Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2834 (18.1.1927)
- Date
- 1927-01-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Verk L Wien, Gkensray M» MMaM M MVAMMM» M» wUiiif wi0fg?Hj)ctiiiii9 18 FSmTk 5M «r.«L Kl. VS RAOIKAl.BR Z10NI TEN Mittwoch, den 19. Jänner 1927, um halb 9 Uhr abends, Im Cafe Atlashof, l, Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klnbversammlnngi Thema: Der zionistisch« Nachwuchs Referent: 8. Kantor Prele Aussprache. im Österreichischen Landesverband organisierte Zionisten als Oäste willkommen. Was hat die österreichische Sozialdemokratie gegen die Renaisfancebeivegung des jüdischen Bottes? Bon I. Hc Lenders*). Innerhalb der sozialdemokratischen Partei, in btt prakfil'djen Politik hierzulande, unterscheidet uns, die wir die jüdische Renaissance bejahen, von denjenigen, die ihr mit offener oder versteckter Antipathie gegenüberstehen, jene werftuürbißc Beziehung zwischen der Beurteilung der Zukunst des jüdischen Volkes und seiner Behandlung in der Gegenwart, die bei Einzelpersonen, wie bei ganzen Gruppen, bei ci,Helneu politischen Parteien, ime bei grüßen oder kleinen Staaten, gleichermaßen wahrzunehmen ist. Von: mächtigen England bis zu unserem klemm Oesterreich, von der englischer: Labour Party bis. zur österreichischen Sozialdemokratie, fast überall begegnen wir jenem interessanten Zusammenhang: Die Staaten und Parteien, die für die EmanzipationSbestreburrg des jüdischen Volkes Verständnis haben, sind auch diejenigm, die ihm in der Gegenwart alle Achtung entgegertbringen, eipe Schmälerung der Rechte seiner Angehörigerr nicht dulden; die anderer!, die allerlei geschichtswissenschaftliche, soziologische oder philosophische Argumente gegen unsere Zukunftshossmingerl vorzubringen wissen, sind auch in der Gegenwart nicht verlegen, die „Zurückdrängung des jüdischen Einflusses" zu fordern, oder unsere „Abreiscndmachung" anzrrordnen. Wir halten diesen Zusammenhang durchaus nicht für unvermeidlich. Insbesondere seine negative Erscheinungsform in unserem gesegneten Larrde, in der offiziellen österreichischen Sozialdemokratie, ist unserer bescheidenen Meinung nach völlig deplaciert. Denn was immer über die Zukunft des jüdischen oder,-beispielsweise, des deutschen Volkes in den lernen, geschrieben stehen mag,' vorläufig, sind alle Gerüchte über unser Ableben •— um mit, Mark Twain zu sprechen — stark übertrieben. Die Behandlung des jüdischen Volkes, als ob es nicht mehr existierte, ist die Vorwegnahme eines Zustandes, der, Wern immer erwünscht sein mag, heute aber noch nicht eingetreten ist. Die Benachteiligung seiner Angehörigen aus ihrer Angehörigkeit zu einem Volke, das in der Theorie gar nicht mehr existiert, ist nicht nur ein logischer Widerspruch in sich selbst, sondern bekanntermaßen ein Widerspruch zu unserem sozialdemokratischen Programm. Aber wenn auch die menschlichen Handlungen in der. Regel nicht gerade die logische Konsequenz ihrer geistigen Argumente sind, so sind doch diese geistigen Argumente sehr beachtenswerte Symptome ihrer, von den objektiven Bedingungen und subjektiven Erlebnissen bestimmten, Willensbereitschaft. . ' Und zu den entscheidend:!!, subjektiven, wiklensbestiimnenben Erlebnissen der meisten sozialdemokratischen Politiker im heutigen Oesterreich gehören unter anderem die eindrucksvollen politischen Ereignisse gegen Ende des vorigen und am Anfang unseres Jahrhunderts, der Zeit ihter Jugend und ihres politischen Werdens, die mit der Aera des Aufstiegs der Christlichsozialen zusammenfiel. Die großen Triumphe Luegers, emporgetragen durch die übrigens ungefähr!^, aber fast allgemeine „Rebellion" des Wiener Kleinbürgertums, seine kolossalen, bis dahin unerhörten Wahlsiege, stecken fast allen, die diese Zeit mitgemacht haben, heute noch in den Knochen. Man versucht seine Politik zu „verstehen", durch bedenkliche Annäherung an seine Methoden ähnliche, aber doch nur in der Situation jener Zeit gelegene Erfolge heute mit verwandten Mitteln zu erzielen. Lueger wird zum Koyk-. munal-Heiligen. Vor allem glaubt man dem von ihm in so populärer Weise vertretenen Antisemitismus nicht ' ohneweiterS entgegentreten zu dürfen. Man verwahrt sich dagegen, mit den Philosemiten verwechselt zu Iverden. Dazu kommt, daß einzelne Sozialdemokraten jüdischer Abstammung, aber ohne jüdischen Kulturgehalt, gerade als Juden die Ueberantisemiten spielen zu müssen glauben. Man solle sie ja nicht der „Befangenheit" zeihen können. Befangen bleiben sie weiter, aber nach der verkehrten Seite. So entsteht ein „dunkles Kapitel", das jeder kennt, aber in das hineinzuleuchten sich niemand traut. Dik jüdische Bevölkerung zahlt die Zeche. Ist. es unter solcher: Umständen ein Wunder, wenn die aufrechten, arbeitenden, jüdischen Volksmassen dieser Stadt das Bedürfnis enrpfinderr und sich schließlich für mündig halten, in den Gesetzgebungs- und Berwaltungskörperschasten ihre Sache selbst zu führe,:? Ist es eine Sünde wider den Geist des Sozialismus, wenn sie niemandem zur Last falle,: wollen, den: es sichtliche Verlegenheit bereitet, sich „für die Inden" exponieren zu muffen? *) Siehe „Wiener Morgenüettung" von: 6. Jänner d.' I. Vas deutsche Pko-Palöftina-Komitee. Bon R-ich«tagöprSstdent«v Paul Loebe. Bor einigen Togen weilte der Präsident des deutschen Rerchstages Paul Loebe in Danzig, \ io*,- wo et einen Vortrag über Paneuropa hielt und sich hauptsächlich mit der Frage der Vereinigung i EM Deutschlands mit Oesterreich befaßt«. Der Dan« ' 7 ziger Korrespondent veS Warschauer „Moment" hatte mit Präsidenten ein Gespräch» im Berlaufe dessen auch da» vor kurzem gegründete Protralästina^komifoe!n Berlin zur Sprache rank. Reichs'agspräsident Loebe sagte hierüber: Zwei Gründe Ivaren für mich maßgebend, als ich dcrn neugegründeten Propalästina-Komitee in Berlin bcigctreter: bin. Erstens habe ich als Sozialist an dem Ausbau Palästinas großes Interesse, w^il dort jetzt ein sozialistisches Kollektivexperiment durchgeführt wird. Auch in Rußland werden jetzt sozialistische Experimente gemacht; während aber diese Versuche In Rußland durch Ruinierung von Existenzen und durch Gelvalttaten durchgeführt iverden, werden in Palästina wirkliche sogialistisch-genosserrschtrstlithe Methoden versucht. Ich denke hiebei an die Kwuzoth, die durch eine systematische organische Aufbauarbeit geschaffen :mb entwickelt werden. Ich bedauere c8 sehr, daß ich der vor einen: Jahre an mich ergangener: Einladung» das arbeitende Palüstirra zu besuchen, nicht Folge leisten konnte. Ich mutzte zur selben Zeit behufs Teilnahme an der in Washington übgehaltenen innerpaklamentarischen Konferenz nach Amerika fahren, hoffe jedoch, daß ich noch Gelegenheit finden iverde, Palästina zu besuchen und die Ergebnisse der jüdischen Aufbauarbeit an Ort und Stelle kennen zu kernen. Der zweite Grund» weshalb ich iit das Propalästina- ■ Komitee eintrat, ist der Kampf gegen den Antisemitismus. Die Antisemiten in Deutschland begründen ihre Judenfeindschaft mit ber Behauptung, das; der Jude selbst nicht arbeiten wolle und nur von der Arbeit des anderen lebe. In. Osteuropa können die Antisemiten mit solchen Anschuldigungen nicht hervortreten, weil eS ein großes jüdisches Handwerkertum und große jüdische Arbeiterrnafsen gibt, die ausschließlich von der Arbeit ihrer zehn Finger leben. In Deutschland hingegen sind die Anti- : fctttUcu gewohnt, in jedem Bankier, Industriellen und Kaufmann n u r d e r: I u d e n zu sehen, der selbst nicht arbeiten will. Um den deutschen Antisemitismus zu bekämpfen, ist es im besonderen notwendig, in Deutschland Aufklärung s a r b e i t z u leisten, auf die großen Erfolge der jüdischen Arbeit in der Palästina-Kolonisation, also in jenem Lärche hinzuweisen, wo mar: den jüdischen Arbeitern die Möglichkeit gibt; zu arbeiten. Äußer dieser noÄoenMen Aufklärungsatbeir im Kalnpf' gegen dem Antisemitismus wird jedoch das neugegründete! Propalastina-Komikee die Aufgabe - haben» vor allem, das deutsche Judentum äufzumuntem, daß es sich am.Palästina- Ausbau parallel mit der zionistischen Organisation beteiligt. Deutschland hat-als Staat, der dem Völkerbund angehört, durch die moralische Hilfe anläßlich verschiedener Interventionen beim Mandatar oder anderen NölkerAmdinstanzen und im allgemeinen durch die Gründung de§ Propalästina-KomiteeS d a § N e ch t der Juden auf Palästina anerkannt. Denn, wie Ihnen bekannt fein dürfte, befinden sich im Palästina-Komitee Vertreter sämtlicher politischer Parteien DeuffchlandS. Sie Fewlsh Agenctz. Mqrshall anerkennt nicht die Priorität Palästinas. ' Wie der „Nowy Dgrennik" berichtet, erklärte Louis- M a v s hall einem Vertreter des New Aorker „Tog": , „Ich befasse mich jetzt ernst und verantwortlich mit der Frage der Erweiterung der Jewis-h Agency.. Ich' habe darüber vor 'einigen Tagen mit D r. Weizmann konferiert und war auch vor einigen Wochen speziell zu diesem Zweck in Washington, um mit Lehman gewisse Pläne, die mit der Frage der Jewish Agency verbunden sind, aukizuarbeiten. Ich kann nicht sagen, daß bereits alles geordnet ist, aber ich hoffe, daß wir in ki:rzer Zeit zu einem klaren Beschluß in dieser Frage kommen werde::. Wir empfinden stark, daß Palästina nicht nur eine, zionistische Frage, sondern e i n e a l l g e m e: n - j n d i s ch e ist und werden mit den Zionisten Hand in Hand arbeiten, sofern dies nich t un s e re n Gru ndfätze n wi der-spr : cht." Auf die Bitte der Journalisten,' die letzten Worte näh er zu erklären, antwortete Mcwfhall; „Ich bin kein Z : o n i st und bin der Ansicht, daß Palästina gg-eenüber ben anderen Ländern, in denen die Inden' her amerikanische!: Hilfe bedürfen, keine Priorität Zukommt. Es werden viele Juden in den anderen Ländern bleiben, die gezuoungen sind,.dort zu wohnen und es ist unsere Pflicht, diese zu unterstützen. Es wäre ein großes Unrecht, wenn wir, um für Palästinazwecke zu geben, diese notwendige Hilfe rin« schränken würden. Aber wir werden helfen, daß Palästina ein gesichertes Heim für -die werde, die sich dort ansivdeln wollen und wir werden uns auch bestreben, Kr sie gesunde Lebensbedingungen und Möglichkeiten Kr die Schaffung eines kulturellen Zentrrrms für das gaiM Judentum zu sichern." - Wie man aus dieser Aeußernng erkoi!,:. -. . ,ubezüglich der Erweiterung der Jewish Ägency in Amerika noch kein Resultat erzielt worden. Herr Marfhall verbindet zwei Dinge miteinand-er, die nicht zusämmeng-ehören. Die Frage Palästinas ist eine 'politflche, die Hilfe für die jüdischen Notstandsgebiete im Osten eine charitative Frage. Niemand, und am wenigsten eine Zionist, würde einer Einschränkung der Hil'fLtätigkeit das Wort reden. Bei Palästina -handelt es sich um einen Ausbau,» der von vorneherein auf national^ kultureller Basis stehen muß. Es ist eine politische Angelegenheit und alle finanzieller: Znwendimgen müssen unter dem politischen Gesichtspunkt verwendet werben. Von diesen: Grundsatz kam: der Zionisnvus nicht akv gehen. Ar Wahlgeomettle in Palästina. Jcnrsalcm, 17. Jan nee. Wie schon wiederholt berichtet, hoben die Maßnahmen der Palästina-Regierung, die von vornherein das Wahlresultät zugunsten der?lraber zu beeinflusse:: suchten, große Empörung hervocgerufen. Es handelt sich dabei vor allem um die Zmsammcnsetznng der Wahlkommissionen, in denen die Araber ohne Berücksichtigung der wirkliche» Aevölkerungsverteilung überall die Mehrheit erhielten, um die Erteilung des Wabttechtes an die Bewohner der Altstadt von Jerusalem auch ohne Steuerzahlung, und u:u den Ausschluß der Bewohuer voi: Talpioth, Mekor Ehaim, Kirjath Mesche (Mo:ttesioee> und Beth Hakerem vom Wahlrecht in Jerusalcvk. Bezüglich Tel Awiws ist eine Korrektur erreicht ivvrdcn. Die Regierung hat jenen Einwohnern von Tel Awi'w» die in Jaffa Geschäfte innehäben, das Wahlrecht zu den, Jafsaer Stadtrallvahlen zugebilligt. - tzi» Attentatsversuch to Amman Jerusalem, 17- Jänner. (I.T.Ä.) In Amman, der. Hauptstadt von TranSjordanic:i, versuchte ein schwerbewaffneter Bandit in das Haus des Stellvertreters des britischen Repräsentanten in Tranöjordanicn, Neading,.. einzudringen, m:tl ihn zu ermorden. Es gelang, den Banditen festzunehmen und zu entwaffnen. s Der Raffenstaadpunkt der deutschen Studentenschaft. Köln, 17. Jänner. Die Studentenschaft der westdeutschen Hochschulen hat auf den: Kreistag des Kreises 5, der. am 12; Jänner in Honnef crbgehalten wurde, in-ihrer überwiegenden Mehrheit die Forderung des.Unterrichts- Ministers nach' Ausschaltung d e 3?l r i e rp a.r a?': graphen anerkannt. Auf der Tagung waren die Univer-, sitäten Bonn, Köln, Frankfurt, Münster, .Marburg, dir, Technifche Hochschule Aachen, die Landwirtschaftliche Hoch-- schule Ponn-Poppelsd.orf, die philosophisch-Heologische. Hochschule Paderbon: u:ch die medizinische Akademie DüWdoxf/ vertretcn. Lar Urteil in dem amerikanischen AffeuproM ausgehoden. Nashvilw iTennessee), 16. Jänner. (Wolfs.) Der Oberste s Gerichtshof des Staates Tennessee hat-heute das langerwartete Urteil in: Falle des Lehrers S c o p e s gesprochen, der bekanntlich wegen Verstoßes gegen das im Staate. Tennessee bestehende Verbot, die Entwicklungstheorie öffentlich zu lehren, verurteilt worden, war. Das. Gericht erkannte die Verfässllngsmäßigkeit dieses Gesetzes an, hob jeboch das Urteil erster Instanz, durch 'das Scopes' zu-100'Dollar Geldstrafe verurteilt worden' war, deshalb auf, weileine Geldstrafe von mehr als 50 Dollar, nur von einem Geschworemi^ericht auferleht werden könne. Der Verteidiger des Verurteilten erklärte, er.,werde...die Angelegenheit sofort jb.ene Obersten G&* r i ch t s Höf unterbreiten, .damit dieser entscheide, ob irgendwelche Sekten oder Gemeinschaften., ihre Weltanschauung dem Erziehungssystem eines Staates aufMngen dürfen. Sie burgealilndkkche AaurrMmmrr. Sonntag fanden im Burgenlande.die Wahlen in die- Bauernkammer statt, die folgendes Ergebnis zeitigten: Die Christlichsozialen erhielten 18.103 Stimmen, der Landbund 13.790, die Sozialdemokraten 10.660 Stimmen. Demnach erhalten die Christlichsozialen 14 Mandate, der Landbund. 10 und die Sozialdemokraten 8 Mandate. ' Advokaten gegen Flnanzsuriften. Der Ausschuß der Wiener Advokatenka:nmer wendet sich in einer Erklärung gegen die Finanzjuristen und Steuer- und Gebühronbemessungsbeamten, die bekanntlich, wegen eines Zeitungsartikels eines Rechtsanwaltes die' passive Neftft cmz gegen die Adv okaten 'angekündigt haben. In der Erklärung heißt es, schon in der Androhung der passiven Resistenz liege (mit Rücksicht auf den unstichhältigen Anlaß) nicht nur eine Verletzung der Dienstpflichten, sondern auch der offenkundige Mißbrauch eines gewerkfchustlichen Kampfmittels. Hl ' WARUM haben Sie uns Jahresabonnement nochÜberwlefeu / Auch in Ihrer Bibliothek dürste eines od. das andere unst. rer Prämlenwerke noch fehlen