Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2845 (29.1.1927)
- Date
- 1927-01-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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vuStCnf Seife » 4Mcm* <Bte»8Wiintl«n «. garnier tm r« verdaad der SArrrelchische» Sa»«' gemewdr«. Die erste Sitzung' der' BepbWdMtirng. — Die Ber» . Harchlungen mit der Kultusgcmeinde Wien. — Die Lage der Knltusgoruoiude Hoh enems. — AuSspmche über das jü-ische W«Md«chungSwsseN. Ain 16. Jänner fand im SitznnFssaal-e der Kultüsgemeiirde Baden die erste Sitzung der VeEandsleitüng statt. Aus dem Inhalt der umfangreichen Beratungen und BnsckMsse sei das foLgsude mit geteilt: Der Anschlutz der drei noch außenstehend e n P r o v ingye m e i n-d e n ist für die allernächiste Zeit zu erwarten. Die Erwirkung der Genehmigung des Verbandes wurde aufHclschoLens bis. die Haltung der Kultus ge m e i nd e Wien geklärt sein wird, längstens aber auf 14 Tage. Es wird höchsstwahMeinlich ein Modus gefunden werden, der es ermöglW, , daß der Verband und die Kultusgemeinde Wien in solchen Fallen mvmer zrisalmmenartbeiten werden, welche die Interessen aller Kultusgeineinden taNtzieren. Die'DeraL-uyigen hierüber werden beiderseits in der nächsten Zeit gezogen' werden. Es ist zu hoffen, daß es auf diesem Wr>ge doch zu einem vollständigen Zu--/ samm-nlschsuß kommen wird. Der Verband ist bchuss gegenseitiger Berätunig und Unterstützung mit dem Preußischen Landesverband südrscher Gemeinden in B e r b i n d u n g g e t r e t e n und wird versuchen, i-n dieser Hinsicht Bezi-echunyen zu den Spitzem,rganisationen jüdischer Gemeinden aller anderen Staaten mÄ, Lander awzrcknüipfen. Sshr eingehend befaßte sich die Verdandsleitung mit der Lage der a-ltchrwürd igen Kultusgmein de Hohenems, welche nur mehr ein Scheindasein führt. Es bestehen vekschiedene Pläne, um diese Gemeinde vor dem Untergang zu retten und der Vorsitzende erhielt den Auftrag, sich mit diesem Gegenstand m jetzer Richtung eingehendst zu befassen, und bei der näLsten Sitzung daüüiber zu berichten. Wenn es dem Verband gelingen wird, diese Gemeinde zu erhalten und zu neuem Leben zu erwecken, dann wird seine Existengberechtigung wcthl von keiner Seite mehr anlWweise.lt werden. Jtzr der Frage Her Heranbitdgng eines geeigneten Nachwuchses der . Kpl tu sge meinde-Ang e stellten, gab der Vertreter der Kultusgemeinde Baden die Anregung, unser den Zkiglingen des Dadrner Waisenhauses geeignete Kandidaten auSguwählen und weiter ausEden zu lassen. Die DeribandSleitung wird versuchen, diesen Weg zu beschreiten. Sehr schwierig wird sich wohl die Regelung des jüdischen W a n d e r u ng swese n s einer« seits und des Wanderbettels anderseits gestalten, welche PrMcme den Verband sehr in Awsipruch nehmen. Diese Elmnentarersche inungen belasten fast alle Gemeinden in fast unerträglicher Weise, wenn auch verschiedenartig. Währeich die an den westlichen und südlichen Greben des Stachest gelegenen Gemeinden vorwiegend mit Wischen . Aus- und Rückwanderern / zu tun haben, ‘ denen sie bis zur nächsten Kultusge-nreinde weiterhelsen sollen, sind andere Gemeinden vornehmlich durch den Wände rbcttel betroffen, welcher nicht durch seinen Ulmsang^ sondern haitpllsäckilich dadurch zu lehrhaften Magen Anlaß gibt, daß unter den Personen, welche Unterstützungen anisipxechLN,' immer wieder Unwürdig« fcsitzcstkllt werden, deren' Erkennung auch gewiegten Gemeinde-Fun'kt'lonären nicht immer gelingt. Der Verband wird wahrscheinlich jahrelang brauchen, bis es ihnr gelungen sein Wird, Mittel und W.'ige zu finden, rvolche den ärgsten UcbeUtänbe-n steuern werden. Sindrüch i» der MraelMcheu KaUurgemeinde in Baden. Auch der Badener Poli-eirh-f bestohlen. AluS Baben bei Wien wich uns gemechet: In der Nacht, zum 37. d. M. drangen unbekannte Täter in die Kanzlei -der, hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde «in, erbracht hie kleine Kasse mit einer Blitzsäge und entnahmen derselben dendarin Vorgefundenen Betrag von 150 Schilling. De Lrchrten auch die große, Pänzerkasse an, doch scheinen die EjnbruchÄverkzeuge zum Äufbrechmr dieser Kasse urchxauchbar gewesen zu sein. In der großen Kasse branden sich, die Silber gerate der Bundeslade vo/tz ungeheurem Werte. Sämtliche Bücher und Schriften lagen zerstreut am Boden umher. Die Einbrecher arbeiteten, um keine Fingerat&Tfidfe zu Hintersassen? mit Guinrnrhands chü h« n. Menen Kleiderhaus JVeinritft WeinAcf^jer 1. Bezirk, Singerstraße Nr. 6 fmoMnäftnrnuG &tOO'~ Frack* und Smotclng.Le.Har. »Inlt Vermutlich dieselben Einbrecher statteten auch vem Chef der hiesigen Polizei, Oberkommissär Kling er, einen Besuch ab und erbeuteten Gegenstände im Werte von einigen hundert Schilling. Die Täter, von denen ein: genaue Personsbeschreibung vorliegt, konnten bisher nicht festgenommen werden. Breltoer gibt nicht «ach- Das Gem.indrbuo> «t angenommm. Das Budget der Gemeinde Wien wurde gestern nach mannigfachen Hindernissen endlich unter Dach und Fach gebracht. Die Sitzung verlief, abgesehen von einigen kleineren Zwischenfällen, ruhig. In seinem Schlußwort erklärte Stadtrat Breitner, daß er von seinem Steuersystem nicht um ein Jota ab gehen könne. Am Schlüsse der Sitzung dankte der Bürgermeister allen Mitgliedern des Gemetnderates und insbesondere dem Finanzreferenten Breitner, was die Sozialdemokraten zu stürmischen Ovationen, für Breitner veranlaßte, in die auch die Galerie einfiel. Ein Galeriebesucher rief einige unverständliche Worte in den Saal, weshalb er auf Geheiß des Bürgermeisters entfernt wurde. Die Christlichsozialen protestierten lebhaft gegen die sozialdemokratische Komparserie auf den Galerien. Während der Sitzung ereignete sich ein kleiner Zwi-. schenfall, der dadurch hervorgerufen wurde, daß im Beratungssaal deutlich Gasgeruch verspürbar wurde. Die Sitzung mußte auf eine Viertelstunde zur Behebung des Gebrechens unterbrochen werden. krhöhung der Invalidenrenten. Die nächste Sitzung des . Nationa 1rates findet Donnerstag, den 3. F e >b r u a ty 3 Uchr nachmittags, statt. Auf der Tagesord-nuno steht' der Bericht des Finanzausschusses Wer ein G.'fetz, betreffend die Einziehung gewisser aus der Liquidation, der Oesterreichr'sch-ungarischen Bank stammenden Pfänder und Depots scwie Mer die Einlösung von Kassenscheinen dieser Bank, ferner der Bericht des. JlHizausschusses über die weitere Erhöhung der. i n der Exekutionsordnung b e st i m m t e n W e r t a u sma ß e. Voraussichtlich wird auch noch die 9. Novelle zrmr Invalidenentschädigungs-/ geisetz beischlossen werden, die gestern vom Unterausschuß für soziale Verwaltung angenommen wurde. Die/ Erhöhung der Invalidenrenten soll nunmehr am 1. Feber in Kraft treten, die Erhöhungen des Krankengeldes und /des Taggeldes cvm Tage der Kundmachung' des Gesetzes. ' ' ' Theater. eine StzillerLorftelliws aal^elae MMMelimi. Da eapfl! Diese Ausführung der Schäuspieltlassen des Herrn Professor Beer (im Akademütheater) war zu wertvoll,, als daß sie einzig bleiben sollte. Ein-rührendes und ein heiteres Werk, beche llassisch, von begeisterter, gut geleiteter und ernstlich beratener Jugend gespielt -7es ging allen Gäste» dieser öffenllichen „Prüfung" nahe. Rabindranath Tagores. „Postamt", das Bühnenspiel von dem stxrbenden Knaben, gehört zu jenen raren dramatischen Gedichten, die das weite Land der Kindexseele und der Kinderträume umfassen. (Man hätte es ausführen müssen, als Tqgope in Wien war, etwa mit Hauptmanns ,Hannele" oder Mells „Apostclspiel", zwei kongenialen Schöpfungen, zu einem Festabend vereint.) Es ging allen nahe, nrie Elma Bulla den totgeweihten Amal gab. Daß sie — gottlob — zn kernig, zu frisch und zu rassig ist, um den zarten, leidenden, ach, fo liebenswerten Jungen durchaus glaubwürdig zu gestalten, tat der Wirkung Ihres herzhaften und sehr ergreifenden Spirlsi wenig Abbruch. Und alle, die auf der Szene ' standyr, haben gut bestanden,' denn sie lenkten das Augenmerk ypn sich auf-die Dichtung ab. (höchstes Lpb für ihren Exziehep). Man wünscht allen diesen stärkeren urch schwächeren Begabungen sine schöne Zukunft. Und daß sie stets Anlaß haben, so pnd.;lnärrifch lustig zu sein, wie sie es nachher in Nestroys „Schlimmen Buben in der Schule" warerx. Der Willibald des Herrn Schauhüb er war bestimmt wienerischer und mrch sonst besser als der Alexander Ätoissis (an den der Herold im „Postamt" erinnerte), und alle anderen tollten ausgelassen und doch wohlgezügelt durch die köstliche Burleske. Da capol * Im Mod er neu Theater wurde als Nachtvorstellung eine verllable „Schwarze Messe" zelebriert, die zlvei einleitende.^ Akte vorbereiten. Hei, geht es in diesen: satgnistlsSM Spirl von Anatol Kamensky zu! Ein Neger ergötzt sich durch Peitschenhiebe auf erüolüßte WeiLer»ück«st,. zwei Mädchen verheitzm sich ineint-.nder, vier Bodönwieserinnen wurden . sich in Blähung<M.'und Lststi'.n, .Welhpauch /steigt, der.'Pltax gher,' auf dev: geopfert wird, ist di« durchaus nachHlde Warwara Kastrowa. Nackend war sie awch.schon, im erg^n Art. Es scheint ihr ebenso Vergnügen zu. bereiten, ihren völlig errthüllten Körper zu weisen, wie dem Publikirm, ihn sehen zu dürfe». Aber leider hat. sie auch noch eine Rolle zu bewältigen, dazü dKn weiblichen Hauptpart 'in einem satailistischen Spich' und weiß Gott — das trifft sie Nicht. Muß tzenn diess anmutige Dame (die übrigeüs rührend lieblich, durchausvornchm bleibt, ioenn sie, nur mit ihrer Haut^besteidet, ins Rampenlicht tritt), müß denn die schöne Koftrowa just Theater spielen? Das Premierenpublikum war ungalant und undanlbar: Ihr Anblick war ihm willkommen, /fürihre darstellerischen Bemühungen vergaß es zu baflkey. - O. A. Sie TSmerin TMua Barbakoff. Bon Oskar Rosenfeld. Die Tänzerin. Begriffsassoziationen sind ost schwerer zu ertragen als Gefühle der Unsyntpathie. Di!än>'sch/<rgc die Taste „Tänzerin" mr wid schon ist die Skala chondäner Vorstellungen da: Star, Kvstüme, Rekläure, Variete, Mesenplakate, Perlenschmück, Honorar, Jnt^nationaläs. Hqchstaplertum . , . Davon weiß unsere Tästze^ kein Lied zu singen. (Ein Versuch, vom' Negativen^her ein Bild zu zeichnen tz Sie ist die Tänzerin außerhalb unserer Zeit. Sie ist kein Anfang und kein Ende. Irgendwo hat's immer solche Tänzerinnen gegeben: Frauen mit der unwiderstehliche!: Magie des Tanzes, voll Sehnsucht nach der großen Wahr-» heit, die sich nicht erklären lgßt ebensotvenig wie die aus der Religion geborene- Atystik. . Das Ballett hat etwas Äommstsch-Französtsches. Es kommt vom Westnc. Die 'Gnade des Tanzes, der tanzbegnadete Mensch hat etwas Russtsch-dlstatischrs. Er kommt aus denl Osten- Ein Stück Erfüllung -ist dg: Die Tänzerin. TatfätG.' " Wollte ich vermessen Mag sein, Paraphrasen über ein nur metaphysisch erleLbares Thenra zn gehen, dann Würde ich zu dein Thema „Tatjana^ eine Geschichte dichfen, die unbedingt banal sein müßte. Man lasse — bitte das Rezept - genau zu bcachten ^/ hi^Mi Silben der Tatjana hemttlnncköüos''' zu..Boden striden und dichte sich selber eine Geschichte' dazu. T^-as ist nicht msine Ausgabe. Was ist mit Tatjana? Wir wissen's schon von btt Tänzerin : Sie tanzt keine Symbole, keine Allegorien, sie tanzt' nicht Bach und Debussy, sie ist keine Gotikerin. kein Povzellallpüppchen, kein Biedermeier-Jch'.hhoSaurier, sie illustriert', keine Musik, sie macht keine Stilkoketterien, die allzuleicht zum Ballett führen, sie interpretiert nicht das Sinnhastel Das Einzige, ims sie bringt, ist das Sinnliche (in edler Manier). Darin ist sie schöpferisch. Die liebe Tatjana hat ein ründes Gesicht, das in Verzückung oval erscheint. Ihre großen Augen schauen rein, verzückt, anbeterich, spitzbübisch in die Welt. Ihr Körper besitzt nur so viel Schlankheit, als zur Illusion ätherischer Er'ebnisse iwtwendig ist. Kräftige Arme und Beine sind ein ausgezeichnetes technisches Fundament und der Nacken trägt dm Kopf eines Kindes, dessen Reife unschu^dsvoll Mer die Brüste staunt. Aus solchem Material wächst keine Akrobatik. Tatjana ist die freieste Tänzerin Euwpas. Sie kennt keine Schule, k.i.w Manier, kein Dogma. (Wo bleibt Laban, Hellerau, Duncan ustv.?) Im freim Tanz kann der Körperrythmus mit dmt mimisch hexvorgebrachten Ausdruck verschmelzen. Und die Musik, die dramatisches Geschehen wiÄÜrgibt, löst sich in persönliche Emotion auf. Barbakoff. Jetzt wird mir bange: bisher war alles hell und heiter, immer.llwch Europa für uns Europäer! * Und nun: Barbakoff! Da steigt Rußlands asiatisches Blut auf. das Dämonische der wilden Rassen, Rumoren, tvilder Triebe, gebannt durch Regie. Daivoff. Meyerhold. Blauer Vogel. Die Barbakoff'in schiverem, ostasiatischem Ornat, rot, schnmrz gold, fürchterlich, als wollte sie ein Schwert ziehen, verzückt, als müßte sie Buddha ein Opfer bringen. Und das Wunderbare: eine neue Zeichmsprache! Die anderen müssen plMtasieren, experimentieren, spielen, tvell das Meiste, lvas in der Sprache des Tanzes zu sagen ist, lwch nicht gesagt wurde. Barbakoff sagt Endgülliges, We>nhastes. Die Tänzerin — begnadet, Tatjana — reists Kind, B'arbaAff ' Religion aus hem Osten.