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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-23 · Heft 2839 (23.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2839 (23.1.1927)
Date
1927-01-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2839 Wien, Sonntag Wiener Mor-MMlrm- 33. Jänner 1927 4thtZ Tagesbericht. Ae Lesende der dritten Lande. Von Gtefa« Zweig. (Geschrieben im zweiten Jahre des Weltkrieges 1915.) In dem Buche vom Anfang der Zeit ist die Geschichte der erstell Taube erzählt und jene dcc zweiten, die Urvater Noah aus der Arche um Botschaft sandte, als die Schleusen des Himmels sich schlossen und die Gewässer der Tiefe versiegten. Doch die Reise und das Schicksal der dritten Taube, wer hat sie gekürzt? Auf dem Gipfel des Berges Ararat war das rettende Schiss gestrandet, das in seinem Schoß das Ueberleben der Sintflut barg, Menschheit unb Getier, und als des Urvaters Vlick vom Maste nur Woge mrd Welle sah, unendliches Gewässer, da sandte er eine Taube, die erste, aus, daß sie ihm Botschaft brächte, ob irgendwo scharr Land zu schauen sei unter dem entwölkten Himmel. > dritten, yat er niemals wieder vernommen und auch die Menschheit nicht, nie ward ihre Legende gekündet bis in unsere Tage. DieS aber war der dritte;: Taub« Reife und Geschick. Des Morgens war jre von der dumpfen Kammer des Schiffes aufgefwgen, darin im Dunkel die gepreßten Tiere murrten vor Ungeduld, und ein Gr dränge war von Hufen und Klanen, ein wüstes Getön von Brülle,: und Pfeife,: und Zischen und Bellen, sie war aufgeflogen aus der Enge in die unendliche Weile, aus dem Dunkel in das Licht. Da sie aber die Schwinge,: nun .hob in die lichtklare, vom Regen süß geioürzte Lust, wogte mit einem Male Freiheit um sie und die Gnade des Unbegrenzten. Von der Tiefe schimmerten die Wasser, wie feuchtes Moos leuchteten grün die Wälder, von den Wiesen.stieg weiß der Brodem der Frühe und das duftende . Gc"ren der Pflanze,: durchsüßte die Wiesen. Glan; siel von den I nretallenen Himmeln spiegelnd herab, an den Zinnen der Berge brach die steigende Sonne sich in unendlichrn Morgenröten, wie rotes Blut schimmerte davon das Meer, sie tonnen nicht sterben uno kein JHger vermag nü.er ju Unsichtbar nisten sie in den uneHorschten'Falten'des .Erdkleids und so diese Taube auch in der Tiefe des Waldes. Manchmal freilich kam Ahnen über sie von der Mensche:: Gegenwart, ein Schluß knallte und sprang hundertfach wider von den grünen Wänden, Holzfäller schlugen gegen di« Stämme, daß rings das Dmckel dröhnte, das leise Lachen der Verliebten, die verschlungen ßjns Abseits gingen, gurrte heimlich im Gezweigs, und das Singen der Kinder, die Beeren suchten, tönte dünn und fern. Die versunkene Taube, versponnen in Laub und Traum, hörte manchmal diese Stimmen der Welt, aber sie lauschte ihnen ohne Aengster: und blieb in ihrem Dunkel. Einmal aber in diesen Tagen Hub der ganze WM an zu dröhnen un> es donnerte, als bräche die Erde entzwei. Durch die Lust sausten pfeifend schvarze metallene Massen und wo sie sielen, sprang die Erde entsetzt in dt* Trinke Kathreiner» iiCi in Die erste Taube, so ist dort erzählt, hob sich aus unb spannte die Schwingen. Sie flog gen Oster: uiü> gen Westen, aber' Wasser war noch überall. Nirgends fand sie Rast für ihren Fuß, und allmählich begannen ihr die Flügel zu lahmem Da kehrte sie zurück zum einzig Festen der Welt, zur Arche, urch flatterte um das ruhende Schiff auf dem Berggipfel, bis Noah die Ha,ü> ausstreckte und sie heim zu sich in die Arche nahm. Sieben Tage wartete er nun, sieben Tage, in denen lein Regen fiel und die Gewässer sanken, dann nahm er neuerlich eine Taube, die zweite, und sandte sie um Kunde. Die Taube flog aus des Morgens, und als sic wiederkam zur Besyerzeit, da trug sie als erstes Zeichen der befreiten Erde ein Oelblatt im Scl/nabel. So vernahm Noah, daß die Wipfel der Bäume schon über Wasser ragte:: und die Prüfung bestanden sei. Nach abermals sieben Tagen sandte er wiederum eine Taube, die dritte, auf Kunde, und sie flog in die Welt. Morgens flog sie aus unb kehrte doch des Abends nicht wieder. Da wußte der Urvater, daß die Erde frei sei und die Wasser gesunken. Bon der Taube aber, der wie heißes Blut dairchfte davon die bliihende Erde. Göttlich war cs, dies Erwache:: zu schauen, und seligen Blickes wiegte die Taube sich mit flachen Schwingen über der purpurnen Welt, über Länder und Meere flog sir dahin und ward im Träumen allmählich selber ein schwingender Traum. Wie Gott selbst sah sie als erste nun die befreite Erde und ihres Schauens ward kein Ende. Längst hatte sie Noah, den Weißkart der Arche, vwessen und seinen Auftrag, längst vergessen "der Wiederkehr. D.mn. oies, . di; Welt war 'ihr nun 'Heimat geworden und der 'Himmel ihr eigenstes Haus. So flog die dritte Taube, der ungetreue Bote des Uv» vaters, über die leere Welt, weiter, immer weiter, vom Sturme ihres Glücks getragen, vom Wind ihrer seligen Unrast, weiter flog sie, immer iv/eer, 'bis die Schwingen ihr«' schwer wurden und bleiern 'das Gefieder. "Die Erde zog sie nieder zu sich mit wuchtigem Zwang, immer tiefer senkten sich die matten Flügel, daß sie der feuchten Bäume Wipfel schon streiften, und am Abend de5 zweiten Tages ließ sie sich endlich sinken in die Tiefe eines WaLeS, der noch namenlos tvar, wie alles in jenem Anfang der Zeit. Im Dickicht des Gezweiges barg sie sich und ruhte von der lustigen Fahrt. Reisig deckte sie zu, Wiud schläferte sie ein, kühl war es im Gezweigs des Tags und warn: in der waldigen Wohnung des Nachts. Bald vergaß sie die wirchigen Himmel und die Lockung der Ferne, die grüne Wölbung schloß sie ein und die Zeit ttmdj’S ungezählt über sie. ES war ein Wald unserer nahen Welt, der: die verirrte Taube sich zur Hausung erkoren, aber noch Keilten keine Menschen darin, mü> in dieser Einsamkeit lvard sie allmählich selber zum Traum. Am Dunkel, im nachtgrünen, nistete sie und die Jahre gingen an chr vorüber und es vergaß sie der Tod, denn alle jene Tiere, jeder Gattung daZ eine, das noch dierste Well vor der Sintflut gesehen. Er ist bei großer Ausgiebigkeit außerordentlich billig. Du sparst viel! Luft und die , Bäume brachen wie Halme. Menschen in farbigen Gewändern warfen den Tod einar:der zu und die furchtbare,: Maschinen schleuderten Feuer und Brand. Blitze fuhren von der Erde in die Wollen und Donner ihneos nach; es war als wollte das Land in den Himmel springen! oder der Himmel nieberfallen über das Land. Die Taube fuhr auf aus ihrem Traum. Tod war Über ihr und die Vernichtung; wie einst die Wasser, so schwoll nun, das Feuer über die Welt. Jäh spannte sie die Flügel Md schwirrte empor, sich eine andere Heimstatt zu suchen als den stürzenden Wald, eine Stätte des Friedens. 1 ' Sie schwirrte auf und flog über unsere Welt, llrm Frieden zu finke«, aber wohin sie flog, überall waren diese! Blitze, diese Donner der Menschen, überall Krieg. Ein Meer von Feuer und Blut überschvemmte wie einstens die 'Erd'«, eine Sintflut war wieder gekommen und hastig flügelte 'sie durch unftre Länder, eine Stätte der Rast zu 'erspähen uttbf dann aufzuschweben zum Urvater, ihm das Oelblatt der Verheißung zu bringen. Mer nirgends war es zu 'firrden in diesen Tagen, immer höher schwoll die Flut des 'Verderbens über die Menschheit, immer tveiter fraß sich bs* Brand durch unsere Welt. Noch hat sie die Rast nicht gefunden, noch die Menschheit den Frieden nicht, und eher darf sie nicht' heimkehre,:, nicht ruhen für alle Zeit/ 1 Keiner hat sie gesehen, die verirrte mystische TckuÜe» die friedensuchende in unseren Tagen, aber doch flattert sie über unseren Häuptern, ängstlich und schon flügelmatt. Manchmal des Nachts nur, wenn man aufschreckt aus deml Schlaf, hört mm: ein Rauschen oben in der Luft, ein hastiges Ja^en im Dunk/, verstörten Flug und rastlose Flucht, iui ri.ir.w«i m.mmmi, 1,111 i'U'u üjiii.i. iimiaattm. ■|.|,n Leo Hebraeus. Bon Dr. . .t Sonnenwald (Graz). Hatten die Italien stets neu überflutenden Barbare»- horden der Völkerwanderung daS äußere Bild klassisch«» Lebens in seinen: Brennpunkt förmlich niHergetreten, so negierte die durch daS allgemeine Bedürfnis nach einer zentralen Führung, nach einem ruhender: Pol emporgetragene Macht der Kirche in radikaler Reaktion den geistige», Gehalt der Antike, der - in das Reich der Araber geflüchtet, namentlich nach der Eroberung Spaniens 711 dort bei Arabern und Inden eine rühmliche Pflegestättc fand. Dort erblühter: Wissenschaften und Künste, hellenisch« und jüdisch-hellenistische Philosophie fand ihre Fortbildung itub ein unersättliches Forschen nach den Geheimnissen der Natur machte deren umsasserchsten antiken Meister Aristoteles zur Autorität, die die großen arabischen wie unsere Gelehrter: unb Philosophen tief beeinflußte. Außerhalb des arabischer: Spanien beherrschte indessen die Scholastik der Kirche jede Form mer:schlichen Denkens, war die Theologie „die Äkntter der Wissenschaften" geworden unb Mußte darum die Philosophie, sonst Rahmen und Fundament für alle freie Erkenntnis dazu dienen, dogmatische Lehren lvissenschaftlich zu begrüMn. Bei aller ihrer Macht aber konnte sich die Wissenschaft der Kirche dem Zuge der Zeit nicht. verschließen, fand Wechselbeziehungen zur arabiscki-jüdischen Philosophie u:tb konnte auch deö Aristoteles nicht entratcn: Dogma und Aristoteles ergaben eine uns fast unbegreifliche Weltanschauung, der lein Rätsel ungelöst blieb. Mit den: 18. Jahrhundert begann der unvermeidlich« Umschwung, besser: tiefer Sinn dahin ging, die kirchliche Lehre wieder in das ihr znkommerche Gebiet des Gefühlslebens zurückznverweisen und der Wissenschaft die Möglichkeit unabhängiger Entfaltung zu geben; das Mitte, hiezu war die Wiedergeburt — Renaissance —- der alter: Kultur, die mit den aubeteu Wissenschaften auch die Philo- , sophie über die bisherige religiöse und nationale Enge hinaushob in die reine Sphäre allgemein gültiger Erkenntnis, wobei sie den freien und poetischen Schwung Platos an die Stelle deö vielfach mißverstandenen Aristoteles setzte. An oer iu»e,u>e oie,er tte.eu uru) gru.w.eg^rwe.. c^vste^- strömung fleht Juda Abarbanel, in der wissenschaftlichen Welt genannt Leo Hebraeus, auch Leo Medigv, als Mensch und Jude der Repräsentant seiner Zeit, typisch in seinem Lcbensschicksal wie in seinen li-erarischrn LKj'tungem Um 1460 in Lissabon als ältester Sohn des Fürsten Jsak Abarbanel geboren, genoß Leo im glänzenden Elternhause die sorgfältige Erziehung siines Vaters: jüdisches Schrifttum und mittelalterliche Philosophie, die Heilkunde — weltliche LieblingSki.ssnschast jlckrischrr Gelehrter — und' die im Zeitalter der Entdeckungen blühende Astronom:' wurden ihm vermittelt. 1481 bestieg Johann II. den portugiesischen Thron, inaugurierte eine Po.ltii deS schrankenlosen Absolutismus, die sich besonders gegen feinen mächtigsten Basallen, den Herzog von Braganza, richtete und auch dessen Freund Isaak nach Spanien vertrieb, wohin ihm Leo 1484 folgte, nachdem er inzmschen dir ärztliche Praxis aufgnrommen und sich verheiratet hatte. Das NnglückSjahr 1492 brachte hie Besiegung der Araber unb schon am 31. März zur Entfernung aller Ungläubigen ein königliches Edikt, daS die Austreibung der Juden befahl. Leo ließ nun sein 1491 geborenes Söhnchen Isaak nach Portugal bringen, wo es König Johann als Geisel für der: geflohenen Großvater ausgriff, sein Nachfolger Emanuel dann 1496 taufen und christlich erziehen ließ, welche Ereignisse den mit der Familie nach Neapel ausgewanderten Leo auf das Tiefste trafetll 1495 tvarf chn der Einmarsch, der Franzosen nach Genua; hier lernte er Italienisch und Griechisch; hier »ourden tym, der aus der spanischen Heimat deren raübiuifch aristotelische Philosophie mitgebracht halle, in den Hörfülcn der christlichen Gelehrten die neuen Jdren und mit ihnen die Philosophie PlatoS vertraut. Als ihm aber ein zroeites Sühnchen fünfjährig starb, trieb ihn oie Unruhe feines zerstörten Lebensglückes wieder auf die Wanderung, zunächst zum Vater nach Venedig, dann nach Neapel, wo er nach der endgültigen Niederlage der Franzosen 1503 Leibarzt des aufgeklärten spanischen Bizekönigs Gonsaldo wird. Aber das Schicksal gönnt dem Gehetzten die Ruhe nicht,' 1506 werden die Juden nach der Abberusung des BizekönigS auch aus dem spanischen Neapel vertrieben und Le» muh wieder nach Venedig flüchte«, wo 1509 oer Bmer stirbt. Bon da ist Dunkel über sein wahrhaft tragisches Leben gebreitet und nur bekannt, daß er 1521 dem großer: jüdischen Drrrcker Gerson Soneino in Pesaro bei der Drucklegung von seines Vaters Propheten-Kommentar behilflich war unb daß er daß Jahr 1695 nicht Überlebte. Das literarische Werk Leos weist zunächst einige hebräische Gedichte auf, unter denen besoitderS eine schmerzvolle E'egie an den verlorenen Erstgeborenen hervorragt, der Übrigens nach Saloniki entkommen und so zum Judentum zurückgekehrt zu sein scheint. Eine Abhandlung „Die Harmonie des Himmels", die Gültigkeit der ästhetischen Gesetze im Weltall nachiweisend, ist nur auS einem Zitat des AnratuS LufitanuS bekannt. Leos philosophisches Bekenntnis liegt in seinem Hauptroerk Dialoghi d'amore, Gesprächüber die Liebe, das um 1502 begonnen und italienisch geschrieben, seinen Verfasser unter die bedeuteichsien Denker der Zeit stellt. Schon die äußere Form M aus der Antike in die Renaissance übernommenen und hier stark favorisierten Dialoges kennzeichnet den Renaissance-Philosophen, weiser: doch auch Platos Abhandlungen über die Liebe „Phaidros" und „DaS Gastmahl" diese Form auf; daS Thema selbst bewegte, wie aus diesem Zitat PlatoS hervorgeyt, die größten Philosophen der Alten, fand Eingang in den Gedankenkreis! der Neoplatoniker und wurde natürlich von der Renaissance wieder intensiv ausgenommen. ES ist ein bemerkerusrvertes Paradoxon, daß Leo, der von seiner Mitwelt, so viel Lieblosigkeit erfahren mußte, gerade die Liebe in de,: Mittelpunkt seines ganzen philosophischen Systems stellt. Wie aus der Erde, so ist. auch in den himmlischen Sphären alle-, Körper und Geister, durch die Liebe verbunden, die auch die Ursache alltzr irdischen und sphärischen Harmonie ist. Die Weltschöpfung selbst war ein Akt göttlicher Hiebe, ir: Liebe lenkt Gvtt die Welt u:ck verbuchet die Wesen untereinander und mit sich. Der Mensch aber — unb dieS ist die ethische Schlußfolgerung des Werkes — muß sich in Liebe zu Gott erhebe,:, muß dessen vollendeter: Eigenschaften durch Hingabe und Anhänglichkeit an ihn nachzustreben suchen und so sein Ziel erreichen: Tugend unb damit Glückseligkeit. Diese

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