufruf des Rektors der Uniberfiiat an die Hörer, neben der Arbeit des Geistes die sportliche Betätigung nicht verkümmern zu lassen, war von Erfolg begleitet. Studenr« haben am Ring BoLkämpfe auögetragen. Ergebnis: So und so viele Knockouts bet Wahrung der völkischen Belange, wodurch Wien wieder als Zentrum der autonomen tzochschulle^besübungen gerettet wurde. Auch die Schietzstätte in der Universität hat sich bewährt. Sie kann im Ernstfall nicht niehr als Zeilscheibe des Spottes gelten, da sie ein Kultur^amt^ bekleidet. Und so hat sich über das Dorf Wien ein Schatten gesenkt. Daher der Name Tchattenvorf. — Die Nattengroßkampstage haben aber dem Frühstücksgulyas dieser Stadt neüen Inhalt gegeben. Es hat einen großen Kampf gekostet, bis man das Resultat erfahren konnte. Man kann den Köder auslegen, wie man will, die Natten goutieren ihn nun einmal nicht. Nur zahlreiche Kater haben angcbissen. Die wurden denn auch zur Strecke gebracht. weshalb das ganze sozusagen für die Katz' war. — Daran ift der B r e l t n e r natürlich unschuldig. Er gab schlietzlich nach und ließ sich in eine Versammlung schleppen, um zu erllären, datz er nicht nachgcben werden. Ob die angedrvhte Sperre gewisser Lokale das Nachtleben der Wiener, die doch auch schon h« Tag nichts zun» Leben haben, ernstlich gefährden wird? Allerdings, es gibt Handlungen der Verzweiflung: Viele hören sich jetzt schon im Radio die abendfüllenden Schneeberichte an, ohne Widerstand zu leisten, oder die am Montag oder Dienstag abends mitgetoilten Sportresultate vom Sonntag. — Der plötzlich eingetretene Poststreik hat das Geschäft belebt: Zahlungsaufträge der Steuerämter und Mahnklagen blieben aus. In einer Enquete wurde beschlossen, solche Poststreiks im Interesse des Abbaues der Insolvenzen und zur Sanierung der Sanierung des öfteren einzuschalten. Durch die Ernennung des neuen Direktors der Akademie hat Wien als Musikstadt wieder von sich reden gemacht. Die Professoren schlugen gemäß ihrer Autonomie einen Direktor vor und der Ilntervichtsminister schlug ihn gemäß seiner Autonomie ab. Die Musiktradition der Stadt halten übrigens auch noch der Beethoven-Film und die neue Marischka-Operette hoch. — Im Parlament geht alles seinen gelvohnten Gang: die Volksvertreter beheben anstandslos ihre Diäten und di« zwei Parteien des Lengdes, die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten, haben die Wahlkampagne mit der bewährten Parole begonnen: „Haust du meine V^den, hau ich deine Juden", wodurch dar bisherige Kräfteverhältnis weiter gesichert erscheint. — In der abgelaufenen Woche fand keine Bankenfusion statt, und der Ruf: „I bin b'stoch'n!" war nicht vernehmbar. — Bor einigen Theatern herrschte dagegen großes Gedränge. Kunstliebende Frontkämpfer von zwölf Jahren aufwärts machten dort leichten Dienst. Sie gaben vor, die Sittlichkeit zu retten, was einen Teil des Publikums vom Besuch abhielt. —' Rothstock ist bald wieder in unserem Besitz; dafür werden manche nach dem Studium der über den hoffnungsvollen Jüngling verlautbarten psychiatrischen Befunde in das Irrenhaus wandern. Der Großteil der Wiener bewahrt aber vollkommene Ruhe. Darum sehen auch die meisten so culsgeglichen aus ... Ali. Das Wetter. Ueber Novdeurapa sind mäßige Druckwellen hereingebro« chen, >:ie einen Temperatursturz bewirkt he/en. Ayf den Bergen ist sogar Schnee gefallen. Die Vorhersage kaute«: Vorwiegend heiter, miß», tn den Alpen Nachtfrost später neuepliche Storungen in AuSst^t. L70W0 ArboitSios«. Ende Jänner wurden in Oesterreich insgesamt 88B.47& Unterstützte Arbeitslos« gezäTT!. Dies« Zahl verteilt sich folgendermatzen: Wien (Stadt) 86.488, Wien (Um, gebung) 14.283, Wr.-Reusiadt 80.86® St. Pölten 12.888, Gmünd 8646. Sauerbrunn 6783, Linz 88.748, Dalyhuvg 487h. Graz 24.330. Klagenfuri 8881. Innsbruck 6820, Bregenz NVA. Zu dieser angegebenen Zahl von <*-6.476 unterstützten Arbeitslosen kommen noch lene Arbeitslosen, die bei den Arbeit-- nachweisstellen zur Arbeitsvermittlung vomemerkt find, ohne eineUnterstützungzu beziehen, di« sich auf etwa 86.000 Personen belaufen. Töd'icher Straßou-ahnunsnll. Der 341Lhrige Pfründner Johann Messarascki wMe gestern auf emon fahrenden Mrotzenbahnzug auffteigen. stürzte jedoch vom Trittbrett des Beiwagens ab und «urd« eine kurze Stricke mitgeschleift. Er erlag noch vor dem Eintreffen der RettunaSgesevschast seinen Vevletzungon. Selbstmord eines Lehrlings. Der löjÄrige Lehrling Johann Straffer wurde vsstsrn gegen halb 7 Uhr abends in der mit Leuchtgas erfülltan Küche der elterlichen Wohnung. 10, Bez.. Greineraasse. leblos im Bette aufgesunden Nach einem Mschtedsbrief liegt Selbstmord au- Lebensüberdruß vor. Zum Ableben de- Professor« Daub. Der jüdifch-akademlsche Technikerverband schreibt uttii Professor Hermann D a u b. der am 1. Februar infolge «in«ß Unfalles auf ,<» tragische Weis« ums Leben gekommen ist, war durch viele Jahre Fürsorkerrserent an der Technischen Hochschule. In dieser Eigenschaft hat er sich sowohl durch sein «nt»