Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2832 (16.1.1927)
- Date
- 1927-01-16
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag W1«rrr MsrgenHett«ng 16. Jänner 1927 Seite 9 DA8 Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITXJNG- Som Fabulier« Stevenson. Neue Romane Steven,ons sind erschienen und sie sind dem erwachsenen Leser die gleiche Freude wie bit Jugend, der. sie cigeiktlich dargeboten iverden. In allen Büchern, die Robert Louis Stevenson geschrieben hat, steckt mehr als Abenteuerlust. Es sind auch seelische und menschliche Probleme, die er aufrollt. Ob seine Erzählungen in der Zeit der schottischen Kriege, auf einer Weltmeerinsel oder in dem chemischen Laboratorium des Londoner Gelehrten spielen, sie sind immer gestaltungsreichc Ausführungen des ewig anziehenden Themas vom Menschen selbst. Alle Figuren sind wahr und echt, die Helden, um die sich die Fabel spinnt, sind keine überragenden Größen. Was ein gesunder Knabe träumt, von Mut und Gefahr und Freundschaft und Selbstaufopferung, findet bei Stevenson seine feste Darstellung. Kein dürres Pathos aber, nichts Gedonnertes. Die einfache, klare Alltagssprache ist bei ihn: Selbstverständlichkeit, die nicht selbst gespürt sein will, sondern nur Tatsachen ausdrückt. Seine Menschen leben und atmen so wie die Menschen, die der Knabe kennt, und gerade darum reißt ihn der Stoff mit. Die neuen Romane, mit denen wir es heute zu tun haben, entfernen sich in eine weit zurückliegende Periode der Geschichte. Die schottischen Aufstände scheinen durch, von England bis Amerika läuft die Handlung, Neioyork ist rwch eine kleine waldige 'Siedlung, auf den Meeren treiben sich Piraten herum, Menschenraub, Betrug und klirrender Kampf füllt das Geschehen aus. Das ist vor allem in dem „I u n k e r v o n B a l l a n t r a n" (Verlag I. C. C. Bruns, Minden in Westfalen) der Fall, einer schottischen Ballade voll einer schwermütigen Kraft. Das Thema von den zwei Söhnen, die von unauslöschlichem Haß gegeneinander erfüllt sind, und schicksalshaft, ihren .Weg gehen Müssen, von dem finsteren Schloß im Hochland bis zur nordamerikanischen. Schneewüste. James, der ältere, ist in den Krieg gezogen, Henry bleibt zurück und heiratet die schöne Alison, die 1>en glänzeirden Tunichtgut James liebte und ihm im Herzen treu bleibt. James treibt sich in Krieg und Hunger herum, wird Spieler, Sceräube.', D'.eb und Erpresser, Henry bleibt der hausbackene, herdtreue Lord. Das Feuer, das zwischen beiden sich entzündet, verbrennt beide und der alte Diener des Hauses der Durie'von TluriZdeer, Mr. Mackelaar, schreibt das alles nieder, bewegt und mitleiderrd für Henry, aber hingerissen von dem Zauber des weltgewandten James. Er begräbt beide und hält ihnen den letzten, Nachruf. Was war ihr Leber: trotz allen Glanzes, Streites und reichen Schicksals? Heißes Blut hatte der eine, ruhige Art der andere. 'Sie konnten nicht miteinander auskonunen, aber inr Schneein der felsigen Wildnis fanden beide das gleiche Ende. Dem seßhaften Henry war die Tradition das Gegebene, die Sehnsucht nach den: Unerhörter: wurde. dem andern, James, zum Schicksal. Die Frau, die sie liebten, ist Anlaß ihrer Fehde, aber sie selbst lebt im Schatte:: und streift nur als Episvdeufigur durch den Roman. Den .Hang zu einem stürmischen Erleben schildert Stevenson in dem Roman „Entführt" (Phaidvn- Berlag, Stuttgart, 1924). Der verwaiste David Balfour ans dem Haufe der Campbell sucht den Bruder seines Vaters, dein er dessen letzten Brief überbringen Null. Er weiß nichts davon, daß sein Onkel seinen Vater ermordet hat, unü dessen reichen Besitz an sich zu bringer:. Der Junge wird von dem Onkel ar: einen Seeräuber verkauft, der ihn nach den Karolinen-Jnseln als Sklave bringen soll. Das Schiff überrennt einer: Kahn und nimmt dessen letzten Uebcrleb n den, einen schottischen Clan-Partisan, an Bord. Er führt Geld bei sich, soll ermordet werden, findet aber den Knaben ar: seiner Seite und wird vor: ihm gerettet. Das Schiff scheitert an der schottischen Küste, die beiden werden ans Land geworfer: rmd beginnen nun eine atemlose Flucht durch Moor m:d Heide. Sie sind in eine politische Mordtat verwickelt und wandern: nun heimatlos in treuer Kameradschaft dahin, ans Tod und Leben miteinander verkettet, in einer bitteren Armut,. trotz allen: aber einander seelisch frenrd nr:d ferne. Als dam: David wieder sein väterliches Erbe fiitbct, trennen sich die Woge der beider:. Der landflüchtige Alan Breck geht wieder in die Heide zurück. Er hat sein Lebensziel noch nicht erreicht, und wir werden ihn wahrscheinlich in einem späterem Rornan des Autors wiedersinden. Dom neuen Baue» und neuen Wohnen handelt das Jännerheft der hervorragenden, von Alexander Koch in Darmstadt herausgegebenen Zeitschrift „Innendekoration", die in Fragen der Wohnkultur die erste Stelle etrmimmt. In diesen: Heft kommt der Gedanke zurrr Ausdruck, daß der Architekt sich immer mehr in den Mittelpunkt des geistigen und ku tnrellor: Gesamtgeschehens gestellt fühlt und daß die neuen Naumideen mit der Getsteslage der Gegenwart im Zusammenhang stehen. Die bedeutendsten Archirelt.'n, wie Sovotka, Prof. Pullick, Professor Gießer und Ernst May behandelten die Fragen der neuzeitlichen Wohnung, erstk a.siges Bittermäterm. erläutert den Text. Von besonderen: Interesse sind die Wiener Schöpfungen auf dem Gebiete der Innendekoration, o. r. Berdi-Brlese. Die kürzlich im Wiener Verlage Paul Zsolnay erschienenen Briefe G'mssppe Verdis — von Franz Werfel amsgswählt und einbegloitet, von Paul Stefan ans dem Italienischen übersetzt — sind ein besonders wertvolles Dokument zur Kenntnis eines gang großen Künstlers, der aus Bescheidenheit, Menschenscheu und Ueberempfindl'ichkeit alle Spuren um sich zu verwischen bemüht ist. Ganz zeitgemäß erscheinen seine Aussprüche über die Erfordernisse der Oper: ,Jm Theater läßt das Publikum alles zu, ausgenonunen Langeweile . . ,^Zwar läßt sich alles in Musik setzen, aber nicht alles kann wirkungsvoll musiziert werden." Als Italiener tritt er immer wieder für das Melos, f.ü-r die Gesangsmelodie ein und regt an, statt der Streichquartette, welche kein in Italien 'heimisches Gewächs seien, mehr Gesangsquartette zu pflegen. Noch als Siebzigjähriger schwingt er die Fahne des Fortschrittes und meint mit Bezug auf Jugend und musikalischen Umsturz: fassen wir nur jetzt den Strom über die Ufer treten! Dämtne werden sich schon von selbst bilden." In -den Briefen begegnen wir Verdi als energischen, ja gebieterischen Mitarbeiter seiner Textdichter an den Libretti seiner Opern und als zielbewußten Kämpfer gegen den landesüblichen Dheaterschlendrian. Mit größter Entschiedenheit tritt er für Arme und Hilflose ein, bald für den Sohn seines Kutschers, bald für die Kranken des von ihm-gestifteten Sbitales. Als Gutsherr auf seinem Besitze St. Agatha sieht er nach dem Rechten und kümmert sich um Stall und Pferde, um Garten und ' Landwirtschaft; als Patriot ersehnt er im Jahre 1848 die Musik'der Kanonen in der lombardischen Ebene und erhofft alles von Oesterreichs Wirren. Und als Politiker wie als KiüinsÜer flieht er immer wieder die laute OeffentlichLeit, sein gairzes Leben lang betont er seine Einsamkeit und seine Unabhängigkeit, ein starker, freier, trotz künstlerischen .Höhenfliuges erdennaher, ausrechter Mensch der mit Genugtuung von sich sagen kann: „Das Wort Intrigen kommt in meinem Lexikon nicht vor; ich fordere alle Welt auf, mir das Gegenteil nachzuwsisen." ffb. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Kar! Hans Strobl, ein vielschreibender und vielgelesener Deutschtümler aus Jglau, wird am 18. Jänner 50 Jahre alt. Er hat einmal Geschichten geschrieben, die ein wenig echte Phantastik zeigten („Gespenster im Sumpf" ist eine fatirischo Groteske, die sich an den: phantastisch gestalteten Untergang Wiens entzündet), ist aber später in btc „Heimatdichtung" hineingeraten und dort nach einer recht guten Epik, wie sie sich noch im „Wirtshaus zum König Przemhsl" zeigte, in der. Oede des „deutschen Seelenanffchwunges" gelandet. Quantitativ und qualitativ kann diese seit seiner Romantrilogie „Bismarck" kann: nrehr überboten werden. Die Werke Strobls, der schon mehr als ein Vierteljahrhundert die Feder handhabt (er war ursprünglich österreichischer Finanzveamter), sind im Verlag L. Staackmann, Leipzig, erschienen. j Für Purim-Aufführungen ) empfehlen wir! HAMANS ' iiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiHiiiiiiiiiiiiiitiiiiiifitiiiiiiiiiiiiiiiuiiijiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii | flucht I SAMMY GRONEMANN ) Ein entzückender kleiner Purimscherz ) / / / in 5 Szenen lll j Ein Märchenspiel, voll launiger Ein- ) fälle, lustiger Verse und wirbelnder ) lll Situationen lll \ PREIS 1 SCHILLING Buchhand’ung R. LÖWIT Wien, I,, RotonturmstraSo 22 Modernes von Reelam. Die zierlichen Reclam-Kefchenkbändchen enthalten in der letzten Zeit immer mehr Werke moderner Autoren. Man findet Gerhart Hauptmanns „Pä'mwart r Thic?', Novellen lcr N.i.ärda Huch, die Tristan- Novelle von Thomas Mann, einige Erzäylrrperlen von Arthur Schnitzler, darunter „Die dreifache Warnung", Stefan Zweigs Novelle „Angst" und eine herrlich-schöne Geschichte „Der Schtndevmcüher" des viel zu Ivenig gemnnten Hermann Stehr. Jüngst ist ein Bändchen mit vier Geschichten von Arnold Zweig erschienen, die unter dem Titel „Gerufene Schatten", Historie gestalten wollen. Wie alles von Arnold Zweig, sind diese vier Geschichten nrehr geschrieben als empfunden. Anr meisten „gestellt", die letzte, eine Kriegsgeschichte, „Die Quittung" betitelt (eS möge bet dieser Gelegenheit daran erinnert werden, daß Arnold Zweig eine Kriegsgeschichte „Die Bestie" geschrieben hat, neben der die berüchtigte Ballade von den MasurensÜmpscu geradezu verblaßt). Zugleich mit dem Zweig-Bändchen sind drei Novellen von Martin Andersen Nexö erschienen, die den Gesamttitel „Schwarze Erde" führen; sie sind wirkliche, nirgends „gestellte" Erzählerkunst, ohne Schatten der Vergangenheit rufen zu müssen. Denn was Andersen Nexö faßt, wird Mensch. Das, und nichts anderes, ist der Sinn der Erzählung. Tusculum-Schriften. (Heft 6: Antike Mode; Heft 7: Antike Heilkunde; Heft 8: Antike Stenographie; Heft 9: Buchhandel in: Altertum; Heft 10: Gaukler im Altertum; Heft 11: Antike Küche. Sämtliche bei Ernst Hei me ran, Verlag. München. Preis pro Heft M. 0.65). Eine anziehende Schriftenreihe, in der Kulturgeschichte in Miniaturfürn: überalls geschmackvoll und anlüsant geboten wird. Max voi: B o e h n untersucht die antike Mode auf ihre sozialen Triebkräfte und man findet im Altertum, wie in der neuesten Zeit das Gesetz bestätigt, daß die Kokotten (oder die Frauen, die irgendwie von der Schaustellung leben), die Mode machen. Daß die Schlankheitsmode und Schlankheitsdiät keine Erfindung der Neuzeit ist, beweist das Epigramm des alte Martial: „Schlank, schlank wollen sie jetzt alle sein; weder Hüften noch Busen sind vorhanden... Drei Weintraüben und ein Glas Wasser sind ihre Nahrung." Nur der Punktroller scheint also Made in Germany zu sein, Die antike Heilkunde (von H. E. S i g e r i st behandelt), ist so unzulänglich, wie die moderne, obwohl unsere Medizin schon anatomisch und diagnostisch ist. Gaukler gab cs im Altertum, wie cs Alexader Gahcis dartut, in jeder Art und die Gaukele: wurde (wie auch heute) als Hilfsmittel in der Politik verwendet ((Bar-Kochba, zun: Beispiel bekräftigte mit seinen Feuersresserkunststücken seine Sendung). Die antike j4üche (von Friedrich Bilabel dargestellt) bot in Qualität und Quantität außerordentliches; ihre besten kulinarischen Einfälle stammten übrigens aus dem Orient. Interessante Aufschlüsse gibt Artur Mentz' Darstellung der antiken Stenographie über die Zusammenhänge der römischen und griechischen Kurzschrift mit den modernen tachhgraphischen Systemen. Und was Eduard Stemplinge.r über den Buchhandel im Altum sehr instruktiv und amüsant erzählt, beweist, daß eben Schriftsteller und Verleger damals wie heute — einander spinnefeind waren. Die gut ausgestatteten Schristchen sind wertvoll. —tz. : BÜCHEREINLAUF. D. F. Dolbin-HanS Liehe: Aus den letzten Blick. Krhstall-Verlag, Wien. ' Alfred Polgar-B. F. Dolbig: Literarische Köpfe und Kopfstücke. Krhstall-Verlag,- Wien. Hugo Marti: Rumänisches Intermezzo. Berllag 91 Francke, Bern. Josef Weinheber: Boot in der Bucht. (Gedichte.) Krystall-Verlag, Wien. I. I. Bachofen: Mutterrecht und Urreligion. Verlag Alfred Kröner, Leipzig. Raoul H. France: Der Weg zu mir. (Ter Lebenserinnerungen erster Teil). Verlag Alfred Kröner, Leipzig. R. L. Stevenson: Der Junker von Ballantrae. Verlag I. C. C. Brunos, Minden i. W. Alfred Jnhre: Buch der Liebe. Eigenbrödler-Verkag, Berlin. Karl Leberecht Jmmermann: Worte in die Zeit (herausgegeben von Julius Bab). Berllag Niels Kaurpmann. Agnes Henningsen: Das vollkommene Weib (Roman) Verlag Gustav Kieperchauer, Potsdam. „Innendekoration". (Die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort. Herausgeber Hofrat Alexander Koch). Jäm:er-Hest 1927. Verlagsanstalt Alexander Koch, Darm- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 1926. (Herausgegeben von: Verbände der Vereine für jüdische Geschichtü und Literatur in Deutschland). Verlag M. Poppelauer, Berlin. Eduard Steplinger: Buchhandel im Altertum. (Tuseulmn-Schrlsten, Heft 9). Preis M. 0.65. Ernst Hcimefan- Verlag, München. Friedrich Bilabel: Heft 11), Preis M. 0.65. Antike Küche (Tusculum-Schristen. Ernst Heimeran-Berlag, München. Alexander Gaheis: Gaukler in: Altertum (Tnsculum- Schristen, Heft 10). Prei^ M. 0.65. Ernst Heimerau Verlag, Artur Mentz: Antike Stenographie (Tuscnlum-Schriften, Heft 8). Preis M. 0.65. Ernst Heimeran-Berlag, München. Max von Boehn: Antike Mode (Tusruluur-Schriften, Heft 6). Preis M. 0.65. Ernst Heiureran-Verlag, München. Henry E. Sigerist: Antike Heilkunde (Tusculum-Schriften, Heft 7). Preis M. 0.65. Ernst Heimeran-Werlaä, München. Anton Altrichter: Karl Hans Strobel. (Ei:: LebenS- und Srhaffensbild). Verlag L. Staackmann, Leipzig.