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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-14 · Heft 2830 (14.1.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2830 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Zelte 4 Wien, Freitag 14, Sonnet im 9n „ftüntoifojn" aus Dem Sache. oit 'ji enftadt an der Hardt wurde, ivie von dort gemeldet Mrd. in einem Hotel ein Gast verhaftet, der sich für einen französischen Offizier «USgab und abends grobes Aufsehen dadurch hervorrief, düs; er nur notdürftig bekleidet über die Dü che r kletterte. En erklärte, ein Herzog von Tervuren, ein Sohn des Kö^ nigS Leopold II. von Belgien, zn fein. Es handelt sich um den aus Lüttich gebürtigen angeblichen früheren Fliegewssizier Stephan Otto, der mit seinen Hochstapeleien bereits die Behörden säst der ganzen Welt beschäftigt hat. Otto trat seinerzeit als Herzog von Tervuren nitb Mitglied der interalliierten Kontrollkommission mn. Er hat in Wiesbaden, London, Neapel, Konstant nwpelnsw. erhebliche. Snnunen erbeutet. . »ravls Leon Knobel Maeselv.' In seinem soeoen erschienenen Lagebuche ...fta cen Willkür und roter Terror" >Verlag der ..KüniMerqer Allgemeinen Zeitung") teilt Dr. Ernst Serafim nachstehende beschichte ntit, die leider den Borzug hat, nicht erdichtet zu sein. Am 29. Dezember habe ich in mein Tagebuch folgendes sehr ergötzliches „Doenment humain" ans der Zeitung „Sibir" eingetragen: Eine Korrespondenz ans Narym im Tomskjschen Gouvernement: „Der Jude David Lünefeld, der ans Galizien in den Narymschen Kreis auSgclviesen worden ist und zurzeit int Dorfe Tschigora der Posabclskischcit Gemeinde lebte, sandte am 17. Dezember dem Minister des Jnne.rn folgendes Gesuch zn, das nstr hier Wort für Wort folgen lassen: „Ein halbes Jahrhundert zurück, bei meiner Ankunft in Rußland, hörte ich zufällig eilte Anekdote voll cinent Strashnik (Feldgendarm) und einem Hasen, der versucht hatte, die Grenze zu überspringen. AtS der Haft ~- fo erzählt die Anekhote — voll dein gestrengen Richter verhört wurde, erklärte er zu feiner Rechtfertigung, ' daß in Rußland ein Befehl angeordnet habe-, alle Kamele müßten ntit Hufeisen beschlagen werden. Er habe sich deshalb über die Grenze in Sicherheit bringen wollen. „Was heißt aber das" — sagte erstaunt der Strashnik — „Ihr seid doch, so weit ich sehen kann, ein Hase, aber kein Karml!" „Stimmt! Aber nichtsdestoweniger lvird wart zuerst beschlagen — nachher versuche zu beweisen, daß du kein Kamel bist!" Ich bitte mich sehr zn erltschuidigerl, Hohe Exzellenz, daß ich mir erlaubt habe, in weinet Bittschrift diese Anekdote anzuführen, aber da ich mich m der Haut jenes Hasen fühle, so kann ich Mir sie ilicht verkneifen. In der Wohnung, die ich in der Stadt Stanislaw in Galizien bewohnte, wohnte vor mir ein gewisser Leon Knobel. In der Nacht auf den 14. März 1915 erschienen in meinem Quartier Gendarmen und Polizei, um Leon Knobel zn arretieren, der kurz vorher mit den österreichischen Truppen das Weite gesucht hatte. Als sie Knobel somit nicht fanden, so arretierten sie mich an stiller Stelle und führten mich zum Kommandeur Gawinski. Die aufs genaueste ausgeführte Besichtigung meines Quartiers hatte nicht das geringste belastende Resultat ergcbcrt. „Wie heißt du?" — fragte der Kommandant. „David Lüneftld" — antwortete ich. „Nicht wahr, du heißt Leon Knobel" — erklärte der Kommandant unb befahl mich einzusperren. In Stanislaw wohne ich nun schon 30 Jahre, jedes Kind kennt mich, alle wissen, daß ich David Lünestld bin, wissen, wer Leon Knobel ist, der mit den Oesterreichern sich geflüchtet hat. Bei dem Appell im Gefängnis ries man inimer Leon Knobel auf, aber ich gab dem Ruf keine Folge, denn, da ich nun mit Gottes Hilfe rund 49 Jahre aus dieser Welt als David Lünestld gelebt habe, plötzlich per ordre de nmfti in Leon Knobel verwandelt zu sein. Als ich aber mich unterstand, gegen diese Verwandlung zu protestieren, sagte der Kommandant Gawinski: „Ach was, du mußt doch nach Rußland, dort ist gut leben." Und so ging ich denn mit der Etappe und kam allmählich in den Narhmschen Kreis des Tomskischen Gouvernements — ich war und blieb Leon Knobel, Wobei, um diesen gesetzlosen Akt zu maskieren, man mich in den Papieren „David Leon Knobel Lünestld" zu nennen beliebte. Aus dem in meinen Händen befindltchsn Eheschein können sich Ctv. H. Exz. leicht überzeugen, daß ich und kein anderer David Lünestld bin. Dieses offizielle Dokument, daS mir am 4. September 1914, snb. Nr. 867, ausgereicht worden ist, ist ein Auszug aus den Stanislawschen Matrikbüchern Th. VI Pag. 105. Meine Frau und sechs Kinder sind bnchstüblich ohne einen Bissen Brot zu Haust geblieben. Ich bitte daher Ew. H. Exz. alleruntertänigst, die unverzügliche — um nicht mehr zu sagen — Nachlässigkeit der russischen Amtspersonen in Galizien zu korrigieren und mich von der Verschickung zu befreien." WaS mag wohl aus „David Leon Knobel Lünestld" geworden sein?! Jever vierte «evsch iß ei» Warte. Trotzdem unter Einwirkung der Eisenbahn, des Dampfschiff-, der Telephon!« nitb der Telegraphie die weite., weite Welt merkwürdig zusammengeschrnmpft ist, können wir Menschen uns doch nicht ganz adgewöhnen, mrseven Horizont allzu eng zn spannen und zn meinen, daß die Welt mit dem nnS nahegelegenen und näher bekannten Fleckchen Erde aufhört. Vor allem, wenn es sich um ein außerhalb Europa gelegenes Land handelt, müssen schon irgendwelche besondere Vorgänge, wie etwa jetzt die Unruhen in China, kommen, um ititfere Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Was aber ettva diese Bewegung der Massen im fernen Asien bedentet, wag uns einigermaßen klar ivvrden, wenn wir uns vergegenlvärtigen, daß das chinesische finnb von nicht weniger als 450 Millionen Menschen bewvhnt wird. Da die Bevölkerung der ganzen Erde aus etwa 1700 bis 1800 Millionen Menschen geschätzt wird, ergibt sich daraus die überraschende Tatsache, daß jeder vierte auf der Erde lebende Mensch ein Chinese ist. Auch der Läitberkomplex, der das Chinesische Reich ansmacht, ist so groß, daß er dem Umfange nach durchaus den Namen eines Erdteiles verdienen lvürde; dem: ec ist durchaus nicht kleiner als ganz Europa. Man stelle sich vor, welche Bedeutung cS für die Europäer haben könnte, wenn diese Menschen endgültig zn dem Bewußtsein ihrer Rechte und ihrer Macht erwachsen. Und es regt sich mächtig im Morgenlandc. Auch in Indien, das ein ziveites riesengroßes RSich darstellt. Auch sein Landgebiet kommt beinahe dem europäischen Kontinent gleich, auch seine Bevölkerung umfaßt ein Viertel der Menschen überhaupt. Chinese,r und Inder zusammengenommen, machen also die Hälfte der Menschheit aus. —eich Las Fahr 1828 im Schach. Während die Schachwelt in den Jahren 1024 und 1925 durch die Turniere von New Uork und Moskau, an denen der Schachmeister Capablanca und Dr. Emannel L a s k e r, der stärkste Turnierspieler der Gegenwart, teilnahmen, in fieberhafte Spannung versetzt war, bot ihr das Jahr 1926 wohl zahlreiche Turnierereignisse, von denen jedoch nur eines von überragender Bedeutung war; cs war das drei Wochen dauernde P a n h a n s - T u r n i e r am Semmering, ans dessen 17 Runden Spielm a n n, der als Ersatzmann für dön durch das Veto der Moskauer Schachsektion verhinderten Bogoljobow einge- 3 ade ans M*euz sprungen war, 13 Punkte herausholte, wodurch er den ersten Preis erstritt. Der Favorit dieses Türmers, Aljechin, landete mit 12«£ Punkte an zweiter Stelle. Dritter wurde der Amüteürwcister Professor B i d m ä r mit.12 Punkten, während den 4. und 5. Platz Niemzow itsch und Dr. Tartakower mit 11^ Punkten besetzten. Von Bedeutung war auch das I u b i l ä u m s t u r- « er in Dresde >n, an dem Aljechin und Niemzowitsch teilnahmen. Niemzowitsch bot eine Glanzleistung, indem er aus 9 Runden nicht weniger als 8^ Punkte herwusholte und so weit vor Aljechin, der nur 7 Zähler erzielte, Erster wurde. Ebenso glänzend schnitt Niemzowitsch in dein kleineren Turnier von Hannover ab, wo er mit 6% Punkte.» den ersten Platz besetzte; Zweiter wurde Nubrnstein mit 6 Punkten. Eine starke Besetzung wies auch das Berliner Turnier im November auf, ans bom B'o goljubow mit 7 Zählern vor Rubinstein (6 Zähler) als Sieger hervorging. Dagegen wurde Bogoljnbow in dem gegen Jahresschluß abgehalteneü Jub i l ü u m s t ü r n ie r des Münchner S ch a ch k l u b s, an denl 6 Meister teilnahmen, von dem polnischen Meister David Przepiorka überholt, der 4H Punkte erzielte, während es Bogoljnbow nur auf 3K brachte. Von sonstigen bedeutenden Schachverailstaltungen während des verflossenen Jahreö sind zu erwähnen: Budapest (Grünfeld, Monticclli 9>§, Kmoch, Rubinstein. Takasz 9, Nagy Sy2t Colle, Reti 8); Trentschin - Tepl i tz (Gelg, Kostic 1. und 2.); Spa (Sämisch, Thomas 8/2, Sapera 8, Tartakower 7); Wien (Trebischturnier: Spiolmann 1., Grünfeld 8, Lokvcnc 7); Meran (Colle 1., Spielmann, Przepiorta, Canel 2. bis 4., Pates, Tariakower 5. und 6. usw.); LateHopateong (Capablanca 0, Kupchie 5, Maroczy 4'/2, Marshall 3); Chikago (Marshall 8-j, Torre, Maroczy 8, Kupchic, Jafse 7V£). Leider wird der geniale Mexlka.ner Torre wegen eines schweren Nervenleidens an Turnieren nicht mehr teilnehmen können. Noch im Jahre 1926 begann der Schachkongreß in Hasting, dessen internationales Turnier in die erste Jännerwoche d. I. hineinreichte. Es endete mit dem Siege von Dr. Tartakower, der aus 6 Runden 7 Punkte erzielter Zweiter wurde der belgische Meister Colle (6 Punkte), der in Meran in elegantem Stil den 1. Preis errungen hätte. Das eben begonnene Jahr dürfte zu den ereignisreichsten in der Schachgeschichte gehören; denn es steht ein großes internationales Meisterturnier in New Bork bevor, und überdies wird noch in diesem Jahre Capablanca seinen Die ruhmvollen Epochen WWW der jüdischen Geschichte ln unteren Pr&mlenwerken JOSEPHÜS FLAVltlS HEINRICH GRAETZ Weltmeistertitel, den er im Jahre 1622 durch den Sieg über Lasker errungen hat, verteidigen müssen. Ter erste Kamps um die Wettmeisterschaft im Schach soll in B u n 0 8 - A i r e s, der Hauptstadt Argentiniens, zwischen Capablanca und Aljechin stattfinden. Diesen beiden großen Schachereignissen gehen schon seit längerer Zeit recht unerquickliche Erörterungen voraus. Das von Capablanca arrangierte New Yorker Turnier, dessen Siegcc sich Capablanca im Kampf um die Weltmeisterschaft stellen will, hat eine recht merkwürdige Teilnehmerliste. In ihr fehlt vor allem Dr. Lasker, dem Capablanca feit je gern ausweicht, ebenso haben Niemzowitsch, Rubinstcin und Spielmann keine Einladung erhalten. Es scheint, daß Capablanca keinen starken Gegner für das Wcltmeisterschastsmatch will. Dazu komnwn Mitteilungen, die der sonst stets zurückhaltende Dr. Lasker Über das letzte New Yorker Turnier gemacht hat, an dem er und Capablanca teilnahmen; wie er jetzt darlegt, sollen damals seine Schachuhren ständig falsch gegangen sein, was eine große Spielerschwerung bildet. Wie imer dem auch sein mag, der Cubaner, der jetzt den Titel des Schachweltmei- - sters iunehat, verstößt seit langem schon gegen das Grundgesetz aller Wettkämpfe, das besonders im Schach Geltung haben muß: gegen die Fairneß. Das haben seine häßlichen Ausfälle gegen Dr. Lasker gezeigt, dem er sich in zwei großen Turnieren beugen mußte, das zeigt sein Arrangement des kommenden New Borkr Turniers. Es wäre hoch au der Zeit, daß diesen das Ansehen des Schachs entwürdigenden Treibereien des auf den „Dollar" eingestellten Schachweltmeisters ein Ende gesetzt wird. Filmstars a. I. Der.jüngst erfolgte Smbfimord der Filmschauspielerin Grete Lun dt zeigt das Schicksal der unmodernen Filmstars in seinem tragischesten Lichte, denn auch Filmstars werden unmodern, wenn aüch nicht alle ein ähnlich bitteres Los erfahren wie Grete Lundt. Ost lassen sich die Ursachen 5ür die plötzliche Anßerdienststellung eines Filmsstars leichc erkennen, denn sie sind in der Zeit begründet, die die Vergänglichkeit schafft und Menschen umwandelt. Mer.erinnert sich nicht noch an das berühmte Wunderkind „Fritz chen", das vor dem Kriege zu den berühmteste», Persönlichleitcn beider E.dballkugeln gehörte und auf kelnev Filmleinwand fehlen durste? Es war Fritzchen Abelard, der .damals bereits über ein Einkommen von 500.000 Francs .ährlich verfügte, was für jene Filmzeitcn geradezu un->;ehenerlich war. Er ist völlig verschwunden und sein geivaltiger .Ruhm verraucht/ ein Schicksal, das wohl bald Jackie Coogan teilen wird, für den man heute bereits einen Ersatzmann sucht. Auch er ist unmodern geworden) denn ,an ihm hat die Zeit chre Wirkung vollmdet. Aber andere Filmstars werden plötzlich unmodern, ohne daß inan weiß, was die Ursache hierfür ist. Es sind Publiknmslaunen, wenn man den Filmverleihern glauben darf, die sich darauf berufen. Un'er diesen Launen hatte, schon vor Jahren der einstmals hochberühmte und überall beaebte Filmhumorist Maurice Pri-nee zu leiden, der vor Jahren ungefähr die Stellung einnahm wie heute Charlie Chaplin und Bnster Keaton. Sein Leidensgenosse war Max Linder, der nur durch seinen Selbstmord sich wieder ini das Gedächtnis der Menschen zurückrief. Tatsächlich war er schon lange vorher ein Filmstar a. D. In der ersten Zeit des deutschen Films waren zwei Filmstars überall aus der Filmleintvand zu sehen, nämlich Wanda Treumann und Vigo Larsen. Schon seit vielen Jahren hört und sieht man nichts mehr von ihnen. Der Film kennt sie nicht mehr und das Publikum hat süne erklärten Lieblinge vergessen, die es früher mit Jubel und Beifall überschüttet hatte. In Amerika hatte, bevor iwch Hollywood die Film- Herrschaft antrat, ein Filmstar Solveig Valley, den größten Beifall beim Publikum und konnte schon damals über ein Millioneneinkommen versüaen. Diese junge Schmispielerin war von einer rührenden Schönheit, dir auf keinen Beschauer ohne starken Eindruck bleiben konnte. Plötzlich verschrvand sie, da andere Stars in Mode kamen, wie Mary Picksord, Lilian Gi'h, May Murray. Ein neuer Stil wurde modern und die Valley hatte nusgespielt. Die ehemalige Millionärin, tic das Sparen nicht gelernt hatte, wurde zur Bettlerin und endete durch Selbstmord wie Gretü Lundt. Seit vieler! Jahren vermißt man auch auf der Filmleinwand eine der bedeutendsterr Tragödinnen, die der Film bisher aufzuweisen hatte, nämlich Maria Carmi. Auch sie ist unmodern gervordcn und hat schon, bevor sie einen; reichen russischen Fürsten heiratete, dem Film wenig zu sagen gehabt. Ihr männliches Gegenstück ist der bedeutendr nordische Schauspieler Olaf F ö n ß. Seit Jahren hört mcm nichts mehr von ihm, und wenn er hier und da gelegentlich

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