Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2832 (16.1.1927)
- Date
- 1927-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2832 Wien, Sonntag 41 M-mr M-r-MMtmtzz 18. SSrnter 1267 Seite 3 Meine Wanderjahre. La« «chad Haa«. (Ans de« de««Schst erscheinenden Memoirenwerk deverstoedene« Phttessphen.) Im Jahre 1878 war ich das erste Mal in Odessa. Dort begegnete ich einem junger» MM«, der in der russischen Literatur sehr bewahrt war. Ich fühlte mich selbstverständlich sehr klein gegen ihn, aber es scheint, daß ich irr seinen Augen doch nicht der ganz Unbedeutende tvar, denn er besuchte mich nach unserer ersten Unterredung ragtäglich, um mit mir über verschiedene Angclegercheiherr zu sprechen. Er brachte Bücher Pissarews mit, die damals die Jugend mit gespannter Begeisterung zu lesen pflegte. Wir ginge,» zusammen die kritischen Artikel durch, und ich glaubte damals, daß es in meinem Kopf Heller getoorden sei und ich mm „das letzte Wort" der menschliche» ich erwarb bloß allgemeine Kenntnisse in verschiedenen Gegenständen, die aber nicht ausreichten, um ein Examen zu bestehen. Und so kam ich denn nach ein oder zwei Jahren zur Ueberzeugung, daß ich die Zeit versäumt habe und niemals mehr imstande sein werde, mich mit alten den Narreteien abzugeben, um an einer russischen Universität anzukommcn. Da begann ich mich mit dem Gedanken zu befassen, in eine ausländische Hochschule zu gehen, denn ich war der Meinung, daß dort kein Platz sei für solche nichtige Kleinigkeiten. Aber auch diese Absicht ist ttld): in Erfüllung gegangen. Anfangs verschob ich ihre Aus¬ Kultur kmnengelernt habe, nach dem es mich so sehr gedürstet hatte. Unter dem Eindruck der Gespräche mit diesem jungen Menschen erwachte in mir der Gedanke, mich sür Gymnasialprüfungen vorzubereiten, um dann eine Universität zu beziehen.. Und als ich dann nach Hause kam, begann ich fleißig Latein, Mathematik und alle übrigen Mittelschnlgegenstände nach den in den Gymnasien benützten Lehrbüchern, zu studieren. Alles selbstverständlich allein, ohne jede Hilfe von außen, da in den finsteren Städtchen, die um Mein einsames Dorf herum lagen, kein einziger Lehrer vorhanden tvar. Aber ungeachtet meines guten Willens gelang es mit doch nicht, aus einem Maskil — ein Kind zu werden, das Dinge lernt, die mir als närrisch erschienen. In Latein habe ich tattächlich Fortschritte gemacht und es dahin gebracht, daß ich weiter lernen und das Gelesene verstehen konnte. Aber alle die grammatikalischen Hinterhältigkeiten, auf deren Lösung die Gymnasiasten ihre ganze Zeit verschwenden, erschienen mir völlig fremd und überflüssig, besonders, da ich keinen Lehrer hatte, der über, mir stand und mich gezumngen hätte, mich damit abzugeben. Das Ende »var, führung infolge verschiedener Hindernisse. Im Jahre lßßC gebar meine Frau meine ältere Tochter Deborah Leal und «krankte bald darauf an einem ernsten Leiden, das einige Monate dauerte. Dann kam das Jahr 1981, und es kamen die Pogrome. Einige Monate lang war ich völlig niedergedrückt uitb wie geistesvcrwirrt. Meine innere Welt wurde erschüttert und neue Anschauungen traten auf den Platz d« alten zerstörten. In solcher Geistesverfassung vngaß ich dann an alle Universitäten und alle Disziplinen, die dort gelehrt werden, war ganz gefangen genommen, von meinen eigenen Schlüssen über alles, was ich erlebt habe und was mir wie ein Traum ln der Wirklichkeit erschienen war. Auch, persönliche Grmrde kamen hinzu, die mich im Dorf zurückhielten und es mir unmöglich machten, meinen Bater und seine Geschäfte in solcher Zeit zurückzulassen und in die Fremde zu ziehe»». So kam das Jahr 1682, ich wurde 26 Jahre alt. Da beschloß ich, meipe Ideen zu verwirklichen, und in jenem Winter 1862 fuhr ich nach Wien, um mich dort Mts die Universitätsbank zu setzen. So hatte ich es in mir beschlossen,' wagte es aber weder meinem Vater noch der Familie zu gestehen, da ich von voricherein wußte, daß sie einer solchen Idee ihre Zustimmung verweigern würder». Ich nahm daher zu einer Notlüge Zuflucht, erzählte ihnen, daß ich bloß für die Dauer eines halben Jahres »»ach Wien fahre, um dort Sprächen zu lernen, aber selbst für diese kurze Zeit gelang es mir nur schrver, die Erlaubnis der Familie zu erlangen. Auf d« Fahrt nach Wien nahm ich irr Brody Aufenthalt. Die Stadt war vo»» Flüchtlingen aus Rußland überfüllt. Charles Netter und seine Beamten warer» damals in Brody und beförderten Gruppen von Flüchtlingen nach Amerika. Auch in der»» Zug, in dem ich nach Wien fuhr, befand sich eine solche Gruppe von Emigranten, und ich Hatto daher das Glück, zu sehen, rvie dieser wunderbare mdi Mann Charles Netter auf dem Bahrchof star»d, die Emigranten mit Geld beteilte, ltttb das mit einem Gesichtsausdrnck tat, in dem sich das gute Herz und großes, echtes Mitgefühl widerspiegelte. Die Emigranten roaren ftohQ» Mutes und aufgeräumt, und irr ihrer» Blicker» glänzte die Hoffnung auf eine fröhlichere Zukunft. Als der Zug sich in Bewegung setzte, nähme»» diese nrrnmehr frcigewordrner» jüdischen Emigranten in brausendem Chor mit dem Rufe: „Es lebe Netter!" vor» ihrem Wohltäter Abschied. Ich kam nach Wien, blieb ctma zwei bis drei Wochen dort und fuhr »nieder nach Hause. Warum? Der wahre Grund war eine meiner schlechter» Eigenschaften, die mir Zeit meines ganzen Lebens sehr viel Schade,» verursachte: es fehlte mir der Glaube an meine eigene Kraft und die in mir vorhandenen Möglichkeiten. Viele gute und große Gedanken entstanden irr meinem Hirn, die nur wegerr dieses Mangels nicht verwirklicht rvurdeu. So oft ich mich in Trinke Kathralntn Kneit»» NalikaffM Du hast ein delikates, feiuschmeckendeS Frühstücks- und Iarrsengetränk. diese Gedanken vertiefte urrd alle zu ihrer Verwirklichung «forderlichen Vorbedingungen erwog, stieß ich immer mif den Glauben, daß ich nicht die Kraft besäße, die G-dauken in die Tat umzuf chen. Auch das Wenige, das ich in der» letzten Jahren auf dem Gebiete der Literatur und des gesellschaftliche rr Lebens geschaffen habe, hätte ich »riemalS zu schaffen vermocht, wenn ich nicht durch einen zufälligen Anstoß von außen her fast gegen meinen Willen gezrvungen worden wäre, den ersten Schritt zu »nachm. Und erst nachdem die ersten Schritte getan »oaren und ich sah, daß sie ungeachtet »»reiner iinreren Zweifel gelangen, wurde ich selbst innerlich gefestigt und schritt mit mehr Sich«-- heit auf meinem Wege weiter. Dasselbe zeigte sich auch in »neinem private»» Leben. Wäre ich das Kind von Eltern geworden, die mich verstanden, meinen Glauben an mich gestärkt, mich zur Erprobung »nein« Kräfte angehaltcn! hätten, oder hätte ich in Ar»nut u»rd Not gelebt und ukre -ich durch mei»re Lcbendbcdingungen dazu gezwungen worden, mit einem Worte, hätte es in meinem Leben einen solchen Anstoß zu dem ersten Schritt gegeben, bis sich die Frucht meiner Arbeit eingestellt hätte, dann — das steht für mich auß« Zweifel — »vären alle Gefühle der Unsicherheit und des Nnglaube»rs an mich selbst geschwunden urrd ich hätte vieles «reichen körmen. Jetzt ab« ist das Gegenteil d« Fall. Vom Hause «hielt ich unausgesetzt vorwurfsvolle Briefe und ich mußte einsehen, daß ich gezlvuirgen sein würde, mit denen, die mir so teuer sind, in ständigem Kampf zu lebe»». Mein Geist wurde vor» ern« furchtbaren Schwere befalle,». Ich erschien mir in meirrerr eigenen Augen als klein und nichtig und verfiel d« Ueberzeugung, daß ich nicht der Mensch sei, d« die Fähigkeit besitzt, eine Reihe von Jahren hindurch allein Ae Rosse der Propheten zaÄarmh. Zu Cyaumcha-affar bischwat. Von David Rothblnm. Ein Mann, der nicht einschlafen konnte, ohne vorder in der Bibel gelesen zu haben, vertiefte sich, um Mitternacht im Bette liegend, in d»e erste Vision des Propheten Zachariah. Er las: ,Am vierundzwanzigsten Tag« des eilften Monates, das ist des Monates Schewat, im zweiten Jahre des Da riavesch, erging Gottes Wort an Zachariah, den Sohn B.rechiahns, den Sohn Idos, des Propheten, und er sprach: Ich sah des Nachts einen Mann, der da ritt auf einem roten Noß und stand zwischen Myrthen, die in der Diese waren, und hinter ihm rote, blonde urrd weiße Rosse. — Und ich sagte: Was sind diese, mein Herr? — Und es sprach zu mir der Engel, der mit mir redete: Ich werde Dir zeige»», was diese sind. — Und es antwortete der Mann, der da stand zwischen den Myrthen und sprach: Diese sind es,. welche Gott geschickt hat, zu durchwandeln das Land. — Und es antworteten ihm Engel GotteS, die zwischen den Myrthen standen, und sprachen: Wir haben das Land durchzöge»», und siehe, das ganze Land ist ruhig urrd stille. — Und es antwortete der Engel Gottes und sprach: Herr der Heerscharen, wie lange wirst Du Dich nicht erbarmen über Jerusalem und die Städte JehndaS, auf die Du gezürnt hast an die siebzig Jahve?" Den» Mann glitt die Bibel sachte aus der Hand, die Lider senkten sich ihm wie Heine Rollbalte»» über die Augen und er fiel in Schlaf, der tiefer und tiefer wurde. Doch die Rosse des Propheten Zachariah schlichen sich auf filzenen Hufen in seinen Traum. Er sah sich in der Mitte einer Ebene, die gleich einer Kreisfläche von riesigen» Radius arr der Peripherie von der Hin»- melsknppel berührt wurde. Dort, wo der Himmel die Erde schnitt, »oaren Myrthen zu sehen, deren sattes Grün in die Azurbläue des Horizontes aufstieg. Ringsun» »var tiefe Stille und Einsamkeit. Bon hohem Hin»- mels'bogen leuchtete es herunter, klär und matt, als wenn sich die Sonne mit einem Milchglas umgeben hätte. Das war offenbar das Licht des Haschmal, von dem der Prophet Ezechiel zu erzählen wußte. Plötzlich kamen von allen vier Wütrichtungen zahllose Rosse in die Ebene gesprungen, »vie in die Manege eines ungeheuren Zirkus. Rote, blonde, weiße Rosse. Edle Tiere von seltenem Ebenmaß. Hoch und stolz trugen sie die Köpfe, in denen kluge Augen staken. Ihre Brüste »varen gewölbt, die Muskeln ihrer langgestreckten Leiber straff und stark. Ihre Füße waren zart, gespannt und graziös. Sie liefen, weit vom Zuschauer entfernt, unentwegt auf der Linie des schier endlosen Kreist. Zuerst in ruhigem Trab, dann rascher und hurtiger, bis sie in einen gestreckten Galopp übergingen. Ihre Menge nahm zu mit der Geschwindigkeit der Gangart, sie wechselten die Richtung, bald einzelr», bald haufenweise, und stürmten aireinander vorbei mit fliegenden Mähnen und schnaubenden Nüstern. Alles spielte sich geräuschlos ab, ohne Laut und ohne hörbaren Hufschlag. Da drang plötzlich an das Ohr des Träumers ein menschliches Wort aus weiter Ferne. Er wandte sich um und erblickte in kaum noch »vahrnehmbarer Entftrnung eine drollige Gruppe. Zwei Männer, von denen einer auf einem Esel saß. Knapp hinter ihnen eine wandelnde, durchsichtige Wolke. Rechts und . links in respektvoller Entfernung Menschen .in wunderlicher Tracht, beladen Mit allerhand undeutlichem und rätselhaftem Gerät. /*; Dem bibelkundigen Träumer wad die Gruppe nicht ganz fremd. Diesen finster, daherschreitenden Mann mit dein vergrämten Gesicht und den haßerfüllten Augen, der seine Krone so gar nicht wie ein König trug, hatte er ebenso irgendwo goseher», wie den einäugigen, langbärtigen Eselsreiter, von dessen Schulter»» ein runenbeschriebener Purpurmantel herabwallte. Aber wo, wo, wo? ... Gequält strengte er das Gedächtnis an, doch sein Erinnerungsvermögen schien gänzlich geschwunden. Da machte plötzlich der Esel eine Wendung mit dem Kopse, wie ein «Mensch, der sich zu sprechen anschickt. Darauf ging dem Träumer ein Licht auf. N»m hat es feinen Zweifel mehr. An dem redenden Esel erkannte er die ganze Sippe. Der Fußgänger tvar Balak, Sohn des Zipor, König von Moab, der Reiter Bileam, der Heidenprophet! Und nun entdeckte auch sein hell gewordenes Auge den Engel in der wandelnden Wolke, den Engel, der nie fehlte, wenn ein gekröntes Haupt mit einem falschen Propheten unter Herbeiziehung eines redenden Esels gegen das Judenvolk Ränke schmiedete. Die Gruppe blich stehen, Bileam saß ab -un- Balak sprach deutlich und vernehmlich: „Und nun wäre»» »vir am Ziele, Prophet. Zum vierten Male »oill ich die sieben Altäre errichten und sieben Stiere und sieben Widder Deinem Gotte opfern. Vergessen will ich an die Hügel Baals, an das Feld der Späher, die Spitze Peors, die auf die Wüste schaut, wo Du Moabs König dreimal' genarrt hast. Es sei Dir verziehen und vergeben, wen»» Dir der vielversprochene Fluch auf der Ebene der Rosse gelingt. Diese edlen Tiere sollst Du befragen, sie »vare»» irn Lande und kennen das Volk, das Du verdammen sollst. Es sind Tiere von verschiedener Farbe und Gesinnung. Die werden die Wahrheit künden, Deine Begeisterung für das Volk der Hebräer gründlich abkühlen. Der Esel soll der Dolmetsch sein zwischen Dir und den edlen Rossen, die im Lande »varen." Im Nu »varen die Altäre erbaut. Dichter Rauch stieg empor. Die Opfer brannten und qualmten. Nu« schrie der Prophet ans voller Kehle: „Die Roten mögen kommen,",