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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-03 · Heft 2850 (3.2.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2850 (3.2.1927)
Date
1927-02-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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«Teile S S. ff&tuat 1927 LITHAGON Vorzügliches Präparat gegen alle durch Gallensteine SS!“ Bestens bewährt auch gegen Magendruck, Aufstoßen u Uebelkeiten infolge Magenüberladung. Aerztlich erprobt und begutachtet Erhäl'lich in allen Apotheken! Preis pro Fhsche 4.80. — Erzeugung Alt« F^ld&pc ske, Wien, 1. Stephan Bpi atz s Mt. 9*0 fflien. „Vom Leben getötet." Die Mutttr bpr N. I. Breme verhaftet. Zu unserem Sonntagsblatt haben wir in der Rubrik ,Much der Zeit" eine von Kurt Münzer geschriebene Besprechung des (im Herder-Verlag in Fr^iburg erschienenen) Buches „Vom Leben getötet" v^röfi'eut.icht, das durch seine. realistische Darstellung der Fürsorg^behandlung van Mädchen durch die Bremer Polizei und die Bremer städtische Krankenanstalt speziell in der Arbeiterwelt ungeheures Aufsehen erregt hat. Das Buch ist von der Aebtissin des Klosters Haselünne (O deubürg) herausgegrbrir worden und erzählt die Schicksale eines Mädchens namens M. I. Breme, das auf die Straße gegangen und nach eitlem sehr bewegten Leben kurz vor dem 17. Geburtstag gestorben ist. Die Sensation, die dieses Tagebuch hervorgerufen hqt, wurde noch verstärkt, als die Mutter des Mädchens, die Frau K o l o m a k, Nrit der Erklärung auftrat,, sie habe selbst das Buch geschrieen Die Bremer Polizei veröffentlichte nun eine Antwort, in d^r es hieß, die Erzählungen des Mädchens seien erlogen. Gegen die Mutter als den angeblichen Autor wurde ein. Verfahren eingelcitet, und Frau Kolmnak wurde am 28. Jänner in ’ dem Kloster in Haselünne verhaftet und nach Bremen gebracht.. Es wird gegen sie die Anklage erhöbe»,, sie habe elbst ihre Tochter verkuppelt. I. 8. Mmdeleiew. 8» Wem A. Mutase. Vor zwanztj-, 'Jahren ver>aro V3llhrig in Petersburg der emeritierte Professor der Chemie, Mendelejcw, dein die Naturwissenschaft eine der bedeutendsten theoretisch» Lcistmrgen verdmckt. Dmitri Mendelejew ist der Entdecker der Theorie vom periodischen System der Elemente. Dieses System stellte er iin Jahre 1869 auf und was die Physik seither an Erkenntnissen in der Elemententheorie gewonnen hat, geht auf Mende^e'ews Arbeiten zurück. Er hat nemäß den W>M>«SaWW»M»a«a»»»>»»WWaWa»»»aW>»W»WWWV»WWW>WWWWWSWW»W>P>>>WVWW»W»W>»WW»»W Achad Haam und Mendele Machet Sotim. Von Johann Rnwnitzky. Der bekannte jüdische Publizist und Forscher Rchvnihky veröffentlicht anläßlich des Todes Achad Haams Erinnerungen an Cen W^ilosophen und den Ebenfalls verstorbenen berühmten Dichter Mendele Mocher Sforim; wir geben daraus das Nachstehende wieder: Achad Haam und Mendele Ddocher Sforim, die Mrei Löwen der „Qdcsscrer Bocherys", waren eng befreundet, brachten einander SiÄbe und Ächtung entgegen, obwohl sie in vieler Hinsicht grundverschieden waren, sowohl i,m Gharakter als auch an Temperament. Achad Haam hielt große Stücke von Mendele, dem grundigelchrten, der seine Zuhörer stets durch feine gedanckentiefe und bilderreiche Sprache entzückte. Er las ihn auch gerne und bewunderte seine reiche, einfache und ungewöhnlich genaue hebräische Sprache. Ein junger Wischer Literaturfreund fragte einst Achad Haam, wessen Stil seiner Ansicht nach der beste wäre und als Muster für Anfänger gelten könnte. Achad Haam antwortete: , In der Belletristik ist gewiß der Stil Mendeles musterhaft." „Und in der Publizistik?" fragte, jener. ,Sn der PMizistik, glaiche ich, der Stil Achad Haams." Bon den geistigen Beziehungen, die Mischen den beiden Großen bestanden, zeugt auch eine Anzahl herzlicher Briefe, die sie miteinander wechselten. Auf eine Einladung eines Londoner Juden an Achad Haam, sich an einer Trauerversammlung nach Mendele zu beteiligen, schrieb er: „Der Tod Mendeles ist für mich doppelt schmerzhaft: 1. Weil wir den Löwen der ePvVHwe Verhältnissen der Elemente in bezug aus das spezrsischs Gewicht eine bestimmte Zähl von hypothe.isch festgesieM, die in der Natur vorhanden sein müssen. Als Mendelejew diese Reihe aufstellte, war nur ein Teil dieser Elemente bereits bekannt. Nach seinem System ve.-m^chte er jedoch nicht nur die Existenz, sondern auch die Eigenschaft noch nicht bekannter Elemente anzu geben und tatsächlich sind a lmähich särnt iche Elemente d:r M.nde'e'ervchm Tafel aufgefunden worden, die letzten zwei erst vor kurzer Zeit. Gerade die Entdeckung der' systematischen Elementenreihe durch Mendelejew hat eS ermöglicht, daß die späteren Forschungen der Atomtheoric so viele neue und fruchtbare Erkermt.nisse liefem konnten, da das Prinzip der Systematik auch hier Anwerbung fand. Mendelejew hat Übrigens auch eine wertvolle theoretische Arbeit Wer die Bildung desErdöls geliefert und sich mich auf dem Gebiete der Naphtha-Chemie praktisch betätigt; seine Untersuchungen haben zur Belebung der russischen Navhthainduftrie viel beigetragen. 8« der finstersten Marmaror. Geifterspuk in der Werkstatt des Flickschusters. Nicht weit von Marmaros-Sziget liegt das Dörfchen Leordina, das jo klein ist, daß ihm selbst auf der Landkarte kein Pünktchen gewidmet wurde. In diesem gottverlassenen Dorf ist jetzt ein Schrecken unter den Bewohner« ausgebrochen, der, wenn er fich nicht bald legt, dazu führen kann, daß ein ganzes Dorf panikartig verlaßen wird. Der Schrecken ging aus der Wohnung des jüdischen Flickschusters Jtzig Juda aus. Bor zwei Wochen war's, als in der kleinen Schusterwerkstatt am Abend die Lampe angezündet wurde und die Lampe plötzlich vom Tische aussprang, im breiten Bogen durch die Luft flog, um schließlich zu Boden zu stürzen und in Trümmer zu gehen. Meister Juda glaubte anfangs, daß sein Lehrling oder Gehilfe durch irgendeine geheimnisvolle Machination den Spuk verursacht habe, zündete eine zweite Lampe an, aber auch diese machte, wie die erste, einen Purzelbaum und endete gleichfalls in Splittern auf dem Boden. Nun erfaßte den Schuster und seine Familie Angst und Schrecken, sie liefen aus der Wohnung und erzählten den Dorfbewohnern von der übernatürlichen Erscheinung. Am anderen Tag war die Wohnung des Schusters das Ziel der gesamten Dorfbewohner, die ängstlich einen Blick in die verzauberte Schusterwertstätte tun wollten. Schon sprach man davon, daß die Höxe, die sich in der Wer!statte eingenistet habe, nunmehr von dem ganzen Dorf Besitz ergreifen wolle, und die wenigen Beamten hatten, große Mühe, die Dorfbewohner zu beruhigen. Am anderen Abend versammelten sich die Mutrgeren des Dorfes in der Schüstertyerkstätte, pm sich selbst zu Überzeugen, welche Bewandtnis es-mit der fliegenden Lamp« hat. Zehn Lampen wurden an jenem Abend auf dem ArbeitS» tischchen des Schusters angezündet und alle zehn flogen in die Lust und zerschellten schließlich auf dem Fußboden. Als auch die zehnte Glaslampe den Weg ihrer Vorgänger genommen hatte, wurde eine-Blechlampe herbeigeschaffl, mit Draht an den Tisch gebunden, so daß es besonderer Kraft bedurfte, die Lampe vom Platze zu verrücken. Kaum war jedoch auch diese Lampe entzündet, als auch sie sich vom Platze rührte, als wollte sie sich von den Drahtfesieln befreien und in wenigen Minuten flog die Blechlampe in die Lust, machte — man möchte fast sagen — ihren vorschriftsmäßigen Bogen und siel zu Boden. Nun hatte die Angst der Dorfbewohner ihren Höhepunkt erreicht. Der Schuster Jtzig Juda fuhr nach einer eingehenden Beratung nach MarmaroS-Sziget, um ' die dort befindlichen Bunderrabbi um Rat. und Hilfe zu bitten Der Rebbs Wischen Literatur verloren haßen, den niomand ersetzen kann, und 2. weil sein Abgang den schwersten Schlag für die Literatengrnppein Odessa bedeutet. Diese begann 'schon wohl früher auseinanderzufallen; solange jedoch' Mendele ilelbte, hätte ich daS Gefühl, daß unser Heim noch nicht zerstört sei; die Linder lind wähl zerstreut, aber der'alte Vater labt noch und hält sie alle Mammen ... Wer Gelegenheit hatte, diesen alten Mann zu beobachten, wie er seine Werke übersetzte, wie et jedes-Wort, jede Phrase feilte, damit sie nicht hinter dem Original zurücksteihe, der hat in seinem Leben keinen größeren Freund der hebräischen Sprache beobachten K)Nnen." Auch Mendele brachte Achad Haam große Hochachtun-g entgegen und oft äußert? er sich, wenn man der Ehre Achad Haams na'hetrat: „Tretet nicht meinem Messias nahe." Bei der Lektüre eines Artikels Achad Haams, in dem die Macht des „geistigen Zentrums" besonders, betont wurde, geriet Mendele in ungeheure Aufregung: Gm eigenartiger Mensch ist dieser Achad Haam. immer wieder sucht er die Lchre vom Geist zu verbreiten, ununterbrochen prophezeit er von der Wirkung dieses Gvistes. Fehlt denn überhaupt dem jüdischen VoVk noch Beist? Ich glaube, unser Volk 'hat überhaupt keirren Mriper mehr, es besteht überhaupt nur aus Geist." Ein anderes Mal wieder war der „Großvater" uns.'rer Literatur in einer „geistigen Stimmung" und er sprach selbst in feiner schönen bilderreichen Sprache von der Stärke des jüdisch?« Geistes. Als inan ihm daraufhin sagte: ,/sie siird doch selbst jetzt Achad .tzaamist", antwortete er naiv lächelnd: ,Zch ein Achad Haam-ist. Im Gegenteil, wenn Achad Haam solche Worte spricht, ist er ei^Mndslist.." Ost Märte Wendete ganz offen: ,Hch Und Achad Haam sind Mi ent- -von Borsa habe — so erzählt „Uj Kclet" — den Schuster über alles mögliche ausgefragt und so erfahren, daß an der Stelle, 'wo heute das Haus des Schusters steht, einmal ein Bäcker seinen Backofen hatte. Und der Robbe habe erklärt, daß nach dem Testament Rabbi Jehuda tzachassids auf einenr Platz, wo früher ein Backofen stand, kein Hans gebaut werden solle. Er riet daher dem Schuster von Leordina, heimzukehren, den Fußboden seiner Wohnung aufzuheben und dort einen Kubikmeter Boden auszugraben. Der Schuster von Leordina entsprach unter Assistenz des ganzen Dorfes dem Befehl dcs Robbe, worauf dann an die Entzündung der Lampe goschritten wurde. Mit schlotternden Beinen zündele der Schuster die neue Lampe an. Aber auch diese teilte das Schicksal der früheren. Der Rat des Rebb» blieb wirkungslos. Und so wiederholte sich der Spuk noch mehrere Male und es ist daher kein Wunder, daß die Bewohner des Dorfes Leordina entschlossen sind, ihr Ranzel zu schnüren und dem verzauberten Dorf den Rücken zu kehren. Die Mär von dem Spuk von Leordina verbreitete sich rasch und drang schließlich auch in die Amtsstube des Stuhlrichters, der beschlossen hat, durch eine Kommission der sonderbaren Erscheinung auf den Grund zu kommen. In Leordina wird dem Lokalaugenschein der Behörde zitternd entgegenge-sehen. Der Schuster Jtzig Juda aber ist mit seiner ganzen Familie bereits aus dem Hause des Schreckes ausgezogen. ditte LügnerentlarvnngsmaWne. In de» Vereinigten Staaten soll ein Mann namen- Larten einen Apparat erfunden haben, der eS ermöglicht, jeden Lügner, selbst den größten und genrlegtesten, zu ertappen. Larsen ist von Beruf Polizist, und als solcher hat er reichlich Gelegenheit gehabt, das Innenleben von Lügnern aller Schattierungen zu studieren. Larsen sitzt an seinem Schreibtisch und überläßt die Scharffinnkgkeit des Deteltivgefchästes dem komplizierten Apparat,dev die Atmung, Blutzirkulation und Herztätigk e t1 eines Delinquenten registriert und gegeneinander ab-. qioägt. Die Sache ist sehr einfach: man schnallt einem Verbrecher einen Gurt um die Brust, der durch Schläucke und DrÄste den Apparat verbindet. Und bei dem BerhAq ■ braucht man nur an einer Skala abzulesen, wie es uw. die Wahrheit der Aussagen beschaffen ist. Was dis jetzt über die Lügnerentlarvungsmaschine gesagt wird, genügt noch nicht zu letzten Sch üssen. Wer es! ist schon viel wert, wenn man einem Schwindler sagen! kann, daß die Maschine ihn durchschauen wird, und das ist dann auch ein Weg zur Wahrheit. Die amerikanischen Blatter meinen, die Maschine sei ein zuverlässig arbeitendes Instrument und ihr Erfinder einer der schlauesten Männer der neuen Welt. Sie soll bereits einen Scheckfälscher, zwei Schnapsschmugzler und etliche Heiratsschwindler entlarvt haben. Dann allerdings müßie der Apparat sofort allgemein. eingeführt werden. Er würde uns manche Enttäuschung vom Halse halten. gegengesetzte elektrische Strome, die sich nichit vertragen, qber doch von derselben Art sind." Nicht iselten Pflegte er zornig auZizurufen: „Dieser ' Achad Haam bringt mich derart in Wut, daß ich iHn am liebisten an seiner „Geistigkeit" aufihängen würde. SeMverständlch würde ich dann selbst ihm den schönsten Nachruf hakten und mcHr als jeder andere den großen Verlust beklagen, da niemand ihn' ersetzen kann." Mendele war ein ausgchprochener G:gner der Piibelstritik. Er fand die schärMen Worte gegen die., jenigen, „die sich in das W.'sen der Bibel einschleichen und den Sinn der göttlichen Worte verdrehen". „Die PDelkritik ist eine Sache der anderen", — pflegte er zu sagen, — „deren Bibevsorischer zum größten Teil unsere Gelehrten nicht kennen." Selbst war er jedoch ein ungewöhnlicher Kenner -der Bibel, deren Schönheit und Tiefe er stets bewunderte, insbesondere verehrte er Mcses, den Vater aller Propheten. Achcrd Haam hielt nun einst in Odessa einen Vortrag über Moses, in dem - er den- Beweis zu erbringen versuchte, daß dicher in Wirklichkeit niemals gelebt habe, sondern nur sin ^Geschöpif der Volksphantasie sei. Mendele war darüber derart ampört, daß er nach dom Roferate den Historiker Dubnow zu sich rief und mit hochgerötctem Gesichte ihm sagte: „Was sagst du zu dem schönen Vortrag? Traurig, daß wir so was anhören müssen. In der Pibel ist erklärt, daß wir bis auf den heutigen Tag^ nicht wissen, wo das Grab McseS sich befindet, ich aber »peitz es. Hier im Saal ist Moses begraben worden, sein Totengräber ist Achad Haam." Nicht lange hielt dieser'Zorn an und beide wurden bald wieder die alten Freunde.

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