Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2843 (27.1.1927)
- Date
- 1927-01-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2843 Wien, Donnerstag Wiener M-rsenzetLung St, $fattiwt 1927 Seite S Sie Heimatrrechttvraris der Stadttotes Richter. eia BntulaitnnsiittXAtift »et »Manch Der »at-kwalt »gelernt. - sitae rnge Sätnilienen w @eatelnaetot Die gestrige Bl-dgslisitzung d?S EkmeinderateS stand nach wie vor i>m Zeichen der Obstruktion. Die Form dieser Lsstri^tion wäre sicher in barri üblichen Parlamentarischen ©rffcrfr geblieben, hätte nicht der durch seine initranisigente Art sattsam bekanni-e Stadlrat Richter, der über das Bwdgrtkapiteil ,,Allgemeine Derwaltl'rigiko ngelegenheiten" referierte, durch ungehörige D merkimgen einen Sturm geradezu provoziert. Die Tat'^^it des St^dtra,l>?s Richter hat bekannt« lick seit langer Zeit in weiten Kreisen der W'ener BevAkermiig. b:>soriders der jüdischen, ärgstes Mißfallen errrgt, da er. wie G'memderat Dr. PlafchkeS auch bereits öfters darlrgite, die. Ei-nlbürgerungen der st^iald^mrikra'ti«schen Partei'vrvpagani^a dienstbar machte. Diese ME<od?n des Stadtrates Richter wurden von ^Zemeinderat Dr. P5aW?S in mehreren Reden im Wiener Kemeinderat mit genauen Nachweisen erNärt mb kn't'stert. Doch in seinem Referat kam Sdadtrat Richter, «dem von Gome'mderst Dr. Pilafchkes wirdevholit der Dorwnrf des AEem-ktismus bei Einbürgerung von Ji'ldsn gemacht worden war, auf die Frag? der Derletihi'nig des HeimatSrechtes mit keinem Worte zu Prrchen. Die Ehristlichsoiz'cdlen hatten acht Redner nominiert, von denen jedoch nur drei sprvckien. Temeind?ra.t Stöger beschäftigte sich mit den Einibiiirgerungen von Juden in den W'ener Heimatsvevband. Im Jcvbre 1921 führte er an -- wurden 124 Juden eingebürgert. iim Saline 1932 2814. im Jahre 1928 stieg diese ZM auf 10.384 und sank i-m Jahre 1924 auf 4371 un>d im Jahre 1925 ans 2800. Geme'mderat Doppler (christl.-s-oz.) stellte sollgeniden Antrag: .^?n der Eeneralldebatte über den Voranschlag stir 1927 wurde van Herrn Gsmetnderat Doktor Plaschkes Lanüber Beschwerde geflührt, daß gelegentlich van Heimatsr-echtsverlorHungen im Jahre 1923 Lurch Reverse Verrichtungen übernommen werden mußten, bei den Wahlen für die sogialdemokradisch- Partti zu stirmnen. Angesichts der Schwere Lieser Beschuldigung, die nickrts weniger als einen Amtsm iß'brauch schlimmster Art zum Gegenstand hat, wird der Antrag gestellt, zur Klarstell-ung dieser Angelegenhsit oinen Untersuchungsausschuß einizusetzen. der dem Gc-mein-derat binnen Monatsfrist su berichten hat." In s'.inem Schlußwort gebrauchte der Referent Stadtrat Richter die R-edenxmdung, daß die von den Christlichsozialen an dem Feuerwehrwesw geübte Kritik gewissenlos sei. Dies löste einen ungeheuren Sturm auf den BLnk-'N der Opposition aus. Pfeifen, Hupen und Ratschen traten in Aktion. Die Situation wurde derart bedenklich, daß Handgreiflichkeiten unvermeidlich erschienen. Nur dem besonnenen Eingreifen einiger G?m?inderäte ist es zu verdanken, daß der Wiener Ge« „8tn Bruderzwist im Hause Habsburs." Deutsches VolkStheater. Arme Gegenwart, arme Stadt, die dieses Werk ihres Mitbürgers Grillparzer so viele Jahrzehnte schmerzlos entbehren konnte. Das Trauerspiel hat bei der Wiederaufnahme in den Spielplan tiefe Wirkung geübt, auch dramatische.' Es muß nicht in der Buchausgabe, also verschollen bleiben. Ein historisches Drama und ein Männerstück. Zlvei Qualitäten, die heutzutage Theaterailfführungen nicht günstig sind. Aber diesfalls ist die Historie Nebensache und das Drama ist so stark, daß es durch Frauenrotten nicht gepölzt werden muß, denn es betrifft das Schicksal eines wahrhaft großen, das Treiben der Welt erkennenden, also unglücklichen Mannes und es muß den Zuhörern nahegehen. Der Held der Tragödie sitzt zufällig auf . einem Herrscherthron und heißt Rudolf II. Ein Mensch in seiner Qual, die Menschheit verachtend, den einzelnen Menschen und Gotteskreatur liebend. Sein Schicksal: Daß er die Zeit erkennt, in die er gestellt ist und sich ihr doch verhaftet fühlt. In Ergebenheit und Treue strebt er gottgewollte Ordnung in den grausamen Wirrwarr zu bringen. Und weiß, daß er es nicht vermag. So hat er sich der Sternkunde und Mystik ergeben, so hat er eine Bruderschaft gegründet, die den Orden nicht auf dem Harnisch, nicht auf dem Prunkgewand,. sondern urller dem Hemde trägt, „wo der Herzschlag ihn erwärmt, er sich belebt am Puls des tiefsten Lebens" Und der Wahlsyrnch dieses Ritterordens, welcher die ganze Wett umspannen soll und jedem Zwist entgegentreten, gesät durch das Lügenwort „Ehre" — der Schlvur der Männer von dev Bruderschaft Rudolf II. lautet: „Nicht ich, nur Gott." * mttndcrat nicht zu einer Stätte wüster Raufexzcsse würbe. Der Referent ließ sich durch den Tumult nicht stören und setzte seine Rede fort. Die Sozialdemokraten hatten sich um die Rednertribüne gesammelt und klatschten dem Referenten Beifall. Als Stadtrat Richter stine Rede geendet hatte, legte sich auch der Sturm und Gemeinderat Kun« s ch a k protestierte gegen die „Ungezogenheit schlimmster Art" des Referenten. Der Bürgermeister leitete sodann die Abstimmung ein. Das Budgetkapitel wurde gegen die Stimmen der Christlichsozialen angenommen. | Der Antrag des Gemeiuderates Doppler, wurde unter hämische« Bemerkungen des Bürgermeisters und der Sozialdemokraten abgelehnt. Die Majorität wußte wohl, warum sie diesen Antrag iablehnte; es liegt zu genaues Material für eins solche Untersuchungskommission vor. , Auch ein Antrag dos Gemeinderates P a u l i t s ch k e, die erledigten Heimatsrechtsalten an die Bezirksvertretungen zur Einsichtnahme zurückzuleiten, wurde von der Majorität niedergestimmt. Die Sitzung wurde um 11 Uhr nachts geschlosien. Sine Falschmünzerwerkstatte für Halbschillinge. Im Dause einer polizeilichen Slmtst/onblung entdeckte ein KrlminaLearnter in Floridsdorf eine vollständig eingerichtete Fä l sche r we r k stä t te für Hal-bschillinge, die drei Brüder, namens Weiög, eingerichtet hatten. Der eine der Brüder, der Zahntechniker Arnold W e i S z. hat:e einem pensionierten Oterstlewinant einen Betrag von 7000 Schilling entlockt. Da Arnold Weisz einer polizeilichen Vorladung nicht Folge leiste:«, sollte ihn der Kriminalbeamte Koch vorführen. Als er in die Wohnung der Mutter des Gesuchten in der Tryeck^asse in Floridsdorf kam, wollten ihm die beiden Schwester« des Gesuchten den Eintritt verwehren. Der Kriminalbeamte kräng dennoch ein und fand im Bett, in dem die kranke Mutter lag, unter der Decke versteckt, den Arnold Weisz und dessen Bruder Heinrich Weisz. Beim Aufheben der Decke fand rer Kriminalbeamte zwei Matrizen zur Herstellung von falschen HcklbschiHingen. Bei einer genauen Hausdurchsuchung wurden auch Münzstempel. Gipsabdrücke. Blei, Bronze. Zinn, Zink und Weißmetall gesunden. Auf der Polizei w: rde festgestellr, daß Heinrich WeiSz im Jahre 1921 vom hiesigen Lantekgericht zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt wuvde. jedoch vor Verbüßung der Strafe gef.'ohen ist und in der Tschechoslowakei verschiedene Betrügereien verübt hat. Dabei legte er sich den Namen seines ÄruderS Arnold bei. Eine Dame, die er durch einen Heiratsschwindel betrogen hatte. erstattete die Anzeige, weshalb Heinrich WeiSz auS Eibenschütz, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte, nach Wien und von da mit seinem Bruder Arnold nach Berlin reiste. Dorr traf auch der dritte Bruder Karl WeiSz ein. Im Laufe des Verhörs gaben die beiden Brüder zu. bereitS in Berlin eine Werlstätte für falsche Drei-Mar'.stücke eingerichtet zu haben. Sie halben bereits 30 bis 40 Srück verausgabt, verlegten aber ihre Tätigkeit, als ihnen der Boden in Berlin zu heiß wurde, nach Wien. Auch Karl Weisz wurde gostern früh in seiner Wohnung, Rüdengasie 6. verhaftet. Er ist seit dem Jahre 1922 aus Wien abgeschafft. Mit dem jetzigen Falschmünzen seiner Brüder will er nichts zu tun gehabt haben. Arnold und Heinrich WerSz behaupten, bisher nur zwei bis drei mißlungene falsche Hakbschillinge hergestellt zu habest. Da- Münzamt bezeichnet die Notenstempel jedoch alS gelungen. Die drei Brüder und eine der Schwestern, Ludmilla Janda, die von der Tschechoslowakei wegen Mitschuld an d:n Betrügereien des Heinrich Weisz verfolgt wird, werten dem Landesgericht eingeliefert. (litt SovvelmordversuÄ in Hietzing. Vir At elate elfettlQtieea ütltgiiitailttB. Vorgcsttrn abends hat der 23Wvige knegHinvalide SIp'S'aLarbeiter Fronz Lauer in einem Arbeitermusiöverci« in Hietzing einen D5mb auf den Lokomottv« führsr Kar! F. abgegeben, ohne ihn zu treffen, daraufhin feine Braut, die Stickerin Anna Ni etsch, durch einen Schuß in die Herzgegend schwer verletzt und sodann zwei Schüsse F:.gen sich selbst abgegeben. ohne sich zu verwunden. Lauer war sehr eifsefücktig und hatte erfahren, daß feine Braut zu Silvester 1924 von dem Lokomotivführer F. verführt worden war. DorgOrrn kam er nun m das UchunMokal dioses Gesangvereines, in d^n F. Kapellmeister war, riof den F. hinaus lmd forderte von ihm Rechenschaft, wesil-alb er seinerzeit die N'relsch verführt halbe. F. leu.g-n.rte unÄ ging in das Mt'sttßimmer zurück. Lauer schoß ihm nach, doch ginig die Kugel fcfyl. Schon im näckften Momen-t hatte der KriegSinvaÄd? auf feine Bran-t und sich selbst geschossen. Während seine Bmut eine sehr schwere Verletzung eel-itt, waren boi khm die Kt'geln nicht durch den Mantel d>ur5jg'e'ga-ngen, so daß er gäuFich unverletzt blieb. Die Nratsch wurde ins Spital gebracht, Lauer verhaftet. Bei der gestern vvrgenoimmenen E i n v e r - nähme am Krankenlager svgte die N'retsch aus, daß beide g-opliant hatten, F. zur Rede zu stellen, wobei sie als Zeugin fun,g.ieren sollt?. Wie es zur Schießerei gökonnnen ist. erinnert sie sich nicht, konnte jedoch aussagen, daß sie dem Lauer zugerufen habe: ,.M a ch' m r t mir, was du wi ll st 1" Daraufhin habe er auf sie geschossen. Die Aerzte hoisfen, sie am Leben erhalten zu können. Kn «euer Erotzsender der Ravag. Die „Ravag" befchästist sich seit einijec Zeit mit bet Fra^e der Errichtuni ei re) neuen Großsenders, mit einer Spi)enleistung von 60 Kilowatt. Ein Beschluß liezt noch nicht vor, doch will dir „Rrvag" in dem Senderwettrüsten der mitteleuropäischen Staaten — der Rheinlandiender arbritet bereits mit 69 Kilowatt und für Budapest und! Preßburg sind g^cichsal.'s Cerler mit größerrn Spitzenleistungen proiettirrt — nicht zurüLLleibm. Sine paüammtaklsche Aerrteevquete. Der Unterausschuß für die Arbelt.roerfi^eru.rg beschloß, am Samstag, den 5. Februar, eine Enruete mitdenVertretern der Aerzteschaft zu v.ranstalten. Die Aerzts haben nämlich, im Hmb.icke darauf, daß in der Organisation der Krankenversicherung einschneidende Aenderungen bevorstehen, da) Interesse, ihre Wünsche von de« gesetzgebenden Körper'chast vorzubringen. Ter En uetr werden auch Bsrtreter der 5. rankenkassen beigezogen rdÄeng Die Bwatung der Arbeitcrversicherung ist bi) zum Z 195 der Regierungsvorlage gediehen, doch wurden die wichtigsten Bestimmungen zurückgestellt, da sie noch umstritten sind und erst versuch; werden muß, in ^ar^cie-be'^r'chunaen Veren^arun'en v-r u^erü'en. Der Titel „Bruverzwift" i,l eigentlich i.re,ühreno. Rudolf ist mit seinem Bruder Matthias nicht entzweit. Er kennt bloß den Unterschied zwischen sich und ihm: „Wir beide haben Tatkraft nicht geerbt, allein ich weiß cs und er weiß es nicht." Darum läßt er ihn gewahren. In der verschlossenen Bmst wohnt Mitleid für den armen Matthias. Ergreifend, wenn dieser Wissende, angeekelt durch das machtgierige, unsaubere Treiben seiner Umgebung, nach Menschen ruft. Beglückend, daß sich dieser.Geprüfte und Beladene, dem Getriebe der Welt längst Abgewendete mit tiefer Liebe zur Jugend hingezogen fühlt. Die stumme Schlußszene des ersten Aktes, da. er so gerne mit seinem Neffen Leopold beisammen bliebe, aber zur Kirche muß und sich plötzlich umwendet, die Schulter des Jünglings berührend, zählt mit zu den schönsten Stellen des Werkes und wir zählen sie zu den hellsten und wärmsten Aktschlüssen, die uns je auf der Bühne beschert wurden. ES ist kein Drama des Bruderzwistes, sondern die Tragödie dunklen, die Seelen zermalmenden Menschenschicksals. Matthias, der schwächere des schwachen BrüderpaareS, wett ihm die Einsicht in das Getriebe der Welt fehlt — wundervoll auch die Kennzeichnung der beiden durch has Wort, daß Rudolf aus Ehrfurcht gläubig ist, Matthias hingegen aus Furcht — der Kronprätendent, nach dein Tode des kaiserlichen Bruders auf den Thron gelangt, blickt müde auf die Reichstteinodien und seufzt bitter auf: „O Bruder, lebtest du undwär' ich tot! Gekostet Hab' ich, was mir herrlich schien und das Gebein ist mir darob vertrocknet.. . Machtlos wie du, wank' ich der Gruhe zu". Kaiser Rudolf, mit beflügeltem Geist« in den Aether blickend, fühlt sich stark, Witt aufstrhrn und zum Fenster treten, um das Bild der Stadt Prag zu umfassen. Die erschöpften Glieder wanken, aber er fühlt Jugrndkraft Der Geist über-vindet die Materie. Karl Forest, der sonst nur ein bedeutender Episodendarsteller ist und schwer verständlich spricht (ein wtanget, der insbesondere Griliparzer'schen Dialog beeinträchtigt), hatte gestern in der tragen!»:«, schwierigen Rolle des Kaisers Rudolf einen ganz großen Abend. Der Geist überwand die Materir. Er hat die Gestalt des körperlich kranken, geistig überragenden, des unglücklichen und hellsichtigen Herrschers, des Menschen, der erkannt hat, daß Güte ist. was die anderen Schwäche nennen, des Einsamen, in sich Gekehrt.n, so ausgesüllt, so echt verkörpert, daß Mängtt der Sprache und technischer Fertigkeiten'nicht in Erscheinung traten. Er wurde mit Begeisterung gefeiert und das mit Recht. Die Figur des Matthias, des schwachen Menschen, der so gerne Taten setzen möchte, war Herrn Klitsch anvertraut. Er sprach Rudolfs Bruder mehr, als er ihn gestaltete und er sprach ihn gut. Die übrigen Rollen, die nicht durchgearbeitet sind, aber jede einzelne ihr Eigenleben haben und die Signatur ihres Schöpfers Grillparzer tragen, waren bei den Herren Homma, Onnö, Brandt, Eh mann, Kutschers und ganz besonders Lessen gut aufgehoben. Die Szene, in welcher der Drahtzieher der' historischen Ereignisse, der Bischof Klesel, die Herren^ Erzherzoge zu einer bedeutungsvollen Beschlußfassung veranlaßt, geht bei einem Verhandlungstisch vor sich, welcher nach der Vorschrift des Dichters hinter einem Vorhang verborgen sein soll; bis zu dem Augenblick, in welchem Klesel die Herren parat hat. Den grünen Tisch rückte die . Regie des Deutschen Volkstheaters den Erzherzogen und d:m Publikum schon früher ins Gesichtsfeld. Diese Abweichung von des Dichters Aiwchnuug sowie die Starrhrit einiger Volksszenen beeinträchtigen die dramatische Wirkung, die Lej diiser wertvollen, tiefgründigen Dichtung über Grillparzers Weisungen hirrauS nach Tunlichkeit verstä.kt werden müßte, aber bestimmt nicht vermindert werden darf. Otto Abeles.