Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2852 (5.2.1927)
- Date
- 1927-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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M. 2866 Wien, Samstag Tagesbericht. Aala an» Rampe. Die FrenrdenveLkehrSlaison beginnt erst nn Frühjahr, ^xs ist also noch einige Wochen Zeit vorhanden, m der die besondere Bodenständigkeitsmentalität sich ansleben kann, und sie tut dies auch mit allein Eifer. Die Publikation der P r o s k r i p t i o n s l i st e n dauert ungehindert an, R o t h st o ck wird frcigegeben, an der Universität hat die ^rawallperiodc vo'l ci-Donnerstag wurde gerauft, Freitag Meder, und das a i, a t o m i s ch e I,t st i t n t, in dein eine Vorlesung'des Prozessors Tan'dler hätte gesprengt iverdm sollen, ist geschlossen worden. Ein Studentensührer hat in bctt Ermunterungsreden in der Aula und auf der Straße die E i n f u h r u n g d e s N n m e r u s elauses gefordert. Er gehört zu den Eingeweihten, und es ist sehr gilt nröglich, daß seine Ranrpenrede die Vorbereitung auf eine in der Hochschule selbst vor sich gehende Aktion ist. Diese Vorgänge im Bereich der Wiener Wissenschaft stehen im Zusammenhang mit der Entwicklung der allgemeinen Politik. Die Wahlen kommen, und da gibt es Faktoren, denen an der Erzeugung von Unruhen auf der Straße sehr viel gelegen ist. Diestun erhabenen Zweck dienen allerlei Elemente, die alle miteinander das staatserhallende Prinzip gemeinsam haben. Das Prinzip drückt sich in der Formel „Nieder mit den Juden!" auS und dieser Ruf beherrscht seit zivei Tagen bereits wieder die Universität. Die Regierung rührt sich nicht. Sie liest jetzt allwöchentlich in dem Harenkreuzblatt, daß der oder jener Jude „noch" lebt, und sie macht den Staatsanwalt nicht aufmerksam, daß er ex offo einzuschreiten habe. Der Landeshauptmann von Wien, das ist der Bärger m ei ft erSeitz, gibt der Polizei nicht den Auftrag, in der anLorwnren Naufbude Ordnung zu machen. Es ist also alles vorgekehrt, um diese Wiener Sehenswürdigkellen den Hl T. Fremden im vollen Glanz vorfnhren zu können. Die Radauszenerr werden, heute fortgesetzt. Für halb 12 Uhr mittags ist eine Kundgebun^der antisemitischen 'Studentenschaft in der Universität angeictzt. Die Vorlesung 1)es Professors Tandler wurde gestürmt und der. Professor, der in Ahnung der kommenden Dinge nmgclkn von feilten 'Afsisteirten und Denronstratoren im Saal erschien, brach bald ab. Die Hakenkreuz^er drangen ein und schrien im Chor: 'Juden hinaus! Ausländ e rch i n a u s! Ein jüdischer Student erhielt mit einem Brett einen Hieb über den Kopf und nmrde mll einer schweren Wunde am rechten Auge zur Klinik Meller gebracht, wo mau ihm einen Verband anlegte. Ein anderer erhielt! Rißwunden an der Wange. , . Da alle Einreden des Dekans M a re sch, der geprügelt wurde, mtd des Assistenten Singer, den mmr ebenfalls mißhandelte, nichts nützten, verfügte der Rektor, daß^ das anatomische Institut bis auf weiteres gesperrt 'oerde. . Gegen Anden und AuslNnder. Di? gestrigen Exzesse an der Universität trugen bereits often einen antisemitischen Charakter, obwohl die Veranlassung das sozialistische Flugblatt über die Frontkämpfer-Schießerei und. die Vorgänge in der Studentcirschaft im Deutschen Reich gebildet hatte. Aber auch die ausländ er feindliche Tendenz der nationalsozialistischen Studenten trat auffallend hervor. Da an der Universität gestern zahlreiche Promotionen stattfanden, hatten sich viele Männer und Frauen eingefunden, die entsetzt Zeugen der Ausschreitungen waren. Die soziälistischen Studenten und Studentinnen, die schon um 10 Uhr aus der Aula hinausgedrängt worden waren, hatten durch Arbeitslose, die vor dem Rathaus eine Versammlung abhiellen, Verstärkung bekommen. Sie wollten zur Universität ziehen, wurden jedoch durch ein starkes Wacheaufgehot zitrückgehalten. Inzwischen bannten auf der Rampe die DeuLschrratiprialen eine Persammlung abhalten, in der der Numerus clausus für die jüdischen Hörer uitb die Entfernung aller Ausländer gefordert wurde. Diese Vorgänge an der Universität waren aber nur Borbereitüngsmanöver für weit ärgere Ausschreitungen im anatomischen Institut. Die Hakenkreüller, die durch Komilitonen der Technik und Hochschule für Bodenkultur verstärkt waren, ließen sich "sogar so weit hinreißrn, den Dekan der medizinischen' Fakultät, Professor M a r e s ch, und den Universitätsprofessor Dr. H a f s e r l tätlich zu insultieren. Heute keine Mlesnngeuander UnlversM. Das Rektorat der Wiener Universität verlautbart spät abends: Samstag werden in der Universität und in den universttätsinstituten kerne Vorlesungen nnv Hebungen abgchaiteri. Rsth'toik» Freilassung. Ein Senat des ^andesgerichtes wird sich in den nächsten Tagen mit der Frage der Freilassung des Mörders Roth stock zu befassen'haben. Dem Senat liegt ein Widerspruch des Wiener Gesundheitsamtes gegen die Entscheidung des Bezirksgerichtes Hietzing vor, welches der Entlassung Rothstocks zugestimmt hat. Das famose Fakultätsgutachten, das, wie noch erinnerlich, bei der Prozcßsache Rothstock eine, große Rolle spielte, ist jetzt wieder auf der Bildfläche erschienen. Damals wurde nämlich der Mörder, der sein Opfer vorher genau studiert Chatte, als „Grenzfall" bezeichnet und die Fakultät resümierte: „Rothstock steht an der Grenze der Geisteskrankheit; gegenwärtig ist er aber nur ein jugendlicher Wirrkopf mit abwegigen Gvdankengängen, von einer, überwertigen Idee beherrscht, die zu der imkrimierten Handlung geführt hat, zu weiteren Aktionen führen kann. Sehr möglich,.daß er ausgesprochen krank wird, wenn das, was jetzt noch überwertige Idee ist, sich weiter entwickelt." Dieses Orakel der sogenannton Psychiater hat wohl den Prozeß gegen Rothstock nicht verhindert, sicher aber die Geschworenen zu dem 6:6-Spruch bei der Zusatzfrage über die Zurechnungsfähigkeit Rothstocks veranlaßt. Nun wurde im Laufe des Einspruchverfahrens gegon die beabsichtigte Freilassung RoMoM" wieder ein Fakultatsgutachten, eingcholt, und diesryal orakelt die beamtete Psychiatric folgende pytyische Sähe: ,,1. Ein fortschreitender Psychischer Krankheitsprozeß, etwa Dementia praecox, besteht bei Otto Rothstock nicht. 2. Sonst ist Rothstyck genau der gleiche Grenzfall geblieben, der er war: ein jugendlicher Wirrkopf, mit abwegigen Gedankengängen, inneren Widersprüchen, übergroßem Selbstgefühl. . 3. Die überwertige Idee, welche zur Ermordung Bettauers führte, erscheint aügeblaßt." In einem Atem verwahren sich aber die Psychiater Wa g ner-Ja ur egg und R a imann dagegen, daß man ihnen nnputiere. Rothstock, sei als geistig gesund zu 8. Fedruvr 1687 Sette 8 Menen Kleiderhans Meintith llteinßerti er 1. Bezirk, Singerstraße Nr. 6 $maMnü-£nteuü'$tOO'- Ffech* und Smoking Le. har »fall bezeichnen und schlagen in einer durch eine Korrespondenz versendeten Mitteilung auf die Justiz los, der sie seinerzeit Hilfsdienst geleistet haben: „Es ist ja nicht zu verkennen, daß die Entlassung Rothstocks das öffentliche Rechtsgefühl verletzen würde. Aber es ist das gewiß nicht der einzige und nicht einmal ein s.ltener Fall. Daran ist aber nicht die Psychiatrie, sondern die Gesetzgebung schuld, deren Rückständigkeit ja von allen Seiten anerkannt wird. Es wäre darum sehr za begrüßen, wenn der deutsche Strafgesetzentwurf, der ja auch für Oesterreich maßgeb.nd werden soll, Gesetz würde. In diesem Gesetzentwurf finden Fälle a la Rothstock eine dem öffentlichen Rechtsgefühl weitaus bester Rechnung tragende Lösung." ES geht nichts über die Wissenschaft! Rothstock ist auf der Klinik Wager-Jamegg untergebracht. Sein Zimmc. genösse war bis vor kurzem el'N Jude, namens Arnheim. Der irrsinnig gesprochene und jetzt geheilte Mörder will nach seiner Entlastung den Zahntechnikerberuf wieder aufnehmen. SchutzbSnNer und Helmwehren in I rol. Für gestern aber-ds hatten die Sozialdemokraten in Innsbruck einegroße ProtestkundgeÜungmit Demonstrationszug aus Anlaß der Vorfälle in Schattendorf angekündigt, daraufhin beschloß die Heimatlvehr auch ihrerseits eine Prolestversamrnlung unter freiem Himmel inmitten der Stadt abzuhalten, an der nicht nur die Verbände der Heimatwehr von Innsbruck sondern auch die Bauern aus der Umgebung r teilnehmen sollten. Die Tiroler Landesregierung hat daraufhin sowohl den sozialdemokratischen Umzug wie auch die Veran st altungder Hei matwehrverboten. Irr-- folge des Verbotes sagten die Sozialdemokraten ihren Um zug und die Heimatwehr ihre Kundgebung ab. Sie spanische Grippe in B«-aprst. Budapest, 4. Februar. Nach dom Bericht -des : 'hanpMht'.'schen OKerpHtMats ist gestern kein neuer Fall von spanischer Grippe gemeldet worden. Don fcen fijoit früher gcmeldeten Kranken sind g-llstcrn drei . an Grippe gestorben. Gestern wurden .350 - neue Erkrankungen an Influenza' gei meldet. Eine Person-, ist- .n.n- - In flu e n z a-! gestorben. Everrung aller Schulen ln Belgrad. Belgrad, 4. Februar. Jnfo'lgr -der Ausbreitüng det Grippe fintb in Belgrad alle Schulen einschließlich der U n iv e r s i tat bis 14. Feb rua< tz e s ch l o s s e n worben. Srdbebe» in Schanghai. London, 4. Februar. Aus Schangchai -wird gemeldet, daß dort gestern vormittegs ein Erdbeben . Ders-pürt worden fei, das jedoch kein Opfer cm Menschenleben forderte. Der Sachschaden ist u n-b edeutend. »Wedgwood". Von Josiah C. Wedgwood. Der bekannte Führer -er Labour Parry und gewesene Minister im Kabinett Macdonald. Josiah C. Wedgwood, der heute in einer ‘ Versammlung der Wiener zionistischen Vertrauensmänner sprechen wird, rst auch ein bekannter Schriftsteller. In einem intercstanien Buch schitderl er seinen wechse.vollen Leibensgang, der ihn u. a als Kämpfer im Burentrreg. im südafrilanischen Berwaltungslrienst. als Parlamentarier, als Obersten im Wolttri'eg. nach seiner Verwundung in perantwortungsvlol« len politischen Mrssionen rn Sibirren. Südafrila und Süameriüa ^eigt. Wedgwood stammt äuö der in der Kunstgeschichte berühmten Familie der ' Porzellan'Lünstler Aeichen Namens Darauf nimmt das nachstehenike Kaprtel Bezug. Die unbegrenzte Hochachtung, die man in England vor dem Erstgeburtsrecht hat, brachte mich aus einer natürlichen Laufbahn in das Gewirr all dieswOleschäfte und Berufe, die ich der Reihe nach zu üben versuchte. Aber von frühester Kindheit an unirben die Söhne unserer Familie, ungeachtet ihrer Erziehung und ihrer Vorliche, mit zur Stadt genommen, um im „Werk^ mitzutun. Wir drehten und gofsen und glasierten u»rd malten und „mausten uns heraus", kamen mit wLißfleckigeit Kleid-rn heim und schabten ganze Klumpen kalten, nassen Tons von unseren Händen. Die alte Fabrik „Etruria" tvar ein Kaninchienbau, unverälrdert und unrenoviert, seit der große Josiah sie im Jahre 1767 angelegt und die alte Balanci-rdanlpsinaschine von Bolton und Watt in Soho gekauft hatte. Für die Arbeiter von „Etmria" blieb jcke neue Generation von Chefs für Lebenszeit einfach „der junge Herr Frank" oder „der junge Herr Jos", und der Buchhalter hieß abtvechselnd Tom und Jsiah, wie in der früheren Generation, unter der er als „Stift" eingetreten >var. Das alles blich, n-ie es war. Daß alles prähistorisch alt war, entwickelte einen hohen Gemeinstolz; ,-Ich war bei Wedgwood".: das; langt ungefähr so, wie wenn man von einer alten Familie oder von alt^m Portwein spricht. Ueber demselben Hof hing immer derselbe Balkon, von dem die Chefs immer dieselbe Dankrede für jeweilige Hochzeitsgeschenke an die Arbeiter hielten. An der Bureautür steht immer noch: „Bitte nicht klopfen, sondern eintreten" und darin zu beiü-n Seiten eines Tisches, der schon dem, Gründer Dienste tat, sitzm die Brüder Kompagnons wie dm „Brüder Cherechle". Im Winkel stand immer die Vitrine mit altem Wedgwood. Unter der Matte finden wir den Schlüssel d^s Musterlagers, und!m >Mnsterlager ist Jane, die uns das herrliche Meistern-erk zeigt, das 1851 in Paris ausgest-.llt umr. Im Musterlager ist etwas .für jeden Geschmack. Wir kommen Zu . dem leer klassischen „JaspiA", schwarz-weiß, blauweiß, grün-weiß, rvsip-weiß. Unsere Liebliygs'arbe ist natürlich blau-weiß; Wedgwvod-B.'au selbstverständlich. Wer bei Wedgwood arbeitet oder gearbeitet. hat, muß, in welcher schmutzigen Nebenstraße er auch wohnen mag, unbedingt einen blau-tveißen Blumentopf im Salanfenster hängen haben. Dmm kommt schivarzer „Basalt^ — BenuS und Merkur und die Wein- und Ma'seb.'a'en. Formen und Modell von Flaxmänn und Hackwood tun heute noch Dienst. Vielleicht haben seinerzeit Reale und Palmer in Hanley besser gearbeitet, aber . Reale und Palmer sind schon hundert Jahre oder lü.:ger ver'chwunden und heute kommt uns in Schwarz iliemand gleich. Als ich ein Junge war, gab es im ,^Werk" vier Abteilungen: D. W. (Old Wedgwood), Steingut, Porzellan und Kacheln. Heute sind die Kacheln ausgelassen. Wir haben zipanzig Jahre damit experimentiertsie rentieren sich aber nicht. Das ist schade, denn die Kacheln waren schön und gut. Die Platte wurde aus Staub gepreßt, die Form aufgedrückt/ und dann gebrannt. Die Samnller werden jetzt ivenigstens wissendaß man sie nicht mehr macht. Als die Kompagiwns aus dem 'Burenkrieg zurücklamen, schlossen sie diese Abteilung und beendeten 'damit fünfzehn Jahre 'Mühe und Quälerei. -In Old Wedgwood werden geumchnch „Jaspis" nick „schwarzer Basalt" von 1777 weiter gemacht.. Wenn eine Büste von Gladslone oder ein Medaillon von'7Henry George : eingesührt wird, ist das ein Ereignis von revolutionärer! Bedeutung. Die Methoden sind gleich, die Mischung unverändert, die Werkzeuge und Formen und Oesen sind die! selben geblieben und die Menschen sind die geradlinigen Nachkommen jener, die mit großen Augen zusahen, als Bentley; das Rad drehte und Jos die ersten drei schwarzen Basen formte, mit denen „Etruria" am 13. Juni 1769 eröffnet wurde. Die handgemalte Steingutivare geht auf den englischen Markt. Das Porzellan ist für Amerika bestimmt — präch- tige Teller und Schüsseln, mit denen wir unsere Schulden. . zahlen und den Kredit aufrecht erhalten. Der alte „I. W."! hatte keine Vorliebe ftir Porzellan, aber Davenports machte im kontinentalen Geschäft so gute Umsä^e mit Porzellan, : daß wir .es im Jahre 1898 einführten. Dieser erste Versuch dauerte nur etwa zehn oder fünfzehn Jahve und erst 1872 wurde das eigentliche Wedgwood-Porzellan geboren. Davenports von der Einhornbank, Spode, Minton, Ridglvay, Bourne — all diese alten Kerawikersawilien kamen empor, wurden reich und verschwanden entweder^Hy. Konkursverfahren oder im Landadel. Wir waren dpühundert Jahre Keramiker. Seit hundert Jahren ritten Pie Kompagnons täglich sieben Meilen ins Werk mrd.zurück von Maer oder Barlaston so pünktlich, daß die Dorfleute ihre Uhren darnach richteten. Wir Jungens ritten ein. Stück auf unseren Ponies mit. Wenn , ein neuer Kompagnon seinen Platz einnahm, imrrdr er in die Gll)einmisse der „Mischung^ eürgcweihr und die Kunden wurden durch Briefe berrachrichtigt, daß der Urenkel, der Ururenkel oder der Urnrurrnkssl des B^rü"-ers seinen Dienst habe uitS sobald als mög ich die Gelege heit ergreifen welde.'ihlen enwnB^ such zu machen. * 5 Haß gegen Sklaverei und Liebe zur Freiheit des Gedankens erfüllten die Atmosphäre, in der sie lebten. Mein Großvater kaufte vor der Wahlresorrn Boden in vielen Be-