Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2837 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mm, FveAch Sk. Mnner IM Kr. 8837 WiEv MorsenMmrg Wien, 21. Jännu. Das Weiter. Gestern gab es in ganz Oesterreich Niederschläge, teils als Regen» teils als Schnee. Die Vorhersage lautet: Trüb, Niederschlüge, zunächst noch langsame Temperaturabnahme, Wind aus östlichen Richtungen. Tod durch Leuchtgas. Gestern vormittags ivurde die 33iährige Ingenieursgattin Martha Schwa rzin ihrer Wohnung in der Seidengasse» von ihrem Gatten in der mit Leuchtgas erfüllten Küche leblos aufgefundcn. Ob Unfall vorliegt» ist noch nicht ststgesteNt. Todesfall. Unter großer Beteiligung wurde gestern Herr Adolf K n o p f zu Grabe getragen. Der Tahmgeschiedene. der dem Vorstände der Misrachi angehörte, war auch Vorstandsmitglied und Tempelvorsteher im Leopoldstadter Tempelverein, 2. Bez., Dazmanitengasse 6. An der Bahre würdigte Herr Rabbiner Dr. S. Funk seine besonderen Verdienste um den Verein und seine Bibelschule. Hierauf nahm Herr S. Seemann im Namen seiner Vorstandskollegen mit rührenden Worten Abschied. Herr KulturratBauminger, der in Vertretung des Misrachi erschienen war, würdigte die Tätigkeit des Verblichenen für den Misrachi. Die Kantoralfunktion versah in erhebender Weise Oberkantor Müller. Nordanschlag auf offener Straße. Der 29jährige Markthelfer Eduard Weber unterhielt mit der 25jährigen Karoline Mandutz ein Liebesverhältnis, das jedoch in Brüche ging. Das Mädchen lebt zurzeit mit dem 31jahrigen Metalldrucker Robert Stork in gemeinsamem Haushalt. Vorgestern traf Weber den Stork in der Geibelgasse und geriet mit ihm wegen der Nebenbuhlerschaft in einen Wortwechsel. Plötzlich gab Weber gus einer Pistole einen Schuß auf Ätork ab, ohne ihn jedoch zu treffen. Weber wurde festgenommon. Mn junger Betrüger. Mittwoch wurde der IlVrjährige Eintänzer Siegfried S. verhaftet, wert er nach einem alten Gaunertrick verschiedenen Kaufhäusern in der Inneren Stadt, Koffer und andere Waren entlockt hatte. S. gab sich fälschlich als Sohn eines Prokuristen der Kreditanstalt aus, um so seine Betrügereien leichter durchführen zu können. Er fuhr bei seinen Betrügereien mit einem Auto bei den Geschäften vor. Dem Chauffeur kamen die vielen Koffer verdächtig vor und er führte den Fahrgast zur Polizei, wo die Verhaftung erfolgte. S. ist vor etwa einer Woche aus seinem Elternhaus in der Brigittenau verschwunden. Eine brennende Petroleumlampe nachgeworfen. Sonntag abends ist in der Wohnung des Stadtarbeiters Simon Weibl ein Brand ausgebrochen, durch den dessen Gattin den Tod fand. Weibl gestand, daß er der Frau die betrunken war, die brennende Petroleums bmmpcl nachgeworfen habe. Ihre Kleider fingen Feuer, das er mit den Händen löschte. Die Frau legte sich sodann auf den Diwan in der Küche und er begab sich zu Bett. Durch starken Brandgeruch erwacht, merkte er daß das Feuer weiter geschwelt habe und die Frau im Rauch erstickt sei. ' Eine Kundgebung der Obdachlosen. Das Aktionskomitee der Obdachlosen Wiens berief für gestern nachmittags in dem Theatersaal der Schelletauer Bierhalle im 10. Bezirk eine Versammlung der Obdachlosen der Äshle, Wärmestuben und Massenquartiere ein. Es waren über 400 Frauen und Männer erschienen. Obmann Kork hielt ein ausführliches Referat in welchem er die Leiden der Obdachlosen schilderte. Im städtischen Asyl, in den Wärmestuben und in ven Massenquattieren werden die Obdachlosen ärger wie in einem Gefängnis behandelt. Eine der wichtigsten Forderungen welche die Obdachlosen stellen sei, die, daß das Wohnungsanforderungs- 0 wieder Geltung erhalte. Vom Bunde müsse verwerden, daß er ebenfalls Wohnungsbauten aufführen lasse. An die Gemeinde Wien seien folgende Forderungen zu stellen: 1. Schaffung einer würdigen Unterkunft für Obdachlose. 2. Sofottige Beseitigung der unhaltbaren Zustande in den Wärmestuben und Asylen. 3. Es soll zwischen dem nichtzuständigen und dem zuständigen Obdachlosen kein Unterschied gemacht werden. Ferner sollen für die Obdachlosen Tages- und Lesehallen geschaffen werden, damit sie sich untertags dott aufhalten können und nicht bei schlechtem Wetter im Freien herumgehen müssen. Jene Obdachlosen, die zugleich arbeitslos sind, sollen u nentgeltlich ausgespeist werden. Die Elektrifizierung der Strecke Feldkirch—Bregenz. Wie die „Innsbrucker Nachrichten" aus Bregenz melden ist die Elektrifizierung der Strecke Feldkirch—Bregenz nunmehr so weit vorgeschritten, daß in etwa drei Wochen die Strecke unter Spannung gesetzt und mit den Probefahrten begonnen werden dürste. Mit der Aufnahme des elektrischen Betriebes kann für Februar oder Anfang März gerechnet werden. Während der Operation gestorben. Aus Budapest wird gemeldet: Der Vorstand der gynäkologischen Klinik, Universitätsprofessor Dr. Paul Kubintzi, führte heute nachmittags im Operationssaal der Klinik einen chirurgischen Eingriff an einer Patientin aus. Plötzlich entfiel dem Professor das Messer, mit dem er an der Patientin arbeitete, er taumelte und sank im nächsten Augenblick leblos zusammen. Die Assistenten des Professors trugen Professor Kubinhi ins Nebenzimmer, wo sie nur noch den Tod des Professors feststellen konnten. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende bereitet. Die Assistenten eilten darauf in den Operationssaal zurückwo sie die Operation an der narkotisierten Patientin fortsetzten. Die Defraudanten der Bndapester Kommerzialbank ln Kairo verhaftet. Aus Budapest wird gemeldet: Die Polizei erhielt heute abends ein Telegramm aus Kairo, worin mitgeteill wird, daß die beiden Defraudanten der Poster Kommerzialbant, Franz Pekary und Karl Rethh, dort verhaftet worden sind. Es wurden insgesamt nur 900 Pengö bei ihnen gefunden. Der jugoslawische Zionistenverband. Die Leitung des jugoslawischen Zionistenderbandes hat beschlossen, für den 6. Februar nach Vinkovei eine Tagung des Berbandsausschusses einzuberufen. Auf. der. Tagesordnung stehen nebst organisatorischerl Fragen die Durchführung der Schlußaktion für die jugostaMche Euhialuzsitedlung in Djedda sowie die Frage der Zusammenarbeit mit den Landesverbänden in Bulgarien > "d Griechenland. (6. Fortsetz»Ng.) Copyrtgth by Georg Müller Verlag A. München 1927. Die fremden Jahre. £inc Mtßiidtectke -Cegende von £mif USetnAavil €oAn. Reb Eilje sitzt lange mit geschlossenen Llugen mtb lauscht. Wie er sie endlich auftut, muß er sie sich reiben, denn alles ist verschwunden, und er sitzt in seiner Stube dem armen Schmelke gegenüber/ der ihn mit trüben Augen anglvtzt, wie er sv aus seiner Vergessenheit erwacht. Es ist Abend, die Kerze flackert, die Bücher liegen.offen tmb die Buchstaben tanzen vor seinen Augen. Wie er nun den Bocher so erbärmlich vor sich sitzen sieht, steigt ein Schmerz in ihm hoch, und er spricht zu sich selber: „Das also Hütte er lvertar können, wenn sie sein Weib geworden wäre, wie es ihre Bestimmung war. Ich dachte bisher, ich hätte cs nur den. Toten .genommen, und Ziehe, nun nahm ich es auch tat Lebenden. Haut um Haut, so muß ich mich den Lebendelt wiedergebcn, was ich den Lebenden nahm." Am andern Morgen steht Reb Eilst auf, geht umher und sammelt Gelder und gründet eilt Lehrhaus, wo fromme Jünglinge sich zur Thora vererren. Er läßt sie in seinem Hause als seine Söhne wohnen, speist sie von seinem Tische und lernt mit ihnen. Jßorn Morgen bis zum Mittag lernt er mit ihnen und bringt so zunt erstenittal tvieder die Nacht zum Tage. Denn, sagt er, lticht nur die Dotelt, auch die Lebenden haben eilt Recht auf meinen Tag. So untgibt er sich mit lernender Jttgend, Schmelke, tat Bocher, aber setzt er über sic. und pflegt ihn besonders, so ntürrisch der auch bleibt und sich absondert voll der Schar der fröhlichen Lerner. Am Nachmittag aber pflegt Reb Eilje hinauszugehen, sürgt mit den Kindern, wenn er über die Gasse kommt, lnacht arme Bräute glücklich und ist ein Vater der Witlvclk und Waisen, so daß'sein Name groß wird im Lande.. Er wandert auch, weiter hinaus in die Wälder, liebt cs, den Vögeln zn Mauschelt und sich von "Herzen zu freuen an der Welt. Manche Mutter aber geht vorüber ant Lehrhatts, lauscht der Stimme der Lernenden.und ist stolz, wenn sie die Stimme des Sohnes dazwischen-hört. Dann fragt sie sich im Herzen, wie nur eine jüdische Mutter fragen kann: „Was sagt tvohl der Row zu meinen! Jültgel?" — < Wieder vergeht einige Zeit, da wird der Row einmal zur Slicheszeit durch einen schweren Hammerschlag mt seiner Tür, geweckt. ■ Es ist Nacht, er wagt, nicht das Fenster zu öffnen, sondern steigt im Dunkeln die Stiege hinab und öffnet die Tür: liegt da ein Mensch auf seiner Schwelle und rührt sich nicht. Reb Eilje rüttelt ihn, er rührt sich nicht. Herr der Welt, es ist der Schulklopfer, der tot zn seinen Füßen liegt. Reb Ei.'je lveckt den Bocher, der kommt mit der Kerze, nnd sie lcuchteit tau Tölen ins Gesicht. Seine Züge sind aufgeduttsen ultd ein widriger Geruch geht von ihm alls. Der Alte war gaitz tau Trünke verfallen, mm hat ihn der Schlag gerührt, und er schlug vornt Sterben noch cinntal mit aller Macht an Reb Eiljes Tür — flirten einzigen Schlag. Wie nun Reb Eilje starr vor dcnt Toten fleht tmd auf ihn uitd beit über ihm knienden armen Bocher herab-- blickt, wird er sich dessen, was er sieht, wie einer furchtbaren Schuld bewußt. Er weiß, daß der Alte nie ein Trinker itttb der Bocher nie so welk. geworden, wäre, wäre hie nicht für ihli, den ewig jungen Eilje Sußmann gestorben. Er weiß auch, sie wäre nimnicr für ihn.gestorben, wenn er sie nicht so hart gescholten hätte. Aber indent dieser Gedanke seine Seele zu füllen beginnt, indem ihm die Brust arbeitet, diesen eisernen Reisen zu sprengen, -drer sein We'-n umspannt, steigt unmerklich, mit stiller aber sicherer Gewalt das Gefühl in ihm auf: „Ich lebe! Diese Schuld, mag es mit ihr sein, wie es wolle, ist mein Leben. Ich lebe, ja/ich lebe mein Leben!" Wie sie mm tat alten Schulllopfer begraben haben, ultd er von dent. schweren Wege heim/elehrt ist in feilt Haus, sieht er mit einem Male die Welt mit anderem Blicken an. i Eben noch lvar er sich c/S ein Doppelter gespenstisch vvrgekomnten,' eben noch hat er, frenldes Wesen in sich fühlend, nicht gewagt, an sich und seilt cigenes Leben zu glauben, scheint sich ihm je!)t wie aus ein Zauberwort die ganze Berstrickultg zu entwirren, und indent ihm das, lvas ihm Schuld schien, zur süßen Rene wird, nimmt eine tiefe Liebe zu dem Andenken Chane Mirels von seiner Seele Besitz, Er beginnt in ihr hie geheimnisvolle Führenn zu sehen, die ihn durch ihr großes LebenSopfcr den wahren Weg gewiesen. Jeden Morgen und jeden Abend fleht er zn ihrer heiligen Seele, nicht mehr seines Scheltens zu gedenken von jenem Tage, jeden Abend' und jeden Morgen sieht er zn ihr, sich seiner Seele zu vermäheu, auf daß ihm auch eine? Weibes Seele walle in feiner Brust: Denn das sei der Weg. Und siehe da, Reb Eilje wird ein anderer. ■ (Fortsetzung folgt.) | JBBMSOIE WEET 3 Gedenkfeiern für Achad Haa». Ae MmMNmg ve» zwWWe» Santtesfamltees fite Ststmel«. Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich veranstaltet am Dienstag, den 25. Jänner, um halb 8 Uhr abends in den Olympia^välen, 1. Bez., Rothgasse, eine Trauerkundgebung anläßlich des Ablebens Achad Haams mit folgendem Programm: 1. Kammerorchester der Hakoah; 2. Gedenkrede Dr. David Rothblum (hebräisch); 3. Gedenkrede Dozent Dr. Harry Torczyner, Berlin (deutsch); 4. Kammerorchester der Hakoah. — Karten sind im Sekretariat des Zionistischen Landeskomitees, 1. Bezirk, Kärntnerstraße 28, erhältlich (Telephon 77-4-85 und 77-4-80.) klne Kundgebung ln Ezernowltz. Wie man uns aus Czernowitz schreibt, hat dort am 13. Jänner im jüdischen Nationalhaus eine imposante Kundgebung der-Trauer um Achad-Hamm stattgefunden. Den Vorsitz führte der . Präsident der „Sasa Jvria" Dr. Josef Vierer. Die Gedenkrede hielt Zn hebräischer Sprache Oberrabbiner Dr. Mraham M a t k, dessen Ausführungen mit größter Aufmerksamkeit angehört wurden. Er sagte 7m .a.: „Der. jüdische Prophet ist nach Achad Haam der Fahnenträger des wahren' jüdischen Geistes. Der Grundgedanke des Propheten und somit auch des .jüdischen Geistes ist die Herrschaft der absoluten Gerechtigkeit in der ganzen Schöpfung. Das Ideal des Propheten sollte das Ideal des ganzen jüdischen Volkes werden. Achad Haams Bchreben war, wiederum den jüdischen Geist zu wecken, wtederum ein Volk der Propheten zu schaffen. So ermahnte Achad Haam fortwährend sein Volk, bis seine Feder seinen Händen entsank, bis sein Mund, der Perlen hervorbrachte, für immer verstummte, bis seine offenen Augen, denen nichts entging, sich für immer schlossen, bis sein gutes Herz, das -so warm schlug für sein Volk, für sein Land und seinen Geist, zu schlagen aufhörte.. Dev Vizepräsident der Zionisti.'chen Landes organisation Dr. Theodor Weiße!berger - Würdigte in-deutschsr Sprache die Bedeutung Achad Haams» LrauervermMungen in Holland. Die-zionistische Studentenschaft Holend? hielt, wie die I. T A aus Amsterdam meldet, am 17. Jänner eine Gedenkfeier ab, in der Herr Nehemia de Lieme Wen Achad Haams Leben und Werk und seine Verdienste um! das Wiederaufleben der hebräischen Sprache referierte. Auch der Klub der Ostjuden ..Zickwon Herzl" zu Anlsterdam hie t eia' G.'den feie.- a'>. So che F terit wurden tu «lengrößeren Städten Hollands veranstaltet. Die Gebenlseler ln Salzburg. Aus Salzburg wird uns geschrieben: Am 17. d M. hat die zionistische Ortsgruppe eine Gedenlseier füv Achad Haam abgehalten. Der Obmann der Ortsgruppe, Herr Josef Schön Horn, schilderte iit seiner eindrucksvollen Gedenkrede das Leben und Wirken Achad HaamS mid hob hervor, daß dieser nach langer Pause wieder Lee erste'Prophet des bewußten Judentums war. Seine Sehnsucht nach Erez Israel verglich er mit der Jehuda Halevys und schloß seine Ausführungen mit der Aufforderung, unsere Jugend in seinem Geiste zu erziehen. Hierauf las .Herr- Walter Schwarz aus den Werken Achad Haams. Sjne mißlungene I-'nunzlation. Nudersüchung im jüdischen Spital in Ez-tiwwih. Man schreibt uns aus Cernowitz: Am 12. Jänner vormittags wurde das jüdische Spital von Pvlizeiorganen besetzt, und eine Kommission erschien bet dem amtierenden Direktor Dr. Ohrnstein mit dem Verlangen, daß er sich gegen zwei Beschuldigungen rechtfertige: daß das jüdische Spital christliche Patienten aufnehme und daß im Spital verbotene Eingriffe gegen das keimende Leben vorgeuommcn werden. Offenbar handelte es sich um eine Denunziation. Direktor Dr. Ohrnftciu erklärte, daß gemäß der jüdischen Tradition kein Unterschied zwischen leidenden Menschen gemacht werden dürfe. Bezüglich der zweiten Beschuldigung legte er die Spitalsakten vor, welche die Unwahrheit der Behauptung sofort erwiesen. Die Kommission nahm sodann eine Revision bd Spitals vor. und stellte die. tadellose Betriebsführung W. Da sie aus dem Verbot der Ausnahme christlicher DM,