Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2830 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■reife 6 Wmi, Freitag Wiener Mskgenzernmg 14. Jänner 1927 JIDISCHE WEIT * Zur ßkinnerung an Santo Stwarz. Bor örcifeig Jahren ist David S ch w a r in Wien plötzlich gestorben. In der ,.Wiener Morgetrzeitnn-g" ist der Lebensgang und die Tragödie dieses Erfinders wiederholt ctfcäönt worden. Er war der unglückliche Vorläirfer des glücklicheren Grafen Zeppelin. David Schwarz, ein Holzhändler in Agram, war während einer Krankheit ans Langeweile dazu gelangt, sich mit höherer Mathematik und Physik zu befassen. Das Problem d.'s lcirkbaren Luftschiffes erweckte seine besondere Aufmerksamkeit und er stellte Berechnungen an, die ihn in systematischer Erprobung Zn der Entdeckung einer neuen Almnininmlcgierung und der gasdichten Schotten führten. Schwarz verwendete sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen aus die Herstellung des Modells eines nach bem starren Prinzip konstruierten lenkbaren Luftschiffes. Er führte seine Erfindung dem österreichischen Kviegsminisderium vor, das unter vollster Anerkennung der Bedeutung doch nickt in der Lage war. , die großen Kosten eines Baues zu übernehmen. Die russische Regierung erfuhr von bw Sacke und lud Schwarz nach Petersburg ein. Mit Erlaubnis Oesterreichs reiste er dorthin. Er demonstrierte einer militärtechnischen Kommission sein Luftschiff. Am selben Tage noch benachrichtigte ihn ein Freund, er stehe in Gefahr, ausge- ^wiesen zu werden. In der Nackt zerstörte Sckjwarz sein Modell und reiste ab. Er ging nach Wien und nun begann für ihn das Leidensschicksal des jüdischen Erfinders. Er konnte nicht mehr die Mittel zum Bau eines Luftschiffes aufbringen. Im Jänner 1897 winkte ihm endlich das Glück. Die süddeutsche Aluminiumfabrik B o r g erklärte sich bereit, nach den Plänen Schwarz' ein Luftschiff zu bauen, und die de.ut.sche Regierung gab ihre Zustimmung. An dem Tage, an dem dies Schwarz telegraphisch mitgeteilt wurde, starb er an einem Herzschlag in Wien, am 13. Jänner 1897. Seine Entdeckung ist der Zeppelin- Ballon. Eröffnung der jüdischen Spital« in Kairo. Aus Kairo wird uns geschrieben: Die Eröffmmasfeier des großen jüdischen Spitales am 26. Dezember gestaltete sich zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges. Den großen Festsaal füllten mehr als 3000 Personen, und die Zahl der Gäste, die keinen Ein?aß finden konnten, wird auch auf 2000 geschätzt. Der König war durch seinen Generaladjutanten vertreten, überdies erschienen der britische Oberkommissär von Aegypten /samt Gemahlin, der Präsident des Senats, die Minister für Unterricht und Landwirtschaft, die Gesandten Frankreichs und Spaniens, der Gouverneur von Kairo und eine große Zahl ägyptischer und auswärtiger hoher Funktionäre. Die Feier wurde durch eine Rede des Präsidenten der jüdischen Gemeinde Josef Kataui Pascha eröffnet. Die eigentliche Festrede hielt der Präsident des Baukomitees, Wramino Me nasse, der eine Geschichte der Entstehung und des Baues dieses größten und modernsten Krankenhauses in Aegypten gab. Das jüdische Spital hat acht, poncinandcr gesonderte und durch gedeckte Glasgänge verbundene Abteilungen, liegt in einem großen Park, verfugt über die modernsten technischen Errungenschaften und Einrichtungen und ist auf 200 Betten eingerichtet. Der größte Teil der Betten ist für arme Kranke ohne Unterschied des Glaubens, der Rasse und des Abstammungslandes bestimmt. Zum Schlüsse sprach Großrabbiner . Ch a im Nahum, der die große Bedeutung dieser großartigen jüdischen Wohlsahrtsanstalt für die Stadt Kairo und das Land Aegypten hervorhob und bckanntgab, daß nunmehr auch an den Bau einer großen jüdischen Schule geschritten werden könne, in welcher 1500 jüdische Schüler beiderlei Geschlechtes für den geistigen Kampf ums Leben ausgerüstet werden sollen. Sur Geschichte de« nenen Gymnafimnr in gernsalem. Wie bereits kurz berichtet «lvurde, wird schon in den nächsten Tagen mit dem Bau des neuen h e br ä't schen Gym nafiums in Ier usalem begonnen werden, nachdem sowohl die Regierung als auch die Staptvettvaltung von Jerusalem die Pläne zustimmend zur Kenntnis genommen und dem Bau die Steuerfreiheit zugebilligt habe»r. Es darf hiebei daran erinnert werden, daß der erste größere Betrag für den Gymnasiumsbau noch vor dem Kriege durch den inzwischen verstorbenen Führer der galizischen Zionisten, Dr. Verschon Zipper, aufgebracht wurde. Es gelang ihm auch, die gesammelten Beträge vor der Entwertung durch den Krieg zu schützen und sie dem Baukomitee zuzuführen. Nach dem Kriege wurde die Aktion wieder ausgenommen, und heute, kann an den Bau der ersten wichtigsten Abteilungen geschritten werden. Es ist erwähnenswert, daß ein beträchtlicher Teil der Baukosten durch Beiträge von Eltern der gegenwärtigen Schüler des Gymnasiums und solchen, deren Kinder voraussichtlich das Gymnasium besuchen werden, aufgebracht wurden. ude ans Mreu* KTTT Bühne und Kunst. Ser Iaz; im Konzertsaal.. Bei den Klassikern und Romantikern eroberten sich die Tänze jener Zeit allmählich die Oper und den Konzertsaal, Menuett und Ländler, der Walzer und später die Polka drangen in die Kunstmusik ein. So ist es denn ganz natürlich, daß in unserer Zeit der Jazz, die große Mode des Tanzsaales, sich auch in der Kunstmusik bemerkbar macht und daß darin Amerika, die Wahlheimat des Jazz, vorangeht. Die eigentliche Heimat des Jazz ist ja Afrika: von dort sind die Niggerrhythmen uttb die orientalischen Melismen zugleich mit beit ausgewanderten Negern in die amerikanischen Plantagen übersiedelt, wo sie erst zu sogenannten amerikanischen Volks- und Kirchenliedern verunstaltet worden sind. So hat denn der in der Keimzelle orientalische Jazz eine gelvisse Daseinsberechtigung in der altorientalischen Geschichte von „Daniel in der Löw engrube" welche der in Amerika lebende Tondichter Louis Grünberg als „Daniel Jazz" gestaltet hat. Er schafft hier eine Art Travestie über einem Jazzfundamertt und schildert mit Hilfe von Streichquartett und Klavier, Trompete, Klarinette, ausgiebigem Schlagtverk und erzählender Singstimme in lustigen Klangesfekten die Schicksale Daniels inmitten der brülleitden Löwenbrut. Ein kurzes amüsantes Stück, das nicht tiefer schürft, als es sich für einen Jazz im Konzertsaal ziemt. Vor diesem stilisierten Jazz gab es im letzten Arbeitersinfoniekonzert eine echte Jazzband — ich glaub« aus der Weihburgbar — welche sogenannte amerikanische Originalmusik, Foxtrott, Blues, Shimmy usw., vorführte. Der Kubaner Obdulio Villa dirigierte aus „leichtem, lockerem Kniegelenk', die Saxophone gröhltm in. allen Tonlagen, und die freien Improvisationen über die Motive boten ebenso interessanten Einblick in den Ursprung der Mehrstimmigkeit wie in die rhythmische' Werkstätte Sttawinskys. Sonst brachte das vom jungen hochbegabten Erich Stekel geleitete Konzert twch verschiedene klassische Tänze, ferner als Erstaufführultg rumänische Volkstänze von Bela Bartok, welche durch ihre alten Tonarten und die dem Vottsmnnoe ao gei.au, u>e '.'^euwi. er,rt>cyi.cu. Niger originell mutete die Rimsky-Korsalosfsche „Fantasie über russische Themen" an, welche der bescheidene Konzertmeister Josef Zimbler mit großer Bravour vortrug. Einen SyrchNerfolg erspielte sich dank ihrer blitzblanken. Technik und ihrer Musikalität Fräulein Natalie Freundl i ch mit dem Klavierpart in Liszt-Bussonis „Spanischer Rhapsodie". sib. An« den Theatern. Burgtheater. Morgen, Halo 8 Uhr, zum ersten Male „L c o n i e", nach Scrive von Leo Lenz. (Abonnement 2. Gruppe). Akademietheater. Morgen, haÄö8Uhr, „Spiel Ult Schlo ß". Opernthcater. Morgen, 7 Uhr, ' zum ersten Male, „Intermezzo" von Richard Strauß. Deutsches Bolksthcater. Bauernfelds Lustspiel „Großjährig" und Auernheimers Lustspiel „Das ältere Fach" wird morgen und Dienstag wiederholt. Sonntag und Montag „Der Garten CdeuV Volksoper. Anläßlich des 70. Geburtstages Wilhelm Kiens s gelangt Montag „Der Evangelimann" und Diensttg „Der Kuhreigen" zur Ausführung. , Neue Wiener Bühne. Hans Müllers Schauspiel „M e n s ch e n o h n e Erde" gelangt SantStag zur 25. Aufführung. Modernes Theater. Dienstag, den 18. d. M., Erstaufführung des Schauspiels „Sudenienliebe"(Die Tage des Lebens) von Leonid Andrejew. Am 26. d. M., gelangt Eugene Brieuxs „Die rote Rose" zur ersten Ausführung. Freitag, den 21. d. M., Erstaufführung von Kamenskhs Schauspiel „Die schwarze Messe" mit der russischen Schauspielerin Warwara Kostrowa. Die Opernworhe: er kommenden Woche lverden folgende Werke aufgeführt: Sonntag, 'den 16. Jänner, „T u t a n b o t"; Montag (Festvorstellung anläßlich des 70. Geburtstages des Komponisten Wilhelm Kionz'.), „Der Evangelimann"; Dienstag und Freitag, „Intermezzo"; Mittwoch. Opernredoute, Donnerstag, „Der Freischütz": Samstag, den 22. d. M., „Turandot". Abend junger Autoren. Montag, den 17. d. M., halb 8 Uhr abends, lesen im Saale 1. Bez., Nibelungenaasse 3, 1. Stock, Carl Julius H a i d v o g e l, Leo S ch m i o l und Hans Zeuger aus eigenen Schriften. Lustiger jüdischer Abend im Konzerthaus. Dr. P r ä g e r liest jüdsichs Schwänke äfft 6. Februar 1927 im mittleren Kcnzerthaus' a0 Tcr gester tr egt nnene Kart n er auf bra tue überaus rege Nachfrage, satten von 10 Größten bis 5 Schilling bei R. Lanyi, 1. Bez., Kärntnerstraße 44, Buchhandlung R. Löwit, 1. Bez., Rotenturmstraße 23 und Bücherstube Rath, 2. Bez., Taborstraße 20a. Das Bonner Geburtshaus Beethovens als Archiv. Zum hundertsten Todestag Beethovens, am 26. März 1927, wird das Geburtshaus Beethovens in Bonn zu einem Forschungsinstitut für musikwissenschaftliche Arbeit und zu einem „B e e t h o v e n - A r ch t v" ausgebaut. Das Nachbarhatts „Zum Mohren", einst im Besitz der Patin Beethovens. ist erworben worden und soll zur Anlage des Archivs Verwendung finden. Eine Sammlung der gesamten Beethoven-Literatur und Handsch elften-Wiedergaben jeder KonrPosition des Meisters ist in dieser Erinnernnasstätte geplant. Eine internationale Pressc-Äusstek'nng in Köln im Fahre 1928. Die geplante Kölner Prcsscausstellung ist die erste internationale Veranstaltung dieser Art. Sie soll der Welt ein eindrucksvolles Bild von der kulturellen und wirt-chaftlichen Bedeutung des Pressewesens in allen seinen Erscheinungen geben und dadurch das Verständnis für die großen Aufgaben der Presse im internationalen Leben wecken und vertiefen. Diese Aufgabe wird durch den Leitgedanken beherrscht, das Vresscivesen in seiner Einheit oarzustellen als eine Bereinigung'geistigen, technischen und wirtschaftlichen Schaffens. Ein internationaler Pianisten-Wettbewerb in Warschau. Aus Warschau wird berichtet: Das Komitee für die Veranstaltung eines internationalen Pianisten-Wettbewerbes zum Andenken an Friedrich Chopin hat die Eröfsnung des ^Wettbewerbes für den 23. Jänner in der Warschauer Philharmonie festgesetzt. An dem Wettbewerb nehmen 28 Pianisten teil, darunter zehn Ausländer, und zwar zwei O e st e r r e i ch e r und je ein Berwerbcr aus Belgien, Bulgarien. Spanien, Holland, Lettland, Rußland, der Schwerz unb der Tschechoslowakei. verichtskaal. Ein ISnOliches Sittendrama. Mordversuch, Notzucht, B-pleumdimg, Diebstahl und Ehebruch. Ein grauenhaftes Bild von Verrohtheit wird jetzt in' einer mehrtägigen Verhandlung vor den Leobener Geschworenen ■.entrollt. Den Gegenstand des Sensationsprozesses bildet ein Mordversuch an einem Obergärtner, der von dessen Frau und dessen 14 jähriger Tochter im Verein mit dem gemeinsamen Liebhaber beider ausgeführt wurde. , Im Jahre 1923 quartierte sich bei der Familie desl Admonter Obergärtners Johann Lindner der 25jährige Maschinenagent Georg Schuirer ein, der bald mit der 38jährigen Gattitr Berta, einer- Mutter von fünf Kinderni und. deren damals erst 12jährigen Tochter Brunhilde in sträfliche Beziehungen trat. Gleichzeitig unterhielt er ein Verhältnis zu einer Hausbesitzerin, die ihn soutenlerte. Eines Tages stellte diese Frau die Geldzuweitdungen ein und es' ereignete sich der groteske Fall, daß Schuirer gegen sie einett A l i m e n t a t i o n s p r o z e ß auf 1000 Schilling anstrengte, lupmit' er natürlich abgewiesen wurde. Das' seltsame Dreieck beschloß, den unbequemen Familienvater aus dem Wege, zu lllumen. Da Schuirer'der Mut zu der'Bluttat fehlte, soll die 14jährige Brunhilde ausgerufen haben? „Schurl, wenn du dich net traust) i wer's machen!" Am 7. November kam es zur Ausführung der Tat.. Die Tochter und Schuirer lockten Lindner am frühen Morgeit in einen dunklen Wald. Die Tochter blieb ein Stück zurück unb plötzlich krachten aus dem Gebüsch zwei S ch ü ss e, die den Gärtner leicht verlocken. Schuirer sprang auÄ dem Gebüsch hervor und gab noch einen Schuß auf Lindner ab, der aber auch keine schwere Verwundung herbeiführte. Schuirer schlug sodann mit den: Gewehrkolben aus Lindner los und die Tochter hieb auf den am Boden liegenden Vater mit einem Holzstück los und versetzte dem Wehrlosen einige Fußtritte auf den Kopf. Glücklicherweise wurden während der Schreckensszene Stimmen von Passanten laut, so daß die beiden von ihrem schwerverletzteit Opfer abließen. Die Sache kam auf imb die drei Attentäter wurden verhaftet. Dem Georg Schuirer wurde wegen persuchten Mordes, Notzucht, Verleumdung und Diebstahls, der Frau Berta Lindner und der 14jährigen Brunhilde wegen versuchten Mordes und Verleumdung der Prozeß gemacht. Jit der gestrigen Verhandlung wurde zuerst Brunhilde Lindner einvernommen. Sie gab alt, daß Schuirer zuerst gesagt habe, man müsse beit Vater ans dem Wege räumen. Die Angeklagte erzählte sodann, daß vor Verübung des Mordanschlages ein P r o b e sch i e ß e n auf eine brenneude.Kerze veranstaltet wurde. Als dem Schuirer zur Ausführung der Mut fehlle, habe die Mtttter ihr gesagt, sie 'solle es machen. Auf Drängen der beiden 'ließ sie sich zu der Tat verleiten. In geheimer Verhandlung fvurde sodann das Bechöv über die Nützuchtsverbrechen des Schuirer vorgenontmen. Georg Schuirer bekannte sich teilweise schuldig. Er versuchte sich und die Frau Lindner'als Opfey der 14 j ä h r i g e n B r u n h i l d e hinzustellen und bestritt, zu ihr in sträflichen Beziehungen gestanden zu sein. Berta Lindner gab an, daß der Mordplatt von allen drei ausgegangen sei. — Vors.: Wer ist zuerst auf den Mordplan gekommen? — Angekl.: Brunhilde hat zu mtr gesagt: „Du hast nichts vom Leben, schießen wir den Vater über den Haufen!" Die Verhandlung wird fortgesetzt. »Seipritzten mit Indenttnt!" In der ungarischeil Provinzstadt Sarbogard erschien vor einiger Zeit der rassenschützlerische Trafikant Franz K a s z t o r mit seinem Bruder Josef im dortigen großen Wirtshaus, befahl den Zigeunern, das antisemitische Schmählied „Erger Berger" zu spielen und bestellte einen