Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2848 (1.2.1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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SV.W8 Wien, Dienstag 1. FeLruar 1837 Seite 8 Tagesbericht. Mnnitionrervloslon bei einem Sugrznfammenftoß. 9 Lote. Viele Verwundete, 80 Pulet belthWgt. Newyork, 31. Jänner. Nach einer Meldung aus Osaka ereignete sich bei einem Zusammenstoß e i n e s G ü - terzuges mit drei Militärmunitionswagen in der Provinz Kiuschu eine Eplosion, bei der drei Personen getötet, mehrere verwundet imb 80 Häuser schwer beschädigt w.rden. Mall eines Postautomoblls. Budapest, 31. Jänner. Las zwischen Kalo cs a und Basa verkehrende Postauto ist verunglückt. Ein Passagier wurde getötet, einer schwer, mehrere leicht verletzt. Der Chauffeur wurde von der Polizei in Gewahrsam genommen, da er auf die höchstmögliche Geschwindigkeit geschaltet shatte. Das Automobil ist länzlich verbrannt. Sie Vlippeepidemie iaUngak«. Budapest, 31. Jänner. Sanrstag sind drei Personen an Influenza und zwei an Grippe gestorben. Außerdem wurden an diesem Tage 102 neue Erkränkungen gemeldet,. Gestern sind zwei Fälle von spanischer Grippe gemeldet worden; eine Person ist an Grippe gestorben. Ferner wurden 31 Jnfluenzafälle gemeldet; eine Person ist infolge Auftretens von Koinplikationen an Influenza gestorben. Pest auf einem deutschen Saurvlet. Rotterdam, 31. Jänner. Auf dem gestern hier von Bahia eipgetrossenen deutschen Danrpfer „Kuba" hat sich ein Pest fall ereignet, weshalb das Schiff sofort unter Quarantäne gestellt werden mußte. Achad Haam in der antisemitischen Propaganva. Wie tvir wiederholt belasteten, nahm die arisch-völkische Presse Deutschlands die Nachricht vom Tode Achad HaamS zum Anlaß, wieder die Lüge» aufzuwärmen, daß Achad Haam die „Geheimnisse der Weisen von Zion" auf dem ersten Ztonistenkongreß in Basel (1897) als Richtlinien einer gch-imen jüdischn Zentrale vorgetragen habe. Urheberin dieses Märchens war eine Frau L. Fry, die es im April 1921 in der inzwischen eingegangenen obsturen antisemitischen französischen Zeüschrift „La viellle France"' vorgebracht hat. Frau L. Fry stand mit dem verstorbenen Vorsitzenden des „Verbandes gegen Ueterheüung des Judentums", Müller von Hausen, in Verbindung und bezog von ihm ihre Lüge. Die deutschen Mitglieder der antisemitischen JnternaioiE arbeiten gerne mit dem Trick, eine Meldung, an d:ren Verhreitpng in Deutschland ihnen besonders gelegen ist, zuerst iin Auslande zu placieren, weil ja gerade dem Volke dasjenige besonders imponiert, was „von weit her" ist. Neben Müller von Hausen ließ sich Graf Retz entlow intern von ihm herausgHebenen „Reichswart" die Verbreitung des Märchens von der angeblichen Verfasserschaft Achad Haams an den „Geheimnissen" besonders angeleg-u sein. Achad Haam klagte den Grasen Reventlow wegen verleumderischer Beleidigung. Reventlow hat vor oem Berliner Schöffengericht unter dem Ausdruck des Bedauerns und unter Uebernahme der Kosten des Rechtsstreites die Erklärung abgegeben, daß er. die vyn ihm über Achad Haam verbreitete Behauptung nicht aufrecht erhalten könne. Trotzdem ließ sich Müller von Haus-n nicht abhalten, das Märchen weiter zu verbreiten, und Alfred Rofenberg, der Herausgeber des Hitlerschen „Völkisch:« Beobachters", der früher die Behauptungen der Frau Fry anzrreifelte, brachte im „Völkischen Beobachter" vom 16. August 1925 aus Anlaß des damals in Wien abgehaltenerr Zionistenkongresses eine Karikatur Achad Haams mit der Unterschrift: „Achad Haam (Ascher Einsburg): Geistiger Führer des Zionismus; vermutlicher Inspirator zu ten ,Protokollen des Weisen von 'Zion'." Jetzt aus Anlaß des Todes Achad Haams schreibt Rosenberg in seinen Blättern: „Er (Achad Haam) war einer ter zielbewußtesten , Kämpfer des Judentums und vermutlich der eigentliche Vortragende, der die unter dem Namen ,Die Protokolle der Weisen von Zion' bekannten Berichte veranlaßt hat." - Wie man sieht, nützt es nicht das geringste, die Äbtvehr durch Nachweise der -Lügenhaftigkeit zu betreiben. So ein Hakenkreuz!^ kümmert sich um kein Gerichtsurteil. Er lebt davon, daß er lügt. Autounfall vcs Zugeukeur Rutheuberg. Aus Tel AJviiv wiro uM herlcAet; Vor einige» Tagen fuhr der bekannte Leiter des Clektrifizierungswerkes in Palästina Pinchas Ruthenberg in Begleitung einiger seiner Ingenieure mit der Bahn von Jerusalem nach Tel Awiw. Als er in der Umst-igstation Lud ankam, war der Zug Lud—Jaffa bereits abgegangen. Die Bahndirektion stellte Ruthenbrrg und seinem Hilfspersonal eine Draisine zur Verfügung, die sie nach T-l Awiw bringen sollte. An der Stelle, wo di:se Bahillinie sich mit der Landstraße kreuzt,, ereignete sich ein furchtbarer Zusammenstoß mit einem die Straße überquerenden Automobil, das in die Richtung des deutschen Ortes Wilhel-' aCäP6033S0ge00S00Q0^^ Läwenfranzbranntwaln SAnttttMk«. m i t Menthol ein Einreibemittel von verblüffender Wirkung üeberall erhältlich. m i n a fuhr. Der Zusammenstoß war so heftig, daß die Insassen der Draisine und des Automobils auf die Straße geschleudert und nicht unerheblich verletzt wurden. Bloß Ingenieur Rutheuberg, der die Gefahr als erster bemerkte und rechtzeitig aus der Draisine gesprungen war, kam mit dem Schrecken davon. , Die übrigen Verroundeten ivurden durch eine ärztliche Ambulanz verbunden, während Ruthenb-rg den Weg zu Fuß in feine elektrische Anlage Tel Awiw fortsetzen konnl Ser Mord au Professor Rose«. Aus Berlin wtro geruhet: D-r Mörv^r des Bres» - lauer Professors Rosen, des Bruders des früheren deutschen Außenministers, ist jetzt in der Person des Zuchthäuslers Jahn, der sich in der Strafanstalt Wohlan bejindet, entdeckt worden. Die Ermordung des Professors Rosen sowie, seines Hausmeisters Stock hatte, wie erinnerlich, seinerzeit großes Aufsehen erregt, und es war auch eine Anzahl von Verhaftungen vorgenommrn worden, darunter auch die der Haushälterin Rosens, der Frau Neumann, die jedoch damals sreigelasftn wurde, da ihr nichts nachgerviesen werden konnte. Nunmehr legte Jahn das Geständnis ab, gemeinsam mit einem gewissen Strauß, der ebenfalls ber.its ve.-haftet ist, den Doppelmord verübt' zu haben, und zwar auf Anstiften der Neumanns, die verhindern wollte, daß Ros^n ein zu ihren - Gunsten abge.aßtes Testament ändere., Nach der Aussage der Mörder hat ihnen Frau N^ männ 300 Mark Belohnung für die Ermorduv; Rosens versprochen. Ae Schllchtfrogr im batzrischeu Laudtag. München, 30. Jänner. Dom Bersassungsausschug des bayrischen Landtages lag gestern ter Plenarteschluß vom 8. Juli 1926 vor, wonach Schlachttiere vor Beginn der Blutentziehung durch mechanische Mittel zu betäuben scivu. ' ' Der Vertreter der Staats reg lerung teilte mit, daß der bereits fertiggestellte Gesetzentwurf zurückgestellt wurde, um die im Gange befindlichen BetäuüungSversurhe abzuwarten. Diese Versuche würden Haupt»' sächlich mit ch e m i s ch e n M i t t e l n, mit Cloral-Hydrat ausgeführt und seien noch nicht abgeschlossen. Das Gutachten von Professor Dyroff komme zu dem Ergebnis, daß eine Zuständigkeit der Länder zum Erlaß eines Schächtverbotes nicht gegeben sei. : ■ r Der Ausschuß beschloß, die Staatsregierung solle den Gesetzentwurf vorigen, sobald die Versuche über eine den rituellen Vorschriften des Judentums' entsprechende Betäubungsart zum Abschluß gekommen sind. Sie soll auch auf möglichst baldigen Abschluß dieser Versuche hinwi'rken. 3»m Ehrentage ZohannKremenezklis. Von Dozent Dr. Sigmund Kornfeld. Wenn der Keren Kajemeth. sein 25jährlges Jublläum feiert, dann ist es selbstverMndlich, daß er in Dankbarkeit und Verehrung seines ersten Direktors und. Organisators gedenkt, Johann Kremenezky. Eine zu Ehren dieses Mamres veranstaltete Feier trägt keineswegs bloßten Charakter eines Erinnerungsfestes; sie soll vielmehr , in ihrer tieferen Bedeutung zur Selbstbesinnung führen, zur Rechenschaftslegung über die Gruudlräfte, die von Anfang an in der zionistischer: Bewegung wirksam waren, die mit der Erstarkung dieser Betvegung immer klarer hervortreten und deren weiter« Festigung.und Förderung auch in der Gegenwart die dringeubfte Aufgabe aller GesinnungZgerwssen bildet. Für die heutige Generation ist es durchaus nicht leicht, sich irr die Stimmungen, in die GefühlAvplt der ziousfreuMichen Kreise vor dem Eintreten Herzls in die Bewegung einzuleben. Die Liebe , zu Zion hat seit Erlöschen der nationalen Selbständigkeit des jüdischen Volkes niemals aufgehört und es fanden sich immer wieder Männer, die ihren glühenden Gefühlen lauten Ausdruck gaben. Von Jehuda Halevis Zionselegie, die wir am 9. Ab in unseren Bethüufevit vor'.ragen Höven, geht eine fortlaufende Kette zu den Ausbrüchen der Sehnsucht nach Zion, die wir selbst erlebten. Es ist ohne Zweifel von Interesse, daß der große (christliche) Naturforscher Schleiden die Behauptung aufstellt, daß die Weltliteratur tvemges aufzuweisen habe, das man hillsichtlich der „Tiefe des Gefühls" dieser Zionselegie mi die Seite stellen dürfte, und daß einer der Begründer der Berliner jüdischen Refornrgemeillde, der Schriftgeller Aron Bernstein, Teile dieser Elegie nebst anderen Bruchstücken aus dem Ritual für den Tvauerlag der Zerstörung Jerusalems in einer meisterhaften deutschen Uebersetzuug wiedrrzegeben hat, — Beweis dafür, daß die tiefe Sehnsucht nach der verlcxenen Heimat selbst in Kreisen, die dem strengrestgiösen Judentum fester stehen, volles Ner,tävdnisgLinru>en hat. — Wir fetbst tzaven es erlebt, daß die Schriften von Smolensky, von Pinsker, von Rülf u. a. in weitesten Kreisen des jüdischen Volkes mächtigen Widerhall failden, und daß selbst aus früheren Dezennien stammende Werke, wie etwa „Rom und Jerusalem" von Moses Heß „dem Kommnnistenrabbi" und andere neu hervcrgezogen und eifrig gelesen wirrten; daß mit tem Erscheinen von Herzls „Judenstaat" eine gänzliche Aenderung der Situation eintrat, ist psychologisch leicht zu erklären. Die Liebe zu Zion hatte , sich bis dahin in Gefühlen Luft gemacht, die bei aller Innigkeit und Tiefe doch von ter Art waren, tvelche Kant und nach ihm Steinthal als „pathologische" oder -—wie wir heute sagen — als „primitive" bezeichnen. An deren Stelle traten aber mit tem Erscheinen des „Judenstaat" Gefühl« mit einem starken' intellektuellen Einschlag, das sind die von Kant und von Stcinthal so benannten von Ideen durchsetzten oder „idealen Gefühle" oder nach der heute üblichen Terminologie die „Kultuvgefühle". Damit war die Zeit vorüber des sentimentalen Schwelgens in Gefühlen, des Sichberauschens an der Sehnsucht und ter phantasievollen Ausgestaltung ter Zukunststräume von erfüllten Hoffnung«:; aber auch die Periode der, wenn auch höchst achtungswerten, aber doch nur tatenlosen Ergebung in den Willen Gottes und des unerschütterlichen Vertrauens auf seine Hilfe. Jetzt sollten klare Ziele gesteckt werden und'diese vor aller Welt offen dargelegt werden. Der Sinn des „politischen" Zionismus, war ter, daß nunmehr gerate die herrschenden Kreise mit den Wünschen des jüdischen Volkes bekanntgemacht werten sollten, und von da bis zu ter Forterung ter „öffentlich-rechtlich" gesicherten Heimstätte war nur ein Schritt. In dieser Lage brauch^ Herzl vor allem verständnisvolle und verläßliche Mitarbeiter. Die von Prof. Hermann Schapira propagier^ Idee des „Jüdisch«: Nationalsonds" fand allegemeine Zustimmung und es war eine ganz besonders glückliche Fügung, daß gerate ein Mann von den Qualitäten Kremenezkys mit der Organisation und ter Leitung dieses .Fonds betraut wurde. Es ist vielfach von Schilderern des jüdischen Lebens mit besonderem Nachdruck hervvrgehoben warten, da) unter jüdischen Kaufleuten, Industriellen und dgl., die mitten im Ertverbsleben stehen und alle Attribute praktischer Tüchtigkeit aufweisen, wie Nüchternhüt des Urteils, Vorausberechnung ter Folgen ihrer Entschlüsse, weiten Gesichtskreis, rasches Erfassen ter jeweiligen wirtschaftlichm Lage undj Anpassungsfähigkeit an neu sich ergebende Forderungen derselben usw. Männer sich finden, die von reinstem Idealismus beseelt sind und sich ein tiefes Verständnis für die vonten. Vätern überkomnrenen idealen Güter bewahrt haben. Die Figur des jüdischen Trödlers, der in seinen: Late:: über dem Talmudfolianten gebeugt sitzt, Hessen Studiurnj er jede geschäftssreie Minute widmet und ter seine höchste Lust in ter Unterlveisung seiner Kinder und Enkel fintet, ist keinestvegs eine frei erfundene, sondern eine dem Lchn: . zumindest der früheren Genera'ion abgelauschte. Diesem Typus der höchste:: praktischen Tüchtigkeit verbunden mit vollem' Verständnis und größter Opferfähigkeit für ideale Güter, gehört auch unser Jubilar an. In diesem Sinne dürfen tvir ihn ein«: „ganM Mann" nennen, edrm Mann, dessen Denken, Fühlen und Wollen von idealen Motiv«: einheitlich geleitet :md getragen wird, der als Grü:ü>er und Inhaber eines großen geschäftlichen Unternehmens zum Herr- - scheu bestimmt, freiwillig die Rolle des Dienens auf sich nimmt m:d das demütige aber auch swlze Wort „ich dien" im Sinne der Hingabe an die Lebeninteressen seines Volkes betätigt. Diese Betätigung hat er stets in 'großzügiger Weise bekundet. Er war einer der ersten, ter praktische Arbeit für Erez Israel geleistet und ter überall dort, wo es die Föv« derimg jüdischer Begebungen galt, eine offene Hm:d bewies sen hat. Biel höher als alle materielle Gate ist hie Treue zu schätzen, die er seinem Volke bewahrt, die Wärme deK. Gefühls, die er dabei bekundet hat.