Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2846 (30.1.1927)
- Date
- 1927-01-30
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■■+ ■ Zeit, 10 Mm, Gmmtsg- >j. ginnet: X’tU» ftbflM- LITERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZETTETNG’ ^^sssss^pa. Polijel, Mos» trau Kokotten. Neue Romane. Da ist ein Buch gegen die Polizei erschienen, von Lehrern und katholischer Geistlichkeit befürivvrtet, das Lagebuch einer Sechzehnjährigen, „Vom Leben getütet" (Vertag Herder und Komp., Freiburg im Breisgau), das in beteiligten und unbeteiligten Kreisen ein Aufsehen erregt, daS zu Neuorientierungen urrd Prozessen aller Art Anlast 'werden dürfte- Ein Proletarierkind ist diesinal nicht unters Rad, sondern unter Jugendfürsorge und Pvlizeige.vahrsam und Spital gekommen und von diesen drei getötet worden. Ein fast ahnungsloses Kind, daS Wohl dem Geliebten sich geschenkt hatte, wird als Straßenmädchen hoppgenommen, behandelt, in die Abteilung kranker Dirnen gesteckt und zu Tode kuriert. — Es ist Streit und Fehde entstanden: die Mutter des toten Mädchens soll dieses Tagebuch gefälscht haben. Aber es ist zu werten jenseits der Autorschaft: eS ist, auf alle Fälle, ein echtes Buch aus den: Proletariat, es ist das Seelenleben eines SchusterklndeSeS ist das nackte, gemeine, schöne Leben selbst. ES ist von einer Wahrheit, die unbedingt überzeugt. Ob es das Kind, ob eS die Mutter geschrieben hat: es ist daS Werk eines dichterisch und menschlich hochbegabten Wesens, erstaunlich ebenso als Dokument nnsercr Tage, wie als Dokument einer genialen Begabung. In welche andere Sphäre trägt uns Kolkenkeyer! Nach seinem großartigen Paracelsus schreibt er einen Roman von heute, aus Wien, „Das Lächeln der Penaten" (Georg Mütter, München), und fangt in ihm, in wunderbarer Tiefe, gleich drei Lebenskomplexe: Ehe, Kunst, Gegenwart. Es ist ein Denker (kern Dichter), der dieses unerschöpfliche Buch schrieb, ein Künstler, ein Mensch von heute, der logisch aus altem Kulturboden sich entwickelt hat. Was er über Musik sagt, über Mann und Weib, wie er philosophische und künstlerische Erkenntnisse umsctzt in lebendigen Vorgang, in Geschehnis, in leibhaftes Beispiel: das ist gaicz große Literatur. Eines der gewichtigsten Bücher unter unseren wenigen gewichtigen, trotz allem Gedanklichen ein musikalisches Buch. Ich hörte ohne Ende Mahler in ihm, dessen Wesenheit einem in manchem Auftritt und Psychologischen des Romans aniveht. Wien, nicht genanntwird. umso stärker empfunden^ Wäre doch, der -Mensch heute ernst genug, dieses Werk zu würdigen! Und aus der Tiefe dieses seltenen Menschentums schwindelnder Aufstieg an die oberste Oberfläche, wrnn man das lehrreiche Tagei'ich der Anita LooS liest, „Blondine n b e v o r z i (Drei-Masken-Verlag, München), dieses entzückende Geschceibstl eines Newyorker Kokottchrns, das, klug und witzig, schließlich Große Dance wird/Der Millionenersolg des Büchelchens drüben ist begreiflich, es ist ganz gout americain. Es ist nicht möglich, daS Unsag- (4. Fortsetzung.) Das Erwachen. Novelle von David Pinski. (Aus i>m Jiddischen übertragen von Theodor fttorifti.) — „Ist noch heißes Wasser draußen?" —» „Nein, ich habe es ganz verbraucht." „Ich hätte gern ein G aS Tee getrunken," — „Hatte ichs nur grwußt!" Nun richtete sie ihren Bäck auf ihn voller Betrübtheit Und er sah sie cm. **- „Weißdu waS? Man kann derweil »wch den Samowar anstelle»." — „Nicht -- „EZ macht ja gar keine Mühe' Gr lehnte es ab, in so entschiedenem Tone, daß es Hinden wie ein Stich durchs H?rz ging. Dann aber sagte er weicher und 'flehender, er wolle, schlafen gchen; Hürde fühlt die neue Tonart, und sie reizte sie zum Lächeln. Sie weckte den Altert und sagte ihm, daß die Stühle gerichtet sind. Leibke und der Me standen vom Sofa auf, und sie rnachte nun für Leibke das Lager. Sie wackle es mit einer besonderen Lust. *. Er aber schämte sich Hut... Der Alte ging hinaus. Die Verlegenheit der beiden wuchs. Sw fürchteten miteinander zu reden. Und hatten doch einaccder so lieb, urrd ihre glücklichen Seelen kamen sich näher und näher. Hind« machte ihre Arbeit zu Ende, aber sie beeilte sich nicht herauszugehen. Sie zog hier und dort das Leintuch zurecht und machte sich noch einmal mit den Kissen zu schaffen. Er verstand sie- und beiden lvar's so sclMr ums Herz. So schwer. Hsrfchs, der Alte, kam zurück, und sie empfände,» es wie eine Befreiung. Sie sagte gute Nacht. Und als tte an der Türe stand, wandte sie sich nochmals um zu Leibke und sagte - nochmals: Gute Nacht, Leibke. Und et\ bare und Unmögliche dezenter, lustiger, harmloser, ahnungsloser darznstetten. Paris, London, Wien müssen auch daran glauben. Sogar die Menschen sind glaubhaft. In aller AphorisUk erschöpfende Charakterisierung. Mit Glanz und Bravour geschrieben, mit Überlegenom Humor, ,ilit moralischer Freiheit (wie selten drüben!), verschafft das Buch eine a'u'isanteste Stunde. In einer viel höheren Sphäre des Vergnügens/ der nachdenkllchen Unterhaltung führt Henri de Nognier. Er erzählt in der „Zwiefachen Liebe des Herrn von Galandvt" (I. C. C. Bruns, Minden) einen fast pathologischen, einen psychoanalitischen Fall von Lieöeshemmung und Liebeshörigkeit und bringt ihn — ohne jedes langweilige wis 'schriftliche Requisit — zu seelischer Anschaulichkeit und Li tß> die neben der lustvotten Unterhaltung, die der Roman gewährt, noch geistige Befriedigung verschaffen. Meisterlich erzählt, kunstvoll komponiert, in vorsichtiger und prägnatner Sprache, immer erfüllt von ironlschein Geist, freimütigem Witz, delikater Galanterien, ist da ein Buch vorhanden für die Bibliothek des Weltinannes ebenso wie für die Sammlung merkwürdiger Fälle tvählerischer Bücherfreunde. Psychologisch ernsthafter als sonst wird auch Claude Farrere, wenn er das Mädchenschicksal von „Fräulein Dax" erzählt (Georg Mütter, München), den Weg dsS Mädchens aus gutem Hause zur Kokotte. Es ist fast ein Gegenstück zur Madame Bowary, dieses psychologische Buch, mit Flaubert'schcc Akribie geschrieben, eindringlich, nachspürerisch, ohne doch irgendwo den Duft des Romans zu verlieren, ohne die Menschen ins Herbarium zu pressen, ohne je die Atmosphäre von Stadt, Landschaft, Gesellschaft zu zerstören. Farrere kennt, sich überall aus, auch in dev . Provinz, auch in der Seele der Kleinstadt und Kleinstädter. Und sv schreibt er mehr als ein nur unterhaltendes: ein nachdenkliches, fast. aufrührerisches, mettschrnkenmrösches Buch. Kurt Münzer. SÄattendttder. HsrLeri Eulenborgs „Stsrblrch UirffteMäche". (Verlag Bruno Eastiver, Berlin.) j . .Und Vii-düijig,Krüüchk der weiße Roger. nicht, «r Kßi/Pa-ier nur noch um- Tcöakglimmen.. 'faßt Eülenberig in dcm gereiant-en bilter-hatyrischen Dors'pruch zu seiner j imgiften Sammlung historischer Miniaturen. Urvd doch wird es den. Zeitgenossen der „vertaisis'Lrte'N Gegenwart" von ihm aus die exqDicklichste Art so leicht gemacht, große schöpferische Manischen von einst kennen zu lernen. In der Kunst, wdendls, und verantwortungsvoll Porträts Unster'blickchr zu zeichnen und sie im Rahmen ihrer Z-eit zu präsentieren, ist der Dichter .Heribert Eu'lcnberg ejn Msjstcr geworden. hob schamhaft die Augen auf und sagte leise: „Gute Nacht". Sie ging in ihr Zimmer, die Wangen flammvnd, dem Kopf gesenkt mck das Herz, pochend. In Liebe, Verlangen und Sehnsucht. . . Eine dumpfe Müdigkeit befiel Leibke. Seine Seole lechzte nach Ruhe. Aber schlafen kann er nicht. Er lehnte sich'an die Rückwand des SofaS. Er wollte sinnen mtd träumen. Und dem Sehnen, feines Herzens nachspüren. Aber sein Geist ließ sich, nicht zwingen. Er dachte seiner Gedanken beim Talmudlernen; er dachte an die Fragen der letzten Tage, an seine heutige Deutung, und immer stand Hinde vor ihm in Schönheit und Licht. Im tvurde kalt. Seine Kehle schien wie ausgetrocknet. Einen Schluck Wasser! Aber er wußte, daß ct dann durch das Zimmer gehen mußte, drin Hinde schlief. Sonst tat er es immer, ohne sich um die schlasercde Hinde zu kümmern, ohne-auch nur euren Blick auf sie zu. werfe». Jetzt aber klopfte ihm das Herz, als müßte er in ein H'iligtvm treten, und er nahm sich fest vor, nicht einen Blick auf sie zu richten. Aber Hinde schlief noch nicht. Die Lampe im Zimmer brannte noch, denn sie durfte sie nicht auslöschen. Doch picht das Licht der Lampe — die iuuece Erregung und das Glück ließen sie nicht schlafen. Unruhig toarf sie sich auf ihrem Lager hin und her nick» preßte sich wild in die Kissen. Dann sprang sie Plötzlich auf. Ihre langen, gelösten Haare hüllten in schwarze» Strähnen die nackten Arme. So stand sie, ganz dem Zauber ihrer eigenen Schönheit hingegeben in der stjllen Keuschheit ihres jungen Leibes. Und ein heißer Feuer sprühte aus ihren Augen. Da ging tie Türe auf und Leibke kam herein. Sie schrie vor Schc-ck auf, sprang in ihr Lager und hüllte sich in ihre dichten Haare, in- Scham und Bestürzung. Und Leibke war es, als sähe er. ein schönes, wundersamB Traumbild. Er schloß schnell die Türe wieder und stürzte hastig in sein Zimmer zurück. Aber Hiccde stand vor sriner Seel« in ihier -ganzen Schönheit^ Sein ganzes - * GieriMdMuizig Essays, die man c»her Aiovellsn i nennen fi'mttc. Aus jedem Stliick leuckM ein Anblitz, eist r J-ahlhundert, ein Land, das Wc'sen einer Kultur, ein > Schicksal. Weit u>r.i)pannend i>st.der Gsi'st diescs Mein- " länders - - und anmutig. Sc-Vitveciständlich hat er sich ) allmählich auch feine Technik surechpgel-c'gt. Aber sie kann ihn niemals zur Schablone werden. Dafiir sorgt c die höchst perisöil'liche Betc-ilig-umh die Lic'be, der GestaltnngZ-drang des Autors. Ob er nun dsn .Geist 1 Pascals 'heransbcischrärt oder mit Franz Hals pokniiert, vom Märchen-Undersen erzählt oder Jens , Peter ° Jacchiftihn öis zur Sterbenöstunde «begleitet, in allen Kapiteln des Buches ist meisterhafte . Einfühlung ‘ ut ■ die Zeit und ihren Geist. „... Arvf jedes Wissen lernte man Verzicht, denn Sport mr,d «K'ientoipp lockt mit tanisen'd Stimanen .. l Dian minßte Eulcichergs P o rt ra te nqcnittntl u n ge u ernlstlich pro-pagieoen, denn di che angench-m-en Bücher sind nicht Bildu'Ngsersatz, sondern A-nregamg, den Großen, -denen uns Enleniderg tatsächlich in die Augen zu blicken gestattet, durch S-clbWndrmn '«Eher zu . «kommen. „Nstolo, rrccavi" ist der Titel eines Rnnanes von Arrnand Lunch für den der Autor, ein Lehrer in Monaco, soeben den Theop'hrat-Rcuodot-Prcis erhalten mit. Der Nonmn spielt zur Zeit' de3 PreyfuS-Prozeffc-Z; ein wü:ender AntldreyfuSard und Antisemit, der sich stets cmf seine „Reinrassigkeit" beruft, erfährt, datz er jüdischer Abstammung sei; dies treibt ihn in'den Wahnsinn. Lunel, d-r Jude ist, hat . in seinem Buche dessen EntsteyungSjahr nach dem jüdischen klalender mit angegeben. ' „DaS Scholem-Alejchcw'Buch^ ist eine Publikation, welche aus Anlaß des zehnten Tode^rage^ dc-'< berü>'intcn uidj'cycn Humoristen Scholem-Alejchem soeben in New dork erschienen ist. ES enthält autobiographische Auszeichnungen, des Dichters Briefe, ungcdruckte Jugendarbeiten, den literarischen Nachlaß und skizzierte Enttviirse Scholem-Alcjchc.mS, reichr'S biographisches und bibliographisches Material und ist mit zahlreichen Illustrationen ausgestattet. BÜCHEREINLAUF. Pantheon. Ern Handbuch für. das Sammelwesen der.KMzen Welt (bearbeitet von Prof/ Dr. Albert Schwmmh S..Auflage. Verlag Paul Reff,'Eßlingen a. N: i ' -- ' Dr. W. Schu'wt LolstungSstelgerüng in Turnen, Spiel und Sport. Vertag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. Christian Leben: Ueber KrwatinS Eisfelder. Verlag F. A.. Broühauö, Leipzie Felix Groß: Die Wiedergeburt des Sehers (Philosophie für Laien». Amatthea-Verlag. Zürich, Leipzig, Wien. Franz Äosenzwekg: Jehuda Halevi (Hymnen und Gedichte). Verlag Lämberr Schneider, Berlin. Georg Kaiser: Papiermühle. (Ein Lustspiel.) Verlag Gustav Kiepc-nheuer, Potsdam. M. I. Breme: Vom Leben getötet. (Bekenntnis eines Kindes.). Verlag Herder u. Co.. Freiburg i. Br. &v 'u-ar aufgewühlt. Seine Pulse jagten. Ans Trinket. dachte er nicht mehr; er wagte nicht mehr durch ihr Zimmer zu gehen. „Was wolltest du, Leibke?" rief Hntde. nach «vrer Weile mit aufgeregter, zitternder Stimme. Aber er antwortete nicht. Langsanl kleidete er sich aus, das kurze Nactstgebet sprock-end. Sein Herz war nicht beim Gebete. Ihm war kalt. Und eine Müdigkeit stickte sich auf ihn nieder, wie er sie nie gespürt. Schnell verkroch er sich unter die Decke und jedes Glich bebte ihm. Cr wußte nicht mck» wollte nicht tvtsseit, tvas ihm tvar. Nur Hinde sah er, . umflossen von der Fülle ihres schwarzerr Haares, Er sah sie liegend mit offenen Augen, in daS große Zincmer hineinstarreccd und zitternd vor innerer Kälte.'Und wenn er die Augen schloß, füllte sich das Zimmer mit einem Glanz, der von Hiirde ausströmte, von Hinde, die dort an der Türe stand tu ihrem aufgelösten Haar, die Arme qusgebreitet. Und das Bild schwand, rvenu er die Augen öffnete. Aber er fühlte die Schönheit der Glieder Mdihren heißen Ate»n. Er rvarf sich vo»c einer Seite mcf di« andere. Er »oollte sich zivingeu, an anderes zu denken: an seine Gchankerc beim Talmudlerrcen. Er suchte sich an schvie- -rige Stellen zu erinnern, die noch der Deutüng harrten. - Aber er komcte nicht zur Ruhe kocnmen. HindeS Bild schivebte über ihm, lebte in ihm. Ml Schücchelt, voll Reiccheit urcd Weihe. Lange, lange warf ihn die iicrcere Unrast hi» und her, aber endlich versank er ist ein Meer von Licht. Und das Licht ümgoß das ganze Haus in rveltem, weitecn Unckreis. Und das Licht strömte aus von Hinde, die wie die (sonne leuchtete. Uccd träunrend von Licht n»cd Schönheit schilief n* ein.... ' Sein Schlaf war schcver. Aber schwerer noch tvar der neue Tag. Schwere Tage kamen fA ihn. Und schwere Nächte. Nächte uub Tage voll harter Kämpfe, dl« seine ganze Seele durchtotthltr».