Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2832 (16.1.1927)
- Date
- 1927-01-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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•Seite 10 Mm, Gmmtvg 16. FSnner 1927 DIE Ihr Mmn war jung gestorben nnd sie eine sehr junge Witt«. Jünger als vor der Hochzeit; denn vor der Hochzeit 'war sie ein älteres Mädchen gewesen, während sie nach dem Tode ihres Mannes eine junge Witt« wurde. Borläufig trägt sie rwch den Familiennamen ihres Mannes — so lange, bis sie einen anderen Mann mit einem anderen Familiennamen bekommt. Den verstorbenen Mann betrauert sie aufrichtig,, aber gewissermaßen mit Ucbcrlegung. Ihre Trauer nrnnnt daraus Rücksicht, daß die lebenden Männer nicht abgc stoßen werden — int Gegenteil, den ficberrdeir zuliebe, um sie auzuziehe», betrauert sie den Toten. . . Rach den: Tode ihres Mannes sind schon ein paar Jahre vergangen; doch sie spricht von ihm noch so, als ivüren erst einige Wochen seit seinem Tod verflossen. Je stärkeren Eindruck ctit Lebender auf sie gemacht hat, desto met)x. spricht sie von dem Verstorbenen. Doch sie spricht nur soviel, als nötig ist, damit der Mann, der Eindruck auf sie geinacht hat, überzeugt sei, sie könne eine treue Frau sein und liebe ihren Ersten noch über den Tod hinaus. Sie ist eben Nug ... Wenn sie wollte, könnte sie sich eigentlich noch für ein Mädchen ausgeben . . . Doch sie hat sestgestellt, daß eilte junge Witwe stets mehr Chancen hat, einen Mann zu fesseln, als ein älteres Mädchen. Das hat sie festgestellt, als sie nach dem Tode des Mannes merkte, sie habe einen viel größeren Hofstaat an Männern um sich, die sich ihr nrit viel mehr Eifer tvidmeten, als vor der Hochzeit . . . Daraus schließt sie auf die Schwache der Männer, viel leichter dem Reiz einer jungen Witwe zu erliegen. Darum eilt sie sich, auch einem Manne, den sie zmn erstenmal keimen lernt, ihren Stand wahrheitsgenräß bekanntzugeben; tituliert er sie als Fräulein, so erwidert sie sofort? „Sie irren — nicht Fräulein, sondern Frau!" Und sie fügt sofort hinzu, ihr Mann sei gestorben. Gefällt ihr der neue Bekannte, der sie für ein Fräulein gehalten hat, so erzählt sie ihm von ihrem verstorbenen Mann, wie er sie und sie ihn geliebt hatte. Daß sie ihn jetzt rroch liebt, bis zu diesem Tag und dieser Stmrde . . . Fürchtet sie jedoch, ihr neuer Bekannter könnte von einer ernsthaften Bewerbung abgeschreckt werden, so läßt sie nebenher entfließen, das fiepen sei leider stärker als die Menschen. Diese Sentenz begründet sie dam jedesmal ungefähr so: „Wie mein Mann gestorben ist, da meinte ich, alles ist vorüber, die Welt ist mir untergegangen. Ich hatte keinen anderen Wunsch, als zu sterben. Wahrhasttg. Ich aß nichts, dachte daran, nrir das Leben zu nehm'n; und als mir ein Glas Tee gereicht Ivurde, da habe ich den, der es nur vorsetzte, angesehen, als wäre er verrückt. Doch so ist das Leben," — ist ihr' stehender Schluß, während die Einleitung manchmal kleine Varianten aufweist — „das Leben ist eben stärker als wir . . . Wir leben unb toollen leben . . . Im Sommer um der Sonne willen, im Winter um des Schnees ... Es gibt immer eine Begründung für das Leben." O, sie war klug, sie dachte an alles und schützte sich nach, allen Seiten: ihr neuer Bekannter sollte wissendaß sie Witwe war; er sollte sie begehren, aber er sollte wissen, daß sie ihren Mamr geliebt hatte und noch liebte, damit er sich nichts davon erlauben könne, was sich die Männer einer jungen Witwe gegenüber erlauben zu können glauben; aber er sollte auch wissen, daß das Leben stark war und sein Recht fordere. Fand sie einen Mann, der ihr rmhr gefiel als oie anderen, so sprach sie auch mehr zu ihm als zu den anderen über das ettv-ähnte Thema. Außer den Dingen, die sie den anderen erzählte, vertraute sie ihm manches von ihrem intimen Leben mit dem verstorbenen Mann an, sprach davon, was er an ihr besonders geliebt hatte und umgekehrt, ioaS ihm an ihr und ihr an ihm nicht gefallen hatte. So erzählte sie auch gernedaß ihr verstorbener Mann eS liebte, ihr Nasenstüber zu geben. Besonders wenn sie still und versonnen dasaß, versetzte er ihr gern hinterrücks einen Nasenstüber. Es gab Krieg deshalb und sie wurde böse mir ihm, bis er ihr versprach, es nicht mehr zu tun. Aber eine Stunde später, ach, wieder ein Nasenstüber! „Ich war einen ganzen Tag" — erzählte sie — „einmal sogar zwei Tage mit ihm böse wegen eines solchen Nasenstübers und das hat ihn sehr gegränkt. Er konnte eS nicht ertragen, daß ich mit ihm böse war, und darum hat er mich um Verzeihung gebeten und geschworen, er werde es nie mehr tun- So verging ein Tag, ein zweiter, aber am dritten, ach, da bekam ich wieder einen Nasenstüber ... Was hätte ich mir ihm tun sollen? Mich scheiden lassen oder immer wieder streiten und böse sein? Ich habe es ihm anders heimgezahlt: Ich habe ihm ins Ohr gehaucht. Da ist er immer wie vom Fieber geschüttelt JÜNGE WITWE vom JONA ROSENFEtD aufgesprungen . . . Wenn er so still und versonnen dagesessen ist, da habe ich ihm den Streich gespielt, bin auf ihn Zugegaugen und: huch, huch!" Sie erzählte auch gerne von der Vorliebe des Verstorbenen, einen Bissen zwischen den Lippen zu halten und ihn gegen ihren Mmrd zu führen: „Er wollte durchaus, daß ich ein Stückchen davon abbeiße; doch ich sagte: ich will nicht. Das hat ihn geärgert un& er hat dann immer gesagt: du hast mich nicht lieb. Darauf bekam er keine Antwort von mir — selbstverstäirdlich. Hätte ich ihm denn sagen sotten, daß ich ihn lieb habe? Das darf man einen, Manne nicht sagen. Das muß ein Mann fühlen. Fühlt er cs, dann isVs gut; fühlt er cs nicht ... In jedem Fall schadet das Schweigen nicht. Dann wird die Liebe des Mannes nur noch stärker. So spann sie die Geschichten aus ihrem intimen Leben in der ersten Ehe. Und sie erzählte immer mehr von dem Taten, je mehr sie in den Lebenden verliebt war. Den Ausschnitt ihres kräftigen Busens zierte stets eine Nadel mit dem Bild ihres verstorbenen Mannes. Ein Miniatucporträt, in einem schmalen goldenen Rahmen gefaßt. Sie hatte es nach dem Tode des Marmes in das Goldröhmchen fassen lassen, als Andenken an ihn, als Schnnuk für sich und als Zeichen für andere, daß sic einen Mcnm gehabt und ihn nicht vergessen hatte... Und bann — sie halte eine Rodel, die „ihn" darstellte und zugleich — Nabel ivar. Wenn der Lebende da war, den sie sich erwählt hatte, ergriff sie oft Sehnsucht nach diesem Lebenden; doch sie umklammerte mit ihren Fingern die Nadel und blickte auf sie nieder, besser gesagt — auf „ihn". Mit den Augen, mit der Nase, mit dem ganzen Gesicht blickte sie auf „ihn"; als gehörte alles. Jiläichen dev Weltfiteratm "N 3>ie Massisdfce tfammlnmü aus dem Verlag Eugen Diederichs, Jena fUw £rn>adksene und Minder (2© 2um Teil mit reichem Bildermaterial versehen, in entzückender Ausstattung von Prof. Ehmke Jede« üSand dcAiffinit 'Vorriiifü sind: Französische Märchen, r Bände Finnisch-estnische Märchen Malaische Märchen Indianermärchen aus Südamerika Kaukasische Märchen Afrikanische Märchen Neugriechische Märchen Südsecmärchen Nordische Volksmärchen, 2 Bände Plattdeutsche Volksmärchen Musäus, Volksmärchen der Deutschen, 2 Bände Chinesische Volksmärchen Buddhistische Märchen Deutsche Märchen seit Grimm Russische Volksmärchen Kinder- und Hausmärdien von Grimm, 2 Bände BUCHHANDLUNG K. Somit, Wien. f., ROTENTURMSTRASSE 22 all dos, was $u ihm niedersah, und alles übrige, WaS zu ihr gehörte, noch, immer ganz „ihm"... Bei Tag hatte sie zw^i Männer, einen drinnen in der Brust, den anderen aus der Brust. Sowie aber der, den sie int Innern trug, fort war, da war der, dm auf der Brust hing, sofort vergessen. Bei Nacht mußte er ganz von ihrer Brust fort urrd blieb auf der Bluse stecken, einsam und verlassen wie sein Original, wie „er", der draußen auf denn Friedhof lag. TaS Bild war ganz vergessen, und mit ihr blieb nur der, der in ihrer Brust war... . Der Alaun, der ihre Bekanntschaft um eures leicht ten und verantwortungslosen Genusses willen suchte, geriet rasch in eine klägliche Situation, und die Rotte, die er spielte, kam ihm bald sehr lächerlich vor. Sie erreichte rasch, was sie wollte: er geriet ganz in ihre Gewalt, ohne sich zugleich auch die mindeste Freiheit herausnehmen zu dürfcrr. Er hatte ungeheuren Respekt vor der jungen Witwe, die so oft von ihrem verstorbenen Manne sprach und an deren Busen wie ein Wächter bas Miniaturbild des Verstorbenen hing. Der Lebende brachte es nicht über sich, sich ihr gegenüber eine Bertranlichkl.it zu erlauben, die er sich sogar einem Mädchen gegenüber ohne Furcht vor Verantwortung hätte erlauben dürfen. Der A<Ltnste, er war übel dran; er hatte solche Lust, den Busen &u berühren, an dem das Bildchen hing, gerade weil das Bild des Toten daran hing; und gerade iveil das Bild des Toten daran hing, fand er nicht den Niut, cs zu tun. So rvar die Lage des Lebenden durchaus nicht beneidenswert: er mar bei einer Witwe, mußte sich höchst ehrbar benehmen urtb noch überdies immer wieder ihre Reden über den Verstorbenen anhören, de,: er nie gekannt hatte und der ihn ebensosehr interessierte wie die tausend und aber tausend unbekannten IMenschnv die täglich auf Erden sterben... Dazu mußte er ein lächerlich-aufmerksames Gesicht aufsetzen und Interesse für den Mann heucheln, der gestorben war mtd dessen Witwe hier ihm gegcnübersaß. Allmählich geriet er, ohne es selbst zu merken, nicht nur in den Bann der Frau, die vor ihm sah, sondern auch des Verstorbenen, der sich zwischen ihr uüd ihm befand. Er rmude geradezu hypnotisch von ihren Erzählungen über ihr intimes Leben mit dem Verstorbenelt angezogen und fühlte, wie in ihm der Wunsch, geradezu eine hemmungslose Schwäche entstand, es dem anderen, dem- Verstorbenen, nachzutun, all das zu tun, was „er" ihr zu tun liebte. Doch zugleich hatte er Furcht, es zu tun — denn sie liebte es ja nicht! So trat er langsam näher, bog den Zeigefinger gegen den Daumen, hob die Hemd, bereit, ihr einen Nasenstüber zu geben. Doch sie war gepanzert mit ihrem Ernst und mit der Sicherheit, daß er nicht den Mut finden würde, es zu tun; und. in sich verbarg sie ihre Zufriedenheit, daß er es zu tun wünschte: „Wirst du es wagen? Ich bür neugierig —- ich konnte eS nicht leiden, wenn es mein Mann rat..." Sie hüllte sich in kokette Trauer und summte leise eine melancholische Melodie, irr der zugleich etwas Selbstzufriedenes lag, darin sich Sehnsucht mengte. Es war die scheinbare Sehnsucht nach dem Verstorbenen, in Wirklichkeit das heimliche Verlangen nach dem Leben. All das war dorr irgendeiner Unaufrichtigkeit durchhaucht — Unaufrichtigkeit gegen den Verstorbenen, weil er ein toter Mann lvar, und Unaufrichtigkeit gegen den Lebenden, tvell er — ein lebettder Mann war. „Ich glaube, ich werde niemals wieder einen Mann lieben können," sprach sie zu denn, der ihr gegenübcrsaß, in denn gleichen Momente, als sie fühlte, sie sei in ihn verliebt und verlange nach ihm. Er glaubte ihren Worten, und gleichzeitig zweifelte er doch daran. Für jeden Fall wurde er sehr ernst und war ziemlich ratlos: Sollte er ihr einen Nasenstüber geben oder nicht? Und die junge Witwe sah ihn an, voll Lebenslust und weiblicher Ueberlegenheit; als sie merkte, ihre .Saat sei reif und er sei schon so weit, wie sie ihn haben wollte, da dachte sie: Er darf mir einen Nasenstüber geben. Doch sein Blick fiel auf das Bildchen an ihrem Busen, das ihn mit der üblichen photographischen Lebenstreue anblickte und schwieg, immerzu schwieg wie Leben u:»d Tod zugleich. Und dieses Bildchen hielt ihn mtt stärkerer Gewalt, als es ein Lebender vermocht hätte, mtt einer Gewalt, in der nichts mehr von Tod lag,, davon zurück, zu tun, wonach er verlangte... Nach einer längeren Pause der Erwartung erhob sich die junge Witwe von ihrem Platz, warf einen ernsten und zugleich lächelnden Blick aus ihr Gegenüber, trat nahe an den Mann, der ihre Beute war, heran und — hauchte ihm leise ins Ohr... Er umarmte sie jäh und drückte sie an sich; beide waren eng aneinander geschmiegt» und zwischen ihnen preßte des Mannes Harke Brust gegm ihren weichen Busen das Bild des Verstorbenen... An diesen dritten hatten sie Leide vergessen... OSüuiJ dem Jiddischen übertragen von Siegfried Schmitz.)