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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-20 · Heft 2836 (20.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2836 (20.1.1927)
Date
1927-01-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2886 Men, Donnerstag 26. Jänner 1987 JUDE ill$ KREUZ' Tagesbericht. Weshalb ich Pet.jura «morarlr. Eine Skizze vo» Schalom Schwarzbarth. Schalom Schwarzbart, der demnächst seine Tat vor dem französischen Gerichtshof zu verantworten haben toirfc, veröffentlicht in der Zeitschrift „Nmvarja Niwa" eine G.iz,ze» in welcher er die" Gründe anfüihrt. die ihn gezwungen haben, das Attentat zu verüben. E§ taucht oft die Frage auf, weshalb ich das Attentat gegen den Henstan Petljura verübt halbe. Die Motive ... gestatten Sie, daß ich Ihnen eline Episode aus lätiHift vergangener Zeit erzähle. Zur Zeit, als die Rote Armee den Kampf gegen die Grüne Armee deS Hetmans Petffura aufnahm, diente ich in der Roten Kavallerie. Wir operierten in dem Gouvernement Kiew. Gegen 10 Uhr früh trafen unsere Kolonnen in feie Ortschaft Grebllja ein. Als wir uns der Holtzbrücke näherten, die über einen kleinen Fluß geschlagen war, machte mich ein berittener Soldat aufmerlsam, daß etwa 200 Schritte vor uns» aus einer Hütte irgendein altes Weib in einem langen Kleid hevauslief und wie von Furien verfolgt, in einer Nachbarhütte, deren Fenster geschlossen war, verschwand. Der Fall kam mir verdächtig vor. Ich sprang vom Roß, näherte mich rer Hütte, versuchte die Tür zu offnen — Vergebens, sie war fest geschloffen... Ich Köpfte — keine Antwort... Ich rüttelte an ten Fenstern — «Schweigen... Da versuchte ich das letzte Mittel, ging zum Fenster und vief laut: „Fürchtet Euch nicht! Oeffnet die Türe... ich bin auch ein Jude!" Das half. Die Tlür wurde vorsichtig geöffnet, auf der Schwelltauchte eine alte Frau, ein gröffes Mütterchen, auf. Als sie den Soldaten mit dem Säbel an der Seite, den Karabiner hinter dem Rücken, einen Revolver in der Hand, sah — blieb sie entsetzt stehen und konnte vor Schreck kein Wort reden. Ich versuchte sie zu beruhigen. „Liebe Frau," sagte ich, „ich habe Sie schon von der Ferne bemerkt und fest-gestellt, daß hier Juden wohnen," „Utib ich dachte," erwiderte die Frau, „daß Petljura mit seinen grünen Banden gekommen sei, und wollte mich verstecken ... mein Leiben in Sicherheit bringen... Mite, treten Sie ein... Was stehen Sie da?" P—I III.. ■ ■ 11 IL ■■ ■!I|IH|,t,[HIII FÄogirllo. Von A. P. Tschechow. In einem gewöhnlichen Dreigespann, die Seitenwege benützend, strengstes Inkognito beobachtend, eilte Peter Pawlowitsch Posudin in das Kreisstädtchen N..., wohin ihn ein mumymes Schreiben berief. „Zugedeckt.... Wie mit Schnee am Kopfe..." sagte er in Gedankerr, das Gesicht im Kragen ciahüllend. „Haben Abscheulichkeiten angestelll, diese unflätigen Menschen, und triumphieren, denkend, daß ihnen niemand beikommen kann.... Cha-cha-cha... Ich stelle mir ihre Enttäuschung vor, wenn inmitten ihres Triumphes erschallen wird: ,Her mit diesem Gestickel!' Da wird's ein Durcheinander geben! Cha-cha.. Als Posudin des Nachdenkens müde war, ließ er sich mit dem Kutscher in ein Gespräch ein. Wie jeder nach Popularität hungernde Mensch, so fragte auch er vor allen Dingen über sich: „Und kennst du den Posudin?" — '„Warum dmn nicht?" lächelte der Kutscher. „Wir kennen ihn schon!" — „Und warum lachst du denn?" — „Kunststück! Jeden unbedeutenden Schireiber kennt man, da soll man den Posudin nicht kennen! Er ist doch zu dem Zwecke hierher versetzt worden, damit ihn alle kennen sollen!" „So ist es... Nun, was? Wie ist er, deiner Ansicht nach,? Gut?" „Es geht..." gähnte der Kutscher. „Ein guter Herr, versteht seine Sache. Es ist kaum zwei Jahre her, seitdem er hierher versetzt lvurde, und er hat schon sehr viel geleistet..." „WaS hat er denn Besonderes geleistet?" „Mel Gutes hat er getan. Gott gebe ihm Gesundheit. ES ist ihm gelungen, die Errichtung der Eisenbahn durch- Ich trat in die Hütte UNQ isach ein furchtbares BKdr einen zertrümmerten durchschossenen Spiegel, Möbel, feit« mit GewehrkoWen Mammen geschlagen waren, abgerissene Kiffen... In der Mitte des Zimmers tagen verschiedene Hausgeräte und in einer Ecke des Zimmers saß ein greiser, alter Jude in einem zerfetzten Kaftan, mit einem blaffen» eingefallenen Gesicht. Ueber seine schmalen Wangen flössen reichlich Tranen. DaS Zimmer, die hilflose alte Frau» die Tranen -es alten Juden drangen durch meinen Uttisvrmrock» fanden den Weg zu meinem Herzen... Einige Minuten später stand ich selbst an die Wand tcS Zimmers angelehnt und weinte, wie ein kleines Kind... „Weine nicht, mein Sohn... Die... die Petlirowsy können ans hören... Weshalb sollen Sie unsere Tränen sähen?" hörte ich die Stimme des Greises... Seine Warte beruhigten mich Nicht, im Gegenteil — die Tränen flössen noch reichlicher... Und plötzlich fühlt« ich, wie sich auf meine Schultern eine zarte Frauenhanid senkte, wie sie mich mütterlich liebkoste, wie sie mich zu ber. khigen wußte. Ich hörte zu weinen auf und darauf erzählten mir die beiden Alten furchtbare Einzelheiten Wer den Pogrom, feen Petljura and seine Banden >in der Ortschaft verübt hatten, wie die wehrlose Bevölkepung gemordet aus ausgeplündert wurde. Sie erzählten das mit ruhiger Stimme und dann sagte plötzlich der Greis: „Weshalb? Wofür? Waxum haben * Petljuva und seine grüne Bande uns so behandelt? Jahrelang haben wir friedlich mit der Bevölkerung Seite an Seite gelebt und plötzlich morgen und plündern sie uns aus. Morden auf Befehl Petljuras." Ich versuchte den alten Mann zu beruhigen. Denn verabschiedete ich mich, ging hinaus, bestieg mein Rotz, schlug cs m'it der NagEa, cs stürmte Vorlvärts und immer verfolgte mich die Stimme des Men: »Morden. Auf Befehl PetGuraS..." Da beschloß ich, gegen Petljura, der soviel Unglück über die ickvainischcn Juden gebracht hat, Rache zu üben und als er in Paris war. da hat iihn daS Schicksal ereilt. Ich habe den Mord der wehrlosen Opfer gerächt und trete mit ruhigem Gewissen vor meine Richter... zwischen Himmel und Hölle. In der „Bossischen Zeitung" erzählt Dr. Wolfgang Weisl folgende lustige Begebenheit, Schauplatz Jerusalem: Nächst Amerika handhabt die palästinensische Regierung am strengsten ihre Einwanderungsgesetze. Jetzt z. B. werden de facto nur »Kapitalisten" mit über 500 Pfund ins Land gelassen. Die Engländer glauben naiverweise, daß derartige Vorschriften wirkungsvoller sind als di« natürliche Regelung der Einwanderung durch die Lage des Arbeitsmarktes. Die Juden nehmen natürlich diese Gesetze nicht zur Kenntnis, jede Einschränkung der freien Einwanderung nach Palästina erscheint ihnen als Verletzung ihres selbstverständlichen unveräußerlichen Rechtes auf Rückkehr in ihr Land. „Läßt man uns nicht als Immigranten hinein, dann kommen wix als Touristen . . ." sagten sich Tausende, kamen „auf Besuch" nach Palästina und gingen nicht wieder weg. Bis die Engländer anfingen, auch den Touristen scharf auf die Brieftasche zu sehen. Da kam ein Genie in Danzig auf die gloriose Mee und ließ sich ein Visum vonDanzig nach Kamtschatka trqnsit via Palästina äusstellen, kam mit seinem Durchreisevisum in Palästina an und keines Jmmigrations-Officers sterbliches Auge sah ihn wieder. Etliche Monate vergehen. Hann kommt ein eisig ironischer Brief an die Zionistische Exekutive, Jerusalem: , . . höfliche Anfrage, ob her von Ihrem Palästinas Amt in Danzig empfohlene Herr % N. bereits nach Kamzusetzen, er hat EhochMkow aus unserem Kreise verjagt ... Es wollte mit diesem Chüchrjukow gar kein End« nehmen... Ein Schurke, ein Gauner, alle Früheren hielten ihm. die Stange, aber kaum, war Posudin gekommen, da verjagte er ihn zu allen Teufeln. Mit' einem Worte: er toar nicht mehr da... So, so, Bruderherz! Den Posudin kannst du nicht bestechen, .nein, nein! Kannst ihm aubieten > hundert, tausend,'sogar mehp,^ aber er wird sich nicht versündigen, nicht annehmen../' Nein, nein!" „Gott sei Dank, wenigstens hat <man mich von dieser Seite richtig begriffen," dachte Posudin frohlockend. „Das ist gut." i! „Ein gebildeter Herr..." 'fuhr der Kutscher fort, „nicht stolz. Als die Unsrigen zu ihm kamen, um sich zu beschweren, da empfing er sie wie Herrschaften, reichte Wem die Hand: ,Nehmen Sie,.bitte, Platz...? Er ist so heißblütig, so scharfsichtig... Eine ordentliche Redensart findet man bei ihm nicht, sondern immer Schnauben urü» Schnauben. Nicht einmal langsam ausschreiten kann er, sondern immer laufen und nachsinnen, laufen und nachsinnen! Die Unsrigen vermochten kaum ein Wort zu sagen, als er schon „Einspannen!" ausrief und... direkt hin. Nach der Ankunft ordnete er alles, sofort... nahm keine Kopeke... In manchen Fällen ist. er besser als sein Vorgänger! Allerdings war auch jener gut. So deutlich, wichtigtuend, im ganzen Gouvernement konnte kein Meysch. schallender reden als er. Wenn er irgendwohin zu fahren pflegte, konnte man es auf einer Entfernung von zehn Werst hören? wenn es sich aber um äußere Angelegenheiten oder dergleichen handelt, ist der jetzige manchmal flinker,.. Er hat mindestes hundert Prozent mehr Perstand im Schädel... Aber nur ein Unglück... Er ist für jeden gut, nur ein Malheur... Er ist ein Saufbold...!" „Da haben uür'Sl" dachte. Püfudiw S __ ar.'..’s» tschatka wettergereist ist. Ich bin, Sir, Ihr gehorsamer Diener ... Immigration Department." Die Zionistische Exekutive antwortet unschuldSvoll und postwendend: . . bedauern sehr, Ihre Anfrage Nicht beantworten zu können, da in Kamtschatka, kein Repräsentant der Zionistischen Exekutive ist." * Tags darauf diktiert der Immigrations-Sekretär der Zionistischen Exekutive einen Brief an das Immigration Department der Palästina-Regierung: „Wir bitten dringend um 10 Visa fiir Aden." (Aden — sprich engkifch: Eden.) Die deutsche St«:wtypistin tippt pünktlich: „Eden", das heißt bekanntlich Paradies und stcht im Gegensatz zur Hölle, auf englisch „hell". Die Engländer freuen sich diebisch und revanchieren sich prompt für die Mitteilung bezüglich des Nichtvorhandensetns einer zionistischen Vertretung in Kamtschatka. Sie telephonieren freundschaftlich: „So traurig. Können kein Visum! für Eden gewähren. Im Paradies ist keine britische Vertretung. Send your people perhaps to Hüll." Wie unangenehm, daß Hüll, England, genau so klingt wie oben erwähntes „hell". Wie unhöflich, Leute zur Hölle zu schicken mit der faulen Ausrede, im Paradies sei kein britischer Konsul. Wir hoffen ernstlich im Interesse des britischen diplomatischen Dienstes, daß diese Erklärung unkorrekt sei und auf mangelhaften Informationen beruhe. Wenn von allen den britischen Konsuln der letzten Jahrhunderte kein einziger ins Paradies gelangt sein sollte ... wo denn sind sie eigentlick hingekommen? ffs wird Mer werden! Der Witterungsgang der letzten Zeit war im wesentlichen dadurch bestimmt, daß hoher Druck in Verbindung mit dem Azorenhoch über Hüdwesteuropa verharrte. Dia Tiefdruckgebiete, die vom nordatlanllschen "Ozean 'hrranlamen, bewegten sich meist in ziemlich iiördlichm Bahnen. Zwar schien es des öfteren, als ob der Einfluß .der Islanddehression sich nicht restlos in Mi'.teleuropa^urch'etzw würde. Hier setzte sich Tauwetter immer mehr durch, so daß vorübergehend selbst die höchster Erhebungen Temperair. d: über 0 Grad auftviesen. In den Gebirgen vollzog sich auch emd teilweise Schneeschmelze. In unserem er-d en Klimagebict traten fast tägllch Regenfälle ein, die Ternperaturen bewegten sich durchwegs zwischen 3 iu!n> 8 Grad^ Seit Mitte dieser Woche hat sich die Situation insofern geändert, als ein Stürungsgebiet über dem atlantischen Ozean aufgetreten ist, dessen Kern schnell ostwärts! sich bewegte. Dieses Störungsgebiet hat den hohen Druck, der bisher Südwesteuropa bcheckte, zurLIge'-iäng't. Zvxw' lleger: über seine neue Bewe^ungtev' t j sichere Anhalls Ml;c nicht vor. Wahrscheinlich jedoch wiro es zunächst über oem mitteleuropäischenFestland noch weitere An§< breiiung finden und dann sich ausfüllen.Unter diesen Um« ständen wird es, mindestens vorübergehend, zu einer Rückseitenwirkung kommen, das heißt, polare Luft wird üH der Westseite der Störung in uns:re Gebend gelan d‘. Wrv haben daher vorübergehend kälteres Wetter zu erwarten. Niederschläge, welche vorerst aus Regen' bestehen, werden teilweise in Schnee übergehen. Spater wird auch vielfach Aufheiterung eintreten. Ob die Situation sich* zu einer längeren Periode kälteren Wetters entwickelt, ist noch nicht zu übersehen.. Die Wettervoraussage lautet: Vorwiegend trüb, Temperaturabnahme bei östlichen Winden, vorübergehende Niederschläge, Kalteeinbruch näht unwahrscheinlich. „Woher weißt du es denn?" fragte er, ,haß i.. daß er ein Saufbold iffe?" „Hm, ja! Allerdings, Euer Gnaden, ich, kann nicht behaupten, ich habe ihn noch niemals im besoffenen Zustand« gesehen, aber die Leute erzählen es... Auch die Leute haben ihn noch .Nie besoffen gesehen, und doch ist über ihn ein derartiger Ruhm im Umlauf... Vor fremden Leuten, oder wenn er zu Besuch ist, auf Bälle::, in Gesellschaft trinkt er niemals... Er tut nur zu Haus« schnapsen... Wenn er des Morgens erwacht, sich die Augen answischt, dann ist das erste Wort: .Branntwein!' Sein Leibdiener bringt ihm ein Glas, und schon verlangt er Nachschub: ein ziveiteS und ein drittes... So tut er den ganzen lieben Tag saufen. Seinerzeit, als unser Chochrjukow mal zu sausen begann, pflegten nicht nur die Leute, sondern sogar die Hunde zu heulen... Dagegen Posudin — nicht einmal ein« rote Nase hat er! Schließt sich im Zimmer ein und schlaucht... Und damit di« Leute es nicht merken, hat er an seinem Pulte «lue Art Kesselchrn mit einem Rohrstäbchen angebracht. Dieses Kesselchen ist stets mit Branntwein gefüllt. Wenn man sich zum Rohrstäbchen hinneigt, ein wenig saugt, dann ist man besoffen... Dasselbe hat er im Wagen, in der Aktentasche..." „Woher wissen es die Leute?" erschrak Posudin. »Fitem Gott, sogar das ist bekannt! Wie abscheulich?" ),Und was die Weiblichkeit anbettifft... Ein Schelm. (Der Kutscher lachte hell auf und schüttelte den Kopf.) Häßlich! Nicht weniger als zehn dieser... Menscher... hält er aus. Eine hat er, das ist die Nastasja Jwanolprra, so gewissermaßen als Hausverwqlterin; die zweite, wie zum Teufel heißt sie nur? Ludmila Semenorma, ist an- Mich Kontoristin... Men voran steht aber Nastgsja. Was diese wlll, das tut er auch. Sie wickelt ihn einf»1 ) \m den Finger herum. Eine große Macht übt sie m">. Die Leute haben vor ihm nicht soviel Angst wtze

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