Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-02-04 · Heft 2851 (4.2.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2851 (4.2.1927)
Date
1927-02-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981939--28978-3017064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. S8M M«, AeMas Tagesbericht. Ne religiöse Entwicklung ln Palöjtina. Ein Bortrag des Oberrabbiners Dr. GhajeS. Auf dem Repräsentattonskonvent der „Lese-- und Nedchalle jüdischer Hochschüler" in Wien, am 29. Jänner, entwickelte Oberrabbiner Doktor CHajes in Form eines DortrageS eine Reihe zwangloser Gedanken' über den Einfluß des neuen Gemeinschaftslebens in Palästina auf die Gestaltung des jüdischen Religionsbewußtseins im Lande und in der Galuth. Nachfolgend ein Auszug aus der Rede: Das religiöse Denken und Fühlen eines Volkes ist und Ivar immer ein Produkt seiner äußeren Lebensumstände. Die Formen, in welchen religiöse Vorschriften dem Volke zum Bewußtsein kommen, von ihm aufgefaßt und befolgt werden, müssen daher in der drückenden Enge des Ghettos eine ganz andere^ Entwicklung nehmen als in Zeiten nationaler und politischer Unabhängigkeit, wie sie dem Judentum in der Vergangenheit beschichen waren und in naher Zukunft wieder bevorstehen. Nur wenn sich das kulturelle und wirtschaftliche Leben eines Volkes unbeschwert von äußeren Fesftln frei auswirken kann, wird es für die Welt seiner religiösen Vorstellungen jenen Ausdruck finden, der den Geist der Religion in sinnvoller, natürlicher Form s widersplegelt, während Knechtschaft und Bedrückung den Buchstaben und das tote Wort zur Herrschaft bringen. Deswegen hat auch das jüdische Volk, in der Blüleperiode seiner nationalen Freiheit der Welt die kostbarsten Geistes- . ipicnff VffflJVjfOTM! schätze seiner Religion und die größte«. Menschheitslehrer geschenkt, hingegen uütet -W Fremdherrschaft und in der Zerstreuung nicht mehr Propheten, sondern nat Gekehrte hervorgebracht. Am trefflichsten kennzeichnet den Unterschied zwischen dem religiösen Gefühlsleben in der. neuentstandenen, freien jüdischen Gemeinschaft und Innerhalb der Kerkdrmauern des Ghettos die Auffassung der SaSbatruhe. Dort bedeutet der Sabbat, gleichwie in den alten jüdischen Gemeinwesen, nach sechs Tagen freier und fruchtbringender Arbeit eiüe freudige Erholung» unter den unnatürlichen Lebensbevingungen der Galuthwelt hat er durch formalistische Uestertreibung seinen sozialen Sinn verloren. Und so ist es auch ein Fehler auf Seite der rabbinjschen Autoritäten in Palästina, wenn sie der Jugend daraus, daß sie am Sabbat auf ihre bescheidenen Lebensfreude.»* nicht verzichten will, einen Mangel an religiösem Gefühl zum Vorwurf machen. Im Gegenteil, der unter dieser Jugend gelebt und sich mit ihrer Gefühlswelt vertraut gemacht hat, wird auch bei jenen Elementen, die politisch noch so links orientiert sind und sich selbst ihre seelische Verburtdenheit mit den biblischen Traditionen nicht eingestehen wollen, eine wahrhaft tiefe Religiosität, eine Sehnsucht nach der Rücklehr zum altjüdischen religiösen Gefühls- und Gedankenleben feststellen. * Zu dem Repräsentatiorrskonveiü hatten sich die Stifter und Gönner der „fiölle" in großer Zahl eingefunden. Für die Kultusgemeinde waren Präsident Prof. Dr. Pick sowie die Vizepräsidenten Dr, O rn st e i n und Dr. Löwenherz erschienen, ferner waren die Kultusräte Oberbaurat Stricker und Dr. Klaber, Professor Leon Kellner, die Universitätsprofessoren Dr. Neumann und Dr. Braun, ferner Hofrat Dr. Fuchs in Vertretung der B'nei B'rith, Hofrat Dr. Löwner und in'Vertretung der Kultusgemeinde Eisenstabt Herr Sandor Wolf erschienen. Den Vorsitz führte der derzeitige Obmann der »Halle", Herr cand. phil. Ernst Hofmann. Der Streif der RaffeuM-ler. Die internationa.en Hochschülkuye in Mim sind ,u^ diesen Sommer abgesagt worden. ixitb auch ihre Abhaltung in den nächsten Jahren ist fraglich geworden. Die Kurfs hatten vor allem einen hohen politischen Sinn. Sie sollten die nationalen und nationalistischen Schranken, wenigstens für kurze Dauer, aufheben, und die Jnternationalität, das ist die Uebernationalität des Wissens und Forschens betonen. Durch Kulturvergleichünu sollte praktisch: B rständigungsarbeit geleistet werden. Der österreichische Lehrer und der österreichische Hörer sollten mit der Methodik anderer auswärtiger Gelehrter vertraut gemacht werden. Dies hätte freilich auch die Folge gehabt, daß das Ueber* wertigkeitsgesühl der völkischen - Wiener Professoren sich zu , ein-cm großen Teile hätte verflüchtige müssen. Ihr ' Hochmut ist 'jadurch nichts berechtigtaber sie huldigen in der Mehrheit den Chamberlainscheu Lehren, die der indogerMäNischen Nasse und in ihr der germanische! Bo 'ks^ruppe alle g'änzenden Eigenschaften zusprechen. Was von romanischen und angelsächsischen Denkern geleistet wird, tritt zurück, und die Semiten kommen in dem Ka'alva der Vorzugsfchüler überhaupt nicht ft 3^aarsjr'.va.li:‘ssaijaaxi.'TKs:ra:*"*^r.:>,.i,ia:,.,Vij vrgTisrran*; -ü^. i.5 vor. Die Hvchschulkurse waren geeignet, in Wim etwas Bescheidmheü zu wecken. Das kann nicht geduldet werben^ Für die geistige Entwicklung Oesterreichs ist die Linie Wien— Graz—Znnsbmck gezogen. Was sich auf ihr an Forschung« Attgfeftt, hat sich den Forschriften des Kulturamtes zu fügen. Zuzug ist fernzuhalten. t Der Anlaß, den Verkehr mit dem Ausland einzustellen» ergab sich automatisch aus der besonderen Rassenmentalität Wims. ES ist eigentlich verwunderlich, daß er nicht schon» im> Vorjahre ausgesprochen wurde. Ein Mitglied des Professormkollegiums, Sozialist und Jude sogar, mußte herhalten, um die Begründung für diesen Schildbürgerstreich gtk liefern. Er hat nach der meuchlerische Ermordung Rathe-- nauS auch an die Wimer Universität gedacht, an der sich ja ganz -er gleiche Geist breitmacht wie in den Fritschschen Bibeln. Es iit noch tu Erinuernng. daß die vö kischcn Kreise Wiens, und das sind doch die höheren Intellektuellen, die Mordtat festlich begrüßten. Dies, sowie die sonstigen arischen Lebmsäußet ungen veranloßten den Professor zu der Erklärung, daß die Wimer Universität eine Brutstätte der finstersten Reaktion sei. Das ist immerhin noch ein« politische Chavakterisierung, die sich verliert, wenn man an die interessanten .Hepp Hepp" -Anschläge, die Bildersammlung und die Zitate des Kulturamtes von der Kotevraße denkt. Das ist nicht mehr als politisch aufzufassen und wäre der- Polizei oder dem Irrenarzt zu überantworten. Der Professor sollte widerrufen. Da er dies afc lehnt, jedoch Mitglied des Komitees für die internationalen Hochschullu.rse ist, so erklärten sich seine arischvöllisch-chrrstlich-germanisch-bodenständttzen Komiteekollegen gegen sine Fortsetzung der Kurse. Also Streik von Deutendie ansonsten dem Stveikprmzip nicht so hold sind. Es steht zu befüvchtm, daß dieser Streik unbemerkt Vorbeigehen wird. Es wird keinem englischen oder französischen Professor etwas fehlm, daß er in diesem Jahre nicht in Wim lesen kann. Will er sich über deutsche ForfchungSvesultate unterrichten, so genügt ihm die Fachpresse oder auch eine Reise durch Deutschland. Was kann er ist WiM an Besonderheit der Lehrtechnik oder der Wissenschaft-' lichen Methodik sehen? Doch nur ivegen Geldmangels gesperrten Laboratorien (der Staat muh doch für das verfügbare Geld eine Armee unterhalten und die private Gesellschaft gibt nicht einen Heller für die Universität), oder dis Schießstätte im eller der Hochschule. Das sind gewiß Unika, aber doch nicht gar so verlockend. Für die Kreise in' Oesterreich freilich, die sich nach frischerer Lust sehnen und den Bergländerbuind aus seiner Isolierung befreit sehen mochten, ist dgs Abreihen der direkten Verbindung zur ans-- ländischen geistigen Arbeit eine sehr traurige Angelegenheit. DaS A nsehen Oesterreichs wird wieder einmal arg '■*€*. troffen und das schädigt die Republik mehr als irgendein . lächerlicher Ausstand, dem die Presse ihren ganzen Ramr , widmet, während sie über die Kulturschande Weächaup' nicht zu redm wagt. . Ler 88. vebmlrtag «eorg vraades'. Heute bsg-cht iy Kaprnchagen Georg Brä«n* d e s, der berühmte KritiLer und Denlker, seinem 85. Gsburtstag. Da Georg Brandes seit 'Wochen ernstlich krank darnirL'er5i.eg't, wurde von den Ehrungen, die aus Anlaß seines Geburtstages geplant waren, abgesehen. Londoner Rachttlnds. Sd gegen halb zwölf bewegt sich allmählich ein mächtiger Strom westwärts aus dem Loiidoner Theaterviertel. Nie ist der Verkehr in Piccadilly und Shaftesbury Avenue geregelter, als um diese Nachtzeit, wenn sich die Theater leeren. Dann gibt es fast nur one way trassier unendlich« Mettgen von Luxuswagen, von Taxis, von Kleinautos aus der Borstadt, von Zylinderhüten, Pelzen und evening dreß in allen Preislagen, auf Rädern, Wagen oder zu Fuß, — alles scheint sich westwärts zu schieben. Aus den Seiteltstraßen mischen sich Angeheiterte in den Zug; sie konrmen aüs den Pubs und Bars, aus den Schankstellen der Brauer und Destillateure, Weil morgen Abschied ist, drehen sich ein paar China-Kriger mit Stickenteu in besoffenem K iegstanz vor der Üntergrund-Sdation,. aus der es nach Unterwelt und Menschen duftet. Ein Schlttzmann sorgt freundlich grinsend dafür, daß die Tanzgruppe den Strom der Zylmderhüte nicht, aufhält. Mir klingen twch die Klagen der Irrscheu Mutter in den Ohren, deren Tochter entehrt und deren Sohn vvn der Feme der Republikaner gemordet ist. * „Juno and the Payeock". Lear» O'Caseys irische Tragödie, gespielt von den „Irish PlayerS". Die ganze Welt ist ein Tschassos« meint der Payeock, als er hilflos betrunken am Boden liegt. Der Strom zählt nach Tausenden und die Nachtklubs zählen nach Dutzenden. Ehe sich der mitternäch'.ige Menstrom in dünnen Strichen in den Außenvierteln verliert, stürzen »vahre Kaskaden über seltsame Treppen in noch seltsamere Nachtgewölbe. Natürlich bleibt um diese Nachtzeit immer die Wahl zwischen vornehmen Restaurants, Ballsälen von Hotels, zwischen seriüsm Klubs, Society-Salons und Spießbürger-at homesi Aber die Londoner Nachtwelt sucht heutzutage ihre Er'heitemngen mit Vorliebe auf einem Boden, der ettvas schlüpfriger aussieht: im nizht club. Auch hier bleit wieder die Wchl: Kabarett oder Tanz oder zu- Milm auch beides zugleich. Das Theatersupper versteht sich dqbei von selbst nüe die Jazzband, — we»ngstens wie die AazzVand bis gestern. Also hmab zum Tanzklub, hinab, denn , zumeist liegt der Feftraum unterirdisch. Am liebsten in einem primitiven Hause einer primitiven Straße. (Man braucht bekanntlich in London iumter nur um eine Ecks zu gehen, um ins Primicive zu stoßen, tvrnn man nicht schon dort ist.) Eine Türe, die jo unscheinbar als möglich ipt Zumeist auch keine Anschrift. Alles geheimnisvoll, denn es soll doch schlüpfrig aussehen. Wachposten stehen da, der Sekretär ün Frack. „Ihr Name, bitte? Sie sind nicht Mitglied." Er kennt sie alle.. Ein anständiges Trinkgeld und allenfalls.ein improvisiertes Auinahmegösuch beendet in vielm Fällen die Schwierigkeit. Der Klub ist natürlich nur theoretisch eine geschlossene Gesellschaft. »> Dann erstrahlt das Nachtparadies. Magisches Licht,- herrliche Tanzböden, formidable Suppers an kleinen Tischen, die den Saal umrahmen, noch formidablere Preise, Champagner, und auf dem Podium lange Beine russischer Tanzprinzessinnen. Chmnpagner. und.ein nervöser Geschäftsgeist, mühsam hinter gesteiften Frackbrüsten verborgen. Der Manager kalkuliert den Konsum, dte Gäste berechnen die Gewmnchmroe ihrer finanziellen Einsätze; ihr Mi le zum Der-- gnügen ist unerschütterlich. Der Siil der Nach klubs ist sehr manntgfaltig. Gleich ist nur immer die Idee, daß die Besitzer möglichst viel Geld niachen wollen, bevor es einen Krach gibt. Es gibt Klubs in allen Preislagen, für alle Geschntäcker, auch für alle Sinnesrichtungen. Die Subburbs wetteifern mit dem Piveqdilly-Biertel. Der kleine . Cüyklerk sucht dieselben Freuden wie der reiche Malier oher der Loch mü zwei Dutzend Ahnen. Hier kostet es Schlllinge. dort Guineas. Auch der Grad der Exklusivität ist natürlich sehr verschieden. ES sind nicht nur die acht Guineas - Beitrag und zwmtzig Guineas Eintrittsgeld, was dett fashio- »tabelstett der Danzklubs, „Etnbassy" in Old Bond Street> der Society samt ihrem Anhang vorbehält. „Antbassador", „Ciw", „Florida", „Kit-Cat", „Blue Lagoon", oder wie die bekmmteren alle heißen, öffnen sich allntählich nach unten in innner größerer Breite. Ganz unmerklich gehen sie ins Plebejische über, bis dann die ganze leicht gehobme Masse sich im Palais de Danse hon Hammersmith oder Criklewood für ein paar Schillmge verlustieren kann. Partner werden gestellt, weibliche und männliche, zu mäßigen Preisen. Die Kavaliere, - die sich durch ZeitungSinserate anbieten, sind etwas tmver. * Dies aller vvWeht sich dilrcha'uK „moralisch", soweit das fystnnatijche Bergenden von Zeit und Geld die Zensur der Moral passieren karrn. Der nwndäne Mensch ist viel-, leicht forciert , frivol, aber er hat e3 tvirllich nicht nötigsich cm solchen Plätzen unanständig zu benehmen. Der Nachtklub ist für die Society und ihre Nachahmer nichts anderes, alsj was für die Altmodischen ein Spiel im Grünen war. Natürlich, der Provinzler möchte immer etwas Starkes erlüben : und Provinzler gibt es überall, auch unter den angestammtesten Grvßstädtmenschen. Ist es nicht herrlich, sich einmal so ganz weltstädtisch zu fühlen? Supper um Mitternachts dreifache Preise und das Leben eines Menschen, der beit Tagj nichts zu tun hati Und wie leicht kann man mit der richtigen Speiety verwechselt tverden! Oder gar mit eineml Filmstar,.einer.Barietediva, einem berühmten Bmchrchner. Vielleicht streift man dabei den Aermel Mr. Arnold BeN-. ' trets oder sitzt Rücken an Rücken mit dem Prinzen vp» Warles, Was komrnt nicht alles vor im Rachtllub! ' Zritmkken kommt die Polizei. Sie sendet erst chrq. SpwM, — ein deutlicher Beweis für die Richtigkeit dev ' Behauptung, daß selbst in den besten Klubs das Prinzip ' der geschlossenen Gesellschaft nicht gewahrt ist. Sie erscheine»? als Gäste' unter den Gästen. Elegant im Frack Was spionieren sie wohl aus?, Unmoral? Rein, nur in seltene«! Fäflm. Wer eS gibt Regeln anderer Art, die unaufhörlich übertreten tverden. England hat ein für Durstige kompliziertes Lizenzsystem und die alkoholischen Pforten werden, nur zu gqnz bestimmten Tages- und stiachtzeiten gesetzllch geöffnet. Die Einhaltung dieser Regeln ist eine der wichtigsten Bedingungen für die Klublizeitz. Selbstverständlich geht es mit der Polizeistunde wie mit dem Alkoholverbot in Amerika: je verbotener, desto mehr und desto' teurer. Daß ist ein großes Arbeitsfeld der Polizei im ganzen Landen Dutzende von Londoner Klubs sind schon wegen solcher Bevftöge bestraft und geschlossen »vorden. Doch die Nachtklübs sind Stehauf-Mättnchen. Ein Namenwechel genügt zumeist. Um ft geschäftiger wird die Polizei, und sie ist unparteiisch genug, nicht nur die Kleinen zu hängen. Natürlich erfordert ein „Raid" auf einen vorneftnen Nachtklub größere Delikatesse, denn es geht allenfalls noch hin, Oxforder Studenten oder gar gelegentlich auch einen Prrblic School Wy in einem night club in zweifelhafter Gesellschaft au-MOe bau **»**“"« siebt —a« Deimen von könialiche» GchW'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.