Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2831 (15.1.1927)
- Date
- 1927-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2831 Wien, Samstag Wien«» Stwscitjicttong 16. Jänner 1907 Seite 3 fein Präsidium in persönlichen Versprachen beim Bürgermeister. Stadtrat V re i t n e r und durch Direktor Lasch unr Abstellung dieses unbilligen Beitragsverbältnisses gebeten. Der B'ürgrrmeister hat seine Person, liche Intervention zugesagt. Und der Erfolg war, daß man die Beitragssumme für das Jahr 1927 um 60 Prozen-t erhö'ht hat, ein Vorgang, welchen sich die Juden W^ens nicht gefallen lassen können. - Ich will nicht davon reden, daß der Gemeinde Wien durch die Leistungen der Knltusgemeinde auf dem Gebiete des Begräbniswesens, und zwar durch Beist'llung der Armenbegräbniss.', bedeutende Auslagen erspart werden, welche sich nach dem Sanitätsgesetz zu tragen hätte. Ich unterlasse cs, des näheren darauf einzugehdn. daß die jüdische Gemeinde jährlich 20 Milliarden für Fürsorgrzwecke wusgivt uud dadurch Verpflichtungen erfüllt, welche der Stadtgemeinde gesetzlich und moralisch obliegen. Es genügt, darauf hinzuiweisen, daß die Kultusgemeinde für einen Friedhof, den sie nur auf Grund religiöser Pflicht ohne nennenswerte Einkünfte erhalten mutz, der Gemeinde jährlich 1 Milliarde zahlen soll, und daß diese Gemeinde dafür gar nichts leistet, nicht einmal eine ordnungsgemäße Bewachung des Friedhofes. Wie immer man die Frage betrachtet, wird man sagen müssen, daß selten eine Ziffer unseres Voranschlages ungerechter ist als diese, und ich verlange von Stadtrat Tandler namens der Wiener Judenschaft die Abänderung des unsittlichen Vertrages vom Jahre 18 77 und Vorsorge dafür, daß die Gemeinde von der Vertretung der Wiener Judenschaft nicht Beträge einsordert, deren Zahlung durch nichts gerechtfertigt werden kaiin. Der 4000 fache InftandhaUungsz ns «»gesetzlich Die steirische LandeskomruWon zur Festsetzung des -Jnstandhaltungszinses hielt gestern wieder eine Sitzung ab, die jedoch keinen meritorischen Beschluß fassen konnte, da einer der.Hausherrenvertreter, Dr. Neumann, selbst seine Berufung als rechtsungültig angesehen hat. Der Vorsitzende, OLGR. Dr. Baue r, teilte nun seine Anschauung mit, daß der Beschluß vom 16. Dezember auf Erhöhung des Jnftandhaltungszinfes auf das 4000 fache nicht ordnungsmäßig zustande gekommen und daher nicht zu verlautbaren sei. Die Vertreter der Mieter und der Arveiterkammer erklärten sich .mit dem Meritum des vom Vorsitzenden verkündeten Beschlusses einverstanden. Das Gebäude des Oberlandesgerkchtes, in dem die Kommission tagte, war von Polizeiposten besetzt, weil dem Vorsitzenden Drohbriefe zugekommen 'waren. Drohende pafftoe Resistenz in de« Rnndeomonlanbetrieben. Die Angestellten der Bundesnwntanbetriebe haben beschlossen, am 15. Jänner mit der passiven R e s iftenz einzusetzen. Dieser Beschluß ist auf die Nichterfüllung einiger Forderungen, welche die Angestellten schon im Dezember 1925 im Handelsministerium vorgelegt haben, zurückzusühxen. Tagesbericht. „Sie fremden Jahre." D'r „Wiener Morgenzeitung" . ist cs gelungen, aus der im Verlag Georg Müller, München erschienenen Sammlung „Legenden", eine Dichtung von Emil Bernhard Cohn, des durch sein im Vorjahr mit so großem Erfolge aufgeführtcn Dramas „Die Jagd Gottes" berühmt gewordenen Berliner jüdischen Autors, zu erwerben. Emil Bernhard Cohn schöpft diesmal aus dem ostjüdischen Legendenschatz und erzählt mit großer Kunst die Geschichte von Reb Eilje Sußmann, dessen Leben durch „fremde Jahre", nämlich durch die Hingabe eines jungen Mädchens, gerettvt und verlängert wird. Wir beginnen mit der Veröffentlichung dieser schönen Legendendichtung in unserer heutig« Nummer. Die Veröffentlichung dieser Erzählung erfolgt täglich, auch in der Montag sausgäbe, worauf ivir besonders aufmerksam machen. Die Knnst der vaterhaiinng. Eine der wichtigsten Fragen ist heute ine, wovon man sich in Gesellschaft unterhalten kamt. Man klagt schon seit langem, daß die Kunst des Gesprächs heute nicht mehr gepflegt wird und daß die Menschen nicht mehr zu plaudernverstehen. Die einen machen die Nüchternheit unseres Lehens, die anderen einen oft zutage tretenden -Mangel an Bildung dafür verantwortlich,. Me Glanztage der früheren Salons haben allerdings einen Höhepunkt der Gesprächskunst geschaffen, der uns heute unerreichbar erscheint. Wem: wir uns heute aus der trockenen Wiedergabe in Büchern die Unterhaltungen der früheren Zeit in Erinnerung rufen, so staunen wir über den Witz, die vielen Interessen, die elegante Form, die sich damals gezeigt haben. Aber men kann nicht von jedem verlangen, ein Künstler der Unterhaltung zu sein, denn auch der Gesprächsstoff ist wie so vieles andere der nur zu oft wechselnden Mode unterworfen. Mau spricht heute auch in der feinsten Gesellschaft von Dingen, die man früher nicht kannte oder gar gemieden hätte. Eine der führenden Damen der englischen Gesellschaft gibt jetzt einige Winke über die Themen, die gegenwärtig in der Gesellschaft am liebsten behandelt werden. Wenn dabei auch das englische Interesse mehr hervortritt, so dürften demroch ihre Angaben eine gewisse allgemeine Gültigkeit haben. „Die Hauptgespräche von heute", schreibt sie, „sind Toilette, Bridge, Tanz, Auto, Rennen, Börsengeschäfte und Politik in kleinen Mengen; dazwischen fließt hi« und da ein Wort ein über Kunst, Musik, Bücher, Zeitungen, Reisen, Möbel und Gartenkunst. Diese Mischung wird gewürzt mit einembißchen Klatsch von Hochzeiten, Scheidungen und Todesfällen. Nur kühne und sichere ildc ans Jiteux? Menen Kielderhaus Meinrtdk Wetnbertfer m 1. dSecfrft, fineeM<ta0e 31*. 6 '§nu»tktti&- inxuö :# IO©‘~ Frack* und Smokinö-Leihen «talt Plauderer werden sich an Themen wagen, die außerhalb dieser Grenzen liegen. Zu den verbotenen Stoffen gehören das Wetter und solche Dinge, wie Ehemänner und Kinder, Menstboten und andere häusliche Einzelheiten. Die Gesundheit ivird nicht länger verpönt, seitdem man sich die Nahrung nach Kalorien zuwiegt und die „schlanke Stttte" so offen besprochen wird. Es gibt auch heute noch geistvolle und witzige Plauderer." Was aber nach der Meumng der Lady das Niveau der Konversation sehr herabsetzt, das ist die geringe Sorgfalt, die man auf den Sprachausdruck verwendet. Der Jargon der Straße dringt immer mehr in die Gesellschaft, und es gibt Damen, die ihren Ehrgeiz darein fotzen, gewöhnliche Ausdrücke zu verwenden. In London führen meist die Herren die Unterhaltung, während in Frankreich die Damen die besten Plauderinnen sind. Für die Frau ist aber die Kunst des ZuhSrens mindestens ebenso wichtig wie die des Sprechens, und manche wird durch die Fähigkeit, interessiert und aufmerksam zu lauschen, mehr Erfolg haben als durch eigene Redekunst -^ich. DER N E U ROMAN DER •WIENER MORGENZEITUNG“ Sie Trauer um Achad Haam. In Bulgarien. Am 9. Jänner wurde, wie die I. T. A. meldet, von der Sofioter Jüdischen Gemeinde gemeinsam mit dem „Zionistischen Verein Dr. Theodor Herzt" in der Z e rrtral-Synagoge eine Achad Haain-G:denkfüer veranstaltet. Gedenkreden hielten der Maskil Haribi Jom--tow Bvchmoaram und Dr. B. Levy. Der Oberkanwr Haribi N iss im trug die „Haschkawa" nach dem aschkenasischen Texte vor. Eine Sammlung zur Eintragung des Namens Achad Haams in das Goldene Buch ergab ein Resultat, daß der Name mehrmals eingetragen werden kann* Das Zentral-Consistorium der Juden Bulgariens hat eine TranerkunVgebung verbreitet. In allen Städten Bulgariens, wo Juden wohnen, werden Gedenkfeiern veranstaltet. In Litauen. Aus Kvwuo berichtet die I. T. A.: In derlKoWnoer Chor-Synagoge, die bis auf den letzten Platz gefüllt war, wurde eine G?denkf'ier für Achad Haam abgehalten. Gedenkreden hielten Dr. Berger, Dr. Feldstein, Chefredakteur R. Rubin st ein, und Redakteur M. Kahn. Auch in den Städten der litauischen Provinz wurden! Trauerfeiern abgehalten. Ueberall beteiligte sich auch die ordthodvxe Judenschaft anden Kundgebungen. Das HauS Achad HaamS — Eigentum deS jüdi chen BotteS. Jerusalem, 12. Jänner. (I. T. A.) Der Stadtrat von Tel Awiw teilt in einer Kundmachung mit, daß das Haus Achad Haams in Tel Awiw zu einen: National-Museurn ausgestaltet und Eigentum des jüdischen Volkes werden wird. Das Arbeitszimmer Achad Haams soll in seinem jetzigen Zustand unverändert erhalten bleiben. Leibale. Gins nachdem kliche Geschichte. Von Heinrich Musberg, Köln. Unser Rebbe, der gütige, sanftmütige Rebbe, legte üns einen Satz aus den Heiligen Schriften dahingehend aus, daß man nie Zeinen Menschen geringschatzen darf, sei es auch ein Idiot oder ein Säugling. Denn, sagte er, ein jedes' Geschöpf hat eine unmittelbar von Gott ihm «erteilte Aufgabe?,>u erfüllen. Und als aus unserem Kreise Zweifel uni) Fragen laut wurden, erzählte der Rebbe . uns die Geschichte von Leibale. Ms Leibale geboren wurde, sprang sein Vater, Aaron Belfer, . nicht so entzückt herum, wie bei den vorherg'ga'Ngenyn acht Kindern, sondern er begnügte sich, beglückt und zufrieden ausizuscha-uen. Damit soll nicht etwa gesägt sein, daß er keine Freude empfand; man hat noch nie einen Jupen über zuviel Kinder klagen hören ehensoweng wie üher zuviel Geld. Sie sind immer willkommen, die Vertreter des nächsten (^.schlechtes, das vielleicht den Messias ■ empfangen wird, und es iväre ebenso häßlich wie töricht, zu behaupten, Aaron. Belfrr habe keine Freude bei der Geburt des neunten Kindes empfunden. Aber sie war gedämpft; - hungerten sich nicht schon die anderen acht Würmer mitsamt den Eltern ans einem Tag in den nächsten, und 'hatte die alte Hebamme nicht den ausgemergelten Kopf geschüttelt,-als sie das eben geborene, schreiende Menschlein betrachtete? Verdächtig ivaren auch die Mienen aller-Frauen, die schnatternd und tratschend die Wöchnerin, Ruchel-Brane, besuchten und den kleinen Schreihals in Augenschein nahmeir; sie wogen ihn alle in den Händen und sahen sich verständnisvoll an. Aaron versuchte gar nicht, all diese Züchen zu ergründen; es erschien ihm gar sündhaft, Fragen an den Himmel zu richten, auch hatte er keim Zeit dazu, sich mit Warum und Aber zu beschäftigen. Er nahm das Ereignis nüchtern entgegen. Schon bei der Bescheidung ze.gie es sich, daß das KopfsHütteln und Mitleid'ge Schnalzen der Weiber einen Grund hatte. Es fehlte nicht viel, so hätte man das Kind als zu' schwächlich. für die Prozedur erklärt. Und als bei R-uch.'l-Wrane die erste Freudenwelle verebbt war, mußte auch sie zug-eben. daß Leibale ungewöhnlich leicht und mager war. , Aber sie stellte entschieden in Abrede, daß Grund zu irgendwelchen Befürchtungen vorläge. Das Kind ist gesund, sagte sie; muß es. um das zu beweisen, dick sein? Gibt es denn keine schlanken Menschen? Ei was, Leibale war gesund und schön. Und noch wie schön . . .! Und klug . . .! Aaron Belftr dachte. Mar anders-, aber er schob alle Bedenken-beiseite. Wozu sich mit leeren Gedanken quälen? Das Kind mutzte so hingenommen werden, wie es war. und derselbe Gott, der ihm etwa Mängel in die diesseitige Welt mitgegeben hat, wird ihm und den Eltern Helsen. . Leibale wuchs heran, mit der verkümmerten Stetigkeit eines' sanft verglimmenden Lichtes. Schmal, wächsern war' sein Gesichtchen, in dem zwei k«ere, ungesunde Augen lagen; der kleine Körper wuchs in erbarmungswürdige, bleiche Magerkeit hinein. Mit dürren Gliedmaßen durchschlich er die Tage seines Halblebens, wurde zwei, drei Jahre alt. Man schickte ihn nicht, wie andere Jungen seines Alters, in .den Cheder, denn seine Augen waren stumpf, jede seiner Bewegungen krank, wie ans sprödem Mas, als befürchte sein Blütenkörper jede Erschü'tterung; mit abstumpfender Sorgfalt behandelt und in dem ewigen, liebreich-mitleidigen GehätschA, lernte er nur'weniges sprechen, machte jedoch auch hiervon nur Gebrauch, wenn man ihm Wünsche oder Antworten hsrcvussog. Gewöhnlich setzte Ruchel-Brane ihn irgendwohin, und er spielte mit allem, was in seinem Bereiche lag, mit seinen Zehen, mit einem Futzbänkchen, mit ein-rm Sonnenstrahl, der so wunderbar geräusch- und gefühllos durch die Finger auf den Erdboden gleiten kann. Im Freien wühlte er mit feinen gläsernen Händchen im Straßenstaub und, wenn es geregnet hatte, im Schlamm. ' Man wußte im Dorfe nicht, ob man Leibale für einen Schwachsinnigen ansehen sollte oder nicht. Wenn nicht seine unkindliche Schweigsamkeit ans ihm lag, so. sprach er mit jedem, und seine Stimme «hatte so einen unheimlichen, wie aus,, der Ferne kommenden, dünnen, verschwimmenden Klang. Man kam also zur Einsicht, daß Leibale bei Sinnen, aber nur ein körperlich und geistig ungemein schwaches Menschlein war. In tiefem Mitleid duldete man es daher, daß er auch mit vier und fünf Jahren nicht in den Cheder kam, sondern nur spielte und sich in den Feldern hernmtrieb, eine Last -und Qual den Eltern, eine unnütze Seele. ... Nicht alle waren so feinfühlig, mit Aaron Belser nicht über sein unglückliches Kind zu sprechen; manche fragten lüstern: „Nn, Reb Aaron, wie steht es mit Lejbale? Noch immer kein Zeichen des Erwachens? Kann er noch.immer nicht in den Cheder gehen? Ei, er, es ist nicht gut. Aber was kann man tun, warten wir noch ein Jahr . . Aaron wußte, daß eine Aendevung kaum zu erwarten war und glaubte aus solchen Reden gleichzeitig ein schäbiges, niedriges Mitleid herauszuhören. ' — Ahnte denn niemand, wie es dem unglücklichen Vater zu Mute war? Selbst mit einem mehr als notdürftigen Wissen ausgerüstet, hatte er sich überzeugt, daß solcher Mangel empfindlich schadet, und sich fest worgenornmen, die Söhne lernen, alles lernen zu lassen. Während nun drei leidlich vorwärtskamen, war der vierte eine halbe Leiche, ein Wesen, das ohne Zweck bleiben würde, ohne Erfüllung. . . . Fremden allerdings versuchte er etwas Linzuflößen. woran er fast selbst nicht glaubte: „Meint Ihr etwa, ein Wesen Gottes wandle ohne irgendwelche Bestimmung aiü Erden? Nein, glaubet, jeder hat seine Aufgabe, für jeden kommt seine Zeit . . Von Schmers <mßge-