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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-28 · Heft 2844 (28.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2844 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Jcr. 2844 Wiener Modenzeitung 28. Jänner 1927 Seite 8 ganze ts,ertcyrsgeväuoe nno waren m der Bathorystraße, in der das Gerichtsgebäude liegt, angestellt. Der Richter war gänzlich aus dem Konzept gebracht; gegen so en Massenaufgebot an Beklagten ist die beste Gesetzesmaschinerie machtlos. Darum verlegte sich der Richter aufs Bitten: die Beklagten mögen von ihrem Recht der persönlichen Verantwortung keinen Gebrauch machen, sondern ihre Aussagen schriftlich niederlegen und dem Gericht einsenden. Vergebens: der LOOOköpfige Kohlhaas bestand auf seinem Recht; die Masse der Beklagten protestierte stürmisch gegen diese Zumutung und konnte trotz dreistündiger Bemühungen des Richters nicht beruhigt tue.den. So g.ifs der Richter zum bewährten Mittel der Justiz in heiklen Füllen: Vertagung der Verhandlung: selbstverständlich auf unbestimmte Zeit. Denn für die Rechtssormeln ist seit/ je der Ernstfall das schrecklichste. per erste Szeandampter. Die Zeit ist vstllcicht nicht mchr allzustrn, der letzte Ozeondempstr das Meer überquert: die immer .nienswere Vcrvollkommn'UN'g imfever Luflisch'ffahrt wird es wahrscheinlich in kurzem möglich mackien, auch init den riesigsten Lasten durch die Lüste zu fliegen u-nid W auch die Frachtidaimpfer zu einer Ucberstüssigkeit werden lassen. Da ist es vievl'.'icht an der Zeit, an -das erste D a m p ss ch i fs zu erinnern, das den Ozean überquerte. Es hieß .,Sava n n a'h" und gehörte dem amerikanischen Kap'tän Moses Rogers, der ein Freund dc's großen Erfinders des Da-mipfschifhes, F ulton, war. Das Schiff war o'lyLnbl'lch ein Segler, ein Dreimaster. Aber man. hatte den Raum zwischen zwei Masten verbreitert und hier einen Dampf, motor von ganzen 40 Pfer-dostärken untergebracht. 8<bn»rm^rle«. iXMCOOOOOOOOOOOOOOOOCXXSOOOOCXXXXXXXXXXß LSwenfranzbrannlweln mit Menthol stärkt die Muskeln und Nerven» schafft Kraft und verleiht Energie. Üeberall erhältlich. SOC»OOOOOCOOOO{X?COCXXX)OOOCOOOOOOOOOOOOi Dieser Motor trieb Zwei große hölzerne Schaufelräder, dis jedoch bei bewegter See wieder cL>geno-mmen mrd auf Deck verstaut wurden. Den Vorrat an Heizstofsen biüdeten gange 7 5 Tonnen Kohle und 1U Ü Kubikmeter Holz. Trotzdem somit die Hauptkraft des Schiffes in seinen Segeln lag und der Da.mipf eigentlich nur eine schwache Mihilse zur Fortbew g.ung bot, wollte kein Mensch in ganz New Dort, von wo die Reise ausging, an den Erfolg des Unternehmens gla:.ten, und Kapitän Rogers mußte Mannschaften aus seiner Heimat Neu-Landon holen, da sich m ganz New Dort kein Malrose fand, der sich für dieses wahnwitzige Unternehmen heuern lassen wollte. Der Damipser kam aber nach 2 4 Tagen glücklich in England an. Das war im J-ahre 1819. Nach ihm gelang es einem holländischen Schiffe, ,.Curacao" genannt, die Uebevfahrt in 31 Tagen zu schaffen, und erst 1838 stellte das englische Dainip?sch'.ff „Great E a st e rit" den für damalige Zeiten ungeheuren Rekord von 16 Tagen auf. Jer Mislolczer MödchenhSnülerskandal. Lensallonelle Simühektm. — Sie „Herren ver Gesellschaft'. W'en, Freitag Um den lier.üs ossteysilven zuoi,u-en ^ztsM.o i.i zug auf seinen Bodenant.il den Arabern gleichzustelleii. muß der jüdisck-e Bodenb.sitz um mindestens drei Mil lionen Dunam vergröß.rt werden. Dann wi.d auch unser Vedenautcii 28 Dunam pro Person betragen, sc daß wir dem nichtjüdischen Bau.ru und Städter in diese. Hinsickjt gleichgestellt sein werden. Jedoch mit einem Jischuw von 150.000 Juden irr Land« unserer Väter begnügen wir uns nicht. Auch mit vier Millionen Dunam können wir uns nicht begnügen. Das Verhältnis 28 Dunam auf jeden einzelnen Juden muß auch für jeden Juden fest geh alten werden, der — sei es durch Einwanderung, sei cs durch natürliche Vermehrung — neu hinzukommt. Tagesbericht. UnglülksMe in a"er Welt. ErvloSo» auf einem nmecKnnlfdjen SinOttr. London, 27. Jänner. Nach einem Telegramm aus New-Orl.ans hak sich auf dem amerikanischen Dampfschiff „V a r i n g" eine Explosion ereignet. Bis jetzt werden drei Tote und sechs Verletzte gemeldet. Großer Brand ln einer Itallenlsryeu klsenMnwerWtte. Mailand, 27. Jänner. In den Elsenbahnwerkstätten „Servet" in Carmagnola bei Turin ist gestern nachts ein schwerer Brand ausgcbrochen. Fünf große Halle n des Merkes fielen dem Feuer zum Opfer. Der Schaden wird auf zwei Millionen Lire geschätzt. Sie Grippe. An den Reichsbund der Oesterreia-er ist ein Telegramm <mS Le qu eit io eingelangt, demzufolge die Exkaiserin Zita, ihre acht Kinder und ihre Schiviegermutter Maria Josefa an Grippe erkrankt sind. Der älteste Sohn der Exkaiserin, Otto, und der Zweitälteste Sohn Rudolf liegen mit Lungenentzündung dar:i der. Alle Erkrankten befinden sich auf dem Wege der Besserung. Mtettuns tei Wnlschen (DrUiDe In Mnpelt. Budap.st, 2s /. Jänner, üaut Mitteilung des hauptstädtischen Oberphysikats wurden gest.rn vier schwere spanische Erippefällc engemede', von denen drei Krankenpflegerinnen des Epidcmiespitals betreffen. Im Laufe des heutigen Tages sind zwei Todesfälle infolge spanischer Grippe erfolgt. In die verschi denen Spitäler wurden gestern 59 neue Grippekranke ausgenommen. In häuslicher Pflege befanden sich 68 neue "Grippekranke. Bon dm in ihrer Wohnung gepflegten Kranken ist einer geworben. 21.900 Aiigeklagv. Ein stüemischer Kcnttlrsprozetz in Lemberg. Aus Lemberg wird berichtet: Der hiesige Allgenl-eine Veamtcnverein, der 21.000 Mitglieder zählt, war in Konkurs geraten und da Je ine Mi Glieder nach dem Geiwssenschaftsgesetz in der H'öhe ihrer Anteile für die Verpflichtungen des Vereines haftbar sind, wurde gegen sämtliche 21.000 Mitglieder eine Kollektivklage auf Erfüllung ihrer Haftpflicht eingebracht. Zur- Verhandlung hatten sich nun von den 21.000 Mitgliedern nicht weniger als 2000 persönlich ein gefunden: sie sü"'en da¬ La hm. Schauern, Lächeln. 8!o Beniner WoHenßrogramm. Von Kurt Münzer. In der zarten, delikaten, schimmernden ,Komödie" Reinhardts wälzt man sich vor Lachen, unpassende Laute des Vergnügens dröhnen im riesigen Raum, man rutscht von den schwellenden Sesseln und schreit sein Entzücken in den kecken, geistooll.m Dialog Tristan Bernards. Seine „Perle" wird gespielt, das Hohelied der Verwechselungen, der Ehebrüche, des Kuddelmuddels. Eine leidenschaftliche Köchin, eine kalt-wollüstige Münnerfresserin, eine große Kokotte, eine kleine Midinette: das tobt durch zwei Etagen, die die ganzen Verwirrungen stiften. Stellen sie sich ferner eine benachbarte Schießbude vor, deren Knalle wie furchtbare Naturereignisse den gewünschten Ablauf der zielstrebigen Liebesszenen stören und zerstören. Dazu die erschütternde Komik des hier endgültig entdeckten Otto Wallburg, des längst berühmten Julius Falken stein, der feurige Charme des jungen Gerald P iulsen. Und Carola Toella, weiblich entzückend, Rosa Baletti, das saftigste Stttck Leben, die zarte, mädchenhaft schimmernde Marta Maria M e> wes: ist nicht jede eine Perle? Jeder findet am Ende die seiye> und Tristan Vernarb, mit seinem Witz, macht die älteste Situation neu und den bekanntesten Trick wieder originell. Nur ein Schritt, im Haus nebenan, im varietcehaft überladenen, flirrenden, bombastischen Saal des „Theaters am Kurfürstendamm" — und da wird aus Lachen tiefer Schauer des Erlebnisses. Erlebnis einer genialen Frau, der konzentrierten, in aller Exzentrizität und Ausgelassenheit tiefernsten Kunst der Aales ca Gert. Sonntag nachmittag. Leute aus dem Westen. Zwischen Diner und Tanztee. Der Vorhang wird gerafft, und im kitschigsten Bühnenrahmen geht ein Wunderbares, Magisches, Da- Budapest, 27. Jänner. Der Mädi^enhandc-ls-kanidal von Miskcilcz Nimmt ur«g.eheuer!iche Dimensionen an. Die Nachforschungen der Polizei haben ergeben, d-aß die unter der Leitung d':s Dr. Franz S z i k s z a y st.'hende staatliche ArbritSvermititlunigsstelle Arbeiter-innen und ^ansg-'hili'finren, die sich an das Amt wegen eines Postens wandten, nicht nur an die ungarischen Prov'nzbordelle verkuppelte, sondern auch in der Stadt MiSkolaz selbst einen schwunghaften Handel mit woißen Sklavinnen durchfllihrte. Zahlreiche angesehene Bürger von M'skoilcz standen mit Dr. Mbszay in regem Geschäftsverkehr und ließest sich junge Mädchen aus der staatlichen Arbeitsvermittlungssteile ins Haus liefern. Die Polizei fand in den Amtsränmen des verhafteten Dr. SMzay eine umfangreiche Namenliste jener Miskoleger Herren der Gesellschaft, die den Kundenkreis der Aubeitsvermittlnrig-Istelle bildeten. Wie aus den Aufzeick«->ungen des Dr. Siz-'Hzay hervorgcht. wurden von der Miskvlcz-er H rrenwelt hauptsächlich ganz junge Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren mit Vorliebe v"vlanat. Dr. Sr'ks'^n dem Bedürfnis luouijches aus. Kartta.uc.n. Gxtratte. Typisierung.n. Blasphemien. Die Dirne. Die Tänzerin. Die Kupplerin. Tie Chansonette. Die Amme. Minutcus-enen. In Couplets komprimierte Lebensläufe. Schicksale in den Fa b n eines Kostüms. Denn Borstadtmusik. Wer es ve steht, dem muß cs grauen. So ist das Leben! Wer kennt es? Ah, ihr ahnungslos Lebendigen! Sie lachen. Und von diesen Miniatursolodramen geht der Schauer des geöffneten Geheimnisses aus. Die Gert ist eine Tänzerin über alle Schwere hinaus. Wie vollkommen muß sie die Künste beherrschen, um mit einer Andeutung so das Ganze umreißen zu können. In ihrem Schrei, ihrem Grunzen, ihrem Rülpsen redet eine Kreatur. Sie ist schamlos bis zur Heiligkeit. Wenn ihre ,Kanaille" die Stadien des Liebesgenusses durchläuft, wi.d der kosmiiche Tiessinn noch im Grotesken offenbar. Diese Frau vermiitelt schauerliche Begegnungen mit dem Ur-Mcnschlichen. Eine Kunst, die uns nicht vom Wahn der Gestalt befreit, sondern in ihre letzten Wesenheiten hinabfnhrt. Das Grauen des Irdischen geht in den Gespenstertän-en Valescas um. Abrx wenn sie schließlich als „Spanierin" Ungeist und Lciblichkejt, Dirnentum und Eitelkeit, Hohlheit und Süßigkeit des Tangwesens abwandelt, bringt sie es sogar zur Erlösung durch Heiterkeit. Aus tiefstem, geistigen Genuß steigt das Lächeln. Nur die göttlich beseelte Kreatur besitzt es. Und es blüht auf, wenn zwtt Stunden Brahms klingt, unter dem Dresdener Fritz Busch, den von ihm faszinierten Philharmonikern entströmend. Dieser Mann, auf dem Gipfel der Dirigententechnik, ist ihr also genug überlegen, um ganz seinem Musikalischen sich hlngeben zu können. Er ist ein Brahmsmensch: Feuer in der Form; Leidenschaft im Gesetz; Seele in der Bravour. Er vermag dieses Orchester. Hinzureißen, das so schwer zu gewinnen ist. Mit ganz anderen seelischen Mitteln als der g.wohnte Furlwängler, als der inbrünstige Brnno Walter, der dynamisch geniale Klemperer. Vielleicht ist er der jugendlichste seiner Ment-cil, wie ans dem befchl.vgn>ahmöen Kundenbuch hrrvorgiHt, gewisssnhaft nach. Die Na m e n 1 i sie, d-urch die mehrere Dutzend Männer der besten Miskolczer Gesellschaft ans das sckfwerste kc-mpromittiert erscheinen, wird von der Polizei e i n st w e i l e n g e h e i m g e h a l t e n, doch sollen wertere sensationelle Verhaftungen bevorstehen. Bei den Nachforschungen stellte sich ferner heraus, dast die Katakomben auf dem Avasberg bei MrskcllLz von geschäftsirüchtigen Leuten m sonderbarer Weife auZgenützt wurden. Man fMd dort komfortabel emgevichb.te Rendezvous-Raume für Parvoe imd größere Lokalitäten, in denen ganze Gesekk« fck,asten Orgien feierten. Zahlreiche Persönlichkeiten erscheinen in dicisem Zusammenhang stark komprom-itticrt. Heute wurden acht junge Mädchen einvernommen, die schr belastend gegen Dr. Sgi-kszay, g'gen die Beamten der staatlichen Arbeitsvermitt'lungsstelle unld gegen hoäjgestellte Persönlichkeiten von MiSkolcz au-sscgien. Der weiteren En'tw'cklung des ungeheuren Miskolczer Gef Uchaftsskandals sieht man mit gro^rr Drannnng entgegen. unserer Großen, der Gegerrwartsbewußteste. Ganz kann er sich nicht entfalten, wenn er Katharina Goods o n begleitet. Brahms Klavierkonzerte sind Wohl doch männlicher Musikalität und Kraft bestimmt. Für die Frau hat Brahms seine Lieder geschrieben. Man hat in diesem Winter noch keines gehört. Gibt es denn schönere? Was Musik ist, geht ebenso herrlich auf, wenn das Lener-Quartett im ehrwürdigen Saal der Singakademie spielt. Joachims Pulte sind wieder ebenbürtig besetzt. Diese jungen Ungarn haben jenen Joachim'schen Zigeunerklang, der sich sphärisch geläutert' hat. Sie bauen einen Satz aus rein musikalischem Instinkt auf, die Musik formt ihn, nicht das Stüdium. Sie spielen mit einer Freiheit, die wie Improvisation wirkt: das ist dje Boll- «'ndnng einer Kunstäußerung. Und sie haben den reinen!, Hellen Mozartllang ebenso wie den seelensatten Klang Beethovens und den stürmisch-heißen Brahms! Man kann — neben Rose — schöneres Musizieren heute nicht hören. Und wieder schwillt das Herz, wenn P a u l i n e D obert singt. ES ist eine unserer schönsten Stimmen, gefüllt mit Empfindung, beseelt, kraftvoll. Eine jener seltenen Stimmen, deren bloßer Klang ans Herz geht. Schön wie ein Instrument. Oder — kann vielleicht nur Me loschen stimme so schön sein? . . . Und, um die Woche nach Lachen, Lächeln, Schauern mit Schmunzeln zu beenden: geh'n wir ins Kino. Die Amerikaner werfen die Frage auf: „Dürfen Eltern heiraten?" Und Tldolphe Menjou und Florence Bidor beantworten sie aufs liebenswürdigste, mit einem feuchten und einem lächelnden Auge, ganz schlicht, ohne Aufwand, mit jenenl Durchblick ins Menschliche, den man — komisch! — gerade in Amerika haben muß! Unser Erdteil, der sich so hartnäckig auf die Seele versteift, läßt sie so oft vermissen. Und aus dem Lande des mechanisierten Daseins, kommen uns diese entzückenden Mitteilungen über beseelte Existenzen.

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