Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2830 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener M-rsrnMmrs 14. Jänner 1SS7 Gelte S 0h, «SV Wien, Freitag einmal auf der Leinwand erscheint, so ist es bestimmt ei.» nicht mehr ganz Neuer Film. Der Grund dafür, daß er nicht mehr beschäftigt wird, ist rätselhaft, wie die Laune des Publikums, ohne Sinn und Verstand, mehr ein Zeichen von lieber Sättigung und Entartung als von neuen kl n'tlerischen Zielen. In französischen Filmen spielte vor Iat)- ren die berühmte Tragödin Mob ine eine hrrvorragende Rolle. Sie mt ein Filmstar von nngewöhnlichen Fähigkeiten, von edelster Haltung uub seltener Schönheit. Auch sie ist plötzlich grundlos verschwunden und teilt damit das Schicksal der anderen berühmten Filmstar-, deren Ruhm kaum nach Monaten zählte. Nirgends ist der Ruhm so vergänglich wie beim Fi.'m. Wer denkt heute noch <m die Snzanne Grandais, deren Schönheit auf allen Erteilen gefeierr wurde? Sie ist bei einer Autvmobilsahtt vemnglückt. Mmr könnte noch von ganz modernen Filmstars erzählen, die gleichfalls vvn der Leinwand verschwunden sind, wenn sie auch noch durch Bilder in illustrierten Zeitungen in der Oefsentlichkeit bekannt beiden, wir z. B. Fern Andra, die auch von neuen Filmstars abgelöst wurde. Film ist ein Geschäft, und hierin kann man vielleicht einen Grund für die Tatsache finden, daß so viel einstmals berühmte .Filmstars jetzt a. D. sind. K« Kiad mit ne«n Müttern. Wohltaten zu erweisen ist eine ebenso schöne wie schwierige Angelegenheit. Das hat in diesen Tagen wieder der Magistrat von Glasgow erfahren müssen. Cs fing an, empfindlich kalt zu werden, und die Kohlen waren knapp geworden; die lange Dauer des englischen Kohlenarbeiterstreiks hatte sie zu einem raren Artikel gemacht. Ader der Magistrat wollte in Anbetracht des bevorstehenden WsthnachtSfesdeS ein übriges tun und kündigte an, daß allen Muttern mit jungen Kindern bis znm vierten Jahre eine Extrarat ion an Steinkohlen für den Hausbedarf bewilligt werden sollte. Darauf gab es zunächst von allen Seiten lebhafte Proteste. Weshalb die älteren Kinder frieren sollteni fragten Mütter, deren Kinder schon über das vierte Jahr hinaus lvaren. ltnb ältere Jungfern mcldrten sich und klagten über Benachteiligung. da?£ ja doch nicht ihre Schuld allein sei, wenn sie keinen Mann bekommen hätten und kinderlos seien. Kurz, man war sehr unzufrieden über die menschenfreundlichen Maßnahmen deS Magistrats; trotzb'm aber wurde von dem Angebot reichlich Gebrauch gemacht. Mütter mit jungen Kindern auf dem Arm bestürmten die Bureaus, um die Ext-rakarte in Empfang zu n.'hmen. Immer größer wurde die Schar der Mütter; es war erstaunlich, wieviel junge Mütter es plötzlich in Glasgow gab. Den B.amten kam die Sache schließlich verdächtig vor, eine Untersuchung wurde angestellt, und dabei stellte es sich dann heraus, daß seit Tagen ein schwunghafter H a n d e l m i t kleinen .Kindern -in Glasgow betrieben wurde. Knaben und Mädchen von einem Monat bis zu vier Lebensjahren waren plötzlich sehr begehrt. Sie wurden Frauen, die nur ältere Kinder besaßen, oder Frauen, die gar keine Kinder hatten, gegen ein kleines Entgelt leihweise überlassen. Sogar unverheiratete ältere Frawleins sollen'auf diese schmerzlose Weise plötzlich in den Besitz eines Knaben oder Mädchens und somit auch einer Kohlenkarte gekommen sein. Als an einem Vormittag ein und derselbe Knabe z u m u e u nten M a l e in einem Bureau erschien und jedesmal auf dem Arm einer anderen „Mutter", da wurde den Beamten die Gesch'chte zu bunt. Die Maß« nähme wurde wieder rückgängig gemacht. Mit dem Mne Rad!chrMmkMi an« dem vorige« gahrhundett- Einer vor SO Jahren vÄgelcftnen Familienzcitschrift eirtrrehmen wir folgenden Aufsatz, der als prophetische Voraussage des Rundfunks anzusehcn ist. Das Blatt schreibt: „Das neueste telegraphische Wmrder. Das angloamerjkanische Blatt „Traveller" in Boston erzählt seinen LessrN von einer lonnderüaren Erfindung, die ein Professor B e l l im Gebiete der elektrischen Telegraphie gemacht haben soll und die darin bestände, mittels elektrischer Drähte auch Töne auf weste Entfernung fortzupflanzen. So soll Bell auf einer -phonetischen Orgel, in Boston diverse amerikanische Nationalmelvdlen gespielt haben, nachdem er sich mit einem Telegraphisten in Mwyork in elektrische Verbindung gesetzt und der letztere habe sofort nach dem Abspielen jeder einzelnen Melodie deren Titel zurücktelegraphiert. Daö Blatt behauptet allen Ernstes, die neue.Erfindung werde es dereinst ermöglichen, daß man tu Boston einem Konzert Üeilvvhnen könne, das in Paris gegeben wird; ja es hofft sogar, man werde Redner im Kongreß zu Washington in Newyvrk oder London vernehnwu. Das sind allerdings Behauptungen, die vorlä'-"- die Amerikaner erst allein glauben Mögen." Ae Polen-Rummer der.Wiener Allgemeinen zettaan." Die Wiener polnische Gesandtschaft schreibt uns: Mit Bezug auf die am 13. d. M. erschienene Notiz beehrt sich die Polnische Gesandtschaft folgendes festzustellen: Das Werk über „Das zeitgenössische Polen" entspringt vollkommen und einzig der Initiative des Berlage s dev „Wiener Ylllgemeiiren Zeitung", welche —soweit bekannt — die nötigm Mistel durch Subskription der interessierten Wirtschaftskreise in Polen aufgebracht hat. Seitens der polnischen Regierung sind keinerlei materielle Leistungen erfolgt. Diese Zuschrift ist keine ge,rügende Anftlämug. Sie besagt mir das, was die Wien.'t Gesandtschaft über die Ungelegenheit weiß. Die Redaktion der „Wiener AllgemeulLn Zeitung" selbst hat sich noch nicht geäußert. Es bleibt also noch immer die Frage, weshalb das durch Subskription (was man sich darunter vorzustellen hat, inust nicht erst erklärt werden) gedeckte Werk nicht erschienen ist. ude analtreu* Wien, 14. Jänner 192/. JndeniuwilSverkwuf. Wandert man heute durch die Straßen ter Stadt, p> fallen einem an allen Ecken und Enden große schreiende Plakate auf» die das Publikum zu JnventurauLverkäufen ar„ zulocke,, versichern Große und kleine Geschäfte versichern durch schreiende Reklame, zu noch nie dagewesenen Preisen, geradezu umsonst, ihre Waren dem libben Publikum anbreten zu wollen. Die jetzige Zeit dieser Inventurausverkäufe ver. folgt einen doppelten Zweck: Einerseits wollen sich die Kaufleuie darüber Klarheit schaffen, welche VtrtiJci im abgelaufenen Jahre gut gegangen sind, wo.on noch Restposten übrig geblieben sind, die weiter za behalten wenig Zweck hat un» um so die Dispositionen für das laufende Jahr treffen zu können, andererseits aber um eventuell auch rchne Gewinn Waren aLgugeben, um so Barmittel in die Hand zu bekommen.. mit welchen der Kaufmann seinen Verpflichtungen, die gewöhnlich zu Jahresbeginn größer sind, Nachkommen kann. ES fit nun eine seit langem gemacht Feststellung, daß bei solchen Inventurausverkäufen im augemeinen Käufer wie Verkäufer gleich günstig davonkommen. Der Käufer wird nämlich in die Lage versetzt, zu tatsächlich herabgesetzten Preisen seinen Bedarf eingndecken und der Verkäufer gibt die Ware gerne billiger ab, weil kleinere Restposten einen unnützen Aufwand von Arbeit erfordern, weil viele Dinge der Mode unterliegen und wenn sie nicht in der Saison verkauft werden, ganz erheblich an Wert verlieren und schließlich, weil, wenn die Waren allyulange am Lager behalten werden ries einen nicht unbedeutenden Zinsenverlust verursacht, der nicht wieder ausgeglichen werden kann. Die Be» liebliheit oer Inventurausverkäufe ein, Publikum zeigt sich m jedem Jahr in dem großen Andrang in den Geschäften. Der Kaufmann weiß das un.d rechnet damit. Er fetzt eine große Reklame in Cgene. um die Aufmerksamkeit des kaufenden Publikums auf sich zu lenken, er preist in den lautesten Dänen feine Ware als sensationellen Gele-genheitskauf an. Und das Publikum kauft auch, so weit seine wirtschaftliche Lage dies heute erlaubt. Sie herrliche Bücher umsonst? 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Schumpeter geht nach Prag. Aus Prag Imrd berichtet: Ter ehemalige österreichische tzinanzminifter Dr. Josef S ch n m p e t e r, der gegenwärtig Professor fiir Nationalökonomie in Bonn ist, wurde als Nachwlger des verstorbenen Professors Dr. Robert Zuckerkandl primo Tocd für die Prager deutsche Univeilität vorgeschlagen. Wie die „BoHemia" erfährt, bat Dr. Schumpeter erklärt, dem Rufe Folge leisten zu wollen. Berw Credo. Wie berichtet, hat Kommerzialrat Oskar Berk i.r einer Versammlung erklärt, ec habe trotz seiner jüdischen Abstammung schon bei den letzten Wahlen christüchsozia! «. ES ist nun interessant, daß Kommerzia-rat Verl letzten Wahlen Mitglied dev Wahlkommijsion im ersten Bezirk, und zwar alS Vertreter der Dentschltberaten gewesen ist, Bett hat also, wenn seine Behauptung richtig ist, seine Partei hinterrücks verraten. Cr war ihr Vertrauensmann und hat christlichsozial gewählL Eine Frauenleichs auf den Schienen. Vorgestern abends wurde auf der Südbahnftrccke zwischen Hetzendorf und AtzgerSdorf die Leiche einer Frau aufgefunden, deren Beine abgetrennt waren; auch sonst wies die Tote mehrfache Verletzungen auf. Bei der Toten ltmtben Dokumente ans den Namen Theresia Gin dl» Hausgehilfin, Strohgasse 4, gefunden. Der Bräutigam der Toten, ein Zugsfühker des Bundosheeres, gab an, daß er keinesfalls an einen Selbstmord glauben könne, da jeder Beweggrund fehle. Sie war zu einem Besuch nach Mödling gefahren. Da sie nervös und kränklich war, iste S nicht ausgeschlossen, daß sie auf der Fahrt von Unwohlsein befallen, auf die Plattform des Waggons getreten, auf das Gegengeleise gestützt und von eineni Gegenzng überfahren woroen ist. Ein Dachfeuer im Allgemeinen Krankenhaus. Gestern nachmittags bemerkte eine Krankenschwester stark glimmendes Holz auf einem Dache des Allgemeinen Krankenhauses. Die rasch herbeigerufene Feuerwehr stellte ein Kaminfeuer fest, das nach zweistündiger Arbeit gelöscht werden konnte. Die Kranken in dem unter dem Dache gelegenen Krankensaal konnten in den Betten belassen werden. Ein neues Bahnprojekt für das Burgenland. Aus dem Oberpullendorfer Berzirk im Burgenland sprach, eine Deputation beim Bunoeskanzler vor. Sie überreichte eine mit 5629 Unterschriften versehene Denkschrift, in der der Ausbau der schon im Projekt vorliegenden .Bahnstrecke St. Martin—Lackenbach—Mattersburg gefordert Ivird, die den kostspieligen und zeitraubenden Umweg überOedenbnra vermeidlich machen und den Oberpullendorfer Bc^rk in direkte Berbindung mit dem hrörpllchen Burgen.and bringen würde. Dr. Seipel versprach sofort das Einvernehmen mrtz der Landesregierung und der BnndeSbahnverwaltung Herstellen und das Ansuchrn dem eigens zur Behandlung der burgenlündlschen Angelegenheiten eingesetzten Ministerkomitee vorlegen zu wollen. Die Abordnung erklärte in der Lage zu sein, jetzt auch ein Projekt zur privaten Ftnanzterung des Babnmues, zu dessen DurchfWsührung allerdings die staat.iche Mchttse notwendig wäre, vorzulegen. Die Degnabigunsen deS weiblichen Go-uvenwu-rs. Aus San Antonia im Texas wird gemeldet: Um d^r Flut der Begnadigungen, dir der weibliche Gouverneur von Texas, Miß Ferguson, erlassen hat, zu steuern, hat man sich entschlossen, bis z:m nächsten Mittwoch alle Krimlna-lprozesse z» vertagen, da an diesem Tage die Amtszeit cer Miß Ferguson ab läuft. May. rend ihrer zweijälhrigen Amtsdauer hat sie 3477 Begnadigungen ausgesprochen, gestern allein 32. $>nr; arabische Fischer im Genezareth-S« ertrunken. Ans Jerusalem meldet I. T. A.: Drei arabistyL Fischer ertramcil im Eenezareth-Eee wahrend eines plötzlich hercinbrechen-deir Sturmes. Dieser See ist Meilen lang und 7% Meilen breit. Die Öberftäche liegt 682 Fuß unter dem Meeresspiegel, seine größte Tiefe beträgt IM FuF. Schon in biblischen Zeiten war dieser See plötzlichen Stürmen ausgesttzl. Die anwohnenden Fischer vermeiden eS, sich an den Nachmittagen hinauszmvagen. E Säjährrges Jubiläum. Der Prokurist der Annoncen« l§xpeditiou I. Danneberg, Herr Emil Hirsch, feierte am 13.' Jänner sein tDjährigeS Jubiläum als Beamter deL Hauses. E Carl Ceschka jun., Bru-dey dcS bekannten Hutfabrikanten Robert Ceschla, ist am 10. Jänner 1027 nach längerem Leiden gestorben. Der Verblichene war Mitcher der besöbekannten Hutfirma Carl Ceschka u. Söhne. Die Beerdigung fand am 13. Jänner 1927 statt. Verrine, VortrSge uns VeNammlunge«. Bereinigung zionisttscher Akademiker „Hechazoer^. Heitte Freitag, um halb 9 Uhr abends, im Lokale 9. Bez.. Türtenstraße 9, Vortrag: Dr. N. Ho ff mann: „Zweite Pariser Konferenz der Zionisten-Nevifionisten." Gäste willkommen. — Misrachlsiischer Jugendvund. Morgen SamS-- tag. um 7 Uhr abends, 2. Bez., Praterstraße 43, Heimabend mit Dorlefrmg. HaL 3 Uhr, Bottrag Schapira. — Jüdisch-akademischer Juristtuverein. Morgen SamStag, um 7 Uhr abends, int kteinen Saale des jüdischen Zentrums, Vortrag Ludwig Bato: „Unser Verhältnis zur Umwelt.^ Gäste loillkommett. — Zionistisch« Bezirksscktion Brigitteuaü. Heute, l>alb 8 Uhr nbendS, Bottrag Markus G e r st t über Talnmd. HM S Uhr abends, Bortrag Professor Dr. Stein: „Ursprung und Anfang des jüdischen Volkes." — MiSrachi, Wien. Samstag, den Io. d. M., um 7 Uhr abends, regelmäßige Zusammenkunft mit Bortrag ijn Msrachilvkal, 3. Bez.» Praterstraße 43. Gäste willkommen. — Hebräischer Klub IKu turamt deS Ziont. stischeu LandeSkomitresj. Samsdaa. 6 Uhr abends, im Heime der Zionistische» Bezirkssektion Leopoldstadt, 3. Bez., Zi» kusgafio 33, dringende Ausschußsitzung. 8 Uhr abends, Do», tor Chaim Tart.akower über „Achad Haam in seinen Bttefen.