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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-15 · Heft 2831 (15.1.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2831 (15.1.1927)
Date
1927-01-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wiener Morgenzeitnrrg 16. Jänner 1W7 Ae Skivve. 5000 Grirankte in Prag. Prag. 14. Jänner. Die Zahl der an der Grippe Erkrankten in Groß-Prag loird auf ungefähr 6000 geschätzt. Die starke Verbreitung der Grippe kommt besonders bei den Krankenkassen zum Ausdruck, die einen außerordentlichen Zuwachs zu verzeichnen haben. In einer einzigen Bezirkskrankenkasse wurden gestern allein hundert ne,re Fälle aiijp'ineldet. Nerrerliche Zunahme in Berlin. Berlin, 14. Jänner. Wie das Hauptgesundheitsamt bi't Stadt Berlin mitteilt, hat die Zahl der Grippekranken in den Berliner Krankenhäusern seit gestern um 79 zugenomntcn. Dagegen ist die Zahl der Grtppomeldungen bet den Ortskraukenkasscu um zurttckgegangen. Ja Madrid — ein Drittel der Bevölkerung and eiti Flußpferd erkraalt. VuS Madrid wird gemeldet, daß ein Drittel der Bevölkernng Madrids an der Grippe erkrankt ist. Die Krankheit nimmt in der Mehrzahl der Fälle einen günstigen Verlauf. Sie hat auch auf den zoologischen Garten übergegrifftn, Ivo ein Flußpferd besonders schwer von ihr befallen wurde. Sin Tier, welches sich selbst aussrlbt. Die SüßmasserpolypeN, die jeden: Aquarlenliebhabvr bekannt sind, stellen in vieler Beziehung recht merktvÜrdige Geschöpfe dar, die sich durch eine ungeheure Lebenszähigkeit und große Mannigfaltigkeit der Ausivege aus schwierigen Lebenslagen auszeichnen. Man hat diese „Hohltiere" wie eine« Haltdschuhfinger umgestülpt — sie fanden sich in die neue Lebenslage hinein, obtvohl ihr Innerstes nach außen gekehrt worden war; man schnitt ihnen die Fangarme oder den Fuß zum Festhalten ab — sie bildeten das Verlorene von neuein, ja, aus dem abgeschnittenen Kopf- oder Fußteil entwickelte sich sogar tvieder ein ganzes Tier. Der wissenschaftliche Name Hydra besteht also sehr zu Recht: man kann dem Tierchen alle Arme abschneiden, sie wachsen doch wieder nach. Man kann sogar Teile verschiedener solcher Süßwafferpolypenarten auf Haaren anemanderreihen: sie wachsen zu einer neuen Einheit zusammen und geben auf diese Weise Tiere, die im Freien niemals Vorkommen, zum Beispiel ein Individuum, dessen Kopfteil grün gefärbt ist und von der grünen Hydra stammt, und dessen grauer Fußteil von einer anderen Art entstammt. Wie bei Obstbäumen kann man also die Tierstücke auseinander pfropfen! Neuerdings ist eine sichere Seite dieses Wunderti/reL entdeckt worden: wie Kepner und Jester berichten, hilft sich der Süßwasserpölhp dadurch über Hungerzeiteli hinweg, daß er seine eigenen Fangarme im wahrsten Sinne deS Wortes aussrißt! Die Fangürme werden bis aus kleine zurückbleiberwe Stümpfe richtig abgebissen und auch im Mageuschlauch auf normale Weise verbaut. Da das Tier aber die Fangarme natürlich zum Beute fangen notwendig gebraucht, werden sie nach einiger Zeit erneuert; das Tier ist aber inzwischen bedeutend kleiner geworden. Durch diesen merkwürdigen „AutokannibalismuS" ist es dem Polyp also möglich, sich in nahrungsreichere Zeiten hinüber zu retten; wenn er dabei auch an Größe einbüßt, so verliert er doch nicht seine Lebensfähigkeit. stachelt, versuchte Aaron einmal, dem üahtnsiechenden Kinde Ales und Bes beizubringen: Leibale sprach zwar die Laute mit seinem kranken Stimmchen nach, er folgte auch dem Finger, der ans einem Blatte Papier landete, erkannte aber trotz aller Mühen nichts als allerlei Figuren, eckige, runde, mit Schwängen und Käppchen. Inzwischen war er acht Jahre alt geworden, und niemand dachte, daß er einmal ein" vollwertiger Mensch würde. Da man ernstlich befürchtete, die hauchfchwache Flamme seines Lebens durch irgendeinen Zwang, eine Strenge, gottbehüte auszulöschen, ließ man ihn gewähren, in den umliegenden Wäldern herumirren, salterleicht über Felder schweben, sein leeres, unnützes Leben führen. ... . t Da der Schwächling sich nicht zu den -kräftigen, derben Altersgenossen gesellen konnte, schluckte ihn die Einsamkeit. Den ganzen Dag über irrte er in der Nähe des Dorfes umher; am liebsten aber spielte er hinter dem Hause des Viehhändlers Sal-men Kriegsmann. Dort lag ein riesiges Stück Brachland mit einem beträchtlich großen Teiche, der schmutzig, vernachlässigt war und dem ein unangenehmer Geruch entquoll. Dieser übelriechende Tümpel fesselte Leibale stunden- und tagelang, nicht nur, weil es dort unheimlich still und einsam war, sondern hauptsächlich, weil eS auf der Oberfläche des Wassers in taufend Farben schillerte. Rötlich und grün, blau und gelblich lag es in Streifen, Bogen, Ringen; unermüdlich konnte Leibale am Rande des Gewässers sitzen, denr Spiel der Farben zufehen, dann ein Steinchen hineinwerfen und beobachten, wie sich die Figuren dadurch veränderten. Zuerst barsten sie, durch den Stein zerrissen, dann flössen sie auseinander zu, berührten, vereinigten, vermählten sich, tanzten in Flecken und Streifen auf dem Wasser, ließen die Sonne sich in ihrer Verschiedenartigkeit spiegeln, blitzten und schwammen, bis ... der nächste Stein hineinslog. —- DA R MOL */i b f h r* S c h Q. J< 0i\ Gt Ct g AeratHch empfohlen. — Wlrtt efohef um! milde, 258 2er Segen der Feindschaft. SanitätSrat Kohlrausch tvar der gesuchteste Arzt im Bezirk. Grob wie Bohnenstroh, und wer zahlen konnte, der mußte sich aus eine gesa-lzene Rechnung gefaßt machen. Dafür vergaß er, manchem armen Teufel die Rechnung zu schreiben. Nur wenn ihn einer geärgert hatte, da war er unerbittlich. Daß mußte der Schuhmacherme-ister Jacobs büßen, weil er ihm einmal ein Paar Stiefel zu eng gemacht hatte. Ms die Meisterin ein schweres Kindbett Hatto, brachte der Arzt sie wieder auf die Beine. Aber dem Meister schickte er -eine Rechnung über 100 Mark ins Haus. Der kratzte sich hinters Ohr. Die Geschäfte gingen schlecht. Wovon sollte -er zahlen?... Er baute auf das gute Herz des Doktors und legte die Rechnung in die Schublade. Aber nach vier Wochen kam die Mahnung: Zahlen oder Klage. Der Meister eilte zum Doktor und bat um Nachsicht und Aufschub auf bessere Zeiten. Der fuhr rhu bös au und drohte mit dom Gerichtsvollzieher, wenn er in drei Tagen sein Geld nicht hätte. Bekümmert schlug Jacobs den Heimweg ein. Unterwegs kam er am Garten des reichen Pfefferkorn vorüber. Der saß beim Nachmittagskaffee, rauchte seine Zigarre und las die Zeitung. ,Ei". dachte der Mister in seiner Not, „ein reicher Mann, dem es so gut geht, wird just in der Stimmung sein, dir gegen gute Sicherheit 100 Mark zu leihen", und klinkte die Gartenpforte auf. Aber Pfefferkorn war verärgert über dir Störung, sprach von Grundsätzen und schickte ihn nach Hause. Wahrend der Meister zögernd der Gartenpforte zuschritt, plagte den Neichen die Neugier und er fragte den Schuhmacher, woAn er denn daS Darlehen brauche? Der ergählte ihm von der drohenden Klage des Sanitätsrates. Nun ivaren der Doktor und Pfefferkorn Schiväger. Aber zwischen ihnen, herrschte eine bittere Feindschaft, wie sie nur unter Verwandten möglich, ist. „Was!" fuhr Pfefferkorn auf, „der Lump, der Kohlraüsch, will Euch un den Hals. Das Vergnügen will ich ihm versalzen. Hier habt Ihr die 100 Mark." Voller Freude eilte der Meister zum Doktor und legte ihm den Hundertmarkschein auf den Tisch. Der stockte befriedigt das Geld ein und quittierte die Rechnung. „Seht Ihr wohl," schmunzelte er, „daß Ihr zahlen könnt, wenn man Euch richtig a,rpackt." ,^öei mir ist das Geld nicht geivachsen," erwiderte Jacobs, „ich habe es mir geliehen." Das hielt der Doktor für Geflunker, bis Jacobs ihm den Namen des Geldgebers nannte. „Was!" fuhr Kohlrausch auf, „von dem Lump, dem Pfefferkorn, will ich kein Gel-d in meinen .Händen haben. Hier, bringt's ihm zurück. Da ist die Quittung. Und nun macht, daß Ihr weiterkvlnnct!" Ji ude «ms Jföreux? DER NEUE ROMAN DER „WIENER MORGENZEITUNG*4 In der ganzen Gegend Ivar es totenstill, niemand beobachtete den dürren, blutlosen Leibale, wie er sich mit dem stinkenden Deiche unterhielt. Eines Tages, als die Sonne bereits untergegangen war, fehlte Leibale zu-hause. Man fragte, suchte; vergebens. Geäng-stigt warteten Aaron und Ruchel-Bram eine halbe Stunde, eine ganze; von Leibale keine Spur. Es hielt sie nicht mehr im Hause, sie durchfragten das ganze Dorf,- niemand wußte etlvaS. Die Aufregung der Eltern wuchs und wuchs, sie brachten das ganze Dorf in Aufruhr. Niemand dachte an Ruhe, man rief Leibales Namen in die Folder hinein, begann sie abzusuchen, man wagte sich in den nachtsckMarzen Wald, rief, schrie, suchte; umsonst, Leibale blieb verschwunden. Die ganze Nacht hindurch forschte man, selbst die Bauern raubten sich den Schlaf, nichts nützte. Erst als wieder ein -unsagbar aufgeregter halber Tag vergangen war, fand man Leibale entseelt auf dem Teiche hinter Salinen Kriegsmanns Harrse schwimmen. Er mußte wieder am Rande gesessen haben und irgendwie sanft in die geliebte Farbenpracht geglitten sein. Sein durchsichtiges Antlitz war friedlich, nicht vom Todeskampf verzerrt, aber weiß wie Leinen; der -hauchzarte Körper und die schwer getränkten Kleider rochen unangenehm. Trotzdem oder vielleicht gerade darum, daß man in Leibale ein störendes, überflüssiges Nichts gesehen hatte, erhob sich ein großes Trauern, und Aaron und Nuchel-Branc wurden schnell grau. Jrgendjenwnd war der okelhafte Geruch und die Fettigkeit der aus den Kleidern des Verunglückten ausgerungenen Flüssigkeit ausgefallen. Am »misten kümmerte Salmen Kriegsmann sich darum, der wohl die unangenehme Eigenschaft seines Teiches kannte, den Geruch aber noch nie so scharf und ausgeprägt wahr- Der Schuhmacher ließ sich das nicht zweimal sagen, strich Geld und Quittung ein und ging zu Pfefferkorn zurück. Der aber wollte kein Geld von seinem Todfeind zurücknehmen und händigte Jacobs den Schuldschein aus. So ging unser Meister mit der Quittung und dem Hundertmarkschein nach Hause, beglückt von dem Segen, den ihm die Feindschaft der anderen gebracht hatte. Vetnhart R e h s e. Der gionirmns in ftanMcher Brlenchtang. Aus Parts meldet I. T. A.r Im Wagranr-Saalc wurde eine Diskussion Über Zionismus und die britische Politik in Palästina abgeha'ten, an der sich mehrere hervorragende französische Schriftsteller beteiligten. Herr Pierre Bonardi, der eben von.einem Palästinavcsnch zurückgekehrt ist, richtete heftige Angriffe gegen die britische Regierung, der er vorwarf, daß ihre Polittv in Palästina dem Geiste des Mandats widerspreche. Es gibt viel Staats- und Brachland, das nach dem Wortlaut des Mandats den Juden zur Verfügung gestellt werden sollte, aber die jüdischen Kolonisten müssen dieses Land zu einem hohen Preis erwerben. Der Einwandernng von Juden werden Schranken entgegengesetzt. Den britischen Beamten ist daS hohe Intelligenz Niveau der jüdis chen Einwanderer unerträglich. England hat durch Uebernahme des Palästina-Mandats große strategisch eBorteile hinsichtlich der Sicherung Aegyptens und Indiens erworben. Es weigere sich aber, den Preis h-iefüc zu zahlen. Es wird noch ein Tag kommen, da Juden und Araber gemeinsam sich gegen die englische Herrschaft wenden. Vielleicht wird dies der Weg sein, die beiden Volksgemeinschaften einander nahe zu bringen. Herr Bonardi tadelte die französischen Juden toegen ihrer Interesselosigkeit in den palästinensischen Dingen. Ein anderer französischer Schriftsteller, Pierre La Maziere, der ebenfalls eine kurze Zeit in Palästina geweilt hat, behauptete unter dom Widerspruch der Anwesenden, daß die Juden Palästinas einem extremen Nationalismus huldigen und einen neuen Militarismus grotzziehen, indenr in allen Kolonien Maschinengewehre und andere Waffen gehalten worden. Auch Charles Auguste B ontemps wandte sich gegen Pen Zionismus und das jüdische Palästina und meinte, die Juden genießen in allen Ländern Gleichberechtigung, die Völker seien bereit, sie sich zu assimilieren, die Juden gehen aber daran» einen eigenen Staat in Palästina zu schaffen» der in Zukunft elNe Stütze des MlitariSmus und Nationalismus werden könnte. Das jüdische Volk aber habe :tne andere Mission zu erfüllen, die nämlich» die Ideen der Völkerverbrüderung zu verbreiten. LeonoS Bernheim führte aus, wenn man von einem jüdischen Nationalismus überhaupt sprechen könne, so sei er ein rein defensiver. Die Juden wollen ritze Nattonalheimat, in Palästina errichten, um ihre nationale Kultur zu psiegen und einen Zufluchtsort zu schaffen für diejenigen, die in ihren jetzigen Heimatländern Verfolgungen ausgesetzt sind. Man kann Zionist und assimilierter Jude zugleich sein. Cr, Redner, sei ein Beispiel hie.- sür. Fernand Corcos verteidigte die Politik Großbritanniens, das die Errichtung des jüdischen Nationalheims durchaus begünstige. Bon einem jüdischen Nationalismus, wie ihn La Maziere und Bontemps schilderten, könne keine Rede sein. Die Juden sind noch immer die Träger der Idee von Menschenliebe und Weltfrieden. Die französischen Juden sind gute Patrioten, nichtsdestoweniger liegt ihnen auch die Sache des jüdischen Palästina am Herzen. genommen hatte. Sein Sohn, der in der nahen Stadt studierte, sagte: ,/Es riecht nach Steinöl, Naphta. Hm, wie gelangt es dort hinein?" Und weiter erklärte er, es sei nicht aus-geschlossen, daß auf dem Grunde des tiefen Deiches sich eine Naphtaader befände. Man müsse graben, denn . . ., hier flüsterte er dem Vater etwas ins Ohr und dieser machte große Augen. Kur^ Zeit darauf kamen Arbeiter, gruben in aller Stille Kanäle, brachten Maschinen und legten das Gewässer trocken. Aus der Stadt kamen allerlei vornehme Herren, nie geschaute Gestalten, und es dauerte nicht lange, da schwirrten Gerüchte durch den Landstrich. Auf Salmen Kriegsmanns Boden erhob sich langsam, aber groß ein eigentümlicher Turm, Maschinen begannen zu surren, Wagen fuhren hin und her, Scharen von Arbeitern erhielten Arbeit, aber keine Unterkunft, die Gasthäuser blühten, eine Bahn wurde gebaut und Salmen Kriegsmann war Über Nacht ungemein reich geworden. Auf seinem Besitztum hatte man eine äußerst ergiebige Naphthaque-lle gebohrt. Die Juden des Dorfes wurden ebenso wie die Bauern bestürmt, ihr Land zu verkaufen. Während die meisten bischer kaum Brot zu essen hatten, verhandelten sie nur noch mit Direktoren, Ingenieuren und Ausländern: die Juden tvaren klug genug, sich nicht überrumpeln zu lassen, verkauften ihre Flecken Erde so teuer wie möglich und erwarben so schwere Vermögen. Heute ragen in jener Gegend hunderte Bohrtürme gegen den Himmel, und ebenfoviele hat die Entdeckung der Naphthaader glücklich gemacht, darunter auch Aaron Bslfer, der einige Ruten verkaufte. Dies ist die Geschichte deS Leibale, sagte unser Nedbe, der ein kurzes, klägliches Leben auf dieser Erde führen durste und mußte, ein Leben, das man als überflüssig, schmergbringend anfah.

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