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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-30 · Heft 2846 (30.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2846 (30.1.1927)
Date
1927-01-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seil« 8;?r. 2846 Wien, Sonntag Tagesbericht. Me Fra«, die von 38 Groschen täglich leben mutz. Besuch ln der Krüppelheiwstütte. „Wahre- Mitgefühl zerfließt nicht in Müleid, erlöset: kann auch den Gebrechlich»« nur das Schaffensglück der Arbeit." Dieser Satz von Hans Würtz, dem Schöpfer der deutschen Krüppelpsychologi.?, der die bisherige verlogene und unzulängliche charitative Tätigkeit für bresthafte Menschen in ihrer ganzen Erbärmlichkeit aufzeigt, prangt an der Wand der vor wenigen Monaten im Hause Nr. 7 der Pazmanitengasse errichteten Krüppelheimstätte. Man stelle sich darunter nicht etwa ein geräumiges Haus mit Arbeits-- und Wohngelegercheit für eine große Anzahl jener unglücklichen Menschen vor, die so dringend einer Zufluchtsstätte vor den Fährnissen des Lebens bedürfen, sondern ein einfaches Zimmer, in dem lediglich ein Kanzleiraun» untergebracht ist, wo die laufen-- dm Agenden für Krüppel besorgt werden. Krüppelheimstätte istvoMufig noch Zukunftsmusik, die der Obmann "des Verbandes, Herr Siegfried Braun, um: aus iveiler Ferne Mngen hört. In einem Rollstuhl sitzt cm Mensch, der nur mit dem wunderbar durchgeistigten Kopf zu leben scheint. Mit messerscharfem Verstand spricht er über die Dinge, die ihn und seine Leidensgenossen beu-egeu, ruhig, sachlich und mit einer bewundernswerten Resignation. Stur manchmal blitzt in dm: rnatten, glanzlosen Augen etwas »oie Feuer auf, wenn er dem Besucher erklären will, wie es möglich wäre, das Los dieser Aermsten der Armen zu erleichtern. Er selbst ist in seinem 13. Lebensjahre an einer schweren Gelenksentzündnng erkrankt und mußte als wURvT 1w9vgC«|VIIRllg i. ■■ .i »».» ..1i i tüi i ... ■ ... ■ , — . — deren Folge seine sämtlichen Gliedmaßen absierben schen. Nur Herz und Hirn dieses Menschenwracks arbeiten fieberhaft. Das Herz fordert Linderung der Leiden der anderen und das Hirn denkt krampfhaft nach: „Wie kann ich es schaffen?" Die anderen, di? Glücklichen, bi« gerade Glieder haben und dieses höchste. Gut als Selbstverständlichkeit hinnehmen, verspüren beim Anblick eines solchen hilflosen Mensche» meist nur ein leises Herzklopfen, das sich durch den Klang einer kleinen Münze ÜbertSnen läßt. Man sagt: „Der Armei" und denkt längst schon an Geschäft und Vergnügen. Herz und Hirn sind ein organisches Ganzes, sie müssen gemeinsam die Hände derer lenken, die so glücklich sind, nicht tote Stumpen in schlotternden Aermeln tragen zu müssen. Gesunde starke Arme dürfen nicht länger untätig im Schoße ruhen, sie müssen sich regen und Helsen. Die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschast besteht erst seit August vorigen Jahres uttb zählt bereits Über 200 Mitglieder, ausnahmslos Fälle, die durch Krankheit oder Unfall ohne Rente entstanden sind. Kriegsinvalide rverden nicht ausgenommen, denn sie beziehen von dem „dankbaren" Vaterland für ihre zerschossenen Glieder eine, wenn auch kleine Rente, die sie vor dem Ängsten schützt. Um die Krüppelsürsorge steht es in Oesterreich sehr schlecht. Eigene Krüppelheime bestehen nicht, und so haben diese Menschen nur die Wahl zwischen Lainz und Seegasse. Dahinsiechcnd, bis der Tod sie erlöst. Die privaten Fürsorgsvereine »»chmen sich der einzelnen Fälle nicht an, weil sie „chronisch" sind, das heißt eine Heilung nicht zu erwarten ist. Für Blinde und Taubstumme gibt es bereits seit langem eigene Heime, die Krüppel konnten es noch nicht so weit bringen. Am schlechteste» geht xS zweifellos den jüdischen Krüppeln, die nicht von ihren Angehörigen unterstützt werden können. Ihnen fehlt außer Händen und Füßen meist noch etwas, »vas sie zu Parias der menschlichen Gesellschaft macht: der Heimatschein. Sie siird landfremd, das Gesetz ist gegen sie. Die Stadtgevreinde unterstützt sic nicht, und die Kultusgemeinde kann nur mit Keinen Almosen Helsen, Tropfe»» auf einen heißen Stein. Einige Fälle seien hier aufgezeigt, um manchem die Schamröte ins Gesicht zu peitschen. Fall 1: Vollständig ' blind und' lahm, keinerlei Unterstützung, nur fallweise von der Kultusgemeinde, zehn Schilling. Nicht nach Wien zustärrdig, gleichbedeutend, mit todeswürdigem Verbrechen. Fall 2: Ein 76jähriger Mann, dem ein Arm amputiert wurde, hat für eine schwerkranke. Frau und ein taubstummes, an beiden Händen gelähmtes Kind zu sorgen, Fragt niemand, wie er bas zustande bringt? Oder: Eine 30jährige Beamtin, der bei einem Eiseirbahnunfall im Jahre 1914 beide Füße und, eine Hand unbrauchbar rvurhen, schreibt: ,Meine NHrüng : besteht' ous einem Viertellaib Brot und zwei Glas Tee täglich, und selbst dazu fehlen mir oft die Mittel. Ich erleide wegen meiner Kraftlosigkeit drei bis vier Ohnmachtsanfälle im Tag. In der Nacht glaube ich ersticken zu müssen, denn nicht nur die Nahrung ist es, die mir fehlt, auch die Luft fehlt mir. Ich wäre überaus glücklich, wenn ich wenigstens einmal in der Woche einen Krankenwagen haben könnte, um wenigstens für zwei Stunden an die. Luft zu kommen. Ich fürchte durch die schlaflosen Nächte und das viele Grübeln einen Nervenzusammenbruch zu erleide»». Ich habe A»»gst, irrsinnig zu »verden. Vielleicht veröffentlicht eine Leitung einen Artikel über ein« Frau, die von 30 Groschen täglich leben muß. Jetzt fehlen mir 30. Jänner 1827 Der Kluge baut vor. Dies gilt besonders während der gegenw&rtig herrschenden Grlnne u. Influenza Samt&tsbchörden und Aerztc empfehlen als bestes Vorbeugung»- mittel strenge Hygiene. DIANA- FRANZBRANNTWEIN MIT MSNTHOL ist dos beste Hausmittel zur rationellen Pflege der Atmung«* organe sowie des Körpers. Täglich mehrmalige Spülungen von Mund und Rachen, einige Tropfen dem Waschwasser beigegoben, erhöhen die Widerstandskraft und stärken der» Organismus. S»i«am»«a - fransbrnnniwelii ÜBERALL ERHÄLTLICH! auch dic'eLI Gwschen." Dem Brief cttvas hillzuzü,'Ligen, hieße nur die Wucht der Anklagen abschwächen, die tvie Keulenschläge auf da§ schuldige Haupt der menschliche»» Gesellschast niederprassel»». ' Drei Fälle, Me an Kraßheit fast nicht zu übertreffen sirrd und dennoch überlrosfo» werde»». Doch man darf die Tränendrüsen der lieben Mitbürger nicht allzusehr reizen, es ist ja Fasching, und überhaupt: „Wirf de»» Schnorrer hinaus, er bricht mir das Herz!" Was die Acrrnsten wollen? Kein Mitleid, keine Träne»», ihr Recht auf menschewvürdiges Leber». Eine Heimstätte für Krüppel. Das Prirrzip des Gebens in Form eines Weitie»» Almosens kann weder in wirtschaftlicher noch in seelischer Beziehung förderlich sein. Schaffung einer Krüppelh^imstätte tut dringeiw not, damit sich nicht die Vorfälle von Maria-Lanzendorf »oiederholcn, wo krüppelhaste jüdische Kirrder durch ihre Umgebung der allein jeligmachcirdcn Kirche förmlich in die Arme getrieben wurde»». Und noch etwas fordern Pie Krüppel: Arbeit. Arbeit, um ihre Leiden zu vergessen und durch eigene Kraft zu ihrer Erhaltung beitragen zu könne»». Nur Arbeit ist geeignet, auch die bei den meisten bresthasten Menschen sehr fein entwickelte Seele vor dem Untergang zu rette»». Abgesehen von den schwersten Fälle»», sind di« meisten, befähigt, irger»deine leichte Handarbeit zu leisten. Korbjlechterarüeiter», Schreibarbeit, die Frauen Flickerei- und Stickerciarbeiten. Es gibt schon zahlreiche Firmen, die dem Krüppelverband Arbeit geben Md äußerst zufrieden sind. Prächtige Bilder hängen in dem Raun», die jede Galerie und jeden Salon, ziere»» könnten. Sie stammen von dem Maler Hans Susa, dem beide Hände verküm»nert fittb. Darunter steht geschrieben: „Dieses Bild wurde von unserem Mitglied Ha»»s Susa mit de»n Munde gemalt." Die Worte, die der Obmann des 'Krüppelverbandes mit steinerweichend trauriger Mie»»e sagte, »verden mir »»»ein Lichen la»»g im Ohre gelle»». Ich. wlll sie durch das Sprachrohr dieser Zeitu»»g hinausschreien, um die Teilnah»»»slosen auszurütteln. „Einen Tierschutz, der ausgezeichnet funktioniert, haben »vir bereits — auch er ist unbedingt nötig —- aber der Menschenschutz. Robert Schreier. Ssttmo-Hhgiene. Don Christian Leben. Danlk dem freundlichen Entgegenkommen des Verlages F. A. Bcockhaus in Leipzig können wir unseren Lesern hier. eine Probe aus dem soeben m vorzüglicher Ausstattung erschiene»»«»», rdberaus fesselnden Reisewerk von Christian Leben „Ueibec KiwatinS Eisfelder. Drei Jahre unter kanadischen G s t i m o S" (mit 70 Originalaufnahmen und einer Karte) bieten. Leiten unternahm eine Exposition in die Eisfelder Kiwarins, die zu einer Kette von harten Entbehrungen und Lei«, den wurde. Bei einem SchlMruch^ im hohen Norden verlor Loden den größten Teil seiner Ausrüstung und seiner wissenschaftlichen Instrumente und mußte so drei Jahre wie die EÄimoS leben. Er berichtet ln seinem Buch von Kannibalen, von gefährlichen Jagten, von einem „Wettlauf mit dem Tode". Besonderen Reiz gewinnt das Werk dadurch, daß Loden neben anderen Kulturzeichen auch die Musik e-er ESI»- mos erforscht uiib in» Monogramm fostgehalten I hat. Jrn nachfolgenden seine Darlegungen. über die Hygiene der Eskimos. Die meiste»» Weißen sind fest überzeugt, man müsse, um sich im kalten Wetter »varm zu halten, eine Menge schwerer Kleider tragen und den ganzen Körper sozusagen luftdicht abschließen. Sie halten es demnach für sehr schtvierig, sich während eines Aufenthaltes in den arktischen Gegenden gleichzeitig warm und sauber zu halte,». Ich habe sogar Leute getroffen, die versuchten, ihr Gesicht mit einer Maske zu decken, wem» sic in einen Schneesturm kamen. Die Eskimos aber haben eine ganz andere Art, sich zu bekleiden, als die Weißen. Nach nreiner persönliche»» Erfahrung kann ich behaupten, daß die Art, wie die Eskimos sich ivarrn halte»», der unsrigrn weit überlegen ist; ich glaube, »vir könnten von ihnen in dieser Beziehung viel lernen. Die frühere,» arktiscl-m Forscher hätten stch nach »»einer MeiMng viel Leiden und Schwierigkeiten ersparen könne»», lvenir sie es »vie die Esttlnos verstanden hätten, ihre Kleidung dein Klima arczupassen. Hätten sie die Eskimokultur gekannt und »nährend ihrer Reise»» die Lebensweise der Eingeborenen angenommen, so hätten sie vieles leichter erreicht und sich vor nianchen» Mißerfolg bewahrt. Nansen zum Beispiel erwähnt, wie deschtverlich und unm»genehm es sei, wenn man »vähreild einer anstrengenden Tagereise vom Schüveiß durch und durch naß werde und dann sofort gefriere, sobald man die ersehnte Lluhe aussuche. Solche Unannehmlichkeiten sind nur die Folge der europäischen Kleidung. Auch MS Kapitän Scott und seine Begleiter auf ihrer Südpolentdeckungsreise aus diesem Grund«; gelitt«» haben, muß schrecklich gewesen sein. In »nanchei» Schulbüchern steht zu lesen, daß der Eskimo sich nie »oäscht, sondern seiruu» Körper mit Seehundsett einschmiert, und daß er sehr schmutzig ist. Bon i diesen Behauptungen ist nur die erste »oahr. Der Eskimo hat »veder Seife noch Warrmvasserleitung und kann sich deshalb im Winter nicht waschen. Aber er ist dein Schmutz gegenüber nicht gleichgültig und gibt sich alle Mühe, auf seine Art sauber zu bleiben. Er wendet dazu andere Mittel an als wir. Er reibt sich nicht mit tierischem Fett ein, beim dieses Einsamen würde nichts nützen, so»»dern »mr die Pelzkleider verschmieren. Statt mit Tran oder kaltem Wasser hält sich der Eskimo mit frischer Luft rein. Merck das Mima seiner arktischen Heimat es ihm irgend erlaubt, nimmt er Luftbäder. Seine Pelzkleider sind so zugeschnitten, daß jederzeit genügend frische Luft an seinen Körper kommt. Jin Frühling oder Sommer habe ich oft ESkirnos beider ■ Geschlechter gesehen, die hall» nackt unchergingen und sich eine Zolllang der frischen Luft aussetzten. In der Regel sitzt der Eskimo halb nackt im Sommerzelt. Unter den Stämme,», denen Steinunb Erdhäuser als Danerwohnungen dienen, ist es allgenwln Brauchs daß mau auch im ALM« zu Hause uux ganz mangelhaft bekleidet ist. Sogar in der» Schneehäusern sitzen die Leute manchmal für kürzere Jjeit nackt bis zu den Hüften und ohne Schuhe uud Strümpfe. Der Eskinw Ost^ und Nordgrönlands trägt gervöhnlich im Hause nur eine Art Feigenblättbcheckung, die mit einem Strick von Fell oder Leder um die Lenden gegürtet wird. Der richtige, unzivilisierte Eskimo zieht sich zum Schlafengehen immer ganz aus. Er steigt fast nackt in sein Pelzbett und legt die Kleider aus Renntierfell neben sich auf den Schnee, damit sie gefrieren und auslüsten, »nährend er sckMft. Wenn die Kleider am nächsten Morgen gefroren oder voll Schnee sind, pocht er mit einem Stock den Frost aus ihner» heraus, bevor er sie anzieht. Aus diese Weise rvird das Eskimokleid nicht »»ur gut ausgelüftet, sondern das Gefrieren und Ausklopfer» tut <mch die gleichen Dienste wie bei uns das Reinige»» und Waschen der Unterkleider. DaS fröstelnde Gefühl, das der Eskimo beim Anzieher der gefrorenen und geklopften Pelze hat, empfindet.-er ebenso »vohltuend wie »vir eine kalte Dusche. Nach meiner Erfahrung folgt sogar die »vohlige Erwärnrung des Körpers nach bm Anziehen durchsroreiter Eskimopelze schneller als nach einem kalten Bad. Das Eskckwkleid ist eine sehr hygienische Einrichtung. Obschon aus schoeren Pelzer, ist es doch so hergeftellt, daß der ganze Körper viel frische Lrcft bekommt. Er verhindert, daß man auf der Jagd oder nach la»»gen Reisen im Schlüte» und Hulchegespan» übermäßig warm wich öder schvitzt, . < Die einzelnen Eskimostämme haben voneinander v«rschiednre Trachten, aber der Grundsatz ist überall der gleiche: rnöglichst viel frische Luft zrvischen Pelz und Haut zu bringe»». Die Eskimos »vestlich der Hudson-Bucht tragen Pelzstrümpfe, die bis zu den Knien reichen, und sehr »»>e»te, aber k»»rze Hofern Beirn Gehen wird das K»»ie abwechselnd bedeckt und entblößt, ivenn das Bein sich streckt oder beugt. Im übrigen sind die Beinkleider so rveit, daß genügend frische Luft an die Oberschenkel kommt. In Grönland bedecken die Strürnpfe das Knie, aber die Hosen fiub oft sehr kurz, besoltders Ln Ostgrönlaud,

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