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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-22 · Heft 2838 (22.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2838 (22.1.1927)
Date
1927-01-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2888 Wie«, Samstag Tagesbericht. .Schamlosigkeit, Lerlogeaheit «ab Vemeia- -m." Die Hitler.Leute gegen die Schulz-Leute. Der Streit im nationalsozialistischen Lager zwischen der Hitler-Gruppe und der Schulz-Gruppe nimmt, wie die Korrespondenz Herwei berichtet, immer schärfere Formen an. Im Organ der Hitler-Gruppe „Der österreichische Nationalsozialist" vom 22. Jänner l. I. wird den Anhängern der Schutz-Gruppe vorgeworfen, daß sie die Hitler-Bewegung in einer Art und Weise bekämpfen, „die an Schamlosigkeit, Verlogenheit und Gemeinheit selbst jüdische Niedertracht noch weit übertreffe. Solche Kämpfesmittel können keine anständigen Menschen begeistern, sondern nur mehr Verbrech er anziehen. Man darf sich daher nicht wundern, wenn ein Mordbube sich Herrn Schulz als Helfer anbietet." Das Blatt bringt auch den Inhalt eines Briefes mit einem Mordangebot des Schrift st ellers F. Wünsche, den dieser am 8. Jänner an Schulz gerichtet hat, zur Kenntnis. Dieser Brief lautet im Auszug: ' Hochgeehrter Herr Schulz! Da die „Deutsche Arbeiterpresse" (da§ Organ der Schulz-Leute) in ihrer letzten Nummer mit schwersten Entlarvungen gegen Major D e r d e und R e n t m e i st e r vorgeht, möchte auch ich Ihnen einiges Mitteilen zu dieser häßlichsten, folgenschweren Episode der gesamten großdeutschen völkischen Bewegung. Sollte es sich tatsächlich so verhalten, ivie cs von Ihrer Zeitung dargestellt wird, dann bedeu et das so viel, daß alle Personen, die in diesem furchwa-.-n Lebens- und TodeSkanlpf des deutschen Volkes eö lvag. >i. irgendeine Einigung zu hmlertreibcn, daß all-' - üch Personen ein frevelhaftes S cb u r k e n-, H o ch v e r r ä t e r g a l genspiel betrechen und dafür -hrer wohlverdienten Todes st cafe nicht ent.^hcn dürfen. Ist es Ihnen ernst damit, so wünschte ist nichts Dringenderes, als daß Sie dabei meinen tatkräftigsten Beistand annehmen möchten. Ich besitze, umfangreichste politische und sonstige Kenntnisse und stelle Ihnen gerne meine Mitarbeit zur Verfügung, nur nicht für zweckloses Beginnen. Also bitte! Dieser Brief wurde mit einer Anzeige der Polizei übergaben, die sich also damit zu befassen hat, besagtem Wünsche Raison beizubringen. Wenn er einen Juden bedroht hätte, ko wäre ja nichts weiter geschehen. ««MM eines nMemiMen SuneMntte«. Das seit 1. Jänner in Wien erscheinende Hakenkreuzblätt ist gestern wegen eines R i t u a l m o r d b i l d e s und eines Artikels/ in welchem dje Juden als K ö t e r r a s s c beschimpft werden, beschlagnahmt worden. Die christlich-arische Rordlsch-Sesterreichischr Baak. Minister a. D. Czapp unter Kridaanklage. Als vor zwei Jahren gegen den Generaldirektor der verkrachten arischen Nordisch-Oesterveichischen Bank Dr. W a l d e g g ein Strafverfahren geführt wurde, das zu einer Verurteilung des'Angeklagten führte, kündigte der öffentliche Ankläger an, daß sich auch andere Funktionäre der Bank wegen ihrer Geschäftsführung verantworten werden müssen. Gleich nach dieser Mitteilung des Staatsanwaltes Dr. Nahrhaft wurde die Voruntersuchung gegen die Verwaltungsräte, und zwar den Präsidenten des Aüfsichtsrated, den ehemaligen Landesverteidigungsminister Feldmarschallleutnant-a. D. Czapp, ferner gegen den holländischen WUmrr Mse-MzGM«- Generalkonsul Julius van Royen, ferner gegen den Generaloberst a. D. Franz H u s s a r e k und gegen Ejnar L i n d t geführt. Die Staatsanwaltschaft hat nun die Anklage gegen Czapp und van Royen wegen fahrlässiger Krida erhoben. Das Verfahren gegen die beiden übrigen in Untersuchung Gezogenen wurde eingestellt. Ae Grippe. m We io München. München, 21. Jänner. In den letzten zehn Tagen wurden 943 Grtppefälle gemeldet. Drei davon waren mit tödlichem. Ausgang. In zwei Schulen ist eine geringe Häufung von Griippeerkrankungen festzustellen. Amtliche Schult» tu Struilmd geschliffen. Stralsund, 21. Jänner. Die Stadt Stralsund teilt amtlich mit. daß sämtliche Schulen der Stadt infolge der erheblichen Zunahme der Grippeerkrankungen unter den Lehrern und den Schülern vorläufig auf acht Tage geschlossen wurden. Grlpve'AnrchevMt ln Linz. Aus Linz wird gemdfcet: Obwohl Oberösterreich bisher von der Grippeepidemie verschont geblieben ist, hat das Städtphysikat für Linz die Anzeigepflicht, wie sie für die anderen Infektionskrankheiten besteht, auch auf Grippe ausgedehnt, d. h. es haben die Aerzte sowie die Leitungen der Krankenanstalten alle ihnen zur Kenntnis gelangenden Fälle von Grippeerkrankungcn sofort dem Magistrat anzuzelgen. Mattenievldemle 1» kuglmis. London, 21. Jänner. In England und Wales wurdm in der letzten Woche nicht weniger als 675 Fälle von Blattern gemeldet. Die Fälle sind im allgemeinen m i l d e r N a t u r. Sie Achav Haam-Tedenkfeler ln Men. Am Dienstag findet die Traucrkundg-bung des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich zum Tode Achad Haams statt. Die Feier wird in den Olympiasälen. 1. Bezirk, Nothgasse, cLigchalten und beginnt um A8 Uhr abends. Das Programm umfaßt: 1. Kammerorchister der Hakoah: Händl: Largo (Dirigent Walter Hahn). . 2. Einleitende Worte: Dr. David Nothblum (hebräisch). 3. Gedenkrede: Dozent Dr. Harry Torezyner (Berlin). 4. Kammerorchester der Hakoah: Mozart: Maurisch? Trauermusik (Dirigent Wal-ter Hahn). Karten 'sind > im Sekretariat des Zionifttschen Land-:skomit:es, 1. V.'zirk, Kärnlnerstraße 26, erhältlich. (Telephon Nr. 77-4-65, 77-4-89.) Ehrung Johann Kremenetzktzs. Anläßlich des 2üjähr.g.n Jubrrä^mS d.s jüdi,cM Nationalfonds. Das Präsidium des Keren Kajemeth in' Oesterreich hat anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Fonds beschlossen, eine großzügige Ehrung Johann Kreinenchlys durchzuführ-n,, dessen Name mit dem jüdischen Bodellfonds für alle Zsiiün verknüpft b.'eiicn wird. Es wurde zu diesem Zwecke ein Ehrenkomitee gebildet, dessen Präsidium aus folgenden Herren besteht: Adolf Böhm, Präsident der Landeskommission des Keeen Kajemeth; Dr. Leo Gold Hamm er, Präsident der Zionistischen Ormnffe im Ocsttrcttchs; Direktor Sigmund 22. Jänner 1227 €«ffe 8 Kleiderhaus JVeinricft Weinbettter 1. 3te*ltü, lün«cnteailc Jtt. 0 . $wnoMnfrJin*u& & IOO'— Frack- und SmokIng*Le»lmn statt Epler, geschästsführerld^r Prüs.dent des Keren Hajessod; Dr. Karl Pollak; Dr. David R o t h b l u m, Vizepräsident des Keren Kajemeth; die Herren Obcrsinanzrat Dr. Hugo Benedikt und Dr. Chaim Tartakower wurde» zu Sekretären bestellt. Das Ehrenkomitee beschloß, eine einmalige Keren Kajemeth-lMarke mit dem Bude Kremenetzkys hexauszugÄen, ferner einen Hain auf den Namen Kremenetziys in Erez Israel zu stiften und den Gefeierten fünffach ins Goldene Buch des Kcren Kajemeth einzutragen. Keine Spur von dem verschwundenen Platz- Vertreter. Trotz der umsangrecchen Ergebungen der. Polizei ist es noch immer nicht gelungen, das Verbleiben des vrrsch.oundenen 27jährigen Platzverlrete.s Eduard Stricker aufzullärcn. Die Angclcgeichett ist i.n Gegenteil noch mysteriöser geworden. Die Braut des Verschwundenen gab bei der Polizei an, daß ihr Bräutigam die Zeit von SamStag auf Sonntag bei ihr zu verbringen pflegte. Diesmal sei er aber nicht gekommen. Das Sichcrhcitsbur.au hat sich mit dem Kapitän und dem Steuermann des jugoslarvischen Schiffes von Wien aus ins Einvernehmen gesetzt, und die beiden Schiffsleute geben an, daß Stricker tatsächlich auf ihrem Schiff war, dieses jedoch um 7 Uhr abend wieder verlassen habe. Man nahm nun an, daß dem jungen Mann ein Unglück zugestoßen sei, da das jugoslarvische Schiss einen schmalen Steg hat, der keine Sichrrheitsvorkehrungen austoeist, wodurch es möglich erscheint, daß Stricker beim Verlassen des Schiffes ins Wasser gefallen sein könne. Diese Annahme scheint aber durch eine andere Aussage wieder hinfällig zu werden. Der Steuermann O e h l e r, der auf einem im Wiener Hafen ständig statt märenden Schlepper beschäftigt ist, gab nämlich bei der Polizei an, daß er den Verschwundenen am Sonntag vormittag noch ge" sehen habe. Er habe damals die Fahne auf seinem Schiff gehißt. HieÜtt sah er Stricker, den er kannte und der ihn auch grüßte. Stricker hat angeblich ein Paket getragen und sich in der Richtung des Fruchtplatzes entfernt. Die Polizei ist weiter bemüht, Licht in das rnysteriöse Verschwinden Strickers zu bringen, der auch Student der Philosophie mtb der Staatswissenschasten ist. Sich selbst gelSpst. In einem Wald in der Nähe von Slmbersk wurde vor einiger Zeir die kopflose Leiche eines gemütskranken, ehemaligen Rechtsanwaltes namens Lapsaß gefunden, der in seiner Nervenzerrütterung einen eigenartigen Selbstmord begangen hatte. Er hat sich selbst geköpft, und zu diesem Zwecke zwischen zwei Bäumen ein richtiges Fallbeil errichtet, mit dem er mit eigener Hand die Hinrichtung an sich vollzog. Er ist sehr sorgfältig zu Werke gegangen, denn er hat offenbar vor der Ausführung seiner Tat niehrere Proben gemacht, durch die er eine sachgemäße Durchführung seiner Absichten ziclbewußt vorbereitete. Auf den Block, auf dem er seinen Kops legte, hat er ganz genau mit R o t st i f t die Stelle bezeichnet, wo er das Kinn hinlegen mußte, damit das Fallbeil beim Herabstürzen den Hals treffe. Auch sah man an Spuren auf dem Erdboden, daß der Block mehrfach verrückt worden war. Grdrije. (Dem Buche von I. Babel: „Budjonnys Reiterarmee", welches wir bereits gewürdigt haben, mit Erlaubnis des Verlags Mcckik, Berlin, entnommen.) , Am SaibbatccheN'd bedMckt mich immer wieder dichte Trauer der Erinnerungen. An diesen Abenden beugte sich einst mein Großvater mit seinem weiß-gelben Bart tk>f über die Bücher Jbn-Esra, und meine Großmutter in ihrem Dpitzenhäubchen machte mit ihren knoch'gen Fingern seltsame Bewegungen über den Sabbatkerzen und weinte süß. An diesen Abenden schwankte mein Kinderherz wie ein Schifflein awf verzauberten W llen. Oh. ihr vermoderten Talmudbücher meiner Kindheit! Oh. tiefe Trauer der Erinnerungen! Ich irre in Schitomir umher und suche den schüchternen Stern. An der alten Synagoge, an ihren gelben, gleichgültigen Mauern verkaufen alte Juden Kreide, Waschblaus und Lunten — Juden mit Bärten, wie die Propheten, mit Lumpen auf der leidenschaftlichen, eingefallenen Brust. . . Da lügt vor mir der Markt und der Tod des Marktes. Die stst-te Se?le des Ueberflusses ist tot, stumme Schlösser hängen an den Türen der Läden, und d:r Granit der Straße ist glatt wie der Schädel eines Toten. Der schüchterne Stern — er blinkt und erlischt... Der Erfolg kam später, der Erfolg kam kurz vor Sonnenuntergang: der Laden Ecdabjes lag versteckt zwischen den stst versperrten Geschäften. Dickens, wo war an diesem Abend drin gütiger Schatten? Du hättest diesem Trödlerladen vergoldete Schuhe und Schiffstaue gefunden, einen alten Kompaß und einen ausgestopften Ad-I'sr, ein Jagdgewehr mit der eingeavierten Jahreszahl 1810 und eine zerschlagene Kasserolle. Gedalje — der kleine Ladenbesitzer mit der rauchgrauen Brille und dem grünen, bis zum Fußboden reichenden Gehrock, sch.eitet in der rosafarbenen Leere des Abends seine Schätze ab. Er reibt seine weißen Händchen, er zupft an seinem grauen Bart und lauscht gesenkten Kopses aufmerksam unsichtbaren Stimmen, die ihn httmsuch-en. Dieser Kaufladen steht aus wie die Schachtel eines wicht'gtu enden und wißbegierigen Knaben, dem es beschieden ist. später einmal Professor der Botanik zu werden. In diesem Laden sind auch Knöpfe zu finden und ein toter Schmetterling —, sein kleiner Herr heißt Gedalje. Alle halben den Markt schon verlassen, nur Gedalje ist noch da. Er kreist in einem Labyrinth von Glotzen, Totenmasken und verwelkten Blumen, er fächttt mit einem bunten Besen aus Hahnenfedern und bläst von den toten Blumen den Staub weg. Wir sitzen auf Bierfässern. Gedalje rollt seinen schmalen Bart zusammen und breitet ihn wieder auseinander. Sein Zylinder schwankt über uns wie ein schwarzes Türmchen. Warme Luft strömt an uns vorbei. Der Himmel verändert seine Farben: zartes Blut rinnt aus der umgeworfenen Flasche dort oben. Ein leichter Moderduff umgibt mich. Revolution? Nun gut, fegen wir ihr Ja, der Revolution: werden wir ab»er dann dem Sabbat Nein sagen?" So beginnt Gedalje und umschnürt mich mit dem Blick seiner rüuclgpüuM Mgsn. ,.Ja. rufe ich der RDolntivn zu, ja, rufe ich ihr zu. aber sie versteckt sich , vor mir und macht sich nur durch Schießen bemerkbar.. „Die Sonne dringt nicht durch verschlossene Augen,", antworte ich dem Alten, „aber wir werden die verschlossenen Augen aufreißen . . ." . „Der Pole hak mir die Augen verschlossen," flüstert kaum hörbar der Alte, „der Pols, der böse Hund! Er nimmt den Juden und reißt ihm den Bart aus. ach, der Hund! Und nun wird er geschlagen, der böse Hun-d! Das ist bewundernswert! Das ist die Revolution! Und später kommt sie zu mir, die den Polen Jeschlagen hat, und sagt: ,Gib dein Grammophon dafür her, Gedalje!' Ich liebe die Musik, Panje', antworte ich der Revolution-. -Du weißt nicht, was du liebst, Gedalje; ich werde auf dich schießen, und dann wirst du wissen, was du li'.'bst. und ich muß schießen, Gedalje, denn ich bin die Revolution' . .." ,/Sie muß schießen, Gedalje." unterbreche.ich den Alten/ ,,denn sie ist die Revolution!" ,Mer der Pole hat geschossen, mein zärtlicher Panje. weil er Konterrevolution ist. Ihr schießt, weil ihr Revolution seid. Nun, die Revolution ist doch ein Vergnügen, und ein Vergnügen duldet keine Waisen im Hause! Ein guter Mensch tut gute Dinge. Die Revolution ist eine gute Sache der guten Menschen. Aber gute Menschen töten nicht. Also macken böse Menschen die Rrvolution. Aber auch die Polen sind böse Menschen. Wer ailjo wird Gedalje sagen, wo Revolution ist und wo Konterrevolution? Einst habe ich den Talmud studiert, und ich liebe die Kommentare von Rasch! und die Schriften des Maimonides. Und in Schitomir leben noch andere wissende L-ute. Und wir alle, wir wissenden Leute alle, wir werfen uns mit dem Gesicht zu Bod" » und schreien aus voller Kehle: Wehe uns, wo bleibt t * Me Revolution?"

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