Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2838 (22.1.1927)
- Date
- 1927-01-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3898 Men, Samstag Wiener Morgenzettung W. Jänner 1M7 Gerte 5 ltub das BÜd, das sie von ihrein Eheleben enthüllte, brachte auch die Tatsache ans Licht, das; sie 20 Jahre mit ihrem Gatten zusammengelebt hatte, Kinder erzogen hatte, ohne daß zwischen den Beiden jemals ein anderes Wort'gewechselt wurde, als ivas die Notwendigkeit des Alltagslebens erforderte. Ein anderer Prozeß, der anläßlich eines Bankrotts geführt rvurde, enthüllte eine nicht minder merkwürdige stumme Ehegemeinschaft. Die beiden Galten hatten während zwei und eines halben Jahres niemals ein Wort miteinander gewechselt, jeder kochte sich seine Mahlzeiten allein, und wetrn auch der Mann in Erfahrung gebracht hatte, daß seine Frau irgendwo ein kleines Geschäft betrieb, so hatte er doch keine Idee von dessen Beschaffenheit. Häufig werden in solchen stummen Ehen die Kinder als Boten zwischen beiden Teilen gebraucht. Oftmals sind es aber Verbrechen imt> die Furcht vor ihrer Entdeckung, die die Menschen zu^ lan jähriger Stummheit verurteilen. So stellte sich einst ein Einbrecher auf der Anklagebank auf alle Fragen, die an ihn gerichlet wurden, stumm, so daß er schließlich Sachverständigen zur Untersuchung überzeben werden mußte, ob er „aus Bosheit oder durch Fügung Gottes" nicht sprechen könnte. Das UrteU lautete dahin, daß er die Stummheit Nur simulierte. So wurde denn j’üt Prozeß wltbtt ausgenommen und er entging nicht der verdienten 'Strafe. Einem änderen Manne, einem amerilanischrN Verbrecher, gelang es, sich durch hartnäckige Stummheit das Leben zu retten. Er war wegen Teilnahme an einer blulig endenden Meuterei im Gefängnis zum Tode durch dm Strang verurteilt worden. Während er auf die Vollstreckung des Ur eils im Gefängnis wartm mußte, weigerte er sich zu sprechen. Jeder Versuch, ihn zum Redm zu bewegen, b'ieb erfolgloZ, so daß er schließlich zur Ueberwachung in ärztliche Obhut gebracht werdm mußte. Niemals gelang es, ihn bei einem Worte zu überraschen, und er lebte noch 15 Jahre in tiefer Schveigsamkeit, bi* er wohl wußte, daß jedes Wort ihn das Se&eit kosten würde. f Wie Witte die Wahrheit l n die Pogrome gesagt wmde. Mitteilungen aus de« Memoire» de» Pröfivrnlen der B'nei B'rtth, Mols Kraus. Aus Chicago wird uns geschrieben: Vor einigen Tagen fand hier aus Anlaß der zwanzigjährigen Prä.ldenrschast des RoLt-anwalts Adolf Kraus Im unabhängigen Orden B'nei B'rith ein Festbankett statt, im Der'aufe dessen die großen Verdienste die'eS aus Prag stammenden hervorragenden Mannes um Me torden und das gesamte Judentum gewürdigt wurden. Mit dem Namen Adolf Kraus ist eine ganze Reihe von Staatsaktionen zugunsten der verfolgten Juden in den verschiedenen Teilen der Welt während der letzten zwanzig Jahre aufs engste verknüpft. Äleich nach seiner Wahl zum Weltpräsidenten des B'nei B'rith-Bundes im Jahre 1905, begann in Rußland die lange grausige Serie der Judenpogrome, in denen Tausende von Juden nms Leben kamen und andere Zehntausende ihre letzte Habe verloren. Präsident Adolf Kraus versuchte zunächst direkt in Rußland zu intervenieren, was bei der damaligen Stimmung und angesichts der russischen Niederlagen im russisch-japanischen Krieg ohne Erfolg blieb. Als die Friedensintervention des Präsidenten Roosevelt zu der Konferenz von Portsmouth führte, ergriff Adolf Kraus die Gelegenheit, um dem Vertreter Rußlands, dem Ministerpräsidenten Witte, in den schärfsten Worten den Standpunkt des gesamten Judentums zu den erwiesenermaßen von den russischen Behörden inszenierten wd nnterstü^ten Judenmassakers zum Ausdruck zu bringen. Am 14. August 1905 mußte Graf Witte in Gegenwart des russischem Gesandten Baron Rosen auf Wunsch und Initiative des B'nei B'rith-Präsidenten Kraus eine von diesem geführte jüdische Delegation empfangen und sich die, wie Graf Witte in seinen Memoiren selbst feststellt, schärfsten Ausdrücke gegen Rußland und die russische Regierung g^aT.n Der Delegation gehörten neben Adolf K.ans die bedeutendsten Juden, die Amerika damals aufzuweisen hatte, Jakob H. Schiff, der gewesene Handelsminister und Gesandte Oskar S. Strauß, Isaak N. Selig man und Adolf Lewissohn, an. In dieser Besprechung war neben Adolf Kraus Jakob H. Schiff in seinen von innerer Entrüstung diktierten Ausdrücken Wohl der Energischeste. In seinen Erinnerungen erzählt Kraus, daß, als Witte der jüdischen Delegation anstatt eine Besserung der Verhältnisse in Rußland zu versprechen, nahelegte, daß die Juden ihren Einfluß dahin geltend machen mögen, daß die jüdische Jugend in Rußland sich von den revolutionären Führerstellen zurückzi-ehen -mögen, Schiff geantwortet habe: „Wir haben keinen Einfluß in dieser Richtung. Der Einfluß müßte von innen und nicht von außen kommen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die jungen Leute Revolutionäre werden, weil sie hoffen, daß eine Republik ihnen die gerechten Gesetze sichern werde, die ihnen unter der Herrschaft des Kaisers hartnäckig verweigert werden." Adolf Kraus führte dann in einem Schreiben an den Grafen Witte den Nachweis, daß die Behauptung» daß die Pogrome eine Folge der Volksstimmung seien, bewußt unwahre Behauptungen sind. Einige Iah'e später, nachdem die Lage der Juden in Rußland sich nicht gebessert hatte, ergriff Adolf Kraus abermals die Initiative, unr Amerika zu einer Stellungnahme zugunsten der Juden zu veranlassen. Es war im Jahre 1911, als die russische Regierung die Amerika-Pässe ausge'.vandrrter Juden, bi« in Amerika daL Bürgerrecht erlangt Hallen, nicht anerkennen wollte. In Amerika wurde die Parole ausgegeben, beit Handelsvertrag mit Rußland auftuheben, bis Rußland sich zur Anerkennung der arnerikanischen Pässe auch in den Händen von Juden bequemen würde. Auf Drängen Adolf Kraus' fand am 15. Februar im Weißen Haus von Washington auf Einladung des damalig:» Präsidenten Taft eine Besprechung mit den führenden amerikanischen Juden statt, an welcher von der amerikanischen Reaieruna der Präsident und der Handelsminister Nagle, von jüdischer Seite Adolf Kraus, das Kongreßmitglied Goldfogle, ferner Jakob H. Schiff, Louis Marshall, Simon Wolf, Maurice Freiberg, William Bettman, Jakob Fürth und Philipp Stein teilnahmen. Ueber das Ergebnis dieser Besprechung schreibt Kraus in seinen Erinnerungen: „Das Ergebnis dieser Zusammenkunft war nicht befriedigend. Nachdem wir das Weiße Haus verlassen hatte«, hielten Schiff, Marshall und ich eine Konferenz ab, in welcher wir beschlossen, einen Appell an die Bevölkerung der Vereinigten Staat ih.'en. Bald darauf wurden in fast allen S i . . -..nerikas Massenmeetings abgehalten, in welcher gegen Rußlands YWYWVTfYYYWVWTfYYVY imr* . i-A -ML' A Das ist der Ruf des Hasses, der durch die ganze Welt gellt, ln einem grandiosen Zeitroman des Dichters Kurt Münzer ist dieser Schicksalsruf eingefang« Blutrauscb des Krieges, Entartung der Nachkriegszeit, Pogromgeheul in der Weltstadt, Schrei der Verblendeten und Verführten tont aus einem Werk von ungerhörter Spannung. Flammende Anklage, dumpfe Ergebung, Blut und Schmutz, Tranen und Reinheit vereinigen sich zu einem Gemälde von mächtigem Format. UDE ANS KREUZ ist der Judenroman unserer Zeit, erschütternd und wahrhaft JUDE ANS KREUZ der große sensationelle Roman v. Kurt Münzer erscheint ab Samstag, den 5. Februar 1«J* zum erstenmale in der „Wiener Morgenzeitung“. AAAAAAAAAAAAAAAAAAA Bai Ihsen, wind u.K»ie wird man leicht von Erkältung befallen. Man muß daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie fehle de in seiner schmerzlindernden Wirkung einzig echte DIANA- FRANZBRANNTWEIN HIT MENTHOL welcher für Massage, Einreibung, Umschläge und als Gurgelwasser gleich unentbehrlich ist. ÜBER AtC ER HÄ ÜTUCH! Unterdrückungspolitik Stellung genommen wurde. Mehrere amerikanische Staaten nahmen Beschlüsse an, durch welche di« Regierung aufgefordert wurde, endlich zu handeln. Die Presse war einmütig in der.Forderung, die Handelsbeziehungen mit Rußland abzubrechen. Anträge in dieser Richtung wurden sowohl im Kongreß als auch im Senat eingebracht und in den Ausschüssen für Auswärtiges wohlwollend behandelt. Die Agitation begann Ende Februar und wurde bis Ende des Jahres fortgesetzt. Ich war der Meinung, daß der Präsident der Ak.ion günstig gestimmt sei, jedoch befürchte, daß das Land für einen solchen Schritt nicht reif sei. Am 6. Dezember desselben Jahres erschien ich gemeinsam mit Simon Wolf in Wasi)ington bejm Präsidenten, bei welchem Anlaß uns der Präsident mltteilte, daß er um Weihnachten herum der russische Regierung den Abbruch der Handelsbeziehungen iwtifizieren werde. Die Notifizierung erfolgte." Welche Bedeutung der Initiative und Aktion der Präsidenten Kraus in Washington beigemessen wurde, geht am klarsten aus der kurzen Unterredung zwischen den: Handelsminister Nagle und Adolf Kraus nach Unterzeichnung der historischen Note hervor. Der Handelsminister überreichte Adolf Kraus zum Zeichen des Respekts di« Feder, mit welcher > Präsident Taft den Abbruch der Handelsbeziehungen mit Rußland unterschrieben hatte, und fügte hinzu: ^,Jch betrachte es als eine Auszeichnung, Ihnen die Feder zu überreichen,, mit welcher der Präsidenten der Vereinigten Staaten die Mitteilung von der Lösung des Handelsvertrages unterfertigte. Ich hoffe, daß wir alle eingedenk bleiben, daß das bloß der erste Schritt ist und daß noch viel zu tun übrig bleibt." Adolf Kraus hat auch später in Rumänien und daun anläßlich der großen Ausschreitungen in Jaffa im Jahre 1908 mit Erfolg interveniert. Irr Traum von de« MMone«. Aus Prag wird geschrieben: Ein romanhafter Millionenerbschaftstvamn hat duvch die Verhaftung des Kontoristen Albert Lang Hammer in Warnsdorf sein Ende gefunden. Langhammer wurde durch eine vermeintliche Millionenerbschaft aus seiner normalen Lebensbahn gerissen. Anfangs Februar tauchten in Nordböhmen Gerüchte ans, daß ein in Amerika verstorbener Korbfabrik-ant namens Langhammer ein mehrere Millionen Dollar betragendes Erbe hinterlassen habe, das zur Gä"^s an seine Verwandten in Nordböhmen fallen werde. Auch Albert Langhammer wurde als glücklicher Erbe genannt. Ohne die Entscheidung der amerikanischen, Behörden abzu- ^warten, die m Erbschaftssachen oft viele Jahre dauert, begann Langhammer das Leben eines Grandseigneurs zu führen, kaufte sich ein Automobil für, 160.000 Kronen und bewarb sich um das Schloß Clam- Galles in Fri-edland, das er als Erbschaftsbesitzer beziehen wollte. Da sich aber die Erbschaftsangelegenheit immer mehr in die Länge zog, wußte er sich keinen Ausweg und st e! l t e s i ch s e l b st der Polizei!, ohne daß jemand eine Anzeige erstattet hätte. Der Henker als Mufikenthnflaft- Dieser Tage starb in London der achtzigjährige William Lewis Varrett, einer der berühmtesten Flöten-virtuosen des 19. Jahrhunderts, der in England und in Amerika großen Ruhm genossen hatte. Unter den vielen Ehrengaben, die ihm seine Kunst eingetragen hatte» befand sich auch ein ungewöhnliches Geschenk, das ihm der Londoner Henke r M a r w o o d vor vielen Jahren verehrt hatte. Marwood war ein begeisterter Musikverehrer und besonders für das Flötenspiel Barvetts so eingenommen, daß er jede Gelegenheit benutzte, um ihn zu hören. Er veranstaltete sogar einmal zu Ehren des Künstlers ein B a n k e t t. Als die Tafel aufgehoben tvar. überreichte er Barrett eine Erinnerungsgabe, die in seinen Augen einen ganz besonderen Wert hatte. Es war ein Teil des S t r i ck e s, mit dem der Henker einen berüchtigten Mörder vom Leben zum Tode befördert hatte. Barrctt gehörte als Mitglied dem Orchester der Covent Garden-Oper an. Adelina P a t t i wollte von keinem anderen Flötisten begleitet sein, wenn sie ihre Arien mit obligater Flöte sang. Sie lidjrn Barrett deshalb auf allen ihren Konzertreisen mit . und verhalf ihm damit auch in Amerika zum Ruhm. In den letzten Jahren war man toi den Flöteu- >