Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2837 (21.1.1927)
- Date
- 1927-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Ne. 2837 Wiener Morgenzettrms sSl. JüNMr 1927 Seite S Wien, Freitag Tagesbericht. Sie Grippe. Gin dritter Srlppedericht des Mkerdundes. Genf, 20. Jänner. Der dritte Grjpprbericht des Völkerbundes zeigt eine weitere Ausdehnung der Grippe, die jetzt auch iu den Bereinigten Staaten aufgetreten ist. Italien und Oesterreich hav:n ge" meldet, daß sic bislang von der Grippe verschont geblieben sind. . Mesfiiüe in Bayer«. Ätünchru, 20. Jauner. In Günzenhausen sind jetzt die ersten Grippe-Todesfälle in Bayern zu verzeichnen. Es handelt sich um zwei schwere Kopfgrippefälle. Aus S ch w c i n f u r t we.d >n zahlreiche Erkrankungen au Grippe gemeldet. In München nimmt die Grippe einen gutartigen Verlauf. Entdeck« eines GrWeseruuis? Aus Budapest wird gcmeld-t: Wie aus Fünfkirchen berichtet wird, hat Prof.ssor Dr. Fenyvessy der dortigen medizinische Fakultät Besuche m't einmr neuen Serum gegen Grippe gemacht, das sich gut bewährt haben soll. Der Gelehrte hat bereits hundert Personen iudt dem Serum behandelt und hält die E.g b- Nisse für erfolgversprechend. Es unterscheidet sich wesentlich von den bisher bekannten englischen und französischen Sera. SWekiui» »er Wiener AerellMlsche» Mdemle wesen SchMachepilemie. Mitte vorigen Monats c.krankte ein Schüler . der Theresianischen Akademie an Scharlach; in den nächsten Tagen erkrankten neuerlich zwri Schüler und während d.r Neujahrsferien drei Schüler ebenfalls an Scharlach. Da nach Wiederaufnahme des S.bulünterrich'es nacheinander abermals zwei Zöglinge an Scharlach erkranltrn, wurde nunmehr die Anstalt vorläufig auf 14 Tage gesperrt. Kopsschmerzen. Gerade in dieser Jahreszeit der Grippe wird hä-ustg über Kopfschmerzen geklagt. Pflegen doch die Erkältungskrankheiten, die in der feuchtkalten Periode an Ter Tagesordnung' sind, zumeist von Kcpfschmerzen eingelcktel und begleitet zu werden. Schnupfen, Mandelentzündung. Katarrhe der Bronchien und ’ dergleichen gehen gewöhnlich mit Temperaturerhöhungen einher, die — wie Fieber über-- Haupt fast stets mit Kopfschmerz verbunden sind. Aber Kopfschmerzen können auch auf viele .andere' Ursachen .zurüFzuführen sein und je nachdem Äno ernstere oder harmlosere Bedeutung besitzen. So kann langanhaltend-er Kopfschmerz die Folge von Katarrhen oder Eiterungen in den Nebenhöhlen der Nase wie im Mittclohre sein. Bis zur Unerträglichkeit vermögen sich Kopfschmerzen bei GeschnMsten uird Mszcssen iun Gehirn zu steigern. Uebermäßiger Genuß. von Mchol, Nikotin und Kaffee haben ebenso wie „innere" Vergiftungen bei Zucker- oder Niierenleiden peinigende Kopfschmerzen im Gefolge. Nicht selten ' tritt ein dumpfer Kopfschmerz bei Blutarmut und anlterseits bei der Arterienverkalkung auf, im letzteren Falle gewöhnlich ein Zeichen, daß die VerkaDang an den Gefäßen des Gehirnes vorgeschritten ist. Auch Herzfehler, bei denen die Herzkraft zu versagen droht, führen oft infolge Bludstamutg im Gehirn zu quälenden Kopfschmerzen. Zahlreiche andere Ortzanleiden, ivie Erkrankungen des Magens und des Darmes — hier vor allem die Verstopfung — sind vielfach von Kopfschmerzen begleitet. Augenstörungen — Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit, Astigmatismus, Tragen unpassender Gläser bilden gerade bei Schulkindern, aber auch bei Erwachsenen, nicht selten die Ursache von Kopfschmerzen. Mer wohl ren höchsten Prozentsatz stellt der nervöse Kopfschmerz dar — als Zeichen einer allgemeinen Neurasthenie oder Hysterie oder auch als Symptom geistiger Ueberanstrengung. Es tritt zumeist als Kopfdruck auf — ein Gefühl, als üb der Kopf zusammengepreßt würde. Davon akyutrenneu.ist der auf Vererbung beruhende Kopffchmerz. der meist schon von Jugenid an besteht und sejnen Träger bis ins hohe Alter begleitet. Eine besondere Stellung nimmt der anfallweis auftretende Kopfschmerz bei Migräne ein. Pest in der Mongolei. Moskau, 20. Jänner. Aus Charbin wird gemeldet: In der Mongolei breitet sich die Pest trotz der von russischer Site ergriffenen Maßnahmen writer aus. Zwri neue russische und chinesisch: Aerzterxpeditionrn sind unterwegs. Die Universität von Nrwyork sendet auf eigene Rechnung eine Hilfsexpedition nach Ugra. Der Pest sind bisher 221 Menschen und über 4000 Tiere er- Sie Kohle wird billiger? Wenn die Effenbahnstr-rcke zwischen Polen und OestsrÄüich frei wird. Der zu Beginn der Vorwoche um 30 Groschen pro 100 Kilogramm hinaufgesetzte Achlenpreis soll, wie. wir erfahren.' in einigen Tagen wieder um denseDen Betrag herabgesetzt werden. Es handelt sich lediglich um den Zeitpunlkt, wann die Eisenbahnstrecke über Petrowitz, d. \ die kürzeste Verbindung zwischen Pülen und Oesterreich, die einige Zeit infolge Nangierarbeiten verstopft war, wieder frei wird. Sobald dieser Transportumweg beseitig! erscheint, will das Bundesministerium für Handel an die Großhändler wegen Herabsetzung des Preises herantreten. Die Erhöhung der Zollnebengebühren füll, wie es heißt, sich in dem KMenpreis nicht auswirken, so >daß der frühere Preis von 7 Schilling 80 Groschen für.100 Kilogramm schon in der nächsten Zeit Mieder in Geltung wird treten können. Die Vllüer gegen die Erhöhung des Mehl« rollr. In der gestrigen Versammlung des Verbandes der Bäckermeister Wiens kam die derzeit aktuelle Mehlzöllfrage zur Sprache. Dre Versammlung erklärte sich einstimmig gegen die geplante Erhöhung des Mehlzolles und beschloß, nachstehende Resolution an t-te Regierung zu richten: „Die heutig« Versammlung erhebt nachbrücklichst Protest gegen die. geplante abermalige Erhöhung der Mehlzölle; sie protestiert insbesondere dagegen, daß eine solche Erhöhung unter dem Titel einer Förderung der österreichischen Landwirtschaft erfolgt, die in Wahrheit nur dem Interesse e i n.i g e r G r o ß m ü h l e n dient und geeignet ist, die w i r tf ch a stli ch e Not zu st e i ge r n und den Preis «tes, unentbehrlichsten Lebensmittels zu erhöhen. Die Regierung wird dringendst ersucht, solchen Forderungen im Interesse der Mlgemeinheit entgegenzutreten." Mysteriöse« verschwinden eine» Firmen« Vertreter«. Seit vorigen Freitag ist der 27jcchrige Platzvertreter der Firma Oblaß u. Platz, Eduard Stricker, auf überaus mysteriöse Weise verschwunden. Stricker hat sich, wie festgestellr wurde, auf das bei der Stadlauer Brücke stationierende jugoslawische Schiff „Marko Kraljevic" begeben und ist seither verschwunden. Stricker stand mit dem Kapitän des genannten Schiffes in Verhandlungen wegen Verkaufes eines Sroffes für einen Anzug. Der Kapitän hatte Stricker für halb 3 Uhr nachmittags hinbestellt, dieser war auch hingegangen und mit rem Kapitän einig geworden. Wie Stricker später im Geschäft erzählte, sind bei dieser Gelegenheit auch drei Matrosen des Schiffes zu ihm gekommen und haben sich den Stoff besehen. Da er ihnen aber zu teuer war, bestellten sie Stricker nochmals für halb 7 Uhr abends. Stricker gin,; tatsächlich auf das Schiff, ist aber seither nicht mehr znrückgekehri. Das jugoslawische Schiff hat inzwischen Wien verlassen und ist nach Preßburg gefahren, wo es tergeit stationiert ist. Das Polizeikommissariat hat Preßburg angerufen. Der Kapitän des Schiffes gab die Auskunft, daß sich Stricker nicht auf seinem Schiffe befinde. Stricker hat rmr eine verwitwete Mutter, die er sehr gern hat, so daß es ganz ausgeschlossen erscheint, daß er seine Mutier nicht verständigt hatte, wenn er eine Reise beabsichtigte. Man muß daher einen Unfall öl er ein Verbrechen annehmen. Gestern haben sich Angehörige des Stricker in Begleitung von zllvei Kriminalbeamten nach Preßburg begeben, mm Ar.slllärung über das mysteriöse Verschwindcp Strickers zu erhalten. ’ * Verhaftung einer Milliardenveirvgers. Der 46jährige Geschäftsführer Josef Jurina hak feit Ende 'August v. I., ohne im Besitze irgendwelcher Barmittel zu sein, von verschiedenen Lieferanten Mehl und Liköre im Werte von insgesamt etwa 100.000 Schilling auf Kredit bezogen und sie größtenteils gleich nach Lieferung verpfändet und den Erlös für sich aufgebraucht. Er wurde verhaftet und dem. Landesgerichte eingeliefert. Schachmeister Savid ganowfli gestorben. Wie aus Paris gemeldet wird, ist an der französischen Riviera der bekannte Schachmeister David Janvwski gestorben. . Janowski, der im Jahre 1868 in dem Städtchen Wälkvwijsk im Gouvernement Grodnos geboren wurde, war, wie so viele Schachmatadore, J«de. Frühzeitig erregte er durch seine sachlichen Fähigkeilen Aufsehen und betrat, nachdem er nach Paris übersiedelt war, in jungen Jahren die . internationale Schacharena. Sein Aufstieg war glänzend und! in den internationalen Schachmeisterturnieren von zirka 1998s bis etwa 1910 gab es kaum eines, in dem Janowsti entweder den ersten Preis errang oder ivenigstens unter den ersten Preisträgern zu finden war. In zwei sehr stark besetzten^ Turnieren in Ostende wurde er in glänzendem Stil Ersteig .Die Turnierlaufbahn JanowstiZ, der das lebhafte Angriffs«, spiel der Stemitz-Anderssen-Schule bevorzugte, glich in mancher Beziehung der Lasters; diesen forderte, er auch zw einem Match heraus, iu dem er jedoch unterlag. In den! letzten Jahren hinderte fortschreitende Krankheit den Meister, an einer regeren Turni.rbe'.ei.'igung und auch in den T!uvnieren, an denen er in der letzten Zeit teilnahrn (Newyvrk, Moskau u. a.), konnte er nicht mehr seine volle Spielstärke! entfalten; doch lieferte er auch jetzt noch Glanzpartien, dio> sich auch der modernsten Schachthwrie anpaßten. New Natter Thea<erbrief. Habimah-Gastsp iel. — „Dybuk" als Marionettenposse. Juschkciwitschs neuestes Bühnenwerk. — Mali Prcons Mutterrolle. — Die ewige „Irish Rose". — Bon Gastspielen, Tourneen und Jubiläen. 9leUJ Dorf, 10. Jänner. Das Gastspiel der Moskauer „H a b i m a h"° hat begonnen. Mitten im brausenden Lärm des Broadway, im Gewirr englischer und jüdischer Dialekte und ihrer Unterhaltungsformen. wird jetzt von Thcaterleuten, die aus dem bolschewistischen Moskau kommen, modernes Stiltheatex gespielt, besser gesagt, zelebriert, ein Dheater, das irgendwie mit Nel'giosität verbunden und dessen Sprache das reine H.bräisch ist; Groteske der Anomalie jüdischen Lrbens'. Habimah hat bisher drei Werke ihres Repertoires gebracht, und zwar den ..Dybuk" in der Inszenierung von Wachtangow, Pinskis „Der ewige Jude" und „Jaakobs Traum", die dramatische Legende des Wiener Schriftstellers Beer-Hoffmann. Alles, was mit Dheater und Literatur zu tun hat, ist bei den Vorstellungen der Moskauer Künstler zu sehen, und ihr harmonisches Sti'ltheater 'findet uneingeschränkte Bewunderung; aber bisher hat das große Publikum noch nicht den Weg zu.Habimah gefunden; New Dort ist eine große Stadt, und es dauert geraume Zeit, bis Neues, besonders wenn es wen'ger auf die Sensation ausgemacht ist, wenn es bloß spricht und nicht schreit, sich durchsetzt. Inzwischen hat den „Dybuk", der dem New Norker Lhoatrrpublikum schon in zwei jiddischen und einer engsischeu Inszenierung bekannt wurde, seine Volkstümlichkeit auf die Persiflage-Bühne gebracht. Wir haben hier in New Uork eine parodistische Kleinkunstbühne, die zum Teil auch mit dem Marionettenstil arbeitet, und diese hat jetzt eine 'sehr lustige Persiflage: „Von Dybuk zuDybuk" in ihrem Repertoire, die den ,-Dybuk"-Lärm sanft verulkt. Es gibt dabei auch ein bißchen Satire, indem sich Vertreter verschiedener Religi-onen um das Vorrecht der „Dybuk"-Austreibung streiten. Leicht und amüsant gebracht, findet der Spaß Anklang, vorläufig lockt er das Publikum stärker als der wirkliche DY buk. In seinem neuen Haus hat Morris Schwartz die erste Novität herausgebracht. des russischen Dichters' Semjon I u s ch k e w i t s ch Tragikomödie „M ende! Spiwak". Der diesem Stück den Titel gibt, ist ein armer Jude mit frohem Sinn, der alles gelassen hinnimmt, was ihm Gott schickt; auch wie er seine ärmliche Stelle.als Spitalswächter verliert, bleibt er ruhig und findet seinen Trost darin, daß Gott seine lange kinderlose Ehe nunmehr gesegnet hat. Aber das Kind stirbt und da wird Mendel zum Rebellen; er hadert mit Gott, der — wie er sich ausdrllckt — seinen Spott mit ihm getricben. Hier biegt die auf ein heiteres FamiUenidyll gestellte Handlung ins Tragische ab. Sie findet keinen rechten Schluß und das Stück ist daher schwach. In der Inszenierung von Morris Schwartz wird das heiterkomische Idyll betont, die Tragik verliert sich fast völlig, insbesondere weil Morris Schwartz, der die Titelrolle spielt,; im entscheidenden tragischen Moment versagt. Das Publikum hält sich an den Komödienteil und geht mit. Außer mit diesem Stück bestreitet Morris Schwartz gegenwärtig sein Repertoire mit einer Reprise von Loonid Andrejews ,^ekaterina Iwanow n a", einem Schauspiel, welches sein Jüdisches Kunsttheater bereits vor sechs Jahren hn Repertoire hatte. In der männlichen Hauptrolle hat Paul B a r a - toff (Pen Zwi) wieder einmal (?''1 ' '>'^il gefunden, sein großes Können zu entfalte«- M a l i P i c o n in einer Mutterrolle ist die Sensation, die ich Ihnen schon in meinem vorigen Brie.f angeLü'ndigt habe; sie ist nun zur Wirklichkeit geworden. Cs ist natürlich keine wirkliche Mutterrolle, sondern nur eine metaphorische, die „der kleine Masyk" in dem neuen Singspiel „Mütterchen"'gibt. Sie spielt ein Waisenkind, das nach dem Tode der Mutter die Obsorge für seine kleinen Geschwister hat, das nach Aschenibrödel-Art geplagt und verachtet wird. Natürlich wird dann aus dem Aschenbrödel, wie im Märchen, ein prinzessinnenhastes Geschöpf und alles geht gut aus. Die neue Rolle der Mali Picon ist ein Triumph; ihre ausgesprochene Begabung für Charakterisierungskunst kommt zu voller Entfaltung, umsomehr, als das Stück diesmal weit sorgifältiger gearbeitet ist als die sonstigen Piconschen Rollenstläcktz. Das englische Dheater auf Broadway zehrt noch immer von b y s Irish Ros e". Dieses englisch- Mische Rührstück, das nun in New Jork allein weit mehr als 1000 Aufführungen erzielt hat, hat eine Flut von ähnlichen Stücken hervorgerufen. Jetzt gibt es unter anderem auch eine musikalische „Irish Rose". Jni Amsterdam-Theater wird nämlich eine jüdisch-musikal'ische Komödie in englischer Sprache mit dem Titel „Betsy" aufge-sührt, welche der,Irish Rose" Konkurrenz machen will und dies mit allerhand abgebrauchten Broadtvay-Spässen versucht. Sonst hat das englische Dheater auf Broadway nichts Bemerkenswertes zu bietey. Kehren wir daher wieder zum jüdischen Theater zurück. Dort gibt es jetzt eine neue Operette „Marg a r i ta", die ein neuer Komponist auf dem >N«w Norker Operettennwrkt, S. Sekunde, verfaßt hat. Sie unterschridet sich in nichts von den üblichen New Norker Overett i und wird von dem ausgezeichnetentKünstlerpaar Misch«, G ermann und Lucy G ermann getragen.