Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2832 (16.1.1927)
- Date
- 1927-01-16
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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S;\k 8 Ären, Sonntag Wiener Morgenzeitung 10. Jänner 1927 fit. 2832! JÜDISCHE WEEf iiaiiiiiiiiiiiiKiiisiiaiiiBiaiiiiiisc OEST. PATENT £|/»f() D- R- - PATENT Das Elastische f fjßkissen, ideale Schuheinlage beseitigt sofort Fufi-EmiUdunggschmerzen, Sohlen* I Bei Postbestellung brennen undPlattfußbeschwerden I Schuhnummer angeben APOTHEKE, Wien, II . Ennsflasse 23 Urberrrichnns de» Lberhau»ma«dater an Lber« rabbiner LSw. Aus Szegedin wird uns geschrieben: letzten Donnerstag abends wurde dem ins ungarische Oberhaus gewählten Oberrabbiner Dr. Immanuel L ö w in feierlicher Weise das Mandat überreicht. Die Feier -fand in der großen Synagoge statt, die von Festgästen überfüllt war. Beim Eingang der Synagoge hielt eine Abteilung der Staatspolizei die Ehrenwache. An der Feier nahmen der Bürgermeister der Stadt Szegodin und der gesamte Stadtrat? der Präsident der Advokatenkammer, der katholische und reformierte Pfarrer sowie die Vertreter sämtlicher städtischen und staatlichen Behörden-teil. Von Budapest erschien der Präsident der israelitischen Landeskanzlei Franz Mezek, der Ofner Rabbiner Dr. Arnold K i s ch, eine Abordnung der Ofner jüdischen Gemeinde und anderer Körperschaften. Der Präsident der Landeskanzlei, Franz Mezei, überreichte Dr. Löw mit einer kurzen Rede das Mandat, worauf Oberrabbiner Löw dankend erwiderte: „Vor sieben Jahren", sagte er unter anderem, „richtete der Untersuchungsrichter an mich die eindringliche Aufforderung, ihm doch zu gestehen, welchen Teil "-unseres Landes ich verkauft und verraten und an welche Macht ich mein Vaterland verkauft hätte. Ich antwortete ihm mit einer alten biblischen Legende. Hiernach verwandle sich das Rückgrat des verstorbenen Menschen nach sieben Jahren -in eine Schlänge. Sieben Jahre sind feit jener Zeit verflossen und aus der Schlange wurde abermals ein historisches Glied mit Rückgrat versehen: das ungarische Judentum, das nun auch int ungarischen Oberhaus seinen Play erhielt. Ich danke für das Mandat und gelobe, daß ich auch im Oberhaus mit voller Kraft für die Interessen des ungarischen Judentums und das Wohlergehen des Vaterlandes kämpfen werde." Nach der synagogalen Feier fand eine Festsitzung des Kultusvorstandes statt, in welcher das neue Oberhausmitglied gefeiert wurde. Es wurde beschlossen, das historische Ereignis in dem für besonders wichtige Ereignisse im Leben des Judentums bestimmten Gedenkbuch zu verewigen. Mit einem zu Ehren Dr. Löw veranstalteten Festbankett wurde die Feier abgeschlossen. Dr. Simon Hevesi leitender Oberrabbiner von Budapest. Der bei der Oberhauswahl durchgesallene Dr. Simon Hevesi soll nach - dem Wunsche seines Anhanges irgendeine solenne Genugtuung erhalten. Die Agitation hat bereits wieder eingesetzt, um bei der bevorstehenden Wahl des Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei den gegenwärtigen Präsidenten Franz Mezei, der in dem. Wahlkampf auf Seitd des siegreichen Dr. Löw gestanden hatte, zu Falle zu bringen und an seine Stelle Dr. Hevesi zu setzen. Da jedoch nicht mit Unrecht zu befürchten steht, dag die Lederer-Clique auch bei dieser Wahl den kürzeren ziehen werde, beschloß Dr. Lederer dem Dr. Hevesi eine andere Genugtuung zu bieten. So wurde denn in der letzten Sitzung des Budapester Kultusrates ein seit dem Jahre 1921 unerledigter Beschluß, betreffend die Organisation des Budapester Rabbinerstatus, hervorgeholt und Dr. Simon Hevesi zum Ab-Beth-Din, zum leitenden Oberrabbiner von Budapest mit weitgehenden Befugnissen ernannt. Beschlüsse de» Sbersten Rates der jüdischakademischen Srgauisatiouen in Polen. In Warschau fand vor einigen Tagen die erste Sitzung des Hauptrates der jüdisch-akademischeri Organisationen in - Polen - statt. Von den gefaßten Beschlüssen und Resolutionen seien hervorgehoben: Eine Protestresolution gegen die Universitätssenate von Warschau, Wilna und Krakau wehen ihrer . Unterstützung der antisemitischen akademischen Jugend in. der Frage der Leichenbeistellung an die anatomischen Institute. Der tzauptrat der jüdischakademischen. Verbindungen steht, auf dem Standpunkt, daß : die Versorgung der Prosektorien mit Leichen eine Pflicht darstelle, die ausschließlich den Universität s b e hö r d e n, nicht aber der akademischen Jugend anheimfalle., Bezüglich der Teilnahme der jüdischen Studentenschaft an der Palästinaarbeit wurde beschlossen, das Zentralkomitee aufzufordern,., binnen kürzester Frist die Aktion zugunsten der Errichtung eines Akademiker- Heims in Jerusalem in Angriff zu nehmen. Ebenso wird das Zentralkomitee beauftragt, an den Arbeiten der Gesellschaft der Freunde der hebräischen Universität und ganz besonders an der Büchersammlung für die Nationalbibliothek in Jerusalem intensiv mitzuarbeiten. Der Hauptrat fordert die jüdische akademische Jugend auf, an den Arbeiten der Komitees für das arbeitende Evez Israel mittätig zu sein. Ebenso wird der Wunsch, mit dem wissenschaftlichen Institut in engsten Kontakt zu gelangen ausgesprochen. Schließlich wird gegen die Haltung der Verwaltung der Warschauer jüdischen Gemeinde protestiert, die es für gut befunden habe, die Subvention. für das jüdische Akademikerhaus in Warschau aus dem Budget für das Jahr 1927 zu streichen, Und jenen Mitgliedern der Gemeindeverwaltung. welche die Interessen der jüdisch-akademischen Jugend mit allem Nachdruck vertreten. Dank und Anerkennung ausgesprochen. Zum Schlüsse wird noch gegen den Beschluß der Warschauer jüdischen Gemeinde protsstiert? der ersten ernsten jüdischen Bühne in Europa, dem Warschauer jüdischen Kunsttheater, die-Subvention zu verweigern. Erwerbung de« Samarttanlkikien Pentateuchs vur» eine jüdische Bank in Palästina. I. T. A. meldet aus Jerusalem: Eines der wenigen noch vorhandenen Manuskripte des Samaritanischen Pentateuchs wurde von der Loan Bank, einer der jüdischen Banken ist Palästina, erworben. So wird dieses wertvolle Manuskript in Palästina bleiberl. Es existieren iu der ganzen Welt nur einige wenige Abschriften des Samaritanischen Pentateuchs, die sich in Museen befinden. Eines derselben ist noch heute inr Besitze der Samaritanischen Gemeinde in Nablus. Das von der Loan Bank erworbene Manuskript wurde im Jahre I486 ist sehr schönen, antiken hebräischen Buchstabe« wort „Uzzi beit Jttamar beit Abdael ben Azi bar NathanaeL. Heu Amram bar Jttankar bcn Amram.bar Eliezcr bar Nathanael bar Eliezcr" geschrieben. Schuh der jüdischen AlertSmer iu Preußen. Wie I. T. A. aus Berli >n meldet, soll entsprechend dem Beschluß der Lündesversammlung der jüdischen Gemeinden in Preußen eine Kommission zum Schutz der jüdischen Altertümer Preußens eingesetzt iverden. Die Kommission wird aus Vertretern aller Provinzen und einer Reihe in Berlin wohnhafter Mitglieder bestehen und soll das Recht, haben, Sachverständige zu ihren Endlich blickt er auf und schaut sie an, daß ihr das Herz stillstcht: „Singen ist - Unzucht! Geh!" sagt er hart, und da sie verwirrt und ganz ratlos noch zögert: „Geh!" herrscht er sie an. Chane Mirel weiß nicht, tvie sie wieder über die Gasse hinübergelommen ist, aber wie sie sich in ihrem Stübchen umsieht, ist alles verändert, und sie fängt herzzerbrechend "zu weinen au. Sie weint iw der Milte'ihres Zimmers sitzend so un- - aushörlich, daß der alte Vater sie so noch filtdet, als er spät nach Hause kommt, und sie nicht zu trösten rveiß und nicht merkt, daß an diesem Abend eine große Liebe im Herzen Chane Mirels ihren Einzug gehalten hat. Wenige Tage vergehen, da fällt Reb Eilje auf ein hartes Krankenlager, also,- daß er zu sterben scheint. Und alle Juden befällt eine große Angst, und die laufen in die Schul und laufett wieder heraus und rufett die Brüder und laufen wieder hinein und sprechen: „Wir »vollen Thillim sagen für den Row!" Und sie sagen Thillim, und von Zeit zu Zeit läuft der lange Schmecke nach .Haus, um nach dem Kranken zu sehen, und kommt wieder und ist ganz außer Atem. „Noch mehr Thillim!" sagt er-und wischt sich den Schweiß. Und' sie sagen »roch mehr Thillim. Und wieder läuft der Bocher und kommt zurück, und sein Gesicht ist weiß wie Kalk und er bringt keilt Wort hervor, , aber -man sieht ihin an, daß es mit dem Reb Eilje immer schlechter geht. . Da steht der alte Schulklopfer auf uud spricht: „Wir wollen Jahre -sammeln für den Row, wie es die Väter getan. Der Bocher soll ein Buch nehmen, mrd jeder soll einschreiben, roieviel Jahre, Monde oder Wochen er von seinem Leben abgeben will, dem Row zu längeren Jahren in dieser Welt, ihm selbst zum guten Geleite für die kommende Welt." Und sie tun also: Der Bocher nimmt das Buch und läuft von Haus zu Haus, mtd die Juden schreiben sich ein: Der zwei Jahre, der eins, und der dritte krazt -sich hinter dem Kopf und atmet tief, als er sechs Monate schreibt. Der lange Schmecke aber läuft die Gassen herauf und herunter und noch einmal die Gassen herunter und herauf, und es ist Abend geworden und er ist -fertig und steht atemlos vor Reb Eiljes Tür. Eben will er hinauf «und das Buch dem Rabbi unter das Kopfkissen schieben, als Chane Mirel aus des Vaters Haus herübergeschossen kommt und ihn so heftig am Arme kneift, daß der.Bocher vor Schmerzen auffchreit. „Schreib', Schmecke," ruft das Mädchen und bei jedem Worte greift sie fester.in seinen Arm, „schreib' mein Leben! Schreib' mein ganzes Leben für den Row! Hast du noch nicht geschrieben?" — Und so, als wenn es gar nichts wäre, schreibt -der 'Bocher das Leben der Jungfrau in das Buch ein, .ganz unten, wo die Reihe der guten . Juden zu. Ende war. Dann aber stürzt er ganz verstört in das Haus, und Chane .Mirel hört draußen, wie er, mit feinen schweren Stiefeln die Treppe hmaufstplPert, -MNem Row die Jahre zu bringen und das ganze Leben emA Jungfrau dabeb m Arbeiten und Beratungen hinzuzuzieheu. Der Rat des Preußischen Landesverbandes wird die für die Arbci! notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Ueber bti Durchführung der erforderlichen Maßnahmen soll di, Kommission selbständig entscheiden. Todesfälle. In London starb im Alter von öß Jahren der bekannte Novellist und Dramatiker Samuel Gordon. Er war in Deutschland geboren und kain als 12jährig.cr Knabe mit seinen Eltern nach England. Seine Werk: behandeln vornehinlich jüdisches Leben. Die bekanntesten „Sons of-the Covenant" (Söhne des Bundes), und „Stranunter ihnen sind „Taughters of Sbem" (Töchter des Scham), gcrs ar the Gate" (Fremde am Gitter). Sie wurden in mehreren Sprachen überseht. — In B u k a r e st starb im Alter von 92 Jahren Abraham Emanuel G a st c r, der Pater des Londoner Chachams Dr. Gaster. Der Verstorbene war seinerzeit Sckritär der holländischen Gesandtschaft und hat als solcher das erste Hande^sabkonnne-- /i'-cit Rumänien und Holland aogcfaüt. Vor vielen Jahrzehnten begründete er die ersten jüdischen KultuSgemeindcn und sozialen Institutionen in Rumänien. Die Palästina Einwanderung. Aus Jerusalem wirk uns geschrieben: In den ersten zwei Monaten des Jahres 5687 (Oktober und November 1926) kamen 1355 Juden nach Palästina, und zwar 588 Männer, 460 Flauen und 301 Kinder. Gegen ein Drittel der Einwanderer waren Chalnzim, der Rest setzt sich zusammen ans 238 Palestinensern abhängigen Personen, 106 Kapitalisten mit über 500 ägypt. Pfund und 190 Touristen, die die dauernde Aufenthaltsbewilligung im Lande erhielten. Streik in der Haifaer Mazzothfabrik. In der Mazzothsabrit der Grands Moulins de Palestine in Haifa ist infolge Richtbewilligung der von den Arbeitern geforderten Lohnet Höhungen ein Streib ausgebrochen. Und als es droben stille lvird und drunten allgemach die Nacht begonnen hat, atmet die Jungfrau tief aus und schleicht sich leise in ihr Kämmerchen zurück. Uud das Städtchen schläft ruhig die gmtze Nacht. Am nächsten Morgen findet man Chatte Mirel, des Schucklopfers Tochter, tot in ihrem Bette. Reb Eilje Sußmetmt aber wacht nach einem tiefen Schlafe, in den cr versunken war, in den Strahlen der Frühlingssonne aus und lebt. — * Als Reb Eilje erfährt, daß man Jahre für ihn gesammelt hat, und daß die Jungfrau Chane Mirel iit derselben Stunde verschieden ist, da cr selbst wie "durch ein Wunder vont Tode erstaltd, wird er schweigsam. Er lernt noch tiefer in die Nächte hinein und läßt sich bei Tage kaum noch auf der Straße sehen. Dem Bocher Schmecke, der beim Leuten ihm gegenübersitzt, lvagt er nicht ins Gesicht zu sehen und mit’ das Nötigste redet er mit ihm. Obgleich aber Reb Eilje so abgeschlossen in seinent Hause lebt, verbreitet sich in der Gasse bald die Kunöc, lute wunderbar tv naä) seiner Krankheit aufgeblüht. Sein Wuchs..ist höher, seine Angett strahlender als je zuvor. '• Da stecken die Leute die Köpfe zusammen und flüstern: „Arme . Chane Mirel!" sagen sie und wiegen den Kopf. „SBmt der Qual aber, die Reb Eiljes Herz in Besitz genommen hat, weiß keiner. Wetm er den alten Schulklopsev im Morgengrauen die Tür seines Hauses aufschließen hört, zittert Reb Eilje. Er kann seinen Hammer nicht mehr hören, ohne zusammenzuschaudern, kann den Bocher nicht mehr sehen, ohne daß ihm weh wird. Eine sticke Schwernmt hat ihn in Besitz genommen. Er tut Dinge, die er früher itic §etan, kann nachts stundenlang am Fenster stehen und ins Dunkel hinausstarren. Ihm, der ein strenger Mann gcweseit sein Lebert lang, könnett unerklärliche Tränen kommen, mitten im heiligen Studium befallen ihit rveiche Träume. Früher hatte er Träume wie Träneir als bett Lösen Trieb in sich bekänrpft, jetzt läßt cr sich tragen und treiben, aber wenn er erwacht und sich besinnt, peinigt cr sich mit stundeirlangent Gebet und hartem Fasten. Wer weiß davon iu der Gasse? Sie sehen tmr, daß seine Wangen blühen, Und wundern sich, daß er so schiveigfam ist. Ein Jahr ist vergangen, da tönt eines Nachts der Hammer des Schulklopfers mit solcher Gelvalt an, Reb Eiljed Tür. daß" er erschrocken vom Lager springt und sich weit zum Fenster hinausbeugt, .um zu sehen, warum der Nie so schrecklich und zu so ungewohnter Stunde schlägt. Ms dieser nun langsam den Kopf zum Fenster hobt, beleuchtet der Mondschein ein totenblasses Gesicht: „Der Row soll zum Dobrzaner Waldhaus kommen!" schallt es duntpf herauf, und es ist Reb Eilje, als käme die Stintme von ferne her und, der die Worte spricht, hätte einen unendlich weiten Weg hinter sich. (!. Fortsetzung.) Copyrigth by Georg Müller Verlag A. Q., München 1927. &ie fremden Jahre. £ivze ostßii* *iis€Sk<e SegemMe ihjvk £mi£ {§3emmfk*iiitui €oAn. (ÄortLrtuuta. im MoniaaLlall^