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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-19 · Heft 2835 (19.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2835 (19.1.1927)
Date
1927-01-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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M. S83K IS. Jänner 1927 ■Seite 3 Seine Srippeeptttemie in Wie«. Der augenblicklich schlechten Wetterlage emsprechenL, ist «a Wen wohl eine größere Zahl von fieberhaften, katarrhalischen Erkrankungen der Atmungsovgane vorhanden, worunter auch einzelne Grippesirlle sein dürften, doch ist von einer Grippeepidemie in Wien keine Rede. Die vierfach geäußerte Meinung, ratz die Grippe .in Men unter dem BiD der Lmngenentzüni>u.ng auftritt, wird durch die Statistik widerlegt. Wahrend im Jänner 1826 206 Personen an Lun. genentgündung gestorben sind, starben in den ersten siebzehn Jännevtagen dieses Jahres daran S9 Personen. 326 Todesfälle irr einer Woche in England. London, 18. Jänner. Das Ministerium für Gesundheitswesen meldet: Während d»r am 15. Jänner zu Ende geangenen Woche star be n in England und Wales 326 Personen an Grippe ^gen 178 in der Vorwoche. Halenlreuzler untereinander. Wie gemeldet, ist am 6. Jänner eine nationalsozialistische Versammlung in: Wimberger-Saal uon gegnerischen Nationalsozialisten unter Mtenden Raufszenen gesprengt worden. Dieser häusliche Streit wird jetztvor das Gericht getragen, indrm die antihitl-erische Gruppe hi-e anderen, und zwar den Major Derda, Walter Rentmeister und Anton Kubinger, wegen der Anstiftung zur Rauferei geklagt hat. Ein Herr Rolf W-e st wurde angezeigt, weil er in der Versammlung ein Bierkrügel geschleudert hat. Die hitlerlose Gruppe hat, wie sie verlautbart, alle Ordnerformationen angewiesen, in Zukunft rücksichtslos gegen Störungen einzuschreiten. Me Anwattskammer stzricht dem Riehl die Mißbilligung ans. Im Laufe eines Ehrenbeieidigungs- und Ehestörungsprvzesses, Veit die Kaufrimmrsgattii: A. H. gegen die ehemalige Angestellte ihres Gatten, hatte der Anwalt der Beklagten, der Hakenlreuzverteidr^cr Dr. Walter Riehl an das Bezirksgericht Margc.r'teu eine Eingabe gerichtet, mit der sich über Anzeige des Gatten der Klägerin die'Rechtsanwaltskmnmer zu beschäftigen hatte. Dem Führer der Radcruantisemiten wurde von der Anwaltslamnrer für eine unerhörte Pauschalverdächtigung der jüdischen Chefs die gebührende Antwort zuteil. In dem am 4. Jänner 192? datierten, vom Präsidenten Eckl gezeichneten Schreiben heißt es: „Die am 27. November 1926 emgelenstc Eingabe des Herrn K. H. veranlaßt den Ausschuß der Recht sanwaltskammer in Wien, dem Hern: Rechtsanwalt Dr. Walter Riehl die Mißbilligung auszusprechen. Riehl hat in Vertretung eines Fräuleins H. L. eine Ehrenbeleidigunzsklage überreicht, die folgenden Absatz enthielt: ,^Jch stelle daher den Antrag auf strenge Bestrafung der Beschuldigten durch Verhängung einer Arreststrafe, da eine schwerere Beeidigung als die von der Beschuldigten gebrauchte kaum denkbar ist, da die Beschuldigte wissen mußte, daß ihr Mann, wie' dies bei jüdischen Geschäftsleuten sehr häufig vorkommt, die christlichen Angestellten als Freiwild ansieht." Dem Riehl wurde seine Lektion zuteil. Die jüdischen Geschäftsleute werden sehr gut daran tun, aus diesem Fall ihre Lehren zu ziehen. Die meisten christlichen Firmen beschäftigen prinzipiell keine Juden, was man ihnen nur deshalb verübeln kann, Mil sie sehr gerne mit Juden Geschäfte machen. Weit schlimmer ist es aber, wenn jüdische Firmenchefs mit Vorliebe christliche Angestellte beschäftigen. Wie wäre es, wenn die aufrechten jüdischen Geschäftsleute zu Represalien greisen würden nnd nur Juden in ihre Betriebe einstellten? Me Budgetbrrainng im Wiener Semeindernt Buttert fort. Die gestrige Sitzung des Wiener Gemeinderates brachte keine Veränderung in der Situation. Die Christlrchsoziälen haben ihre Taktik, ausführlich und gründlich über jede einzelne Budgetpost zu sprechen, nicht aufgegebsn, so daß das gegenwärtig in Behandlung stehende Kapitel „Fürsorge- Wesen" iwch immer nicht erledigt werden konnte. In der vorgestrigen Sitzung des Finanzausschusses wurde der Rechnungsabschluß für das Jahr 1025 behandelt. Stadirat K u n s ch a k erllärte. daß seine Partei der Genehmigung leine Schwierigkeiten entgegensetzen werde. Die Anträge der Christlichsozialen auf Herabsetzung der Steuern werden in einer der nächsten Sitzungen des Finanzausschusses behandelt werden. Die weitere Stellungnahme der Opposition wird von ihrer Erledigung abhängen. Auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung wird u. a. eine Post von 33.00 0.00 0 S. als Reservefonds für unvorhergesehene Ausgaben gesetzt. Autzlandr Bevölkerung: I« Millionen. Das Zarenreich hatte 1914 ungefähr 16V Millionen Einwohner. 'Durch die Abtrennung "seiner östlichen Grenzländer verlor es rur.d 2V Millionen (Bcssarabser, Polen und Baltikum-Völker), durch Weltkrieg und Bürgerkrieg zchn Millionen Menschen. Bei.der Volkszählung des Jahres 1920 zählte Räterußland 131 Millionen Einwohner. Die soeben abgeschlossene neue Volkszählung ergab nach der vorläufigen Schätzung 145 Millionen. Dieses Wachstum um über zehn Prozent in sechs Jahren zeugt von der gewaltigen Regeneralionskraft des immer noch u.wüchsigen russischen Volkes, besonders wenn man berücksichtigt, daß jene Jahre im Zeichen größter wirtschaftlicher Not standen; allein die Hungersnot von 1922/23 hat. ungefähr drei Millionen Menschen das Leben gekostet. Geradezu grotesk fittb die Sprünge in der Bevölkerungsbewegung der großen Städte: so war Leningrad, das 1914 zwei Millionen Einwohner zählte, im Jahre 1920 auf 706.000 zusammengeschrumpft und ist innerhalb der letzten sechs Jahre wieder auf 1,611.000 Menschen gewachsen. Während die ehemalige Hauptstadt des Zarenreiches also auch heute noch einen absoluten Verlust von 400.000 Seelen aufweist, hat sich die Bevölkerung der neuen Hauptstadt Moskau fast um genau die gleiche Zahl vermehrt. Moskau hatte 1912 1,617.000, 1920 1,028.000 und am 1. Jänner 1927 2,018.000 Bewohner; seine Bevölkerungszahl hat sich in den letzten sechs Jahren verdoppelt! Welche ungeheuren verwallungstechnischen Schwierigkeiten diese großen Veränderungen mit sich gebracht und welche Wohnungsnot sie erzeugt haben, kann man sich an Hand dieser Zahlen ungefähr ausmalen. «soerooosoeroovtxroooooo«»«^ LSwenfranzferaiintweln Sehnt* marke. mit Menthol Das gute Einreibe- Hausmittel. üeberall erhältlich. Sin Mkerbnnv vor SSW Jahren. Alles ist schon einmal dagewefen. Sogar der Völkerbund, der uns eine so besonders moderne Erfindung deucht, ist von dieser Regel nicht ausgenommen Professor Dr. Herbert Giles, Lehrer des Chinesischen au der Universität Cambridge, hat nämlich kürzlich darauf aufmerksam gemacht, daß die Chinesen schon im Jahre 646 vor der heute üblichen Zeitrechnung eine Art Völkerbund zu errichten versucht haben. China zerfiel damals in eine große Anzahl von Lchnsstaaten. Diese unterstanden zivar dem Namen nach der im Jahre 1122 vor Christa von Wmoang gegründeten Tschau-Dynastie, tatsächlich aber waren sie allmählich immer unabhängiger geworden und führten beständig blutige Kriege mitcinander und mit ihrem Lehnsherrn. Es gibt etwa zehn große und ungezählte kleinere Staaten. Da es keinem dieser Staaten gelang, die dauernde Vorherrschest für sich zn erringen, machte schließlichHstairghsi aus dem Königreich Sung den Vorschlag, eine allgemeine Konferenz einzuberufen zur Aufrichtung eines dauernden Friedens, oder wie er sich ausdrückte, eine Konferenz zur Abschaffung der Soldaten;. Zu seinen Gunsten sprach, daß sich die größeren Staaten wegen besonders blutiger und andauernder Kriege gerade in einem völlig erschöpften Zustande befanden. So gelang es ihm tatsächlich, fast alle bedeutenderen Staaten zu dieser Besprechung zusammeuzubringen. Diese trat im Jahre 646 in Tschauhsien in Südhonan zusammen. Aus mehreren Staaten trafen die Könige selbst ein. Andere schickten Minister und Generale. i ' „Der Krieg", führte Hsiang in seiner einleitenden Rede aus, „ist verderblich für die Völker, ein Insekt, das die Hilfsquellen der Staaten aufzehrt und die kleinen völlig zugrunde richtet." Es war eine große Anzahl von Sitzungen, bei denen auch Fletsch gereicht wurde, und zwar in ganz kleine Stücke zerschnitten, „damit die Beratenden um so ungehinderter sprechen könnten". Dabei gelang es Hsianghsi, viele Friedensvertrage zu schließen und eine allgemeine Einigung über gewisse Grundzüge eines über ganz China ausgedehnten Friedensbundes zu vereirrbaren. Aber je länger die Konferenz dauerte, um so unüberbrückbarere Gegensätze stellten sich zwischen den einzelnen Staaten heraus, und schließlich verlief alles! im Sande. Theaterbrand in Philippchel. Sofia, 16. Jänner. (Bulg. Tel.-Thz.) Das städtische Theater in Philippapel, das im Gebäude des MrlitäM-wbs untergcüracht war, ist durch einen Branv zerstört worden. Der Schaden wird ans zwei Milllonen Lewa geschäht. Pause in Bettln.;u Kurt Münzer. Sie schweigen, die Theater. Die letzten Erfolge des vergangenen Jahres klingen nach, das neue siegt iwch in erwartungsvollem Schlummer. Erst sollen sich die Leute mal auf den Bällen'austoben Wenn die Beine müde sind von Blues Und Black-Bottoms, wird man sie wieder znm Sitzen bekommen. Inzwischen, in ganzen zwei Wochen, haben nur zwei Theater den Geist der Regie und Requisiten aufgeb oten, um das tanzloütige Volk des Westens festzuhalten. Das Theater am Kurfürstendamm und das neueröffnete Renaissancctheater. Beide retten sich zn Shaw, dem wohl Einzigen, der heute Weltliteratur schreibt, jedenfalls dem Einzigen, der Theorien — soziale, rein menschliche, geistige — in Gestockt und Drama umzusetzen vermag. Hier „Haus Herzenstod", dort „Major Barbara". Der Major ist Kaethe Dorsch, also Sieg auf der ganzen Linie, w.nn noch dazu Karl Heinz Martin seinen Schauspielerin letzte Inbrunst aus Gebärde und Minne treibt. Sie verdanken es ihm, daß sie stärker wirken als ihre Debatte. Eugen Klöpfer ist so menschlich, daß seine Kriegslieserarrtensendung fast an seinem Herzen scheitert. Die Zeit hat die Seiten dieses Dramas leicht vergilben lassen, aber das glänzende Theater von Martins Ensemble n^acht sie frisch und neu. Die Prohleme gehen uns nichts mehr an. Umso größer der Triumph, im Parkett zu begeistern. Und wenn der Geist des Requisits losgelassen wird, ein Riesenkanonenrohr auf die Logen zieht, ist der Jubel groß, als wenn nicht Löcher in die Luft geschossen würden. Das Renaissancetheater hat sich gwandelt, und Oskar Kaufmann schwang seinen Zauberstab. Es ist sein sechstes Theater, in Berlin, wieder galt es, den Raum einzubauen in ein vorhandenes ungeeignetes Mietshaus, und wieder hat er ein Bijou geschaffen. In Blau und Gold, in der kühl sinnlichen Koketterie des modernen Rokoko, die Kurven haben eine zärtliche Melodie, die Logen atmen Wollust, der Kronleuchter ist ein glitzerndes Arabeskenspiel. .Am ersten Abend errang dieses Haus den Sieg, nicht das Stück, das man bis heute in Berlin nicht gewagt hatte, diese Predigt gegen die Menschheit des Krieges, die nicht einmal wert ist, vom Fliegerbombentod ereilt zu werden. Theodor Tagzer ist Herr und Regisseur im Hause, aber er kann es nicht verbergen, daß in diesem witzigen Stück schließlich doch nur gesprochen wird, nicht gelebt. Er hat die Dürieux, die Steinsieck, die Roma Bahn, das heißt: ein wunderbar ausdrucksfähiges Organ, eine berückende Körperlichkeit,' eine süße, innige Jugend. Schluß: man geht nachdenklich heim, betört von den Reizen des Hauses, niedergedrückt vom Sinn der Moralpauke, , in Erwartung neuer Taten des kühnen, klugen, künstlerischen Theaters. Ob man nun — bei Seite! — gestehen darf, daß viel tiefere Bewegtheit ausging von einem ganz gemeinen, geschickt ersonnenen, aufs Publikum berechneten Film? Von dem „Hotel Stadt Luxemburg" (man fennt Biros Roman), den der Schinde Stiller unter dem Berliner Pommer mit Pola NeZri in Amerika gedreht hat. Geradezu ein Erfolg nach innen, mit feucht: Augen noch beim Manne, mit schlagendem Herzen bei den^Krn^svisionen. Der Film ist vorbildlich gemacht, endlich cinc7, der nach der Phantasie des Beschauers etwas übrig läßt. Ganz aufs Wesentliche beschränkt und dieses konzentriert bis zur Knappheit und Kargheit. Szenen, in dcnrn der deutsche Film sich anstoht, sind hier einfach fortgelassen, von einer Flucht ettva sieht mnn nur das erste Hindernis — dann braust sofort der Sieg herein. Bon einem Mord sieht man den Revolver — genug! Bon einer Leidenschaft den ersten, hin-- görissenen Blick. Dazu Schauspieler, die zu Typen wachsen. Der russische General: Meisterwerk einer Menschwerdung; der jüdische Portier des Hotels: Güte und Berschreckthcit des Judentums selbst; der junge. Offizier: die Männlichkeit, die Passion der Ehre, der ^swenfeele an sich. Und Pola Negri übersteigert sich selbst, Indem sie einfach, absichtslos, Teil des Ganzen wird wie noch nie. Ihr Blick ist erschütternd beredt, ihr Mund teilt stumm ihr ganzes Herz mit. Jetzt ist sie, mit Asta Nielsen, die einzige Schauspielerin im Film, nur diese beiden sind immer, was sie spielen. Sie sind, was sie scheinen. Und alle andere:: scheinen nur, was sie sind. Aber das Schönste des neuen Jahres war doch efrtü) Klavierwoche, wo vom Flügel die Weihe, die Erhebung, die Erschütterung ausging, die von allen Künsten in die Musik als letzte sich zurückgezogen hat. Arthur Schnabel setzt Beethoven das schönste, im Herzen dev Hörer nie verklingende Denkmal, 'indem er an sieben heiligen Vormittagen das Sonatenwerk des Größten aufbaut. Seine geistige Durchdringung und musikalisch« Architektur ist heute einzig. Es ist letzte Vollendung der Gestaltung, und die Kälte und Ferne, die solcher Voll-, endung immer mitgegeben sind, fallen hier fort, well ein junges Herz in dem Meister schlägt. Er spielt nicht vollendet in ihm Feststehendes, das sich bis zur Blutleere abgeklärt hat, sondenr er scheint immer erst in: Augenblick zu gestalten; Improvisationen reines Vollendeten. Aber Emil von Sauer, nun schon silberweiß, in den edel-schmalen Schulten: Resignation des Alters, hat etwas von dem Meister, der erchgültig Gestattetes vorträgt. Er gibt nicht das Erlebnis des Entstehens mehr, nur noch die Verklärung. So wem: er bei Furtwängler das Chopin-Konzert spielt. Es ist der Glanz der Vergangenheit, rührender Klang abgelebter Zeiten; nie mehr heute wird ein Mensch so spielen, wie Emil Sauer spielt. Diese Kultur ist verloren. Verloren?.... Da auch junge Menschen ihn begeistert feierten, ist wohl auch noch bei der Jugend Sinn dafür, Sehnsucht danach. Streben dahin vorhanden? Hortense Husserl aus Amerika spielt mit den: Reiz der Jungmädchenhaftigkeit. Schumann muß bei ihr von allen guten Geistern der Romantik erfüllt sei-. Etwas wie Unschuld ist in 4 rem Spiel. WirlAch ill . muß mau schuwig werden um das letzte Geheimnis . <

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