Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2832 (16.1.1927)
- Date
- 1927-01-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3832 Wien, Sonntag E«ter MsrKM-ettmts 16. Jakmer 1927 Seite 5 Die Zentralifieumg der jüdischen HilfstSllgkelt. Von Proieffor Timon Dubnow. Ueter die Bedeutung des Zusammenschlusses der drei großen jüdischen Hilfsorganisationen Ort, Ose und EmiWrekt zu gemeinsamer Aufbauarbeit in der Diaspora äußert sich der jüdische Historiker Professor <Amon DuLnow n. a.: Die Hälfte der jüdischen We.lt wurde vor unseren Augen zerstört. Die Ruinen ,nüssen wieder auf-gebaut w-exden. Das können nur jene Teile des jüdischen Volkes Lun, die durch die W-eltkatastrvphe nicht unmittelbar betroffen wurden. Hätten wir Juden bereits einen Staat, so wäre es seine Aufgabe gewesen, das zerstörte Wirtschaftsleben wieder herzustellen. So aber mutz das ganze Volk daran teilnehmen. .Ich kenne die Geschichte un-d die Fiele der Organisationen, die sich jetzt zu gemeinsamer Aufbauarbeit vereinigte». Der „Ort" wurde im Jahre 1880 von P o l j a -k o f f als ein Fonds zur Förderung der Landwirtschaft und des Handwerkes unter den Juden gegründet. Sein Ziel ist, Lustmenschen die Möglichkeit zu geben, ehrliche und gesunde Arbeiter zu werden und damit für die kommenden Generationen einen festen wirtschaftlichen Boden vorzubereiten. Das ist sicherlich ein Ideal, das jeden Juden, der im gegenwärtigen kritischen Augenblick unsere Geschichte genau beachtet, begeistern mutz. Der „Ort" hat seine Lebensfähigkeit schon damit bewiesen,' datz er jetzt, nach ^jähriger Existenz und den Erschütterungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, feine Tätigkeit erweitert. Der t a s" wurde im Jahre 1881 durch Michel Halperin in Amerika ins Leben gerufen. Die Gründung der Organisation erweckte damals in der jüdischen Welt einen grotzen Eindruck. Die Arbeit, die „Hias" in Amerika leistete, wurde in Europa parallel durch die „Emigdirekt" getan. Jetzt haben sich diese Leiden Gesellschaften zur Unterstützung und Regelung des jüdischen Wanderlebens zu gemeinsamer. Arbeit auf breiterer Grundlage vereinigt. Die Gesellschaft zum Schutze der Gesundheit unter den Inden, ,/O s e", ist die jüngste unter den drei vereinigten Gesellschaften, hat aber bereits nicht geringere Verdienste als die ersteren. Sie wurde einige Jahre vor dem Kriege zu dem Zwecke gegründet, durch sanitäre Arbeit, und hygienische Aufklärung den physischen Volkskörper zu kräftigen und gegen die Degenerierung der jüdischen Nation anzukämpfen. Während des Krieges entwickelte ,Me" eine große ersprießliche Tätigkeit und hat sich nach dem Kriege in Berlin reorganisiert. Die drei Gesellschaften „Ort", „Ose" . und „Emigdirekt" verkörpern in sich die Aufbauidee der jüdischen Gesellschaften im alten Rußland und entwickelten sich später als Träger des Aufbaugedankens im jüdischen Volk in allen Ländern. Die jüdische Lekadenze in Ungarn. „Dcr ewige Fremde." In der uralten Judengememde Waitzen, eine Eisenbahnflunde von Budapest, haben, wie jetzt bekannt wird, der Direktor der dortigen jüdischen Bürgerschule, Ferdinand Szekely und seine Frau in einer Waitzner katholischen Kirche die Taufe genommen. Der wahre Hintergrund dieses aufsehenerregenden Skandals liegt noch nicht ganz klar zutage; wir sind daher vorläufig auf di« Mitteilungen des „Estl Kurir" angewiesen. Die Lebensgeschichte Ferdinand S z e k elys liest sich wie einer der vielen Judenromane, die jetzt fast täglich auf dem Büchermarkt erscheinen. Szekely ist Schriftsteller und Mittelschullehrer, hat den Krieg an der Front mitgemacht.und kam erst nach der Herrschaft des Kommunismus nach Ungarn zurück. Seinen früheren Posten an einer Budapester Mittelschule durfte er unter dem christlichnationalen Kurs nicht wieder» beziehen. Er widmet sich ganz der jüdischen Journalistik, gibt kurze Zeit ein jüdisches Wochenblatt heraus und schreibt zündende Artikel und Broschiiren für die Rechte der europäischen Juden, bis ihn der Arm der rassenschützlerisch orientierten Gerichte erreicht. Wegen seiner Broschüre „Der Numerus clausus in Ungarn" und eines Artikels „Wozu braucht man das Ordnungsgesetz?" wird er des Vergehens der Verletzung des Ansehens des ungarischen Staates und der ungarischen Nation angeklagt und zu fünf Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Inzwischen wird Szekely zum Direktor der Bürgerschule der Waitzener jüdischen Status quo-Gemeinde gewählt und heiratet eine jüdische Lehrerin derselben. Anstalt. Im Mai 1915 beginnt plötzlich der Kampf des Rabbiners Pollak gegen den Schuldirektor, der mitunter recht schmutzige Formen annimmt. So wird behauptet, der Rabbiner hätte sich beim Bezirksschulinspektor darüber beschwert, daß die jüdische Bürgerschule sich deshalb nicht entsprechend entwickeln könne, weil der Direktor wegen seines Buches gegen den Numerus clausus rechtskräftig - verurteilt wurde. Am 27. April fowitbc Szekely zum Strafantritt vorgeführt. Da wendete sich der allgemeine Unmut gegen den Rabbiner. Pollak mußte schließlich von der Kanzel herab erklären, daß er Szekely nicht denunziert habe und noch hinzufügen: „Man verdächtigt mich, ich hätte Szekely angezeigt, weil er sich weigerte, meine Tochter zu heiraten. Dieser Anwurf ist unbegründet, denn ich Hätte eine solche Ehe niemals zugegeben, da Szekely eine unjüdische Lebensweise führt .. ." Die Folge dieser Rede war, daß Szekely, der bereits im Gefängnisl saß, seines Postens enthoben wurde. , Inzwischen geschah etwas Sonderbares. Die Geistlichen der drei christlichen Gemeinden und der Bürgermeister von Waitzen richteten im Interesse des jüdischeu Direktors, der bereits 49 Tage seiner Strafe abgesessen hatte, ein Gnadengesuch an den Reichsveklvieser; am 19. November 1926 wurde Szekely begnadigt. Jetzt stand er mittellos da, verfolgt und verachtet. Am 22. November erschien er mit seiner Frau bei Rabbiner Pollak mtb meldete ihren gemeinsamen Austritt aus dem Judentum au und am Neujahrstag vollzogen beide, wie erwähnt, den liebertritt zur katholischen Kirche. Es sei hiev nicht untersucht, inwieweit die Haltung des Rabbiners oder die Einwirkung des Geistlichen der Strafanstalt den scelischen und moralischen Zusammenbruch dieses Mannes herbeigeführt haben. Lieft man aber Szekelys im Jahre 1926 erschieneneü Roman „Der ewige Fremde", der eigentlich der Roman seines Lebens ist, so wird man sich der Ansicht nicht verschließen können, daß auch Szekely, wie sein jüdischer Romanheld Dr. Andreas Bus, innerlich dem Judentum schon längst entfremdet war. Typen von der Art des Ferdinand Szekely sind an jüdischen Schulen in Ungarn in Menge vorhanden. Diese Erzieher, der ungarischen jüdischen Jugend sind die Ursache des Verfalles des ungarischen Judentums. I. Kr. ude *m* 3F£veux f DER NEUE ROMAN DER „WIENER MORGENZEITUNG- Sit der GMabrtt. Er» Besuch nt der No^endruckerei der Nationaldank. wenigen Wochen werden in Oesterreich neue Z'ehnschilliiigiwtcn ausgegeben werden, die kleiner als die bisherigen Noten dieses Wertes sind. Aus biefent Anlaß hat einer unserer Mitarbeiter sich in der Nvtendruckerei der Oesterreichischen Nationalbank die Herstellung des Geldes angesehen. Die wichtigsten zwei Abteilungen sind die Notenzeichnerei und die Notendruckerei. Die Oesterreichische Nationalbank zeichnet alle ihre Noten selbst, und zwar mit Hilfe einer sehr komplizierten, von dem technisch«: Leiter der b Nationalbank selbst vervollkommneten sogenannten G u i l l o ch i e r m a s ch i n e, die aus einer Unzahl von kleinen Rädern besteht, von denen jedes einzelne einen eigenen Gravierstift betätigt.. Je nach der Schnelligkeit und Richtung, die man diesem Stift, der sich auf einer . Kupfer- oder Metallplatte bewegt, gibt, entstehen vielfach zarte Linien und Schraffierungen, Pie den Untergrund der Note bilden. Alle diese Bilder sind in einem besonderen Musterbuch eingetragen,, in welchem die Schnelligkeit und eine bestimmte. Nuancierungsziffer für jedes einzelne Rädchen der Grftllochi§rmaschine verzeichnet ist. Diese Zeichenmaschine trägt auch wesentlich dazu bei, Fälschungen z u b e*r Hin dern. Mit dieser Maschine werden übrigens, auch Muster für die Noten anderer Staaten, aber auch solche für kunstgewerbliche Zwecke gezeichnet. Interessant ist, datz mit Hilfe dieser Maschine und der übrigen Einrichtungen der Notendtuckerei auch alle neuauftauchenden ausländischen Noten untersucht, das heißt, nachgcahmt werden. Die Nationalbank besitzt nämliche eine eigene F ä l-schung s ab te i lün g, die natürlich nur wisse n s ch a f t l i ch e n Z w e ck e n dient, um ftstzustellen, wie leicht oder wie schwer jede einzelne Banknote gefälscht werden kann. Der Druck der Noten "erfolgt in verschiedenen Etappen. Zunächst wird das Banknotenpapter, das in breiten Streifen über Holzrollen laust, mit dem notwendigen Untergrund in'verschiedenen Farben bedruckt. Dann werden in die leer gelassenen Medaillons die verschiedenen Köpfe eingedruckt. Früher dienten als Modelle für die Notenlköipfe Damen der hohen Aristokratie; nunmehr stellen verdiente Arbeiterinnen der Druckerei selbst die Vorbilder für die. Frauenköpfe auf den Noten. Wenn dann die Noten aus der Druckerei kommen, werden die langen Bänder zunächst in Bogen zerschnitten, die je nach der Größe, der . hevKÜstellenden Noten noch acht bis zehn Notenbilder tragen. Diese Bogen werden dann durch einen gangen Stab von Beamten revidiert und auf Fehler untersucht. Fehldrucke werden sofort aus ge schieden und vernichtet. Erst dann werden die Dogen durch eigene'Maschinen auf die Notengrötze .selbst Mgeschnitten und durch einen sehr komplizierten Apparat nummeriert, in Päckchen gebunden und in die Tresors der Bank befördert, Bei jedem einzelnen Arbeitsprozeß werden die Noten immer w i e d e r. g e z ä h l t, um ein Verschwinden derselben zu vermeiden. Als..AuMchtsorgane dienen heute zumeist frühere Stabsoffiziere, doch besitzt 'überdies die Bank eigene Detektivs, die alle mit der Herstellung der Noten beschäftigten Arbeiter und Beamten überwachen. Da niemand während der Arbeitszeit die Dvückereisüle verlassen darf, so sind Garderoben und Toiletten unmittelbar anschließend an die Arbeitsräume angebaut. Vor Schluß der Arbeitszeit, vor iedem Schichtwechsel wird genaue Revision abgchaltep und erst nach ihrer Durchführung dürfen die ArbMx das Gebäude verlassen. Tatsächlich gehören Bankrtytendiebstähle in der Bank selbst zu den allergrößten Seltenheiten. " . —eich. Ihr« Gesundheit können Sic vollständig wieder zurückerlangen, von allen Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn Sie DIANA- FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL äußerlich zu Einreibungen, innerlich auf Zucker, tropfenweise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. Diana - Franzbranntwein i|BER\LL ERHÄLTLICH! An Sen Staatsanwalt! In Wien ist anfangs Jänner ein Hakenkreuzblatl gegründet worden, das mit allen Sitten dieser Presssgattung geziert ist. Dieses Blatt (wie es heißt, ist an den Straßenecken zu lesen) veröffentlicht die Namen jüdischer Personen mit genauester Adresseirangabe. Wir wissen nicht, wie viele Rothstöcke und Nowosads hinter diesem Blatt stecken. Aber daß der eine oder der andere die ihm angegebene Adresse zu dem anerzogenen Zweck des Mordes benützen wird, steht nicht so außer Zweifel,. da doch „zur Tat" ausg: fordert wird. Dieses Blatt klebt seine Sudeleien an die Plakattvände. Mit Genehmigung der sozialdemokratischen Stadtverwaltung, die offenbar, um nicht in den Verdacht. der Judenfreundschaft zu gelangen, von ihrem Einspruchsrecht hier keinen Gebrauch macht. Es muß also der Staatsanwalt gefragt werden, ob er' nicht doch einzuschreiten und statt der sozialdemokratischen Partei die Wahrung der Ordnung zu besorgen gedenkt, wie idas doch seine Pflicht ist. Sie Grivve. Auch in Palästina. Die jetzt in der ganzen Welt überhand' nehmende Grippe-Epidemie macht sich, wie uns aus Jerusalem gemeldet wird, auch in Palästina bemerkbar. Nach dem „Palestin" soll cs in Jaffa fast kein Haus ohne Grippekranken geben. Die Epidemie in Deutschland. .Berlin/ 19. Jänner. Wie die Blätter melden, ist in einer Kaserne der Aschaffenburger Land es Polizei' eine Heft i g e GrkpPe EPidemie ausgcbrochen, die anscheinend durch Urlauber eingeschleppt worden ist. Bon hundert Landcspolizisten sind 68 erkrankt. Im rheinisch-westfälischen In dustrieb ezirk hat sich die Grippe in der letzten Woche sehr stark ausgebreitet. Gegenwärtig hat . die Krankheit auch in den Handelsstädten Einzug gehalten. In der letzten Woche steigerten, sich die Krankheitsfälle um 65 Prozent gegenüber der Vorwoche. Die Epidemie nimmt im allgemeinen einen gutartigen Verlauf. In Saarbrücken sind seit dem 1. Jänner 44 Todesfälle zu verzeichnen. Zucker aus Holz. Ein neues chemisches Verfahren von Dr. Der» gtuS. Nach der künstlichen Umwandlung der Steinkohle in Öel ist nun der Zucker an der Reihe,, aus ihm fremden Rohstoffen f ü n st l i ch yergestellt zu werden. Und wie beim Oel, so stammt auch das Verfahren, Zucker auf künstlichem Wege aus H o l-z zu erzeugen, von Professor B e r g i u s in Heidelberg. Was wir bisher an Zucker genossen, ist ja ausschließliches Pflanzeuprodukt. Und wenn es auch Zucken„fabriken" gibt, so besteht die Fabrikation des Zuckers nicht in seiner Herstellung, seiner Erschaffung. sondern in seiner Gewinnung aus den Pflanzenteilen, in denen er entstanden ist. Nun aber wird Zucker aus Holz wirklich gemacht, indem man das Holz oder richtiger seinen Hauptbestandteil, die Zellulose, in Zucker umgewandelt. Dies ist dadurch möglich, daß, chemisch gesprochen, Zucker und Holzstoff nicht sehr voneinander verschieden sind. Der Unterschied ist im wesentlichen der, daß ein Molekül Trauben- 13liefet (um diesen handelt es sich) ein Molekül Wasser mehr enthältals ein Zellulosemolekül. Schon lange weiß man das, und schon lange hat man nach einem Weg gesucht, auf dem man an ein Holzstoffmolekül chemisch ein Wassermolekül binden könnte. Erst Professor Bergius ist es gelungen, die Schwierigkeiten endgültig zu lösen. Das Produkt seines Verfahrens ist Traubenzucker, also nicht dasselbe wie der Rohrzucker, den wir aus dem Zuckerrohr oder aus den Zuckerrüben gewinnen. In jedem Molskiil Rohrzucker ist ein Molekül Traubenzucker und ein Molekül Olfomane - Matratzen Auch Teilzahlung! .. M.Weltz,W!en,ll. Darwingasse 39Ä