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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-06 · Heft 2853 (6.2.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2853 (6.2.1927)
Date
1927-02-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Wiener Wtorgenzettuug Nr. 2858 6. Februar 1W7 Englands Aatereffe an Palöm«-, Sin SeivrSch mit Kolonei Wedgwood Bor wenigen Wochen war Colonel Wedgwood,;l>er führenden englischen Parlarirentarler, einer der lrenesten Freunde der zionistischen Sache, zu kurzen; Aufenthalt in Wien, damals, um auf der Durchreise sich in der österreichischen. Hauptstadt ein wenig umzutuy. Sekt Freitag ist Colonel Wedgwood wieder Gast in unserer Stadt. Diesmal hat ihn eine freiwillig übernommene Ausgabe hieher geführt, die so ganz dem Wesen dieses Mannes entspricht, dessen Grundzurg Konsequenz und Zielsicherheit in allem und jedem bildet. Der Freund der zionistischen Bewegung hat sich aus freien Stücken erbötig gemacht während seiner Reise aus dem Kontinent Propaganda für den Ausbau Palästinas durch das jüdische Volk zu treiben. So ist denn beim Mittagsgespräch im Hotel-Spcisesaal die erste Frage des Interviewers an Colonel Wedgwoe-d, welche Erfahrungen er bisher mit der Propaganda für das Palästina-Aufbauwerk gemacht hat (Wedgwood tomml ans Prag, wo er der dritten Konferenz des tschechoslcwakischcn Keren Hnjessod beiwohnte). „Propagandist zu sein -- lautet die lächelnde Antwort — ist für nüch nicht allzu Neues. Ich bin feit iiiciiu'it JO. Lebensjahre Propagandist für die Idee des Sozialismus und rode noch nicht 21 Jahre alt als ich zum erstenmal im Unterhaus kandidierte, dem ich seit 22 Jahren angehöre., Aber ich muß gestehen, ich habe mir die Propaganda für das Palästina-Aufbauwerk etwas leichter vorgestellt. Es muß sehr schwer sein, berufsmäßig Propaganda für den Palästina-Aufbau und seinen Fonds, den K e r c u H a j e s s o d zu treiben. Dabei ist mir nach! meinen bisherigen Erfahrungen eines ausgefallen: Die unteren und mittleren Klassen der Judenheit begreifen rusch und leicht ihre Pflicht gegenüber dom jüdischen Palästina-Aufbau und tun sie auch. Schwieriger ist eS bei den reichen Schichten. Es scheint mir, daß in diesen Kreisen eigentlich noch ein gewisser Zweißel an der Mitwirkung Englands beim'- jüdischen -Palästina-Ausbau zu überwinden ist; sie scheinen nicht einzusehen, warum gerade England bei der Errichtung des jüdischen Nationalheims mittut. Dies kommt' daher, weil man auf dem europäischen KonMent lehr'wenig Kenntnis davon hat, wie altruistisch nn Grunde' genommen die Engländer sind. Wir haben eigentlich von Palästina für uns nichtsizu erwarten. Man ist in der letzten Zeit gewöhnt, irgendwie das Interesse Englands am Aufbau des jüdischen Palästina aus gewissem m i l i t ä r -t \ q» c it R ü cksichten zu begründen, die mit dem Schutz des Suez-Kanals zusammenhängen. Dabei wird vergehen, was vor nicht langer Zeit im Weltkrieg geschah. Damals haben wir das Mittelmeer, das ja eigentlich nichts anderes ist als ein Kancchganz verlassen müssen. Das war die Folge-des Unterseebootkrieges und diese würde sich in einem neuen Krieg' wieder einstellen. Welches strategische Interesse böte also der Schutz des Suez-Kanals mittels Palästinas oder. Aegyptens? Unser wirkliches strategisches Interesse ist, daß lm indischen Nieer unsere Position gesichert ist und Oboque oder Massaira sind für uns viel wichtigere Punkte als etwa Rhodos oder Port Said. Das ganze Gerede von unseren strategischen Interessen, die sich mit Palästina verbinden, ist barer Unsiinr; wir wissen genau, daß wir strategisch das Mittelmeer nicht brauchen kömren. Dieses Suchen .nach politischen oder militärischen Hintergründen unseres Interesses am jüdischen Palästina-Aufbau ist zwecklos; denn sie sind nicht vorhanden, und das möchte ich auch den jüdischen Schichte-»» sagen, die über die Rolle Englands beim jüdischen Palästina-Aufbau noch nicht im klaren sind, obwohl sie seit je eine gew-isse Atmosphäre des Vertrauens mit England verbindet." ,'-r Das Gespräch, das so ins hochpolitische Fahrwasser gelangt ist, gleitet unvermerkt aus die letzten, England berührenden politischen Ereignisse, die - in C h i n a. Colonel Wedgwood bezeichnet alle Gerüchte über den nahe bevorstehenden Krieg im' fernen Osten als Ai b e r - trieben: „Ich bin sicher/daß wir keinen Krieg in (Sfyuui haben werden; denn w i r . wo l l e.n . i h -u. g.ti r ui ch t haben. Ein Krieg.mit China wurde die'Wirtschaftlichen Handelsintereffen.Englands.im..fernen Osten, viel mehr schädigen als. sie^chwa durch die chinesische nationale. Propaganda.geschädigt wurden. Wir wollen . .auch nrit Rußland keinen Kri^ führen und genau aus demselben Grund. Das sage ich als englischer Sozial i st, 'wobei der Ton üns beiden Worten liegt." Damit ergibt sich für den Interviewer die Gelegenheit, die Frage Zionismus und Sozialismus, über die sich Colonel Wcgwood schon während seiner letzten Anwesenheit in Wien ausführlich geäußert hat, wieder aufs Tapet zu bringen. „Es ist mir unverständlich — erklärt Wedgwood, — daß ein Sozialist dem Zionismus ablehnend gegenüberstehou kann. Sozialismus bedeutet au? Sklaven freie Menschen zu nmchen, ihre Selbstachtung zu erhöhen, daß sie nicht mehr den Minderwertigkeitskomplex haben. Dafür wirkt der Sozialismus in der. ganzen Welt. Der Z i o u i s m u s w i l l d a s gleiche für d i c I u d e n. Tie Juden können nicht gut Internationale sein, wenn sie nicht im felbon Stande sind wie. die anderen freien Nationen. Brüderschaft kann nur unter Gleichen bestehen. Ich glaube auch, daß die antizionistische Haltung, in der sich die W i e n e r sozialdemokratische Presse gefällt, den wahren Empfindungen wirklicher Sozialisten nicht entspricht. Bei meinen sozialistischen Freunden in Wien und Oesterreich habe ich diese antizionistische Einstellung nicht bemerkt. Sie scheint mehr ein Erzeugnis einer b e st i m m t e n Presse zu sein. Vielleicht mag in Oesterreich a'u's gewissen taktischen Gründen der sozialdemokratischen Presse die Ablehnung des Zionismus liegen, weil die Juden in Oesterreich vorwiegend nicht dem' Arbeiterstandc angchörcn, weshalb der österreichische Zionismus als eine bürgerliche Ideologie angesehen wird. Doch die Ideologie des Zionismus reicht ü b e r die einzelnen Klassen hinaus, da sie historisch und politisch genommen, das ganze Judentum umfaßt." Gespräch und Mahlzeit sind zu Ende; Colonel Wedgwood will vor der nachmittägigen Konferenz für den Keren Hajesfcd-Drive ein wenig ausruhen und begibt sich in sein Hotelzimmer. Seine Propagandatätigkeit, die ihn in Wien drei Tage festhält, ist anstrengend; aber man hat das Gefühl, daß er diese Mühe gern aus sich nimmt, denn jedes Wort und. jede Geste geben die Empfindung ehrlicher, und echter Freundschaft für die Sache, der Wedgwood' aus freien Stücken zu helfen sich ent«., schlossen hat. Hajessod-Aktwn ifrifi Hajessod-Mtwn. .Wedgwoods Ansprache. Untet massenhafter Beteiligung fand gestern im Saale des Hotels Mctropol die Kotlfercnz der zionistischen Frauen. und Männer statt, welche sich alsfreiwillige Mitarbeit«: . für die drei Wochen währende Werbeaktion des Keren-Ha- , jessod gemetbet haben. Herr Oberrabbiner 'Dr. Ehajes er- .- öffnete die Konferenz und dankte Colonel Wedgwood dafür, daß er nach Wien gekommen ist, um als das mahnende Gewissen zu den Wiener Juden zu sp rc-; chen. Stürmisch begrüßt, ergriff sodann Colonel Wedgwood das Wort und führte folgendes aus:' : Geld von' den Nebenmcnschen zu -forderst, ist im All- ' gemeinen ein unangenehmes Geschäft. Für Palästina von ' Juden -Geld verlangen, ist aber eine heilige Aufgabe, denn man bittet um 'dieses Geld, um ben Juden die Möglichkeit ' "zu schaffen, e i n n e n e s L e b e n a n f z u b a u e u. Juden gcr gemacht haben; der Schauspiehwöerüs seines Paters wird nur von einem getauften Juden, einem Tübinger Professor, bezeugt, der in dem späteren Prozesse Josef Süß' Sachverständiger und dem Angeklagten nicht gut gesinnt war. Es wäre aber auch unerklärlich, warum mir v. H'eydersdorf die auf den Ehebruch zwischen Christ und - Jüdin gesetzte Todesstrafe erhalten und nicht auch die Mutter Josef Süß'. I flacher Süßkind Oppenheimer, der Väter des Josef Süß, war in seinem Gebnrtsstädlchm Heidelberg ein kleiner Krämer. Eine Urkunde, die des bereits erwähnten Professors, behauptet, daß er außerdem und sogar hauptsächlich wegen seiner schönen Stimme Kantor und Anführer einer Schauspielertruppe gewesen sei. Joses Süß hatte drei Brüder und eine Schioester. Bon den Brüdern ist uns nur so. viel bekannt, daß zwei sich später taufen ließen und daß einer von diesen als Baron T auf f e u b e r g er am Darmstädter Hof Ka - binettssaktor war und großen Einfluß hatte. Seine Schwester, deren Schönheit gerühmt imirde, war mit einen: reichen Juden in Wien verheiratet, verwitwete jedoch nach' kurzer Zeit und starb in Neustadt bei Larwau. Josef Süß, der als äußerst begabter Knabe galt und dem ein scharfes Güwchtnis, klarer Verstand und eine rasche' Auffassungsgabe nächgerühmt werden, tvurde nach dem frühzeitigen Tod seines Vaters von einem Oheim erzogen und für die Rabbinerlausbahn bestimmt. Sein Interesse war jedoch mehr dem Handel zugewendet; besaß er'doch alle jene Eigenschaften, die ihn zum genialen Kaufmanne prädestinierten'und stempelten. Er hatte sich große mathematische Kenntnisse und viele, fremde Sprachen, insbesondere das Hebräische, ängeeignet, in. dem er sich/.an der Tübinger Universität, vervollkommnete. Sodann wurde er von seinem Oheim nach Frankfurt am Main, Amsterdam, Prag und Wien geschickt. Trotz sei-' uex glänzenden Beziehungen, speziell in Wien zu seinem Verwandten Samuel Oppenheimer, konnte er sich nirgends behaupten. Nach einer Quelle soll er sich sogar als Barbiergehtlfr eine Zeitlang schlecht und recht durchgeschlagen haben. Nichtsdestoweniger hat er sich ^während seiner Lehr- und Wanderjahre die Tcchnic und Kenntnisse der - verschiedensten Zweige, des.. Handels, in hervorragendem Maße diedes Juweleuhmrdels, verschafft und sich in den damals mehr als das Deutsche gebrauchten, srem- - den Sprachen derart sortgebildct, daß er in, der Folge -wegen seiner geläufigen Sprachenkenntnis, seines sicheren - Auftretens und seiner wohlgesitteten Manieren als Kavalier an den Fürsteichöfen auszutreten' vermochte. Gegen 1720 ist Josef - Süß wieder in seiner Heimat: Er -versucht zunächst geschäftliche Beziehungen zum Hause des Fürsten Thurn-Taxis in Frankfurt a. ' M. anzuknüpfen, aber vergebens.. Kleinere Verbindungen zu den Regierungen in Mannheim und Heidelberg gelingen ihm, ohne jedoch für ihn dauerich und einträglich zu sein.' Er schloß sich,' ohne selbst..juristisch vorgebildet zu sein, einer Advokaturskanzlei in Mannheim an; , mit dieser traf er ein Uebereiukommeu, wonach er schwierigere und wenig aussichtsreiche Prozesse seinen „Gesellschaftern" zuführt, deren günstige Erledigungen er auf Grund seiner guten Beziehungen zu erzielen versucht, um an dem eventuell obsiegten Betrag beteiligt zu sein. Vom kurpfälzischen Hof pachtete er für sechs Jahre die Lieferung des Stempelpapiers, verkaufte jedoch bald dieses Recht um einen ziemlich namhaften Betrag, verschaffte sich das Recht der Beistellung des ungeprägten Goldes itttb Silbers für die Därmstädtec Münze, um »nieder nach kurzer Zeit auch dieses Recht einem anderer: gegen ein entsprechendes Entgelt zu überlassen, 1732 gilt er.' bereits als einer der bedeuteildsten Financiers Deutschlands. Isaak Simon aus Landau, der beim serbischen Generalgouverneur Karl Alexander von Württemberg Persona grata und der jahrelange Großbankier des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg war, verschaffte' Süß Beziehungen zu dem Erstgenannten, wobei er ihn mit den bezeichnenden Worten einführte: „Hier bringe ich Ihnen denjenigen, der mir die Schache austritt." In ganz kurzer Zeit, und zwar nvch in demselben Jahre, ernannte ihn Karl Alexander zu seinen: Ober Hof- und Kriegsfaktor und Schatullenvecwalter. Er war sonnt H a u S m i u i fl e x pieses Fürsten und dessen unentbehr. licher Berater. Nach dem Tode Eberhard Liünvigs wurde. ' Karl Alexander sein Nachfolger, und damit war Joses Süß Oppenheimer in seinem Ansehen und in seiner Bedeutung gestiegen, denn nunmehr war er Resident und Kabinettsfaktor eines regiererwen Fürsten und von diesem mit der Einrichtung der kurp fä.lzischeu Münze betraut. Für die persönlichen und militärischen Zwecke seines Herrn brachte Josef Süß Oppenheimer ungeheuere Geldmittel auf, wobei er sich, wie allgemein bezeugt ist, einer vollkommenen Reellität befleißigte. Sein Gelvinn ergab sich aus dev Differenz zwischen dem günstigen Einkauf der Rohmetalle und der richtigen Einteilung des Materials, das für die Prä- ' gung notwendig »var. Dennoch waren seine Einkünfte,, 'die er als Münzdirektor bezog, fürstlich zu nennen. Außerdem verdiente er als Pretiosenhändler (Karl Ludwig war ein besoiiderer Freund von Juwelen und Edelsteinen) sowie als Bankier ungeheure Summen, die selbst für die damaligen Begriffe von fast keinem Mann im Deutschen Reiche ins Verdienen gebracht wurden. Selbstverständlich führte Josef Süß in Stuttgart ein luxuriöses Leben, das von keinem Adeligen am Hose Karl Lud wigs,nachgeah»nt »verden konnte. Es war daher auch unvermeidlich, daß sein Reichtum und die Häufung vvn Privilegien, die ihm Karl Ludlvig gewährte, den Neid des schloäbischen Adels weckte. Dazu kommt noch, daß seine Tätigkeit, die vielleicht in einer minder unruhigen Zeit für das Land vvn Segen gewesen tväre, durch ' den ununterbrochenen Geldbedarf seines Fürsten sich sieberhaft steigerte und' daß er durch dieses unzeitge^ mäße, ja fast amerikanische TemPo sich zu gewaltsan:en Mitteln in der Ausbriligung von Geldern für Karl Ludrvig verleiten ließ, die ihm später der: Kopf kosten sollten. Man war wohl bereits getvähilt, daß Juden als Hossakwren zu großen: Ansehen gelangten; Josef Süß Oppenheimer »var aber der erste, der durch Karl Ludwig tat* sächlich hoffähig gemach!: wurde. Das kom:te ihm vo»: der

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