Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2842 (26.1.1927)
- Date
- 1927-01-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2842 Wien, Mib'woch Mmr» Morsevzettmrg SS. FSrmer IM S?lts S Tagesbericht. Delllch beim Sakmttm. Die südafrikanische« LtuSenten t« Wie«. Eine Europrsichrt sDasrikanisci>er Studenten ist einstweilen bei der Etappe Wien gelandet. Die Gaste wollen die Stadt und ihre Schönheiten besichtigen, gletäHeltig aber auch ersah en, wie es hier um die höhere Bildung beste U ist. Etnpsan-skomitre ist das Berliner Auslandsamt der deutschen Stuentenshrst, welches mit de« Honneurs in Wien das mit ülcjjt so verühinte Kulturamt der „DeutsZ-en Studentenkammer" betraute. Es wickelte sich also alles zweckentsprechend ab. Der Rektrr der Universität, Hofrat Professor Mo lisch, der vor kurzem zu Ehren der internationalen Versöhnung den ersten Schuh auf die Scheibe des Universit"t?-Schiehamtes abgegeben hat, nahm es zur Kenntnis, daß die Vertretung einer sehr geringen Minorität unter Ausschaltung aller anderen studentischen Kreise die Gäste in Empfang nahm. Der Rektor sprach sfe s.'gar an, in englischer Sprache! Seine „Gott strafe England!"°-Kulturü'mtler fanden nichts auSzusetzen. Denn die Gaste werden wohl auch Geldspenden Jlc die nach der Liquidierung des Vereines der freunde der Unive It-'it do.ppelt asth.natNchen.Institute da'lassen. Geld kann man von jedem annchmen, sogar von Juden. Und, o Schreck, unter den Südafrikanern, 50 an der Zrh', sind 16 Juden; ja, es kommt noch ärger! Der Füh.er der Delegation heißt S a ui u e l Nell und ist auch ein Jade. Das Rasscgefühl Versagte, und öelnt heiligen G)amberlain!, der Hosrat Mo'.ifch taus ,te mit dem Juden einen Händedruck! Selbstverständlich war dafür gesorgt, das; die Fremden und unter ihnen Herr Samuel Nell, M'.tstied des Makkabi in Transvaal, nichts.darüber erfuhren, w?r denn die Gastgeber sind und daß sie ansensten in ihren Anschlagskästen das Hepp Hepp und die Köterrasse besingen. Knapp vor dem Besuch der Gäste waren diese schönen Sprüche und Bilder von den Tafeln verschwunden. Es geschr.h übrigens a'leS. um die südafrikanische Abordnung mit der Ku tarstadt Wien bekannt zu mn'-en. Man zeigte ihacn ni;t das arbeitende W'en (Fabriken haben sie ja auch daheim in Menge), sondern man füh'te Jie nach Grinzing zum Heurigen und J>2iitc fahren jic auf oie Nax. * Die jüdischen Mitglieder der Abordnn^ besm'.trn am Sonntag das Grab 7H:odor He.z'ls nuj .;nt 'Döb.';r Frtevhrs. Für heute mittag waren ^'e vom Bräsiv.um der MaeUtifchen Ku tusgomeindc Lelalen, nulten.sich jedoch wegen des bereits eir^eleiteten Ausll^.'Z aak die Rax entschuldigen. Heute abends sind sie Gaste des jüdischen Hochschulausschusses, der namens des GesamtverbandeS „Jadäa" in dem Heim im Cafe Schlösselhof (Alserstraste 15) ein gemütliches Beisammensein veranstaltet. Achad Saam-Wer d-szionistifchen Landeslomilees. Fm Großen Olympiasaal veranstaltete gestern das zionistische Landeskomitee für Oesterreich eine würdige Gedenkfeier für Achad Haam, zu der zahlreiches Publikum erschienen war. Unter den Trauergästen befand sich neben der gesamten zionistischen Parteileitung, Oberrabliuer Dr. Ähajes, Vizepräsident der Kutlusgrmeinde Dr. Löwenherz, das ehemalige Mitglied des Aktionskomitees Dr. Schmarjahn Lew in, der sich auf der Durchreise nach Polen ln Wien aufhält. Die Feier wurde durch einen Vortrag des Hakoahorchesters von Händels. „Largo" (Dirigent Walter Hahn) cingeleitet. Sodami hielt der Kulturreferent des' Landeskomitees Dr. David Rothblum ein« h bäische Gedenkrede, in.der er Achad Haam Mit Hillel verglich, der ebenso wie er zum Führer des Judentums prädestiniert war. Auch Hillel stellte die nationale Moral als das höchste Gut hin. Hillel rettete den jüdischen Geist zur Z:!t der Blutherrschast des Herodes und Achad Haam rettete den jüdischen Geist vor der inneren Revolution. So wie Hillels Name wird auch Achad Haams Name unauslöschlich in der jüdischen Geschichte bleiben. Sodann wtirdlgte Dozent Dr. Harry Torczyner (Berlin) das Wirken Achad Haams für die Erneuerung des jüdischen Volkes. War He.zl der Vertreter des aktiven Mutes, der darauf hinausläuft,, das Judenleid zu bceuden, so nmß man Achad Haam als geistigen Träger des passiven Mutes bezeichnen, dessen Endzweck es ist, . .. ' OOOOOCXXXX»eOOOOOOgX)OOOOCOOCOOOOOCXX»0» LBwenfranzbranntweln Setatsnntk«. mit Menthol durch ständige Benützung verlieren Sie alle Ihre Schmerzen« Ueberall erhältlich. ooooooooo3oooooooooooooooex>ooooooooooa die innere Stärke wiederzugewinnen, um so das jüdische Leid leichter ertargen zu können. Das neue Palästina braucht die Gedarckengänge beider Männer, um den Aufbau der neuen Heimat zu ermöglichen. . ' Rach den beifällig aufgrnommencn Reden intonierte das Hakoahorchester Mozarts „Maurische Trauermusik"-» w^mit die eindrucksvo.'ls Feier ihren Abschluß fand. llukergang eine» spanischen Iampferr. 40 Mann der Besatzung ertrunken. Gijon» 23. Jänner/Infolge des an der Küste herrschenden Sturmes ist der spanische Dampfer „Retuert o" auf der Höhe von San Esteban de Pravia untergegangen« V i erz ig M ann der Besatzung sind ums Leben gekommen. Anstellung eines riesigen MsidchenhsinAerfkandals in Miskoler. Sn Lriler der ftaatlschen Akbelisverm'tt «nzsstelle vekhaftet. Drrdaprst, 23. Jänner. Ein riesiger Mädchenhändlerskandal wurde gestern in Miskolcz enthüllt. Nachdem vor einigen Tagen ein U n t e r b e a m t e r der staatlichen A rbeitsvermittlungsstelle unter dem Verdacht des Mädchenhandels verhaftet tvorden war, erfolgte gestern auch die Verhaftung des L e i t e r s d e r st a a.t l i ch e n ArbeitsvermittlunßstelIe, Dr. Franz S z i k s z a y, da gegen ihn die Anzeige eingelaufen war, datz er arbeitslose, juttge Mädchen, die die Vermittlung der Arbeitsvermittlungsstelle in Anspruch nehmen wollten, vergewaltigte und hieraus verschiedenen B o r d ellh ä u s e r n z u f L h r t e. Auster den beiden Verhafteten wurde das Verfahren auch gegen weitere sieben Angestellte der staatlichen Arbeitsvermittlungsstelle eingeleitet. Die polizeiliche Untersuchung stellte bisher fest, daß insgesamt . 17 junge Mädchen von Szikszay und seinen Mithelfern an öffentliche Häuser verkauft wurden. Szikszay, der heute vormittags einem eingehenden Verhör unterzogen wurde, leugnete entschieden und erklärte, die Mädchen seien durch seinem Beamten Weinberger der Prostitution zngetrreben worden, wogegen eine Reihe von Zeugen sehr belastend gegen Szikftay aussagten. Heber S z i k s z a y, der im Miskolczer gesellschaftlichen Leven eine große Nolle spiclto» wurde heute die Präventivhaft verhängt. Avhvkismen zur Kunst. Bon Pros. Boris Schatz, gerusalem. BorrsSchatz, der Gründer und langjährige Seiler der Kunlstyowelbeschule Bezahl in Jerusalem, ist einer der ersten Pioniere und schöpferischer Megrreiser des jüdischen Kunstgswerbes in Eveg Israel. Als Maler. Bildhauer und Pädagoge von reicher Lebenserfahrung, hat Meister Schatz jetzt seine Ansichten über Kunst. Künstler und ihre Kritiker in einer kleinen Schrift niederge egt, die in aphoristischer Form aibgofaßt ilst. Wir sind in der Lage, einige Abschnitte aus dieser demnächst erscheinenden' Schrift in der autorisierten Ueberrragung von S-alo P e rl stein zum Vorabdruck zu bringen Wir kemerlrn noch, dast wir uns nicht mit allen in kiesen Aphorismen geäußerten Ansichten iden» ti fixieren K u n st, L eh re, Seell e.. Lerne Weiriheit von andren, fei selbst aber auch kein Narr. S?elenifch: Kunst, em G:I5et ohne Ji'drunst. Die Kn-n'st ist der Seele Sprache, allein die stumme Secle deutet sich bloß an. Die Ai.d?u'!img ist der Kunst Würze, aus Gewünz:u allsin läßt sich keine Speise bereiten. Ihr der K'U'nst. wie beim W:ilbe, ist das Versa n'gon nach Schr'Nheit stüuker, denn nach Geist. Die Kunst ist der GssiMr M'i'Aerin: tvas du selbst nicht besitzest, kannst dm rs andeven vevm-itteÄn? Die minu'tiötse Kopiemuig der Natur — ergibt Natur, aber nicht Kunst. Die Ph2'tc,gra)ls>sch,? Treue ist die natürliche Wiedergctbe, die alles außzeiigt; die künstlerische die seelische, da sie nur das ihr Genehme wiedergibt. Die Kunst —■ die WM:, das Werk — die Friucht; beiden ss-Hricht es an Farbe und Duft, fehlon ihnen Sonne und Regen. Die Kunst wie die L>chve — saldiere sie Tag imÄ Nacht; vernachkäßi-gst dn sie bloß einen Tag, bist du ihr sch'?n Mei cnts'?rl'ii. KüinsAer, laß d:in Werk reifen. Die Menschf?eit harrt g tnldig anch Hunderte r-on Jahren auf ein wahres KmiZvepk. hat aber Augenblick für eine in Hast hiug:Niorfgr.e Arbeit übrig. Trziehung zur Kunst. ")er Krmstl ihrer mnß d-.ci Ding^ wissen: wap zu lehren, wie zu lehwu-, wm #u lehron- Bloß die Kun-st-Technik beherrschsn ist wie der Besitz eines Worter«bnches.' Das Wör.tsvb'nich selbst ist lvNAveilig und sagt der Seele nichts. Der b:ste Lehrer — Gct-ies weite WM. Es 'genügt, h>:mn der Lehrer sie zn zeigen versteht. Ein Maler, dem sich alles in Farban widerspi<g.Lt. Sie müssen nachigerade nicht rosige sein. Ein Hrstor-immaler, d:m die WKt zu enge und der sich in die weite Vevgnu-g,'n>heit s>.)i',ch'.'et. Der Talenilöse — ein Sta>mmler, der viel zu erzählen liebt. Ein Kolorist, der nicht zeickni-n kann, ähnM einem Dovbet-r der nicht zu lasen verstcht. Stil. StA — fßrct*i:Ot sahrclcm'ger AE eit, das sich selbst heraiusk/lstallisiert. Stil beim reißen Künstler, die Frucht jahrzchntelangen Schaffens, beim Anfänger — vorzeitiges Altern. Stil — die Fuscmmenfassuing und der Gesamtausdruck d:r gaumen vünstlerischrn Peisönllich'leit. Nationaler Stil — ein SM, der in sich nationale Ddo«Live venwcibt. Wrr uns als Nation nicht anerkennt, wrleui^vkt anch imseren. nur uns eigenen Stil. Mer Stammler Stammeln ist gleich, dennoch können wir ihr G.staminel nicht als Stil bezeichnen. N a t i o n a l e K u n st. Sdativnalo Kunst ist die dem Herz:n enWringanlde Kunst, die mit des DcKes Herzen harmvniwt. Zur Volkswerdum>g ist ein Heimatland erforderlich, znr Schaffung elner national'sn Kur.st — nationaler Stolz. Die Häns'.r gleichen den Menschen, die nur dann interessant sind, wenn sie natiormle Typen verkörpern. Bloß Lakaien haben internationale Gesich!6(ü.ge. Da die Siratzen nicht für Esel erbaut werden, müss'n sie auch nicht lineal verlaufen. Die Kalte, die die öffeuMchen Gebäude ausstimmen, rührt von den vielen Hansherrm her, „ein gemeiuschaslllicher Topf wird nicht kalt und nicht warm". ..Moderne" Kunst. Moderne Kurst e'n Krnterbunt von gewollter Naivität, veiboM-mm Zynisums, täpp.scheu An- SSSSS^SSSSSSSSSS^SSSSBSSSSBSSf^^SSBSSSSSSSSmrm ■ dentu-ugen, atig.'standenem Romantismus, prosaischer. T.end?NZ, kindlicher Unbeholsenheit, grobem Uuver-, ständnis, Wortschwall und u>r.verschämter Frechheit: D'.e Kunst der Ne-urasthemker, weibischer Männerseelen und seelcnlos:r WWer. Die Or'g'nalität der Modernen, deren sie sich so sehr rii'chmen, ist blotz in der Srcht. sich von Gottes Natur und menschlicher Kr//.,st zu eri-tfermen, zu finden. Ansonsten ähneln ihre Werke so sehr einander, datz man glarLt, Latz sie alle mitsamt von einer Hand her« rühren — von der Hand des Trödlers. Vieles in wenigen Worten arrsL'udrückcn — männliche Kunst, weniger in vielem — weibische, bedeutr:n-gs- und ausdrucksloser Wortschwall — moderne «K'unst. Eins ist die Wahrheit, der Lüigm gibt es viele; über Kue.st genügt ein Wort, über moderne Kunst —- kerne Bände. Der Ehrgeiz der nerrzeiAichen Ktii'nstler, modern zu ersche'mon, ist so stark, datz sie sich nicht schämen, für den Pöb'l zu schaffen; vergessend, datz die Unibikdung bereits so alt wie die WM. Die Ursache der kollektiven Aukistellunigen der simgen Känsüler ist: Keiner ist für sich allein sähig, ein Werk zu schaß,'«en. . Wenn ein Künstler Flhler macht, so ist das ■ all- , gsmevne Urteil: unsähig. Wenn er aber systematisch Frhler macht — dann ist er ein mcderner Künstler. Das ist das Geheimnis der Kollektiv-iAuLstellun-gsn der Modernen. Die Kunst wird geschaffen, die moderne Kunst gemacht. Die Mode bringt das Neueste, die Kunst ist immer um. Warum die Mcdernen von ihren Kollegen so sehr begeist'vt sind? Wann freut sich der Bucklige, wenn er einen Buckligeren trifft? Der Unterschied zwischen vinvm Tor. Dumm- . köpf und einfachen Narr ist g:irau -devselbe, wie -wischen einem Krudisten, Futuristen und einfachen „isten". Die Romaniiik hat in unserer prosaischen WM ihr*' E^istensherechtiHMg verloren — wir können Gokr darob danken. G *