Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2841 (25.1.1927)
- Date
- 1927-01-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I I ■% Nr. 284! Men, Dienstag Tagesbericht. „3ns ßkwachen". David Pinsri, dec jüüisaje Dramatiker, dessen jüdisches Arb.ilcrdrama „Eisik Schestel" einen Weiterfolg hatte mrd dessen „Ewiger Jud^ im Repertoire der Habima der künstlerisch bedeutendste Abend ich zählt auch zu den feinsten ostjüdischen Novellisten. Sein Liebcsidyll „Das Erwachen" ist eine der zartesten, innigsten Schöpfungen jüdischer Erzählungsrunst und in deutschen Leserkreisen viel zu wenig oder doch nur in minderwertigen Ueb.rfehungen bekannt. Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung dieser Novelle in der ausgezeilMten Ueberlragung von Theodor Zlocisti, die man als „Nachdichtung" bezeichnen darf. Hotthtz-Mosaik. rar Aatlltz »er niigirilA» srwWler. Lanz-e cha-t sie gedauert, aber schließlich tam sie doch, die Ernennung von 35 ObechausmrtglreLern durch den Neichsverwcser Hor.hy. Es war auch nicht leicht, cic Liste so zusammenzustcllen» daß alle bei d«r ParlameluSwahl barchgefallenen Lieblinge der Negierung doS BeruhigungSpflästerchen evhalten, dafür aber PersLrckichKeiten, die bercchtrgten Anspruch auf eine Ernennung hauten, sich aber irgendwie mißliebig gemacht haben, die rächende Macht.'.er Negierung z-u fühlen bekommen. Die ungarische öffentliche Meinung behandelt auch mit mehr Interesse die Lüste der Uebergangenen, als die v-er Ernannten. So wird nicht ohne Groll vermerkt, daß der Nestor eer ungarischen Publizistik, Eugen Nakofi, der schon dem alten Magnatentzaus als lebe-nstängliches Mitglied angehört Harle, mit „U-cberfehen" bestraft wurde, weit er in der letzten Zeit nicht alle Handlungen der Regierung hin nehmen woll.e. Ebenso überrascht, roß der Chefredakteur des „Pester L.'oyd", Josef Veszi, oibglelch er sich und sein Blatt lxHingungsloS in den Dienst BethlenS gestellt hat, in der Liste der Ernannten fehlt. Dasselbe Schicksal widerfuhr dem Anwärter auf einen Sitz im Oberhaus, dem Präsidenten teS Verbandes der ungarländisären Journalisten, Max Markus. Veszi und Markus sind Juden, das ertlärr alles und so ist wieder ter Jud' schuld daran, daß «die Journalistik im Oberhaus« überhaupt nicht vertreten iist. * Ganz konnten ja Juden und Judenstümmlinge nicht umgangen werden. Degetaufte Nabbinersfohu Baron Josef Szterenyi. der (ei den Mbgcordne:eniwahlen in der unerhörtesten Meise brüSlicrt wurde, bcrineat sich unter den Ernannten und wurde auf diese Weife politisch kaltgcstellt Ernannt wurde auch der getaufte Jude, Feldmarschall a D. Baron Josef Haza, (ehemals Kohn), Judenstämmling ist auch Prof. Dr. Alexander Koranyi. -ter einzige Arzt im Oberhaus. Juden, beziehungsweise Judcnstämmlinge — man weiß cas in Ungarn niemals ganz sicher - sind auch derPräsidcnt der Handelsbank Filipp Weisz, der Schwiegervater -rc§ gegenwärtigen ungarischen Ministers des Aeußern. Ludwig W a 1! o, Baron Moritz Kornfeld und Franz C h o r i n, ein Enkel des verstorbenen Araber Oberrabbiners gleichen Namens. * Der Vertreter der ungarläncifchan Orthodoxen. Oberrabbiner Koppel Reich, im Oberhaus wird also der ersten Sitzung des Oberhauses nicht präsidieren, was er als Alters- Wiener Movaenzeitung Präsiden! hätte tun tonnen. Er hat bereits mrtgereilti dah er wegen Unpäßlichkeit an den ersten Sitzungen nicht werde terUrchme-n können. Die „Unpäßlichkeit" des greisen OberrabblnerS wuvee Gott sei DarÄl nicht von fernem Hausarzt. sondern von 'den politischen Doktoren der Regierung konstatiert. die eS in der Tal für ..unpäßlich" erklärren, daß die feierliche Eröffnungssitzung vom Budupester orthodoxen Rabbiner geleiter wev'e Ganz „unpäßlich", ja undenkbar, einfach schrecklich schion es. daß bei der großen Eroffnungsparade im großen Kuppelsaale des Parlaments, sich der Reichsverweser Horthy. wre daS Festprogramm es vorsieht, mit dem Alterspräsidenten Oberrailbiner Koppel Rerch zur Rechten, den in hoher Gala erscheinenden Mitgliedern beider Häuser und dem kompletten diplomatischen KvrpS präse-ntiere und rvn irgendeinem jüdischen Photographen abknipsen lasse. Nein, das kann kein vernünfllg-er Mensch, der auch ein anderes Bild HorthyS aus der tlurigen Pogromzeit kennt, verlangen. Es wäre zu widerlich. Oberrabbiner Koppel R-eich ist für eine solche Szene wirklich./unpäßlich". * , Es hat ja nicht viel gefehlt und anstatt OberraW'rnerS Koppel Reich hätte ein jüdischer ,Laie" die Juden im Oberhaus vertreten. Daß c.tcS nrcht geschehen ist, ist haup.sächlich dem Umstand zuzuschreub-en. daß man heute in Ungarn nur bei einem Rabbiner die Sicherheit zu haben glaubt, daß er sich nach seiner Wahl als jüdischer Vertreter im Oberhaus nicht — taufen werde. DaS ist durchaus kern boshafter Witz. In der seinerzeitrgen Vorlage des Präsidenten der Budapester Krrltusgcmeinde für die Wahl eines jüdischen Oberha.smitgüiedes an die Regierung findet sich wortwörtlich folgende Klausel: „Sollte, sich der jüdische Venreter rrn Oberhause in- Mischen taufen lassen, so ist sein Mandat als automatisch erloschen zu betrachten. Diese Vorsicht war allerdings geboten, denn eS ist ja noch nicht gar so lange H?»-. daß Baron Moritz Herzog als Kultnsrorstcker d'e Taufe nahm und Frau Baronin G u t t m a n n. ohne ihr Mandat a's Präüdentin des ..Ungarisch-Jsrac>litischen Kultukvereines" formell nir'erg>?'ogt zu haben, in die alleinseligmachende Kirche hinübersegeilte .... I. Kr. Schwere Menbaknkalsstlovhe in SrebrnbSrpen. BettMekes zugsperlova!. — 8 Lote. Aus Bukarest wird gemeldet: - Der Galatzer S ch n el l z u g stieß gestern früh in der Höhe der Station ^lso-Lonka in dichtem Nebel gegen einen in voller Fahrt ihm entgegenkommenden Lastzug. Hiebei wurden die beiden Lokomotiven sowie zahlreiche Waggons vollkommen zertrümmert. F'üns Personen wurden'getötet, zehn schwer und sehr viele leichtverletzt. Die Ursache der Katastrophe wird darauf zurückgeführt, daß daö Personal des Lastzuges, der in der Station Also-Lonka auf den Schnellzug warten sollte, betrunken war und ohne Aufenthalt die Station durchfuhr.. Unter-den Getöteten befinden sich zwei Bedienstete des Lastzuges. Ler Ben Hur-Film in Bialystol abgesrht. Denron,.r„t.oneu 5^0» caS Miss.onöstück. Der Film „Ben Hur", d.r nach dem g.ei^namigen Wallaceschen Roman gearbeitet ist, zeigt, ni? wir bereits anläßlich der Besprechung der Wiener Pressevorführung herverhob"n. di' tra'sn Mi'si-n endeten des Romar.es 26. Jänner 1927 Seite 3 Kennen Sie schon Wirkung des DIANA-- FRANZBRANNTWEIN? Jeder CUSUNDE und Jeder KRA' KE wird es kirnen bestätigen, daii die denkbar beste Wirkung durch Diana - Franzbranntwein HIT MENTHOL erzielt wird. ÜBERALL ERHÄLTLICH! tu iuk*/ uecgruoer.ec o'ü^n. vt-s i|t oay.r ,e.o,rvcr,.mio^uj, daß Juden, die ihr Judentum werthalten, den Film cire.t as B:l idigung empfinden müssen. Aus diesem Grunde hat das Rabbinat von Bialystok, wie uns von dort gemeldet rvird, die Fiimbe.i^er der Stadt ersucht, den „Ben-Hur"-Film abzusetzen. Die Vorstellungen des Rabbinats hatten keinen Erfolg. Vor einigen Tagen nun kam es anläßlich der Vorstellung des Films zu Protestkundgebungen des Bia.ystoker jüdischen Publikums, und als der Film dennoch am nächsten Tage wieder gespielt wurde, drang eine starke Gruppe von orthodoxen Juden ins Kino ein urrd demcli-rle die Inneneinrichtung. Die Kinobesitzer wurden verprügelt. Je^t ist der Film a b g e s e tz t worden. Um dos Erbe des Waim Eoksmon. Gin Verein dor Hoffenden. Ilm Jahrs 1775 wandi:rte aus Polen ein Jude nc.mens Chaim Solomon nach Amerika und brachte cs dort z>u großem Vermögen im!b dementsprechend zu großem Ansehen. Solomon, der sich rasch nmerikan'.si-ert hatdch ipieKe auch im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg als Finangi-rr der nationalen Regierung eine b'deutend? Rolle, die in der „Wiener Morgenzeitung" wii7d-erholt behandelt wu-rde. Chaim Solomon stellte der für die Unabhängigkeit des Landes i kämpfenden Armee bedeutende Summen als Geschenk zur Verfü^img und gemährte Wer'd.'t.'s der Regierung ‘ ein D-Qrlrchen im Betrage von 650.000 Dollar. In den Staatsakten finden sich die authentischen BÄcgie, und cs wird auch von keiner Seite in Abrede gestellt, daß das Darlehen wieder Chaim Solomon selbst, noch seinen Er<ben jemals znrück erstatt et worden wäre. Hingegen finden fiifi in -d-en Staatsarchilven mehrfache Hinweise auf das selbstlose, patriotische Verhalten Chaim Solomons und seiner Familie. Seit vielen Jahren nun erneuern die Nachkommen des Chaim Sa'omon den Verbuch, die amerikanische Negierung zur Abtragung der Staatsschuld an ihren Vo.fahren zu bew gen, ohne jedoch einen Erfolg zu erzielen. Wirr berichteten auch daß im Vorjahre eine Aktion zur Errichtung eines Denkmals für Chaim Solomon begonnen wurde, die großen AMang gefr.!iDen hat. Jetzt wird ans New Z/'ovk gemeldet, daß vm, Senat ein Gchrtzantrag eingebracht worden se'l, durch welchen der amerikanische FisEus verpflichtet wird, das seinc.rzeit'ig? Darlehen ron 650.000 Dollar an die legiti- „L’enfant prophfete.“ Clau'de L>:vy ist das Kind vornehmer Lsute. Schon sein Urgroßvater bebte in Paris, der Großvater war ein Freum'd Gambetlas und der Vater empfängt Minister, träumt vom ewigen Frieden und lehrt den Kleinen, es gelbe nur Menschen, und die Unterscheidung in Juden und Christen sei mittelaLterlich und jetzt ganz überwun'den. Doch den Knaben küßte einmal ein Geistlicher, weil er ihn an den kleinen Jesus erinnerte, und schrak dann zurück, als er seinen Namen hörte. Er wohnte unweit einer Kirche uwd war auch drinnen mit dem Dieustmädlen. der einzigen, die in selirem Hause von Gott sprach. Mariebte, seine Frotmdin, wurde zu Weihnachten bcschervkt und erklärte i»hm. Jlkdenkinder bekämen nichts, w>?Ä sie gistraft w?rden. Er sah ein Kreuz und erfuhr, böse Menschen hätten GvÄ.daran geschlagen. Diese Er« labnisse bonniruhigdsn das aufgeweckte Kind, dessen Gedanken seither immer wieder um religiöse Fragen kreisten. In dem Evangelium, das ihm Mariette schenkte, hat er die GeschiUü? Jesu gÄafen. Nun weiß er, warmn damals bca* Geistliche von ihm zurückprallle, denn nrm graut es ihm selbst vor sich und sein.'sgleichen. Als Henker sieht er in schrecklichen Träumen den Vater, die Mutter und sich und meint, alle Welt müsse an ihnen das Blut s hm, das sie un's'chlltd'g vergossen. Und doch liebt c>r den christlichen Gott und schnt sich aus tiefftem Herzen, im milden, dämmerigen Kirchenraum knien und beichbsn zu dürfeni Doch kann er es nicht. Kann tmmögliich die Dinge g'auben, die ihm Mariette beizuibringen sucht. Urtb so findet er auch im traulichen Dunkel der Ki-rch? keine Ruhe. Kollegen bitten ihn, Pfadfinlder zu werden. Die Elfern sprechen von Uc'be.ranftveng'ung und schenken ihm Spiele. Er aber findet di? Pfadfinder zu oberflächlich und 'die Spiele fl.al. Goit sucht er. In höchster Derzweifluuig floht er einmal einen Pfarrer um Hilfe an. Der meint, bevor er von der Gnade ertauchtct wind, müsse, solle er Jude sein. J>a, aber wie? Angablich gibt es auch ein jüdisches Evangelium — Bibel heißt es — und auch ein? jüdisch? Koufirmat'on, Bar-mitzwah nenvt man sie, und trotz' dem der Dater über seine Nostalgie' nach d?.ly Gh.'tto lächelt, will er das mitmachen. Aber sein Neligionslehrer oersteht nicht einmal seine Fragen, und ein Kollege aus Palästina spricht wohl von einem jüdischen Vaterland?, weiß aber von Gott nichts z,u sagen. Und doch hat es ihm die unergründlich tiefe Melodie, die er im Tempel hört-?, angetan, und d?r klare, ernst? Tag, der dort herrscht, hat ihm imponiert. Er brennt j:tzt nc«ü mehr doranf, zu wissen, was das heißt. Jude sein. Der Rabbiner zitiert als Antwort Satze, die er bisher als christliche verehrt?, und empfiehlt ihm schlicAich, die Bi'bÄ zu lesen. Das Buch wiMe erlösend. Diesem stolzen Gott., der Schw?-res verlangt, will er sich ergeben, dieseim Volk, das' Au Großem aus erwählt sich wähnt, will er arrgehören. Auch der Fluch weicht. Denn die Geschichte lehrte ihn, den Leiden der M'ulder. die einmal ihren Sohn bluten sah, Mutter lliachels Qualen entgegenzuhalien, deren Kinder von Pein §u Pein, ohne Ende, taumeln, und nicht blutbesndelt, nein, gekwugigt sah er jetzt seinesgleichen. Er ist alisw Jnde und will es sein. Dcch als er das Leben der frommen Juden kennen lernt, fühlt er. daß er es nicht mehr sein nennen kann, und als er von Palästina hört, merkt er, daß sein Vaterland doch nur sein Gc(->urtsland ist. Vor allem aber sträubt er sich dagegen, den Sinn des einzigartigen jüdischen Schicksals darin zu sehen, die 613 Gebote zu erfüllen, um anders zu sein als die anderen, oder nach Palästina zu gehen. im dort so zu lchen wie die andrren. Angesichts dieser beiden unannehn.lbaren Mögtichkeiben denkt er an den Tod. ^iuhe braä^e ihm endlich ein prophetisch.r Traum. Scharenweise ziehen Wanderer in ein fernes Land. Er erkennt sie und sie rufen ihn. Doch kann er nicht mit. Ihr Leben ist nicht sein Leben und ihr Vaterland nicht' sein Vaterland. Da aber tönt aus der Ferne der Zelten eine schwache, bittende Stimme: ,Gch' hin und bereite das Kommen dessen vor, der ich fein wollte, aber ni'.ltt vermochte, bereite den Messias' des Friedens und der Gerechtigkeit vor!" Nun war das se'Iigmachende Dritte gegeben. Er begriff jetzt das W».'sen dieses Volkes und wußte, daß es immer, ob es sich unterscheiden will oder wie andere sein möchte, darauf bedacht sein müsse, feine.Mission zu erfüllen. Und gelobte, es t?nwmiüd!lich cm das G'bot des strengen jüdischen Gottes zu erinnern: Ein Volk der Propheten sollt ihr mir sein, damit in ihm alle Völker der Erde gesegnet werden. So erkannte er Sinn und Ziel seines Leibens. Dies ist, kurz erzähllt, der Inhalt des letzt>en Werkes vvn E- Fleg, das. unlängst erschienen, die öffentl'che Meinnrig immer wieder beschäftigt. In zahlreichen Be- , spvechungen, Diskussion Labenden und nicht zuletzt in einem Bankett, wo das „geistige Paris" versammelt war, wurde d-em Autor und seinor Gsinnung gehuldigt. ' Jüdischer- und katholifUerfeitS. Nicht nur die messianistische Auffassung des Jiudentums. zu der sich hier alla Gutgesinnten bekennen, erwarb ihm die vielen Sympathien. Auch seine Auffassung über das Verhältnis von Judentuni und Christeckum. dieses Problem, das jetzt bezeichnend:lweife so viel erörtert und umstritten wird, kommt dem Bedürfnis nach Ruhe sehr entgegen und schafft ihm zahlreiche Anhänger. Denn, auf das Urck'ristent'um zrurückgreisend, und die messianistischen Strömungen im Judentum, formuliert er den ganzen Unterschied dchin, daß nach füdischem G-lvuben d M.'ssias erst kommen scll, nach christlichem aber war un > wtederkehren wird. Jedenfalls aber gilt es, hüben urvd