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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-15 · Heft 2831 (15.1.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2831 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite Cs Men, Samstag Wie«« Msra-memms W. JTtmer 1687 K r. 8831 I iSdische weit Anitta MMerkahrn fßr neue Wege der Walsensürsorge.?)-rail Anitta M ü l l e r-Co h c tt, die. hervorragende Mische Sozialpolitikerin, ist bekanntlich vor mehreren Monaten von Wien nach Palästina übersiedelt, wo sie sich, wie in Wien, Problemen der sozialen Fürsorge, vornehmlich aber der Waiscnerziehung widmet. In beit B'nai-B'rith- Blättern für die Tschechoslowakei schlägt Frau Müller- Cohen in einem längeren Aufsatz neue Wege für die jüdische Maisensürsorge iu der Diaspora vor. Nach diesem Vorschlag sollen die jüdischen Waisenkinder aus der G a l n t h nach Palästina überführt werden, wodurch der doppelte anzustrebcnde Zweck erfüllt werde, für die Waisen za sorgen und dem im Ausbau begriffenen jüdischen Lande die Menschen zu geben, die es brauchen werde. Fron Müller-Cohen schlägt vor, mit Siedlungen von Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren zu beginnen, weil Kinder in diesem Alter ant leichtesten zu verpflanzen seien. Die tausende jüdischen Gemeinden in Europa hätten die Möglichkeit, dieser jüdischen u u d produktiven Waisenfürsorge dadurch fördernd beizustehen, daß jede dieser Gemeinden die Patenschaft über ejn Waisenkind oder eine Gruppe von Waisen übernehme. Die Anregung der Frau Anitta Müller-Cohen wird gegenwärtig irr B'nai B'rith-Kreiseu einem ernsten Studium unterzogen. Anschauungsunterricht in der Synagoge. Wie das „Hamb. Jsrl. Fmlbl." aus Görlitz berichtet, waren dort vor kurzem etwa sechzig Primaner des Reformrealgymnasiums aus ihren Wunsch, unter Führung ihrer Klassenlehrer bei einem Frcitirgabcttdgottcsdienst in der Synagoge zugegen. In seiner Ansprache betonte Rabbiner Dr. SOI. kotiert im Anschluß au die Josephgeschichte, wie der jüdische Schüler sich oft vereinsamt fühle und unter der Verhetzung leide, wie er nicht Anerkennung seiner Schulleistungen, sondern'Verständnis für seine seelischen Nöte verlange. Jüdische Lastträger im Hafen von Jaffa. Dank den Bejuulhungen des Zionistischen Jmmigratronsamtes in Jaffa werden jetzt jüdische Lastträger im Hafen mit einem Tageslohn von 25 Piaster beschäftigt werden. Arabisch sprechende Arbeiter, die körperlich geeignet und mit rem Hasen vertraut sind, werden von dem jüdischen Ar'beiterkomitee von Jaffa beigestellt werden. »WvÜen m___ Sie herrliche Bücher umsonst? Dann bezahlen Sie sofort ein Jahresabonnement der „Wiener Morgenzettung" O Jahresabonnenten erhalten gratis nach Wahl: Josepftus CTovius SÄMTLICHE WERKE, ln drei eleganten Pracht- . leinenbänden Mehr als 2000 Seiten, schönster, klarer Druck, holzfreies Papier, oder Ketotitfi 9roetx GESCHICHTE DER JUDEN. 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Sie «oldwekrunWen llndennemelnde« für die SeiamtorgaalsaHon. In Altona fand kürzlich eine Konferenz der Vertreter der jüdischen Gemeinden der Hansastädte und Nordwestdeutschlands statt. Nach längerer Diskussion wurde die Notwendigkeit der beschleunigten Durchführung der bereits am jüdischen Gemeindetag im Jänner 1921 beschlossenen Gesamtorganisation des deutschen Judentums ausgesprochen. Zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der nordwestdentschcn Gemeinden und Gemeindcverbände -wurde ein vorbereitendes Komitee eingesetzt. Die Mische Landerumlage in Württemberg. Die israelitische Landesversammlung in Stuttgart hatte beschlossen, int Rechnungsjahr 1926/27 als Landesninlage einen Zuschlag von 3,75 Prozent zu der Einkommensteuer 1925 und einen Zuschlag von 7,5 Prozent zu der Vermögenssteuer 1924 einzuhebem Für die Lohnenrpfänger, deren steuerbares Einkommen im Kalenderjahr 1925 8000 Mark nicht überschritt, wird der Zuschlag durch eine Klassensteuer ersetzt. Dieser Beschluß wurde nunmehr vom Kultusministerium mit Zustimmung des Finanzministeriums in vollem Umfange für vollziehbar erklärt. ude ans JSfceux! j DER NEUE ROMAN DER „WIENER MORGENZEITUNG“ Wenn je eilt Mensch ftin Leben dem Bruder zum Opfer brachte, so haben die Geschlechter aller Zeiten gewetteiftrt, den Namen solches Heiligen dem Gedächtnis der Bücher pinzuverleibeit. Unbeachtet und vergessen blieb aber gewöhnlich Nanie und Schicksal desjenigen, der ein solches Opfer zu empfangen verurteilt war. . . Hier soll von einem solchen erzählt werden, der das LebenSvpser des anderen nicht anders zu beantworten wußte, als indem er dem eigenen Leben entsagte, um nun die empfangenen fremden Jahre zu leben und auf diese Weise Gott und die Welt an sich doppelt zu erfahren. Es ist eine dunkle Ueberlieserung, der wir hier folgen. Sie läuft in gewissen Gegenden. Polens, noch heute von Mund zu Munde, man findet sie auch-wohl kurz und bündig in einigen alten Büchern w'.edererzähst, richtig sie niedcrzuschreiben aber hat noch keiner gewagt. So unternehmen wir es heute, der alten, verborgenen Quelle nachzugehen, das Echte und Wahre von den offenbaren Zutaten späteren Aberglaubens zu scheiden und den Kürdern unserer Zeit durch einen beglaubigen Bericht, wie der folgende ist, klarzumachen, was es mit jenem tiefsinnigen Worte unserer Weisen für eine Bewandtnis hat, man solle Gott mit seinen beiden Trieben dienen, dem guten und dem bösen dazu.. -. ' . * .• In den Tagen Poniatowsiis, als unter ben Juden .Polens noch die Vierländörstinohe Bannflüche sch-ruderte und die Ungefügen mit scAveren Strafen an Leib und Gute belegte, lebte in Dobrze, einem kleinen Städtchen Wolhyniens zwischen Zamocz und Wladimir, ein Rabbi, der im Volk allgentein Reb Eilje genannt wurde, mit seinem vollen Namen aber Reb Eilje Sußmann hieß. Er war ein hoher, schwarzbärtiger Ai amt von vierzig Jahren mit harten Augen unter einer klaren Stirn. Trotzdem sah man ihm an, daß er mancherlei Not des Lebens an sich erfahren hatte. Er war zweimal ver- J heiratet gewesen, beide Male kinderlos, und es schien ihn zu quälen, daß er nun so allein uitd ohne Leibeserbe» unter den Menschen wandelte. Ein drittes Mal wollte er es nicht mit einem Weibe versuchen,, sondern lebte nun einsam und verhärtet in seinem Hanse. war streng zu den Leuten, aber noch strenger zu sich selbst, also daß ihn die Leute ebenso fürchteten wie ehrten. Nur ein armer Bocher, der Lange Schmelke genannt, lebte in seiner Gesellschaft, teilte des Tages seinen karg'M Tisch und bis tief in die Nacht die schMren Stunden des Lernens mit ihm. Dem schauten aus dem blassen Gesicht recht schwermütige Äugen in die Welt hinein, die manchmal sogar ängstlich wurden, als kömtte ihm bei all dein Studieren über den dicken, schweren Bücherir irgendein schöner Anteil an dieser Welt verloren gehen, ohne daß er es merkte. Nun wohnte m derselben Gasse gegenüber dem Rabbi ein armer Schulklopfer mit seiner einzigen Tochter Charte Mirel- Das war eine zierliche Jungfrau van sechzehn Jahren, der Gott einen gar lieben Sinn geschenkt hatte, also daß jedermann Freude hatte an dept Kind«. Wie es denn nicht viel Freude in der Gasse gab. Die jüdische» Kuiiursemeinde» i« guso ianie» iür die Palüftiaalandr. Es ist in Jugoslawien in den letzten Jahren eingeführt worden, daß die jüdischen Kultusgemeinden in ihr Jahresbudget auch Beiträge für die Palästinafonds Keren Kajemeth und Keren Hajessvd einbeziehen. Dieser Aktion haben sich die meisten Kultusgemeinden airgeschlossen. Auch in beit Budgetvoranschlagen für das Kalenderjahr 1927 habeit bereits viele Kultusgemeindett der beidert Fonds gedacht. Es muß bemerkt werden, daß auch der Verband der jüdischen Kultusgemeinden Jugvslawiens die große Aktiort für beit Keren-Hajessod, die soeben in Jtrgoslawien durchgeführt ivi.d, unterstützt. Die Leilnngeit aller Kultusgemeinden haben an die Jttdeit chres Wirkungskreises die Aufforderung erlassen, die Arbeit der Delogierten des Keren Hajessod während ihres Au/emhaltes in eijtzelnen Orten tatkräftig zu förderit. Die Leitungen der jüdischen Knltllsgemeinden haben dieser Aufforderung Folge geleistet. - ' Israel Cohen in Jugoslawien. Der Generalsekretär -der Zionistischen Weltorganisation, Herr Israel Cohen aus London, wei'lle kürzlich in Jnaosiawien. wo er Zagreb, Belgrad und Novisah besuchte und in öffentlichen Versammlungen Wer die politische Lage des Zionismus und hie Lage des PalästinaanHarreS sprach. Herr Ccchen hat die Gelegenheit seines Anfenchaltcs benäht, um auch die Schekelkampagne in Jugoslawien zn imenstcvieren. In .Belgrad, Zagreb und Nov'.sad wurden während seines Aufenthaltes I eine beträchtliche Zahl Goldener Schekel gezeichnet. — .Herr Cohen ist aus Jrgoislawien nach Saloniki abgereist. Daö „Goldene Buch" iu sieben Sprachen. Die vom Zen« trallbüro des Jüdischen Nationa.'fonds anläßlich des Lojähvl« gen Jubiläums des Fonds herar.Sgegobcne.Broschüre „Das Goldene. Buch" ist bisher in sieben Sprachen erschienen. Bor einigen Tagen ist ome arabische A u S g a b e der Broschüre herausgekommen die für die Juden keö Orients bestimmt i'st. Die arabische Ausgabe wurde mit hebräischen Buchstaben gedruckt. Demnächst erscheint auch eine spamolische Ausgabe der Broschüre. Bisher wurden diese Broschüren in 300.000 Exemplaren verbreitet. , Die Jahre kamen und gingen und gingen und kamen, und das Joch der Thora.war schwer, und der Rabbi tat nichts, cs leichter zu mach.'N, sondern Plagte die Leute vom Morgen bis zum Abend mit allerhand Pein und Strengheit des Gehorsams, den er verlang'.«:. ■ Sang da einmal eins in der Gasse, so erschraken div Leute und schauten , zum Fenster des Rabbis hinüber, ob, sich nichts regte. Und erst, wemt es dort still blieb, atmeteil sie auf und lauschten, als meldete sich in dem Sange eine bessere Welt, die sie vor langen Zettelt verlassenChatten und der sie sich kaum noch zn erinnern wagten./ . Ein solcher Singvogel war Chane Mirel. Während der Vater mit seinem hölzernen Hannner zu.halber Nacht durch die Gassen schlürfte mtd die Juden aus dem Schlafe klopfte, daß sie eilten, Gott zn lobpreisen iit der Frühe, jönten allezeit die Wände seines Hauses von den bald frohen, bald schwermütigen Weisen des Volkes Ivteder, die die Tochter sang. < Art ciit:nt Frühltngsabmd, als die Dämimrung gekommen ist, steht Chane Mirel alt ihrent Fenster und schaut ben Wolken nach, wie sie dem roten Abend folgen. Und siehe, da überkommt es sie zum ersten Male, daß sie ein Weib-geworden ist. Sie sieht den Wolken nach und wird häng und sehnt sich und weiß nicht, wonach sie sich sehnt, und je dunkler es wird, urn so banger wird ihr, und die jungen Tratten steigen ihr hoch. Drüben hat schon der Raw mit seinem Bocher die Kerze eittzündet und sitzt über den Büchern, und Chane Mirel sieht durchs Fenster, wie Schmelke, der Bocher, so schwer sein Haupt stützt und . und einen Augenblick ganz melancholisch über sein Buch k hinweg ins Leere träumt und wie traurig das alles ist. ' Da sucht sie sich die trüben G'danken mit eitlem leichtcit Liedchen wegzusingen, breitet die Anne zwischen dm Fenfterpfosten ttnd singt mit einer ganz treuen Stimme, die ihr selber fremd und eigen ist: ' < „Ich weiß ein Liedel Äon meinem Jüngel, Äon meinem Z-ungel Ein kleines Lied. Es liest mein Jüngel In seinem Büchel, In seinem Büchel Die heiligen Wort'. Es trägt mein Jüngel Ein frommes Kappel, Ein frommes Käppel Auf seinem Haupt. Ich faß' die Locken An seinem 5käppel Und küß' mein Ji'nrgel — — „Aushüren zu singen sollst du! Hexüberkommett sollst du!" tönt es von Reb Eiljes Fenster her, und die Jungfrau flieht ip die Stube zurück und faßt sich an ihr klopfendes Herz. Es'war Schmelkes Stimme, die so rief, an allen zarten Gliedern bebend, toankt das Mädchen über die Gasse und steht alsbald in der Tür vor dem Raw, der gebenit iifc’r bc»* Büchern WH. Sie stebt mch wartet,, und er läßt sie warten. , (Forts, folgt.) ' Copyrigth by Oeorg Müller Vertag A. CI., München 1927. Sie fremden Jahre. £inc astßUdismtke Seiende von £mit föevntkavii '€offkn.

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