Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2831 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 2831 Men, Samstag Wie»er Msrs«r»tt»«g 16. Banner 1927 Leite 6 Jas jüdische Spfer der Mohapel-Aordes. Ile «Wlakelteteschverde d« Berte« Ir. Sommerftei« vervorsen. Der Oberste Gerichtshof hat gestern die Nichtigkeitsbeschwerde des Arztes Dr. Chaim Svmmerstettt gegen das Urteil des Schöffengerichtes, daö ihm eine Kerkerstraft von sechs Monaten zuerkannt, als unbegründet verwarfen. Der Fall ist noch in allgemeiner Erinnerung. Dem für den 18. August IMS nach Wien einberuftnen Zivnisten lang re ß war eine auch die äußersten Grenzen antisemitischer Gegnerschaft übersteigende Hetze vorhergegangen» an der sich die Organe der Deutschradikalen und der Christlichsozialen führend beteiligten. Unter dem Schlagwort „Verteidigung der Pressefreiheit" wurden die niederträchtigsten und sinnlosesten Beleidigungen der jüdischen Bevölkerung an den Straßenecken ausgerufen und verkauft. Auf Seite der antisemitischen Presse spielte selbstverständlich auch das Geschäftsm-oment eine große Rolle und eS handelte sich darum, die vor dem Krepieren stehende Hakenkreuzliteratur wieder in die Höhe zu treiben. Die Propaganda blieb dabei nicht stehen, sondern reizte offen und ungescheut SU Mord und Brand aus. Bes einem Krawall aus dem Praterftern, bei dem angebliche Kommunisten und Hakenkreuzlör sich hervortaten, wurde der christliche Turner Mohapel von einenr ebenso christlichen Kellner und Zuhälter namens Seidl in dem Hotel Dresden ln dör Weintraubengasse erstochen. Es war also der Mörder, wie der Ermvrdete ein Christ. Es mußte um jeden Preis auch ein judischcl- Opfer gefunden werden und die Hakenkreuzpresse gab der Untersuchung bald die gewünschte Richtung. Der Arzt Dr. Chaim Sommerstein hatte in einem Vereinslokal in der Blnmauecgasft dem Seidl, der sich selbst am Hals verwundet hatte und in das Lokal geflüchtet war, einen Notverband angelegt und den Mann, von dessen Tat er nichts wußte, in da§ Spital der Barmherzigen Brüder begleitet, um für eine entsprechende Behandlung der Wunde zu sorgen. Er hatte dem Täter das Messer abgenommen, wieder ohne zu wissen und ohne zu fragen, Ivas danrit geschehen sei. Dafür nun, daß Dr. Sonnnerftein, der sich dann spontan der Behörde selbst gestellt hatte, um über seine Wahrnehmungen auszusagen, an dem ihm Unbekannten einfach seine Pflicht als Arzt und als Mensch erfüllt hatte, wurde er von den Schöffen wegen Verbrechens der Vorschubleistung zu sechs Monaten Kerkers verurteilt. Der Oberste Gerichtshof unter Vorsitz des HofrateS Dr. Koeievar hat gestern die Nichtigkeitsbeschwerde verworfen. Er hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß tatsächlich Vorschub!« istung geschehen sei, wobei es gleichgültig sei, ob der Angeklagte gewußt habe, daß es sich um «inen Mord handelte. Diese Begründung gibt dem Urteil seine Marke. Derselbe Gerichtshof hatte sich mit der Nichtigkeitsbeschwerde der in. den Krawall verwickelten Eisenbahner Franz Sokolon, Franz Draxler, Paul Löbel und Josef B a r e r zu befasse«. Sie waren an der Hetzjagd hinter Mohapel beteiligt gewesen. Sokolon und Draxler waren zu sechs Monaten, die anderen zwei zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt worden. Der Gerichtshof verwarf auch ihre Beschwerden. Lenchtsenrr für Flugzeuge. Um die Jahreslvende wurden in Frankreich die ersten Versuche mit den größten bisher bestehonden Scheinwerfern unternommen, die den Flugzeugen zwischen London und Marseille den Weg durch die Finsternis weisen sollen. Mehrere Male konnte man von Paris auö die plötzlich ausstrahlende Helle bemerken, die eigenartig und gespensterhaft wirkt-r. Sie stand wie eine weiße, riesige Gestalt am Horizont: das Leuchtfeuer vom Mont-Baloriön. Ihm antworte das zweite Leuchtfeuer von Dijon, dasjenige vom Mont-Afsrique, wahrend die kleineren von Croydon, Berck, Poix, Mhpville die Zwischendistanzen angaben. Die imposantesten Lauchttürme am Meer warfen bisher ihrön Schein mit einer Stärke von 30 Millionen Kerzen in die Nacht hinaus. Diejenigen vom Mo>nt»P,alerien und vom Mont-Afsrique leuchten mit je einer Milliarde Kerzen! Sie sind wie riesige Sonnen und wären schon während des Kriegsendes konstruiert worden. Heute dienen sie nun friedlichen Zwecken, der Sicherheit der Ressenden, die in Eile von den Küsten Englands'nach den Usern des. Mittelmeeres fliegen, um von dort mit den. grüßen Dampfern dem nahen und fernen Osten zuzfahren. Während der Leuchturm von Dijon einem stark vergrößerten Leuchturm der Marine entspricht, ist derjenige von Paris ein Leuchtfeuer, ein Reflektor, wie man sie während des Krieges allgenrein verwandte, mir von Himmel abzusuchen. Nur ist seine Intensität ins Ungeheure gesteigert: ein Ström von 60.Kilowatt, eine Spannung von 1Ö0 Volt. Die kleine Fabrik, die das gewaltige Leuchtfeuer in Funktion setzt, arbeitet wegen der hohen Kosten nur auf Bestellung upd nur während einer kurzen Zeit. Die Pariser selbst fürchten sonst wegen der etwas allzu indiskreten „veillause" schon zum voraus um ihre Nachtruhe, dem! das Feuer steht wie der volle Mond über der Stadt. Es sammelt die Flugzeuge, die wie die Mucken dem hellen Punkt in der Dunkelheit zusteuern. Wien. 15. JLnn«. Daö verunglimpfte Bnndeshcer. Amtlich wird perlautbart: Vom Ministerium für Heerwesen wird im Einvernehmen mit der Polizeidirektion verlautbart: In der A-D-C-Revue — sie wird in den Kammerspielen als Nachtvorstellung aufgeführt — ivird unter dem Titel „Quer bet Fuß" ein Bild vorgesührt, das nicht nur die auf dem Staatsvertrag beruhenden Beschränkungen der Wehchastigkeit ins lächerliche zielst, sondern darüber hinaus auch das Bundesheer verunglimpft. Das Bundesministexium für Heerwesen hat. durch einen Beamten die Aufmerksamkeit der Polizeidirektivn aus dieses Bild gelenkt und beigefügt, daß diese Verunglimpfung im Kreise der HeereSangchörtgen begreifliches Aergernis erregt. Die Polizeidirektion hat daraufhin mitgeteilt, daß es sich um ein erst später cingefchobenes Bild handelt und die Ueberprüsung dieses Bildes veranlaßt. Das Ergebnis dieser Ueberprüsung ist, dqß die Polizeidirektlvn den Sacklverhalt der Staatsanlvaltschaft zur Kenntnis bringt. — Der harmlose Ulk dieses Revuebildes, dessen Dialog fast zur Gänze aus altbewährten Armeewitzen besteht, ist mit den: Oberst und hem Ordynanzkvrporal eine noch unvollständige Persiflage. Diesem Mangel abzuhelfen, hat es offenbar Herr Baugoi n für notwendig befunden, sich mit seinen' bstpersönlichem Einschreiten in Szene zu sehen. Was zu dem Helterkeitserfolge des Revuebildes noch fehlte, hat er jetzt beige- Ilde an» Jföreu»? DER NEUE ROMAN DER .WIENER MORGEN ZEITUNG“ steuert. Dafür verdient er den Dank aller Steuerzahler, denen er ja für die 800 Milliarden, die die Armee kostet, irgend etwas bieten muß. Das Wetter. Gestern herrschte trockenes, etwas trübes Wetter. Die Voraussage lautet: Trüb, Nieverschkäge. Tautvetter anhaltend. Elektrifizierung der Eisenbahnstrccke Budapest—Wien. Die.maßgebenden Faktoren beschäftigen sich mit der Elektrifizierung der Eisenbawrstrecke Wien—Budapest. Mit den Durchführungsarbeiten fotC eine englische Gesellschaft betraut werden, die zu diesem Zwecke eine Anleihe in der Höhe von 2 Milvionen Pfund in London aufnehmen würde. Lehranstalt für Nahrungs- und Genußmiitelkunde. Der Wiener Stadtschulrat hat die Errichtung einer Lehranstalt für NahrungS- und Genußmittelkunde genehmigt. Diese Lehranstalt, deren Sitz und SchülLrnzlei, 1 Bez., Graben. 17 ist, wird nach Schweizer und deuMem Muster den für Lebensmittelhandel und Industrie wichtigen Lehrstoff in gründlicher Weise vermittelt. Selbstmord. In einem Stadthotel wurde der 30jährige Kaufmann Paul Geistlinger, zu Haläszi in Ungarn geboren, tn seinem Zimmer tot ausgefunden. Auf dem Tische fand man. salzsaures Morphium. Das Motiv der Tat ist unbekannt. Verhaftete Ladendtebc. Zu dem Schneider.Trenkner im 18. Bezirk, ivaten am 8. d. M. zwei 'Männer gekommen , die unter Borwets eines Musters angeblich Stoff kaufen wollten. Nach ihre»! Fortgang bemerkte der Schneider, daß sie sechs Meter Stoff im Mene von 198 >. -«Wen hatten. Als nun vorgestern wieder zwei Männer bei dem Schneider Hvlecek im gleichen Bezirk laut einem Muster Stofs kaufen wollten. ließ sie Holecek, der von dem Diebstahl bet Treükner wußte, verhaften. Sie sind der 23jährige Elektrotechniker Samuel Süsser aus Sadagora und der 81jährige angebliche Kaufmann Pawel Segalow aus Odessa. In Seaglow glaubt man einen unter dem Namen Paul Christa! sechsmal abgestraften Dieb zu erkennen. 60 Kinder ermordet und verbrannt. Me aus Bialhstok gemeldet wird, wurde dort eine Frau verhaftet, die im Laufe der letzten Jahre 6 0 K1 nder ermordet und verbrannt hat. Sie hatte die Kinder in Pflege genommen und sich für jedes Kind eine bestimmte Summe zahlen lassen. Wenn die Mütter nach ihren Kindern fragten, erzählte sie ihnen, daß sie auf dem Lande seien. 6000 Zigeuner bitte« um Gnade. ßwk einiger Zeit wurde der Zigeuner Mttrodics 4 Belgrad wegen der bestialischen Ermordung eines fünfjährigen Kindes zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde auch schon vom Kaffationshof bestätigt.' Um für den zum> Tode Verurteilten Gnade zu erwirken, kam eine große Abordnung von Zigeunern aus Barajevo zum Justizminister und bat ihn im Namen der 6000 Zigeuner des Bezirkes von Belgrad um Gnade, da ihr Kamerad nur 36 Jahre alt ist und nach der Darstellung seiner Genossen hei der Verübung des Mordes sich in keinem znrochnunMiihlgen Zustand befand. Als die Abordnung beim Justlzminister keinen günstig.« Bescheid erha ten hatte, machte sich die große Masse auf den Weg zum königlichen Schloß, um beim König selbst um Gnade anzrssuchen. Die Menge wurde aber nicht vorgelassen Ekern Stark Mächtig wird Jeder Säugling und jedes Kind, das mit echtem DIANA- FRANZBRANNTWEIN MIT MINTHOL massiert wird. Bestes häusliches Schutzmittel des Kindes Ständig als Mundwasser zu benützen Diana - Franzbranntwein flBERAAK BBHÄmiCH! Die HO tüchtigsten Frauen von London. Die Londoner Handelskammer hat dieser Tage dm. Statistik Über die Frauengehälter in ver eng.ischen Hauptstadt veröffentlicht. ES geht daraus hervor, daß noch vor zwei Jahren „nur" fünf Frauen ein Jahreseinkommen über 00.000 Pfund Sterling bezogen. Bereits im letzten Jahr gab es 50 mit so hoben Einkünften ausgestattete Frauen, und diese Zahl hat sich im letzten Berichtsjahr sogar am HO erhöht. Es ivird gleichzeitig darauf hingewieseu, daß über 260 Betriebe, die von Frauen geleitet werden, nicht der Handelskammer angehören, von der Statistik also nicht verücksichtigt werden. Unter diesen soll nach Angabe des Berichtes mehr als die Hälfte einen höheren Umsatz — und daher auch höhere Cinkiinste der Inhaber — zu verzeichnen haben, als die Mitglieder der .Handelskammer. Die Frauen mit den Millioneneinkommen stehen samt und sonders an der Spitze von Unternehmungen, in denen die Konkurrenz des männlichen Geschlechtes besondere Geschäststüchttgkeit verlangt. Die meisten leiten Papierfabriken, Dheaterygenturen» Textilfabriken und große Sportarttkel- Geschäste. Das unbekannte Getränk. Bon einem Mitglied des englischen Oberhauses kursiert in London eine hübsche Anekdote. Der Lord rühme sich, einer der sichersten PortweinkeUner Englands zu fein und ging eine Wette ein, daß er mit verbundenen Augen jede Sorte Portwein nach Herkunft und Alter genau bestimmen könne. Die Wette wurde arlsgetragen. Nachdem der Lord bereits in alten Punkten das Richtige getroffen hatte, gab man ihm. zum Schluß unter andachtsvollem Schlveigen ein Glas frisches Brunnenwasser. Er nahm einen Schluck, spuckte ihn erschreckt aus und erklärte: „Dieses Zeug kenne ich Nicht. Sicher ist nur: es ist kein Portwein." Die mitleidige» Spiritisten. In amerikanischen Spiritistenkreisen ist neuerdings die Ueberzeugung aufgetaucht, daß die häufigen Zitierungen der Geister bei spiritistischen Sitzungen sich zu einer GraujamkeiL gegen die zitierten Gespenster auszuwrchsen drohen. Man macht Propaganda für die Sckwkfuna einer Uebereinkunst aller spiritistischen Kreise Über eine Art B e rkehrsregelung, durch sie eine übermäßige Inanspruchnahme vermieden werden soll. Auch steht zur Diskussion, ob man den Geistern zumuten kann, gleichzeitig etwa in Newhork und in San Francisco sich zu manifestieren. Letzte Nachrichten. So« Schicksal des polnischen Parlamentes. MandatverlangeriiNg um ein Jahr? Warschau,'14. Jänner. Die beiden Häuser des polnischen Parlamentes, Sejm und Senat, welche auS den Wählen im November 1923 hervorgegangen' sind, sollen verfassungsgemäß ihre Lebensdauer noch in der ersten Hälfte des Jahres 1927 beenden. Im Hinblick darauf beschäftigen sich bereits seit längerer Zeit die parlamentarischen und Regierungskreise mit der Frage einer neuen. Wahlordnung, wobei auch die Verringerung der Mandatszahl aus Ersparnisgründen im Vordergrund der Erwägungen steht. Dies würde natürlich eine durchgreifende Neueinteilung der Wahlkreise erforderlich machen. Da jedoch die Erledigung einer neuen Wahlordnung mit so weitreichenden Aenderungen längere Zeit in Anspruch nehmen würde, ivird in der letzten Zeit von verschiedener Seite darauf hingewieseu, daß es zweckmäßig wäre, die Mandatsdauer des gegenwärtigen Parlamentes um ein Jahr zu verlängern. Begründet wird diese Auffassung mit dem Gutachten des Finanzsachverständigen, Prof. K e m m e r e r, der darin angeblich aus Gründen der wirtschaftlichen Konsolidierung ebenfalls für Verschiebung der Neuwahlen oingetrcten sein Sie Sonntagsrohe in Polen. Bor einer neuerlichen Behandlung durch den Mtnisterrat. Warschau, 14. Jänner. Seinerzeit hat, wie bereits gemeldet, das Arbeitsministerium eine Novelle zu den gegenwärtig bestehenden Bestimmungen über die Verkaufsstunden ausgearbeitet, in die die Bestimmung ausgenommen worden war, daß die Geschäfte zwölf Stunden täglich geöffnet sein dürftn. Diese Novelle lag zur Begutachtung einer Konferenz der Kaufmannschaft vor, die in: Dezember v. I. stattfand, jedoch zu keinem abschließenden Resultat gelangen konnte, da in der für die jüdische Kaufmannschaft so wichtigen Frage der Zwangs-Sonntagsruhe, in der die Vertreter der jüdische:! Kauftnannschast eine Milderung verlangten, keine Einigung erzielt iourde. Sv wurde die Erledigung dieser Angelegenheit dem Ministerium des Innern zugewiesen, in dessen Kompetenz die Festsetzunng der VerkaufSstunden fällt. Nunlnehr wird, wie wir erfahren, die Frage der Regelung der Verkaufs stunden an Sonn? tagen neuerlich den Ministerrat beschäftigen, der darüber eine endgültige Entscheidung treffen soll.