Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2849 (2.2.1927)
- Date
- 1927-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . M9 . Men^ MiWvoch Mein Lebe«. Von Kurt Münzer. Ich glaube nichtdaß denen, die mich lesen, der Bericht vom äußeren Maus meines Lebens etwas sagt- ES werden sich nicht Beziehungen mtd Zusammenhänge ergehen. Ich habe mich, für meine Bücher, Wohl der . Wirklichkeit, aber nicht meiner Erlebnisse bedient. Denn jch hin kein Schriftsteller von Beruf, ich lebe nicht, um zu schreiben Ich schreibe mrr, weil ich so vieles erfahre, so viel vom Menschen weiß, so viel sehe. Jch bin nur ein Dilletant, ein Improvisator, sonst ein Mensch wie alle. Jch kann kein Bekenntnis zum Buch — ich kann nur ein Bekenntnis zum Lchen ablegxn. Jch liebe das Leben und bin also jede Stünde für den Tod bereit, denn er wird des Lebens Größtes sein. Jch hatte nie Ehrgeiz, nie Eitelkeit. Als.ich vor zehn Jahren plötzlich so etwas wie berühmt wurde — durch das Buch „Der Ladenprinz", durch einen grotesken Prozeß um mein Erstlingsbuch „Der Weg nach Zion" — da fand ich nicht: nun sei es erreicht. Ich werde es nie durch eine Leistung oder einen Erfolg erreichen. , Was ich will,, liegt, rm Leben. Ich will Mil? Mensch sein. Ich liebe , alles Leb-ndige. Jch empfinde es bitter, daß ich die Mücke töte, die mich sticht.. Meinem Menschenfeinde wenigstens — ich habe einen — werde ich nie Böses tun. Ich hin, geboren in einer kleinen dunklen Stadt Oberschlesiens und kam mit acht Jahren nach, Berlin.' Da ich die Schule haßte, absolvierte ich sie als guter Schüler, um sie nur baü» hinter mir zu haben, und bezog mit achtzehn Jahren die Universität. Ich begann mit Juris und Wovon spricht man in Kolomna? Bon B. Ät. Doroschewitsch. Wovon spricht man in Kolomna? Bon der Teuerung des Holzes? Bon dem Preise des Kohls? Wo man am besten Kaliko einlayst? Nein! : - Es ist Gesellschaft bei der Witwe nach dem Titularrat Ako'riew- ' ' .. , ■ , ’ Unter den Anwesenden nennen wir au Hasard: 0 Die Frau des Diakons, die Fxau des Klub-Bufettiers. '(Ein grünes Kleid' mit schwarzen Spitzen.) Die Hpfrats- - witwe Perpetua Jegorowna Sakowykina (eine sehr schöne -'Toilette:, ein Kleid mit Turnüve, Beajs, Plisses und Falten) ustv. In der Ecke ein Tischchen mit Obstpaste, Karamelzucker und Zwieback. „Merctt" sagte der jüngere Buchhalter aus d^m Kerzeuladen, während er eine Tasse nahm. „Pas de quoi!" antwortete die Hausfrau. „Pour votre honte!" Die TitularratSwitwe warf ihm einen dankbaren Blick zu, er ist die Zierde ihres Festes. Die Diakonin richtete ihren lilafarbenen Schal und sagte: „Die Fürstin Andalusow war gestern an einem Abend bei zwei Soupers: bei de« Nadbolskijs und bei dem Baron Pschtk" „Est-ce que juste?" wundert sich der jüngere Buchhalter. „Das wissen alle, die die Tageschronik verfolgen!" -- die Frau des Klub-Bnsettlers zuckte, mit den Achseln. —- „Ich habe in der Zeitung davon gelesen!" , „Ja, aber ich erkenne in der letzten Zeit die, Fürstin Andalusow nicht wieder. Wo bleibt ihr Geschmack? Sie trizg eine lichte Toilette, die mit Brüsseler Spitzen garniert loar." > „Brüsseler Spitze,» finb jetzt nicht modern!" bemerkte die Hosratswitwe mtd richtete ihre Turnüre. „Das sage ich auch!" rief die Diakonin aufgeregt. Und die Mtische Hpstienbäckertn fügte ihrerseits hinzu: „Man nrerkt es, haß der Fürst den Beutel nicht anstun wiy!" „Er war immer geizig! Immer!" rief die Hausfrau nahezu-entsetzt. Worauf Mütterchen Diakon dünnem Lächeln versetzte: „Nun, und der Graf?" fiel dann der Philosophie anheim, dann der Kunstgeschichtze. Aber die Erfüllung fand ich »rst in der Medizin. Dvrt begegiwte ich ja dem Menschen. Ich habe Minen Beruf verfehlt, indem ich nicht Arzt wurde. Danach habe ich ein Jahrzehnt in Kliniken und Irrenhäusern zugebracht und bin dort dem wahren Leben begegnet, in allen Erniedrigungen, in allen seelische« Überspannungen. Meine Lehrnmfter wrren nicht Dichter und Schriftsteller, sondern Aerzte. Danach wäre ich wohl ein schlechter Arzt geworden, denn ich liebe nicht die Krankheit, sondern den Kranken. Bis zum Kriege war ich viel unterwegs, ich lebte iu Wien, Paris, lange in Tirol, am längsten in der Schweiz, und meine wahre Heimat ist- Zürich. Muß sich der Jude nicht seine Heinmt suchen? Ich liebe das Gebirge, .Nirgends ist mir Gott näher, und offener als da. Nirgends sonst blicke ich - so ahnungsvoll in das Geheimnis der Schöpfung, in ihren Vorgang selbst. Jch habe lange in Norditalien gelebt. Und wenn es kein Gletscher sein kann, sollte es. der flammende, sengende, schwelgerische Süden sein. Die Mitte habe ich nie geliebt, ich hasse das Laue. Das war vor dem Krieg. In den Krieg selbst kam ich nicht. J»n Gegenteil erhielt ich. die Erlaubnis, Ende 1916 in die Schweiz zu gehen, die ich erst drei Jahre später verließ. Bis heute, .... . Ich lebte dann in kleinen deutschen Städten, weil ich die großen nicht rna^. Dennoch muß'« ich i ach B:rin zurückkhven — der Arbeitsmöglichleiten wegep. Ich habe alles verloren und muß — nun doch! aus tziner Passion einen Beruf machen: ich lebe vom Schreiben. Aber niemals werde ich es vermögen, ein Buch aus Evtverbszwrck zu schreiben. Ich . habe, seit Jahren, Mi fertige liege». Aber sie sind, ' ' >t'y . -- * : A.Jfrrn V*‘ ''V- V; v» t >. * m 'iy -- - < -t * V* W'y'j?? - ♦ v-, Und a»le senkten die Augen uno lächelten dünn und giftig, aber die Hausfrau beeilte sich zu bemerken: „Meine Herrschaften, wechseln wir das Thema!" . Die Gesellschaft war chockiert von der Lebensführung -der großen Welt. „Der Graf? Welcher Graf denn?" fragte der junge. Vorsteher, „Wenn man in unserer-Gesellschaft von einem Grafen spricht, so heißt das immer: Graf Atlantjejcw!" erklärte die Diakonin streng und belehrend. Und derjunge- Tischvorstehex neigte das Haupt in tiefer Ehrfurcht, wie ein eben Geweihter, dem die Geheimnisse des Ordens entschleiert werden. „Bei den Wandomskijs tanzten sie gestern wieder zum Klavier!" sagt die Diakonin, um das Thema zu wechseln. „Es waren viele junge Leute da und sie tanzten pas de quatre, und mit Ausdauer!" ' „Und dabei wäre beinahe Feuer ausgebrochen!" fügt hie Frau. des Klub-Bufettiers betrübt hinzu. „Sapristt!" — der. junge Buchhalter kann diesen Ausdruck vor Staunen nicht. unterdrücken. Und die ganze Gesellschaft entscheidet: „Wir sagten es schon immer, daß pas de quatve zu nichts Gutem führt." „ „Aber seltsam,. daß davon nichts in der Zeitung .stand!" wundert sich die Hofratswttwe. „Aber um Gotteswillen, wie . konnte das nur geschehen!" ruft die Hausfrau eirtsetzt. „Mein Mann erfuhr es von dem Haushofmeister!" sagte die Frau des Klub-BufettierS, und die ganze Gesellschaft sagt ehrfürchtig: „A—a—a!" „Eine Kerze fiel der Gräfin Jampolska auf das Kleid und . . Die Frau des Klub-Bufettiers erzählte ausführlich, wie Madame Wandomska selber erschrocken war, wie der junge Fürst Uchowjertow hinzusprang, um die Gräfin zu retten. Alle Einzelheiten sind ihr bekannt, als ob die brennende Kerze auf sie gefallen wäre. „Der Lakai wurde auf der Stelle entlassen!" beendet sie ihre Erzählung. Die Erzählung macht einen starken Eindruck auf die Anwesenden. „Ach, ich zittere geradezu um die arme Gräfin!" s-gt die Hausfrau, einer Ohnnracht nahe. „Nichts dergleick-en!" sagt die Erzählerin beruhigend. „Die Gräfin erlitt kirre BräMtziMeul" 8. StotJMt 198? Seite y 0000exx»000cxxx30000000000cx»0000g)00<xx> LB wenfranzbranntweln mit Menthol ist kein Wundermittel, sondern ein auf wissenschaftlichem Wege glücklich gelöstes Problem, als das beste unter allen Hausmitteln, gchtttsmarke. Üeberäll erhältlich. Q(XXXX30C>OOOOOOOOQOOOQOCXXXXX30CCCOQOC03« iiri Problemstellung und Problemlösung so gegen bas Publikum, gegen den Erfolg geschrieben, daß kein Verleger das schlechte Ge'chlft riskiert. Dieses ist mein Leben. Es ist nicht viel. Aber was soll ich sagen? Mel»« Schmerzen und andere Seligkeiten gehören mir. Jch stehe völlig allein in der Welt, ich habe teilt Haus, keine Matter mehr, hatte nie ein Kind. Meine Hunde sind mir gestorben, denn ich werde nun alt. Eine Keine Katze ist meine letzte Lebensgefährtin. Jch habe keine sentimentale Einstellung zum Tier. Es ist nicht meine Zuflucht. Wovor? Noch einmal: der Mensch, in jeder Entartung und Erniedrigung, ist mir liebenswert und nah. Aber die Schönheit des Tieres beglückt mich, seine Natuvhaftigkeit erregt mich, sein Vertrauen zum Menschen erschüttert mich. Mein Veranttvortlichkeitsgefühl ist am größten dem Tier gegenüber. Und sonst lebe ich in einer Abgeschiedenheit, die nur dem noch „Leben" enthält, der es überall zu finden» weiß. Ich reise nicht mehr, ich „erwarte" nichts mehr«' Auch Sehnsucht — wie schade! — altert. Seit ich den, „Jude ans Kreuz!" geschrieben habe, denke ich oft: es ist genug gewesen... Und woher nun dies alles? Und wohin dies alles? Von dir, tote Mutter! Zu dir, unsterbliche Mutter? Ae spanische Grippe kn Budapest. Budapest, 1. Februar. Nach dem Bericht des Hauptstädt-iischen QberphysMits sind gcistern neue Fälle spanischer Grippe gemeldet worden. 3 7 neue Erkrankte wurden ins Spital ausgenommen. 47 ne ue Influenza-Erkrankungen wurden angemeldet. Z iw e i P e r s o n e n sind a n In fl u e n za g e st o rb eit. Mrriwg der NemeLiarschuleu tu Mlskolcr. ' . Budapest, 1. Februar. Die Influenza-Epidemie hat. in MiSkolcz d.rart überhand.genomm.en, daß,. wie die Bläter melden, die dortigen Element a rfchulen bis zum 13. Februar geschlossen^ wurden. Die Dollsschuleü in VSMtz geWojseu. Görlitz, 1. Februar. Infolge epidemis^len Austretens der Grippe sind hier die Volksschulen g e s ch l o s s e n worden. Es sind ii 15 e r 10 0 Kinder erkrankt, doch sind d-'e Erkrankungen leichter Natur. Die Gesellschaft beruhigte sich. . „Ja," bemerkte die Diakonin, „es ist gut, daß es so geendet hat. Es wäre doch für die junge Gräfin geradevor der Hochzeit sehr unangenehm gewesen." Die Nachricht platzt wie eine Bombe in die Stube. „Wie das. Hochzett? Wessen denn? Wieso wußten wir nicht davon?" . „Die Gräfin heiratet den Fürsten Rcstrwransky!" sagt die Diakonin triumphierend, und wirft der Frau des Klub- Büfettiers einen vernichtenden Blick zu. „Jch habe es von dem Neffen meines Mannes: er ist Diakon in der Kirche ihres Kreises. Das Aufgebot steht bevor!" . „Wer hätte das erwarten können!" „Was für eine Surprise für uns atte!" „Und. wir dachten, sie heiratet den Baron 36!" „Parbleu!" ruft der kleine Buchhalter aus. Und sie sprechen und sprechen von dieser Welt, die ihnen ferner ist als die Sonne von der Erde. U»rd sie streben jener fernen Sonne zu, die sie doch nicht wärnnt, so wie die armseligen gelben Saline der Sonne zustxeben, diese Halme, die auf dem Fmster eines Hauses in Kolomna" in einem Blumentopf ihr Dasein fristen.; Und diese Armen im Geiste leben von den Bruchstücken dessen, was aus euren Salons zu ihnen, dringt, so wie die armen Teufel sich mit Fetzen schmücken, die. sie quf dem Markte kauften und die eittstmals der Schmuck der ersten Stutzer waren. Wenn die Moralisten euch aus der Lpere eures Daseins einen Vorlourf machen, glaubt ihnen nicht, meine Danten — ihr gebt durch die Leere eures Lebetts diesen arnten Leuten erst einen Lebensinhalt. Ihr tut wahrhaftig mehr Gutes, als ihr ahnt. - In dem gleichen Augenblick, indein Sie, meine Girädige, dem jungen Diplomaten eilte kleine Tasse Tee reichen, dringt der Duft dieses Tees bis nach Kolomna und umschineichsslt ihnen dort die Nasenlöcher gleich Weihrauch. Ist die Welt nicht ein seltsames Ding? Die Kerze, die auf euer Kleid fällt, läßt die Bürger-» fta» in Kolomna erschrocken aufschreien. Und die große Welt ist »rotwrndig, damit die kleine Welt einen Gesprächsstoff hat. (Aus dem Russischen von B. K. B.)