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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-03 · Heft 2850 (3.2.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2850 (3.2.1927)
Date
1927-02-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sekte 1 Wien, Donnerstag Mieser Mersenzeittmg 3. Februar 1987 Kr. 8889 Jtttes und neues Judentum im (Burgenland. JtmiBe&wtmfm ran Cito JMii« Arttmft ui ßtfenwt Ein jüdischer TienstmäUn bring» m»ch ins Hotel. Ich machte an Haschet Roth, den Gepäcksträger von Nikol^- burg. Der freilich kannte mich von Kindesbeinen, nahm. alS ich zur Assentierung kam, einfach mein Kosferchm auf die Schulter und fragte: „Zur Großmutter oder zur Tante Pepi^ Und unterwegs: „Was macht die Mutter? Weißt du, daß der alte Koritschoncr gestorben ist? Was lernst du?" Er sagte mir selbstverständlich „du", denn Mir beide gehörten zur großen Nikolsburger Familie. Das Eiscnstädter Faktotum mit der roten Dienstmannkappe ist ,nir fremd. Aber ich nehme gerne an, daß er mit den Söhnen von Eisenstadt so vertraut tut und spricht, »me der selige Haschel Roth damals mit »nir tat und sprach. So ist er mir Sendbote der großen, berühmten Judengemeinde. Tauglicher, stimmender Akkord, willkommene Errinnerung an das Gemeinschaftsleben in der „Gaß", da ich die empfindsame Reise in die „schewa Khilles", die „Sieben Gemenlden" des Burgcnlandes antrete. Wiedersehen mit dem Getto m Ellenstadl. Turct) die abendlich-stille, kräftig profilierte Hauptstraße von Eiserlstadt, über den herrliche»» Platz mit dem ragenden Schattenriß des Eßterhazy-Schlosses hinauf zum Ghetto. Jawohl, hinauf. Diese rechttvinkelig geknickte Zeile von 31 enge gescharten, in Ehren ergrauten Judenhäusern windet sich nicht durch dumpfe, feuchte Niederung. Dieses Ghetto — Ausnahme von der Regel — steigt eine freie, luftige Anhöhe hinan. Ich kenne diesen bejahrten Zeugen großer jüdischer Vergangenheit von Iviederholtrn Besuchen. Und aus den Schriften von Moritz Markbreiter, Alfred Fürst, Sandor Wolf, aus den tiefgründigen Forschungen Bernhard Wachsteins die Geschichte dieses jüdischen Gemeinwesens, das sich nahezu ein Vierteljahrtausend ungestörter Entwicklung erfreute, kenne einigermaßen den Reichtum seiner Kulturgüter, überblicke seine weisen/sittlich hochstehenden, zu hoher Vollkommenheit ausgebildeten Einrichtungen, bewundere dieses Musterbeispiel sorglich gepflegter und — an der Zeit ihrer Wirksamkeit gemesse»» — staunenswert demokratischer jüdischer Gemeinde-Autonomie. Und in mancher glücklichen Stunde habe ich die Lektüre der Bücher und Dokumentensammlungen unterbrochen, von einem Geist, einem Antlitz bezwungen. Wer wohnt jetzt hier, wer verwaltet das Erbe, wer trägt es mit neuem Geist in die neue Zeit? Ich will „die vier Ellen der Halacha, ineine würdige Gemeinde Eisenstadt", wie der teure Rabbi Meir b. Isaak seine Kehilla nannte, in nächtlicher Stunde durchmessen. Die Mauern, Henstergitter, Dächer, Brunnen sind die nämlichen wie damals, als jene hier lebten, sannen, sorgten, eiferten, die unter den berühmten Grabsteinen modelt.;, l Und die neuen Ghettobewohner schlafen jetzt ... Ein klarer, gestirnter Himmel deckt die Gaß und elektrische Bogenlam-pen — hier nicht stilgerecht, aber jede Häuserfalte weisend — illuminieren sie Ganz vorne, »wch bevor man zu den Steinpfeilern, gelangt, zwischen denen vor Sabbat-Eingang die Kette gespannt wird, ist seit meinem letzten Eisenstädter Besuch, also in jüngster Zeit, ein Wahrzeichen des Ghettos wiederhergestellt worden, das auch architektonisch von. bester Wirkung ist: Ein Schwibbogen, dem alten, hier besonders geübten Brauche des „Eruw" dienend und nach ihm benannt. Dieses Berbindungstor, Sinnbild der Vereinigung der Judensiedlung zu einer „Hofwohnung", ermöglicht den Bewohnern, sich auch ain Sabbat in der Gaß wie in ihrem Haushofe zu bewegen und Gegenstände zu tragen. Das gewölbte Mauerwerk wurde insbesondere ein Freund der Kinder. Es gestattete auch den Buben der Frömmsten das „Schabbesobstholen", förderte die lebensfrohe Eisenstädter „Scholetpromenade" und hatte für die Bräuche des Pessach-Rüsttages seine besondere Bedeutung. Der Fürsorge des feinsinnigen, auf Erhaltung der Kulturdenkmäler^ seiner Heimatgemeinde bedachten Herrn Sandor Wolf ist die Wiedererrichtung des seinerzeit abgetragenen Mauerwerkes zu danken. Ich trete eirr, die Schritte hallen auf dem Pflaster der peinlich sauber gehaltenen „Unteren Gaffe", man beginnt auf den Fußspitzen zu gehen, um die feierliche Stille nicht zu stören, das Rauschen des Brunnens nicht zu überquer». Rechts der vornehme Rundbau des Wolf'schen Museums, links das schmale Haus mit der schwarzen Amts- , tafel „Unterberg-Eisenstadt", kündend, daß das Ghetto ein« eigene politische Gemeinde ist (und hoffentlich bleiben wrrv), daneben die stattlichen Fenster der Synagoge. Ich sehe die. reichen Schätze vor mir ausgebrettet, welche sie birgt: Den breit ausladenden Kronleuchter, üppig geschnitzt, mit vergoldeten. Holzornamenten überrankt, weit verzweigt wie der Baum des Lebens. Die herrlichen Thorakleider, aus Urväter- und Bäterzeiten stammend, die all- »nählich gesammelte Feiertagsgarderobe der heiligen Lade. Man hat sie damals aus der verhängten Mauernische geholt und die Blicke iveideten auf Stücken von erlesener Pracht, von vornehmstem Geschmack der Formen und Farben. (Nackt der Friedhof, keine Grüfte, keine Kränze, keine Lampen — aber strahlend von Gold, Gestein und edelster Buntstickerei die Gewänder der Thora.) Dann aus dunklem Verließ hervorgeholt, aus vielfach gesicherte - Truhe gehoben, die köstlichen Schätze Alt-Eisenstadts: Silberne und goldene Kidduschbecher in allen Stilarten und von weitst Fahrten mitgebracht, darunter jener längst verdunkelte Silberbecher, der zwei, durch einen glücklichen Zufall aufgefundene Silverplatten trägt, enthaltend die Geschichte des Tempels, sorglich in das Erz geschrieben. Dann ich entsinne mich, ivie wir aufatmeten, als dieses Kleinod wieder geborgen war — ein Gtasgefäß von großen Dimensionen, auf welchem die Tät^keit der Cliewra KadIcha, der Liebesdienst der jüdischen Leichenbrüdsrschaft, in Actzmalerei dargestellt ist. Vor zivethmrdert Jahren gaben die Prager Juden dem großen Baruch Austerlitz dieses herrliche Stück, als er nach Eisenstadt übersiedelte. Und über dem Tempeleingang, an einer Schnur hängend, die schwarzsilberne Hohlkugel mit Schaufäden, eine fromme Stiftung, für jede,» Tempelbesuchsr Ersatzstücke für untauglich gewordene Zizith bereithaltend. Den weiteren Weg durch das Ghetto, der Plötzlich in die „Obere Gaß" biegt, habe ich in Abwesenheit zurückgelegt. Ich war im Temvel und bei seinen Schätzen. Aber jetzt muß der nachgeträumte Tempelbesuch abgebrochen werden. Hier stemmt sich quer über die Gaß die Mauer des uralten Friedhofs von Eisenstadt, der wahrhaftig ein guter Ort ist. Hier liegen die Führer und Wahrer, die Erzieher und Mehrer der Gemeinde in seiner Erde versammelt. Jedesmal, wenn der Gemeindedtener, nicht wie beim Schulklopfen drei Hammerschläge, sondern bloß zwei dumpfe, gemessene, gegen die Tore der Judenhäuser geführt hat, wurde einer oder einer von ihnen für diesen letzten gewaschen und Lekleidet. Ich kehre um und verwüle noch bei dem heiterbizarren Jude»»haus an der Wtnkelkehle, das mit seinem System ineinander geschachtelter Häuschen, mit sein:»» Vorbauten, Giebeln, Freitreppe»», Geländer und gar eigensinnig verstreuten Fensteröffnungen zum Stillcstehr» veranlaßt. Ich war im alten, jüdischen Eisenstadt, war allein mit ihm und seiner Vergangenheit. Sie adelt diese 31 in Ehren ergrauten, eng gescharten Häuser und sie lastet schwer auf ihne»». Adelt sie auch die Nachfahre»», die in diesen Häusern wohnen, lastet sie auf den Erben, die zur Stunde in diesen Häusern schlafen? — Morgen werde ich der Gegenwart von Eisenstadt meinen Besuch machen. Re Leichenfeier in Martendorf. Statte Betelrigung der MrtterMst. Gestern nachmittags sind die beiden Todesopfer der sonntägigen Schießerei in Schattendorf beerdigt worden. Die Leichenfeier gestaltete sich durch die Beteiligung der soziaDemokratischen Ordüer aus Wie»», dem Wiener- Neustädter Jndustrierevier und aus der westlichen Steiermark zu einer großen politischen Demonstrcttion. Aus Wie»» ■ waren unter Führung des Mg. Dr. Deutsch 1200 Schutz-- bündler in Separatzügen nach dem Burgenland abgegangen. M Meltsunterdrechüns. Der von dem Parte »vor stand angeordnete Fünfzehnminutenstreik wurde urn 11. Uhr vormittags in der Republik ohne Zwischenfälle durchgesührt. In Wien begannen. um 11 Uhr vormittags die Fabrikssirenen zu heulen, die Motoren wurde abgestellt und der Betrieb zur Ruhe gebracht. Straßenbahn und Stadtbahn, vielfach auch die Privatautos blieben stehen. Telephon und Telegraph setzte aus. Die. Eisenbahnzüge wurden aus dm Stationen von 11—1/412 Uhr nicht abgelassen, die fahrenden Trains blieben auf der offmen Strecke stehen: Im Burgtheater, wo mittags die öffentliche Ge- Halt! Eine Bibliothek von 300 Banden! Eine Palästinareise! Fünf Dunam Boden In Palästina! Das sind die ersten drei Preise der großen Kreuzworträtsel Konkurrenz» die am 7. Februar in der „Wiener Morgen* zel’ung" beginnt. Sie umfaßt 50 Rätsel. Außer diesen drei Hauptpreisen können Sie eine ganze Reihe anderer großer Preise gewinnen. Fünfzig Rätsel — fünfzig Preise! Beachten Sie unsere weiteren Ankündigungen I »OROTflBllMI WIEN I, Dofotheergaaae 17 970. Jf«mstautktton Gemälde» Miniaturen, Antiquitäten ittl* Frlyatbeaitx Außer Katalog verfallene Pfandpoaten BESICHTIGUNG: Heute bi* Sonntag, den 6. Februar 1927, an Wöchentagen von, 10 bi* 6 Uhr. atn Sonntag von 1Ö bi* 1 Uhr. VERSTEIGERUNG i Montag, den 7. und Dienstag, den 8. Februar 1927, ab $ Uhr naehmit'ag* im Kielmanaegg-5aale, 1. Stock, Aufgang Sritenatiege (Lifl) Illustrierter fCatalog mit 10 Tafeln 2 Schilling WMWMMMWWWMWWM ueralpwbe vor» Romains „Der Diktator" stattfand, trat ein Regisseur vor den Borhmrg und kündigte die Streikpause „auf Beschluß der Organisation" an. Mitten im erstem Akt ging um 11 Uhr der Vorhang nieder und hob sich erst nach einer ^rtelstunde. Auch in den anderen Theatern »varen die Proben durch 15 Minute»» unterbrochcn. ' Im Parlanrmt war für 11 Uhr eine Sitzung der Unterkommission des Kleinrentnerausschusses «»»beraumt. Da! die sozialdeinokratische»» Mitglieder sich abseutierten, konn^ die Sitzung erst nach 12 Uhr aufgenomme»» werden. 15.600 Menschen M den BegrSblllssca. A»»s Wiener-Neustadt wird uns gemeldet: Um halb 3 Uhr nachmittags fand das Leichenbegängnis des Kuabm Grössing stätt, zu dem sich 11.000 Mann des Republikanischen Schutzbundes aus Wien urrd aus allen Jndustrieorten Niederösterrcichs und des DurgenlandeS eingefunden hatten. Die Schutzbündler warm mit zwölf Extratourm, davon acht aus Wien und vier aus Wr.-Newstadt nach Schattendorf gefahren. Sie führten 52 Standarten und acht Musikkapellen mit. Unter dem Kommando des sozialdemokratischen» Bizebürgermeister aus Wr.-Neustadt Püchler, formierte sich der Zug. Die Leiche des kleinen Grössing war im Wvhnhause seiner Eltern aufgebahrt. Die Einsegnung nahm ein Dechant von Mattersburg vor, weil der Pfarrer von Schattendorf sich im Orte nicht nrehr sicher fühlte und wahrscheinlich nach Ungarn geflüchtet ist. An der Leichenfeier dürften insgesamt 16.000 Menschen teilgenomnten haben. Am offenen Grabe sprach-eu der Bürgermeister von 'Schattmdorf Grafl und Stadtrat Winter, worauf die Schulkinder das Kiuderfreundelied sangm.! Hierauf marschierte die unabsehbare Menschenmenge nach Klingenbach, »vv die Leiche des Arbeiters Sm<n ric beerdigt tvurde.' Beiin Durchmarsch durch Schattmdorf, der IV2 Stunden dauerte, leisteten Pie Schutzbündler an dm Stellen, wo Smaric und Grössing zusammengebrochen warm, die Ehrenbezeigung. Dort waren Matcrln, die mit Kränzm geschrnückt »varen, aufgerichtet, Mannschaften des Republikanischen Schutzbundes hielten die Ehrenwache. Das Gasthaus Tscharmann, aus dem am Sonntag die tödlichm Schüsse fiele»», war durch ein starkes Gendarmerieaufgebot betracht. j Die Leichenfeier für Smaric fand um 5 Uhr abends statt. Zu ihr hatten sich u. a. eirigefunden in Bertretunig der burgellläudifchsn Landesregierung Landcshauplmannstell-- vertreter Leser, für die niederösterreichische Landesregierung Landeshauptinannstellvertreter Christoph, zahlreiche Nationalräte, Landtagsabgeordnete ustv. Nach der Einsegllung tvurde die Leiche auf den Ortsfriedhof gebracht, am offmen Grabe sprach wieder Bündesvat Winter. Dm Rückmarsch ersola»e bereits in stockfin fterer Nacht, ging jedoch in größter D dnung ohne Zwisch nfalt vor PH. Sine verweigerte Auslleierung an Ungar». In schriftlicher Beantwortung einer im Nattonalrat gest-ellten Anfrage betreffend die Auslieserungssachc Franz B r a n d l s teilt Vizekanzler Dr. D i n g h 0 f e r mit, daß das Oberlanoesgericht Graz in Uebereinstimmung mit dem Anträge der N-atskammer des Kreisgerlchtcs L e 0ben bereits am 22. Dezember 1926 b'fchlossen hat, Franz Brandt wegen der ihm im Haftbefthl des Strasgerichtshofes Budapest, zur Last gelegten Verbrechen des Mordes und des Raubes an die ungarische Regierung nicht auszuliefern. Vizekanzler hat diesen Beschluß in der Erwägung genehmigt, daß der D.schnldigte nach den Auslieftrungsbehelfen die. strafbaren Handlmtg-cn im Mai und Juni 1919 im Zuge einer Aktion zur Niederschlagung der gegenrevollktionären Bervegung und zu dem Zwecke begangen hat, die Herrschaft der Räteregierung zu sichernd Die Straftaten verfolgen dah«'' zweifellos einen politischen Zweck. Partclenberatnngen Lber die öoMverficherung. Die A r b e i t e r v e r s i ch e r u n g ist im Unterausschuß bereits ga»»z durchberaten, doch wurden auch in der gestrigm -Sitztlng gerade, die »v»ch t l g st e u Besliinlnuugen bis zur Entscheidung durch die erst el»»z»lleitendm Parteimverhandlungen zurück ge stellt, so vor allem die Frage des Gelt»»ngsbeginnes des Gesetzes, für die die Sozialdrmvkratm den 1. Jännet 1928 Vorschlägen, »r»ährmd die Christlichsozialen das Jnslebentrete»» der Arbeiterver'icherung nur gleichzeitig mit der Selbsläudigenversicherung zugeftehen wollm. Die Parteleuverhandlungen siud für Anfang nächster Woche in A»»ssicht genommm.

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