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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-22 · Heft 2838 (22.1.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2838 (22.1.1927)
Date
1927-01-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Men, Samstag Wiener Morg«y^*TMßs 22. Jänner 1927 Der eigenartige Selbstmörder hatte bei seinem Tun die Zielbewußtheit, die man oft bei Irren beobachten kann. Besonders bemerkenswert ist ein Urteilsprotokoll, das bei der Leiche gefunden wurde und in dem er selbst sich das Todesurteil aussprach und sich zur Hinrichtung verurteilte. Der ehemalige Rechtsanwalt lebte nämlich in dem Wahn, daß er gemordet habe. Er hat mit seinen Anzeigen gegen sich selbst die Behörden unausgesetzt belästigt, gleichgültig, ob tatsächlich irgendein Verbrechen geschehen war oder nicht. In kurzen Zwischenräumen kam er regelmäßig aufs Polizeiamt» um mitznteilen, daß er irgendein schweres Verbrechen begangen habe. Zuerst glaubte man tatsächlich daran, einen geheimnisvollen Mörder vor sich zu haben» der von Gewissensbissen getrieben wird, aber bald sah man ein, wes Geistes Kind der Rechtsanwalt war und sperrte ihn vorübergehend in eine Irrenanstalt. Aber da er harmlos war, ließ man ihn wieder frei. Es war unerfindlich, woher er die Kenntnis des Wesens einer Hinrichtungsmaschine hatte, und wie er unbeobachtet diesen Riesenapparat im Walde aufbauen konnte. Erst als man in seine Wohnung kam, fand man den Ursprung seiner Kenntnisse, denn hier lagen mehrere B n ch e r, in denen d,w Van der Guillotinen aufs genaueste beschrieben war. Sin Theater für Frauen. Aus L o n d o u wird uns gemeldet: Hier ist vor kurzer Zeit unter dem Namen „Cooperative Feminist Theatre" ein Theater gegründet worden, das dem Zweck gewidmet ist, für die seelische, und moralische Vertiefung der Frau zu wirken und der modernen Verflachung der Beziehung des Weibes zun« Mann entgegenzustreben. Es soll dadurch für die Frau eine Freiheit erzielt werdet!, die nicht rein gegenständlicher Natur ist, und sich aus wirtschaftlichen» und politischen Gebiet bewegt, sondern auch aus dem Gebiet der P ersönlichkeitswerte. Das Theater ist ausgesprochen als Erziehrurgslnstitut gedacht, in - dem die Frau zu einer höheren Auffassung ihres eigenen Wesens und ihrer Pflichten gegen sich und den Mann angeleitet werden soll. Die Gründerin dieses Theaters ist Lady R ob ertson, die auf dem Gebiet des Theaterwesens und der Frauenpsychologie einen guten Namen hat. In vielen Aufsätzen hat sie dahin gewirkt, daß die Frau nicht nur den sehr leichten Mut zu einem freien Leben haben soll, wie es die moderne Zeit will, sondern auch die Pflicht zur Vertiefung ihrer Persönlichkeit, die auch darin besteht, nicht nur den Mann zu suchen, sondern bm ihrer würdigen Mann. Das Theater gibt eine viel größere Möglichkeit, in diesem Sinne erzieherisch zu wirken, da auf der Bühn» die Tragödien des Lebens vorgeführt werden können, die meist in der Mißachtung oder Vernichtung der Persönlichkeit des Weibes ihre Ursache haben. Es ist ein hohes Ziel, das diesem Fraueutheater gesteckt worden ist, zumal Lady Robertson bestrebt ist, auch rein theatermäßig künstlerisch hervorragende Darbietungen zu veranstalten, iim das Publikum durch ungewöhnliche Leistungen in das Theater zu ziehen. Das Theater beabsicht, zuerst das Stück „Die alleinstehende Frau" von Brieux, dann den „Handschuh von Björnson und mehrere Stücke von Bernard Shaw wie „Frau Warrens Gewerbe" zur Ausführung zu bringen und dadurch das Wirkungsgebiet zu umschreiben, das die Gründerin des Theaters erwählt hat. Der Alte verstummte. Und wir evblickten den ersten Stern, der sich die Milchstraße entlang seinen Weg bahnte. „Sabbat tritt ein", verkündete Gedalje hoheitsvoll. ,-Die Juden müssen in den Tempel — Pan Genosse", sagte er, erhob sich, und der Zylinder, ein schwarzes Türmchen, wankte auf seinem Kopfe: ..bringt nach Schitomir ein paar gute Menschen. Ai, in unserer Stadt mangM's an ihnen, ai, es mangelt an ihnen! Bringt gute Menschen her, und wir geben ihnen alle Grammophone. Wir sind unwissend. Die Internationale? — wir wissen, was die Internationale ist, und auch ich will die Internationale der guten Menschen, und eine jede Seele soll man registrieren und ihr die Lebensmitt elration der ersten Kategorie geben. Da hast du. Seele, iß, bitte, hcck' dein Vergnügen am Leben. Die International^ Pan Genosse, Sie wissen nicht, womit man sie ißt ..." „Man ißt sie mit Pulver", antwortete ich dem Alten, „und bereitet sie mit dem besten Blute zu . . ." Und nun trat aus d?an blauen Dunkel der junge Sabbat hervor und ließ sich aus seinen Stuhl nieder. „GedaLje," sagte ich, „heute ist Freitag, und der Abend ist schon hereingebrochen. Wo kann man eine jüdische Brezel bekommen, ein jüdisches Glas Dee und ein wenig von diesem Ek-Gott im Glas Tee . . ." „Nirgends," antwortete mir Gedalje und hing das Schloß an den Riegel, „nirgends. Nebenan g'bt's eine Garküche, und gute Menschen haben sie einst bewirtschaftet, aber jetzt ißt man dort nicht mehr, jetzt weint man dort . . Und er knüpfte seinen grünen Gehrock mit den drei Knöpfen zu. Er staubte sich mit den Hahnenfedern ab, schüttete ein wenig Wasser auf seine weichen Handflächen und entfernte sich, winzig klein, einsam, versonnen, den schwarzen Zylinder auf und ein großes Gebetbuch unterm Arm. Der Sabbat begann, und Gedalje, der Begründer einer rmerDMaren Internationale, ging in . il Tempel betengvdenstaat — Sa oder Rein? m Rlchrrrd LWhelnr. Herr Robert Stricker hat in der „Wiener Morgenzeitung" vom 8. Jänner einen Artikel veröffentlicht, den er als „nachdc n klirh-nwh! wolle„de Betrachtungen" bezeichnet und den er „in weicher Stimmung" und „ohne Groll" geschrieben haben will. Da Herr Stricker — ein Sohn der Stadt der Psychoanalyse — über seine eigenen Seelenznstände Bescheid wissen muß, so kann ich nach der Lektüre seines Artikels nur versichern, daß ich ihm nicht begegnen möchte, wem, er sich etwa jemals in übelwollender, gereizter, kurz grantiger Stimmung befinden sollte. Hieralls ist zu entnehmen, Me schwierig es ist, eine Einigllng über verhältnismäßig einfache Begriffe, wie zum Beispiel „wohlwollend" oder „übelwolllick", zu erzielen. Da ist es denn nicht verwunderlich, daß der weit kompliziertere Begriff des „Judenstaates" die verschiedensten Deutungen erfährt. Immerhin sollte man nach 30 Jahren des politischen Zionismus so weit sein, daß die Anhänger einer ganz bestimmten Richtung, die heilte in deutlichem Gegensatz zu einer anderen ganz bestimmten Richtung stehen, sich nicht wegen des Ausdrucks „Jildenstaat" untereinander in die Haare geraten. * Zwischen der Auffassullg Jabotinskys llnd rneiner Auffassung vom Judenstaat als Ziel des Zionismus besteht kein Gegensatz — trotz der Strickerschen Zitate meines Artikels in der „Jüdischen Rundschau", wo: in ich den Judenstaat einen „Grenzbegriff" nenne, und der scheinbar gegensätzlichen Zitate aus einer Broschüre Jabotinskys, wo von der Errichtung des Judenstaates die Rede ist. In seinen Berliner Reden — aus die ich mich bezog — hat Jabotinsky die Anwendung des Wortes „Judenstaat" mit der Begründung abgelehnt, daß der Begriff vieldeutig sei, und cs gibt selbständige und halbselbständige Staaten, cs gibt — besonders im Nahmen des britischen Imperiums — Kolonien mit Selbstverwaltung, deren Autonomie etwa dem entspricht, was ein zionistischer „Judenstaatlcr" für Palästina wünscht, ohne daß man von diesen Kolonien sagen könnte, sie seien „Staaten" im völkerrechtlichen Sinne. Umgekehrt gibt es „Staaten", zum Beispiel Tasmanien, die nur ein Teil eines anderen Staates sind, der selbst wiederum keine volle Souveränität besitzt. Um Unklarheit^, auszuschaltel, und deutlich zu sagen, was wir wollen, um den Gegnern der Sache nicht das bequeme Argument eines Wortes zu liefern, hat Jabotinsky als unser Ziel die jüdische Majorität in Palästina proklamiert, die zur Selbstverwaltung gelangen soll, („A sels-goperning Commonwealth under the aegis of an established Jeivish majority".) Dieses Ziel können wir getriß im inneren Sprachige-, brauch als „Jüdenstaat" bezeichnen. In diesem Sinne hat Jabotinsky ’ in der von Stricker zitierten Broschüre vom „Judenstaät" gesprochen, und auch ich habe sehr häufig in internen zionistischen Diskussionen diesen Ausdruck angewandt, um damit jenes zionistische Ziel und zugleich den Gegensatz zu der verderbliche,! Richtung zu bezeichnen, die vom offiziellen deutschen Zionismus, besonders von der '„Jüdischen Rundschau" vertreten ward. Denn wir lehnen ausdrücklich jenen „Binalionalismus" der Richtung Blumenfeld-Weltsch ab, der die Frage der jüdischen Majorität für irrelevant erklärt und krampfhaft nach der Formel sucht, durch die Palästina weder ein vorwiegend arabisches noch ein vorwiegend jüdisches, sondert, eben ein „binationales" Land werden soll. * Unser Judenstaatsziel ist nicht identisch mit einem de jure unabhängige,! souveräne.-, „Staat", wie Frankreich oder die Schweiz,, cs braucht zum mindesten nicht identisch damit zu sein. Weil wir uns aber — gedanklich und in unserer Arbeit — in der Richtung auf ein jü- | Ae",Ich empfohlen. -- In alien Pillen trBger DnrmtttlgkeU 258 I I m «Um »nnihtften - ■ disches Gemeinwesen in Palästina bewegen wollen, dem wir das jeweils erreichbare Maximum an räumlicher Ausdehnung und Selbstvcrtvaltung wünschen, deshalb habe ich den Begriff des de jure nnabhäugigen Staates als einen „Grenzbegrifs" bezeichnet. Ich möchte Herr Stricker daran erimrern, daß vom ersten Kongreß an der Ausdruck „Judenstaat" im Programm der Organisation vermieden und durch den Begriff „Heimstätte in Palästina" ersetzt wurde. Damals mußte die Zugehörigkeit Palästinas zur Türkei berück sichtigt werden. Heute ist Palästina als geographisch-poliuschcr Begriff etlvas anderes: es ist nicht Provinz eines Reiches, es ist so etwas wie ein „Staat", dem aber ans guten Gründen keine Selbstverivaltung nach innen und keine Souveränität nach außen verliehen wurde. Palästina ist Mandatsgebiet, es wird vom Völkerbund durch die von ihm beauftragte Großmacht verwaltet, damit — ja damit die jüdische Kolonisation den Rahmen des politischgeographischen Territoriums Palästina aussüllen kann, so daß dnan mit der Selbstverwaltung aus vereinzelten jüdischen Dörfern und Städten die jüdische Heimstätte und aus der jüdischen Heimstätte in Palästina das jüdische Pa'ästina e tsteht. Dies ist der wahre Sin l des Mandats. Da nun aus oe.u poüasch-geographischcn Territorium Palästina eine große Zahl von Arabern wohnt, so wird Palästina freilich auch ein „binationaler" Staat s.in — binational in dem Sinne, daß Angehörige des jüdischen und des arabischen Volkes dort wohnen. Die in Palästina wohnenden Araber gewaltsam zu vertreiben, zu hedrükken oder der staatsbürgerlichen Rechne zu be.auben, wäre ein politisch wahnsinniges und ein unmögliches Beginnen. Daß aber die jüdische Einwanderung und Kolonisation dem Territorium Palästina mehr und mehr das Gepräge gibt, daß durch Schütz und Förderung der Mandatsmacht die Juden die Mehrheit im Lande erlangen, so daß schließlich die Verleihung der Selbstverwaltung an das Mandatslend Palästina de facto die Selbstverwaltung eines im wesentlichen jüdischen Landes bedeutet — dies ist das politiscl)« Ziel, dem wir zustrebe,l. Wollen wir also dm „Judenstaat"? Ja oder nein? m Palästina wird jüdisch sein, öder es wird arabisch sein. Noch zehn Jahre des jetzigen Regimes in Palästina — das von dem Erben Allenbys, Sir Herbert Samuel, etabliert ivurde — noch zehn Jahre der jetzigen zionistischen Politik und Kolonisation, zu deren Planlosigkeit und Mißerfolg , der deutsche Ziynißmus die Theorie liefert, und die Frage' wirb gegen uns entschieden' sein. Wolfe,, wir die Aenderung des Regimes in der Organisation und iir Palästina herbeiführen? Ja oder nein? HarluMge Schweiger. Während das tägliche Leben gar oft, die Schädlichkeit übergroßer Geschwätzigkeit uns vor Augen führt und'auch das Sprichwort das Schweigen in den lautesten Tönen preist, zeigt doch die Erfahrung, daß es auch Menschnr gibt, die zu ihrem und ihrer Mitwelt Nachteil in das andere Ge-' genteil verfallen. So gab es, wie eine englische Zeitschrift erzählt, einen Wagenführer und einen Schaffner, die durch 14 Jahre den gleichen Londoner Straßenbahnwagen bedienten, ohne jemals ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Die Ursache dieses rätselhaften Verhaltens ist unaufgeklärt geblieben. . Aber selbst bei Ehepaaren, die das Leben in eine noch engere Berührung miteinander geführt hat, finden sich solche seltsame Schweiger. So klagte vor einiger Zeit eine Frau vor einem französischen Gerichtshof mif Scheidung, WIR HABEN,, UNSERE PRÄMIEN AKTION VERB Jahres-Abonnenten Halbjahres-Abonnenten ~ erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Jahresbezugsgebühr nach Wahl; ^osepbus STfouiws SÄMTLICHE WERKE. In drei eleganten Prachtleinenbanden Mehr als 2000 Selten, schönster, klarer Druck, holzfreies Papier, oder KeinricA OraeJ« GESCHICHTE DER Geschenkbände. 2200 oder IUDEN. Drei Seiten staik, vornehme yfoftsn JYerilivi PALÄSTINA. Ein he,rl.Lexikonbandm 300neuen Bildern aus Erez Israel ln meisterhalter Reproduktion. Text v. d. berühmten Forschung^ eisenden. erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der BezugsgebQhr folgende Gratlsprflniien nach Wahl: tnkeo<üov ÜTevsI FEUILLETONS. 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