Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2846 (30.1.1927)
- Date
- 1927-01-30
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. «46 Wien, Sonntag wlCnCT Wl "gfUgfUUIIg ÄV Mnner 1927. ÄeKe - cvMtzitt isrs dg /Neger L 2«sm VeNsg, MiWM Die hiebe, die ihn überfiel oon migaet de Unamuno (Aus dem Spanischen üoertragen von Osrnaid Zahns) Was ist das mit der LieÄr, von der die Menschen so viel spreche!: und die beinahe das einzige Thema der Dichter darstellt? So fragte fiel) Anastasia. Tenn er hatte niemals etwas gefühlt, das den: ähnlich gewesen wäre, was die Verliebten Liebe nennen. Sollte es eine reine Einbildung sein oder vielleicht eine konventionelle Lüge, mit der sich schvach' Menschen gegen die Leere ihres Lebens oder gegen die unvermeidliche Langeweile schützen wollen? Tenn nach AnastasioS Gefühl war allerdings nichts leerer, langweiliger, absurder und sinnloser als das Leber:. ' Der arme Anastasia führte ein beklagenswertes Dasein; er lebte ein Leben ohne Inhalt und ohne Zweck und würde schon hundertmal Hand m: sich gelegt habe::, wenn er nicht mit einer schwach n: Hoffnung, die doch alle Enttäuschungen überstand, darauf gewartet hätte, daß die Liebe endlich einmal auch zu ihm kommen ivürde. UnL> er reiste ur:d reiste, um die Liebe zu suchen, als ob er glaubte, daß sie ihn unvermittelt an einem Kreuzweg überfallen würde. Im Besitz eines bescheidenen, doch für ihn mehr als ausreichenden Vermögens, kannte er we'er Geld-, Ruhm- oder Ehrftrrcht, noch denWun'ch nach Herrschaft oder Macht. Keiner der Beweg'ründe, die gewöhnllch die Menschen zur Entfaltung ihrer Kräfte trieben, schien ihm ivürdig, die seinen zu entfalten, und weder in der Wissenschaft noch in der K:mst noch in der Politik fMd er den leisesten Trost für seine tödliche Langeweile. Und cr las den „Prediger Salomonis", während er «ruf die letzte Erfahrung, auf die Liebe, wartete. Es war ihm ii: den Sinn gekomnwn, alle berühmten erotischen Schriftsteller und die Analytiker der Gesch echtsliebe zu studieren; nach der Lektüre aller Liebesromane ließ er sich zu de:: beklagenswerten W-er'en herab, die 'für solche geschrieben werden, die noch nicht ganz Mann siiü>, und für solche, die im gewissen Sinne aufgehört haben, es zu sein: er erniedrigte sich bis zu der brünstigen Lektüre der pornographischen Literatur. Und hier. fand er natürlich am allerwenigsten irrende:»:« Spur von Liebe. Und nicht etwa, daß Anastasio' nicht ganz und gar ein rechter, schlechter Mann aussiünd'gem FleM.und Blut gewesen wäre.! Er'war gewiß 'nicht :!ÖScmn als andere Männer, aber er chatte ebendie Liebe nicht verspürt. Denn daß eine-flüchtige Erregung des Blutes, bei der laum eine Erinnerung an die Frau übrigblieb, die Gegenstaich dieser Eiregung geioesen war, Liebe genannt werden könnte, war doch nicht möglich. Daraus einen schireGlichen Gott der Rache, einen Trost für das Leben, eine allnrächtige Herzensbezwingerin zu machen, erschien ihm als Frevel. Es wäre nichts anderes gewesen, als ans der Eßlust eine Gottheit zu machen. Ein Gedicht über die Verdauung aber wäre Lästerung. , Nein, für der: arrnen Anastasio existierte ebei: in de Welt keine Liebe. Er las die Legende von Tristai: mrd Isolde und las sie noch einmal. 'Der furchtbare Ronurn des Portugiesen Camilo Castello Bvauco „A inulh r fatal" machte ihr: nachdenklich. ,Wird es mir auch so ergehen?' dachte er. ,Wird n:ich das verhängnisvolle Weib in den: Augenblick, da ich an: wenigstens darm: denke, hinter sich herziehen?' Und/er reiste und reiste, um dieses Verhängnis zu suchen. ,Es wird ein Tag kommen,' sagte er sich, ,an dem diese schwache.Hoffnung, sie noch zu finden, erlischt! Was aber soll ich n rachen, neun das Greisen alter beginnt, ohne daß ich.die Jugend oder wenigstens das Mannes alter kennengelernt hätte? Wenn ich mir sagen muß: Weder habe ich gelebt noch werde ich leben! Verfolgt mich ein entsetzliches Mißgeschick, oder haben sich alle Mensch'.:: zusammengetan, um zu lügen?' . Und er tour e Pessimist. Noch nie. hatte ein Weib in ihm Liebe erweckt, noch glaubte er, jeumls Liebe erweckt zu haben. Und br fand, daß viel schrecklicher, als nicht geliebt zu wurden, nicht lieben zu können ist, wenn eben die Liede das war, wovon die Dichter sangen. Wer wußte denn Anastasio. ob er . nicht doch , vielleicht, einmal eine verborgene Leidenschaft in eine»:: Frauenherzen entzündet hatte? Kann de:::: Nicht auch eine schöne Slawe Liebe erregen! De::n als Statue betrachtet, war cr wirklich schön. Seine schwarzen Augen, an denen ein ncf)iitmiu3t'oJV<e3 Feuer chvannte, schienen aus der düsteren Tiefe einer 'iTn Gier erfüllten "Langeweile an",dub'sicke>i./ S-'iil Mmd öffnete sich ein rveiiig als fühlte er e'wn tratschen Durst. In seiner galten "stÄscheimmg lag etwas wie ein 'Erbeben über sein furhibares Schicksal, s Und in seiner Verzweiflung reiste er und reiste. Imme. flüchtete er. Ans die Wunder,verfe der Nattrr und Kunst warf er einen Blick, als wollte er faßen: „Wozu dem: das alles?" Es lvar eilt heiterer und stiller Herbstnachmittag. Dir schon vergilbter: Blätter lösten sich vor: den Bäuinen und ließen sich von den: lauen Lnfthauch entführen, um zwischen das Wiesengras dahin M flalle"'.. Die Sonne v.röavg sich hinter einen: Wolkenberg, der langsam abfiel und sich in kleine Wolkensetzen löste. Anastasio bsickle durch das Eoupefenster auf die vorbeifliegenden Hügel. In Aliftda, n» der Aufenthalt gerade hinreichtc, um zu Mittag zu essen, verließ cr den Zug und begab sich in den Speisesaal der Bahnhofswirtschaft, der voll r Kofser stand. Zerstreut nahm er Platz und wartete auf die. Suppe. Doch als er der: Blick erhob und ihn unaufmerksam übe? die Reihen der Gäste streifen ließ, stieß er auf die Augen einer Frau. Sic führte eben eine Apselscheibe in ihren großen, lebensfrischen Mund. Beide hefteten dm B.'ick auf einander und erblaßter:. Und als sie sich beide erblasse? sahen, erblaßten sie noch stärker. Die Brust hob und senkte sich bei beiden. Anastasio fühlte, wie sein Körper schwer wurde; ein kaltes Prickeln in allen Gliedern machte ihn unruhig. Sie stützte den Kopf auf die Rechte und schien von erstem'Schivindel befallen zu weQen. Da ethvb sich Anastasio, der von seiner ganzen Umgebung nur noch sie sah, währet alles andere im Umkreis des Speisesaales für ihn versunken war, näherte sich ihr zitterrrd und flüsterte ihr mit trockener, verdursteter und bebender Stimme beinahe ins Ohr: „Fehlt Ihnen etwas? Führen Sie sich unwoh?" fAH! Nichts! Nichts! Danke! ... Es ist nichts!" „Gestatten Sie mir .. .!" Und mit zitternden Fingr, griff er nach ihrem Handgelenk, um ihr den Puls» zu fühlen. Da ergoß sich ein Feuerstrom von dem einen in den anderen. Sie fühlten ihre gegenseitige Hitze. Ihr: Mangen erglühter:. „Sie habm Fieber . „ stammelte er in kaum vernehrnbarem Flüsterton. „Das Fieber kommt ,. . von dir!" antwortete sie mit einer Stimme,, die aus einer anderen Me't, aus dem Jenseits zu kommen schien. . Anastasio mußte sich setzen. Unter der Last seines Herzms, das wie toll schlug, knickten ihm die Knie ein. „Sie können die Reise nicht fortsetzen," sagte er fast! automatisch. „Ja, ich werde hier. bleiben,". antwortete sie.. „Wir werde:: hier bleiben," verbesserte er. „Ja, wir ... Übl ich werde dir e .k 'ären? Ich werde dir alles etffreu!" setzte die Fr«» hinzu. . ' lllllllllllffl Möbelfabrik J. SPIRA Feine *“ 'Will, VII., 1~2 Wohnungseinrichtungen (Ecke Karl-Schweighoferfasse) SttömE-Ü Auch Te-Izählungl p’""' “* M. 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Überall erdSIttlch «48 Sie nahmen ihre ^nMafchm, bestiegen AM^WÄM mlo fuhren nacy dem Ort Mifed-a, der'fünf Kilometer von feinem Bahnhof entfernt liegt. Und im Wagen einander gegenübersitzend, Knie an Knie gepreßt, die Blicke in einander verschlungen, nahm die Fr,.u Anastasios Hände die ihren und erzählte ihm ihre Geschichte. Das war Anastasios eigene Geschichte, ganz genau dieselbe! Auch sie reiste der Liebe nach. Auch sie vermutete, daß bie ganze Liebe nur eine konventionelle Lüge wäre, eine Erfindung, um die Langeweile des Lebens totzuschlagen. Sie legten sich gegenseitig eine Beichte c&, Und je mehr sie einander beichteten, desto ruhiger wurden ihre Herzen. Auf die tragische Verwirrung des ersten Augenblicks folgte wie eine Erlösung eine gwße Seelenruhe. Sie bildetm sich ein, daß sie sich von jeher, schon vor der Geburt kannten; aber gleichzeitig verschwand alle Erinnerung an die Vevgangenheit aus ihreni Gedächtnis; sie lebten wie in einer zeitlosen, ewigen Gegenwart. „Oh, warum habe ich dich nicht früher kennengelernt, Eleuteria!" sagte er. . : „Warum denn, Anastasio," antwortete sie. „Es ist besser so, daß wir m:s nicht früher sahen." > „Und Uc v.r'ore e Zeit?" , , „Verloren nennst du die Zeit, llrie wir darauf verwandten, uns gegenseitig zu suchen, herbeizuwünschen,, zu ersehnen?^ i, ,^Jch hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, dich zU finden . . „Nein! Denn wenn du wirklich diese Hoffnung auf-/ gegeben hättest, würdest du dir das Leben genommen haben." „Ja, es ist wahr ..." „Und ich hätte dasselbe getan." „Aber jetzt, E'euteria, von heute ö& „Sprich nicht von 'der Zukunft, Anastasio, llaß drr's an der Ge-e.nvart genügen ..." Sie schwiegen beide. Unter dem Entzücken, das sie in / Bann Ichlug, tönte ein seltfames Räuschen vvn 'Wasserir/. aus einer bodenlosen Tieft hervor. Und es. war nicht Freude iroch Genuß, was auf der tragisch ernsten Oberfläche 'chwamni. ... ..Wir wollen nicht an di» sinkunst denken,'" begann . die F.au noch ei .ma', „un ckn'ch nicht an die BergangeillM. Mr wolle,: büdes vergessen, ^ir haben uns gefunden, wir haben dis Liebe gefunden. Das ist genug. Jetzt «rber, Anastasio, was .sagst du jetzt über l ie Dichter?" < „Daß sie lüge::, Eleuteria, daß sie lügen! Allerdings in einer ganz anderen Weise, als ich früher glaubte. Aber sie lügei: trotzdem! Die Liebe -ist nicht das, was sie besingen ..." „Du hast recht, Anastasio!" .Jcht fühle ich, daß die . stiebe sich nicht besingen läßt:" . ( ' | Und wieder Hub ein Schwügen an, ein langes Schweigäi:, währeiü» dessen sie einander, Hand in Hand, in die Augen schauten, als suchten sie auf deren Grund das Geheimnis ihres Schicksals. Dann begannen sie zu zittern. „Du zitterst, Anastasio?" „Und du auch, Eleuteria?" - Ja, wir zittern beide." ,Wovor?" „Bor dem Glück." ■ ' „Ja, dieses Glück ist etwas Entsetzlich^; ich weiß nicht, ob ich ihm werde widerstehen können." .' * „Um so besser! Deim das heißt, daß unser (Mck stärker ist als wir." . " i .Sie schlossen sich in das dumpft Zimmer eines ganz gewöhnlichm Gasthauses ein. Der ganze folgende Tag und , ein Teil des auf diesen folgenden verging, ohne daß' sie' irgendnn Zeichen von Leben gegeben hätten, bis der Wirt unruhig wurde und, da er auf sein Klopfen ohne Antwort blieb, ihre Zimmertür einschlug. Er fand beide. nebei:-- einander, kalt und rveiß wie Schnee, nackt im Bette liegend. Der ärztliche Sachverständige versicherte, daß es sich nicht um einen Selbstmord haüdrlte, was auch tatsächlich nicht der: Fall war, sondern daß sie einen: Herzschlag «fegen seien. „Wie, alle beide?" rief der Wirt aus. „Bnde!" antwortete der Arzt. „Dann ist das ansteckend! . . Und der Wirt griff sich, im die linke Brustfelle, wo er sein Gastwlrtsherz vermutete. Er versuchte, den Vorfall zu v«he:mlichen, um sein Hotel nicht in schlechten Ruf zu bringen, und befahl, das Zm:mer anszuräuchern: für alle Fälle! Die Persönlichkeit der bei er: Toten ließ sich nicht fest-- f.eflen. Sie wurden auf den Friedhof getragen, nackt und gemeinsam, wie man sie gefunden hatte, in ein dasselbe l Grab gelegt und mit Erfe bedeckt. Ans dieser Erde aber spwfsei: Gräs r. und auf diese Gräser fällt Regen herab.- So ist der Himmel, der sie in de:: Tod getrieben, der' , einzige, der über ihren: Grabe weint. Der Gastwirt von Aliseda aber stellte üb« dies«: wrglailblichn: Vorfall — das reale Leben besitzt die größte <' Erfindungsgabe,. sagte er — Betrachtungen an und km»; zu einem Schluß, der einen.sozialhygienischen Charakter, txägt: „Diese Flitterwochen!" meinte a\ „Ehen zwkschmr. Äpei Herzkraicken müßten 'verboten we?^<n!" 4823533001022353233223532348484823232301234848484823904823232348485323 0202484848480153534823010223534823482353532353485348234853235353535353234853535323532323322353