Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2830 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2830 Wien, Freitag Steirer Morsenzsitung 14. Jänner 1927 Gelte 8 - Tagesbericht. Sie Welt von oben. Mit der Vervol^omnmung technischer Hilfsmittel machst der Wahrnehmungsbereich unserer Sinne, verviel'ällist sich die Grundlage menschlicher Arbeitsmöglichieit. Die Erde ist entdeckt. Nicht mehr in die Breite allein geht der Forschungstrieb. Neue Sehnsucht hat chre Schwingen aufgetan und strebt wagefroh in die Höhe. Fremdartige Ausblicke öffnen sich, denn anders ist das Gesicht der Welt aus der Flugbahn des Hochdeckers als von Ebenen nub Bergen der Erde, und zu wissenschaftlicher Bereicherung gesellet: sich optische Sensationen nie gekannter Art. Alber noch ist die Fahrt durchs Baue ein Genuß, der einzelnen Vorbehalten bleibt, und die Menge muß sich genug daran sein lassen, das Bild einer Welt von oben auf dem Wege über die photographische Platte kennenzulernen. Innerhalb weniger Jahre ist das Luftbild zu einem wertvollen Faktor bei der 'Lösung wichtiger 'Probleme <tuj verschiedenen G.'bie c.r des öffentlichen Lebens, dw Rechtspflege und dergleichen geworden. Seine anschauliche und wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der Erdoberfläche veranlaßt Feuerversicherungen, sich über den Umfang eines größeren Schadenfeuers an Hand von Flugaufnahmen zu unterrichten. Im Dienste der Landesvermessung hat das Luftbild besondere Bedeutung, weil Katasterkartcn nur solche Eirrzelheiten aufweisen, die für die Festlegung der Eigentumsverhältnisse wichtig sind, Verschiedenheiten der Boeengestaltung und Bewachsung dagegen irr der Regel nicht enthalten. Auch die Bodenkulturarten, also Aecker, Wiesen, Wald pflegen in Kalasterkarteir nicht eingezeichnet zu sein. Da außerdem die Meßtischblätter der Landesaufnahme nicht grundsätzlich auf den: laufender gehalten werden, ergeben sich notwendigerweise gerade in den Punkten Abweichungen, die für den Städtebauer uird Siedlungsfachmann von entscheidendem Interesse sind. In diese Lücke tritt das Luftbild helfend ein. Von gesteigerter, ja grundlegender Wichtigkeit ist es in all den Fällen, wo es sich um die Wiedergabe schwer zngänglichen Geländes handelt, dessen irdische Vermessung sich als zu kostspielig oder technisch unmöglich erweist. Hochgebirgsgegenden, Meeresküsten, auch langgestreckte Fabriksanlagen, Tagbau-Betriebe, schwer übersehbare Verkehrszentren (Bahnhöfe) werden durch das Lustbildverfahre:: unter Ausschaltung persönlicher Fehler mit allen Einzelheiten und Zufälligkeiten wiedergegeben. Und in Zeiten von Ueberschwemmungen und Hochtvasserkatastrophen, wie sie letzthin über Mite Gebiete hereingeb rochen sind, ist die Luftaufnahme das technisch vollendetste Hilfsmittel, nur über den Umfang der Verheerungen einen genauen Uebcnb'ick zu gewinnen. . Das Luftbild besteht aus einer Anzahl von Einzelausnahmen, die sich stereoskopisch überdecken müssen. Der Unterschied und Fortschritt gegenüber irdischer Vermessung liegt in der Arbeitsgeschwindigkeit urrd damit verbundenen Billigkeit, die besonders bei größeren Aufgaben spürbar wird. Ein Landmesser muß wochenlang herumreisen, um die Arbeit auszuführen, die mit Hilfe des Luftbildes im Verlauft vor: Stunden geleistet werden bann. Das Luftbildmeßverfahrcn kommt bei allen Plcmanferti'gmmen. di" eine schnell und wirtscha'tück,: Beübaffnna von Unterlagen für Wohn-, Industrie- und Verkehrsgelände erfordern, nrehr und mehr zur Amvendung. Im rheinischwestfälischen Industrie-Zentrum, in den Gebirgsgegenderr Schlesiens und den Fabriksstädte:: Sachsens, bei der Anlage von Stauweihern, Eisenbahnstraßen und der Aufteilung von Besiedelungsgebieten wird es immer unentbehrlicher. Ae Grivve. Große Ausbreitung in Berlin. Berlin, 13. Jänner. Wie die „SB. Z." berichtet, steigt der Zugang der Grippeerkrankten zu den Krankenhäusern ständig. Bisher sind 25 Todesfälle an Grippe in der gegenwärtigen Krankheitsperiode aus den Krankenhäusern gemeldet worden. Dazu kommen noch die Fälle, die sich in privatürztlicher Behandlung befanden. In den Berliner städtischen Krankenhäusern befinden sich zurzeit 899 Grippekranke. Die Zunahme seit gestern betragt also 100 Fälle. «SV Erkrankungen in Tokio. New Dort, 12. Jänner. Associated Preß meldet aus Tokio, daß dort in den letzten zehn Tagen 690 Personen, zumeist Kinder, der Grippeepidemie erlegen sind. Henry Fords Hetzblatt wird boylottiert. Aus Newyork wwo uns be:i.,M: Der Genera^,elretär des „Verbandes der Zeitungs-VertrieÜsgesellschaften in Amerika", Morris Manson, ließ Henri) Ford in einem scharfen Schreiben wissen, daß er es aütehne, in Hinkunft' die Verbreitung seines antisemitischen Hetzb'attes „Dearbom Independent" durch die Bertriebsstellen des Verbandes durchzuführen. Den Anlaß hiezu bot ein in den großen amerikanischen Blättern erschienenes Inserat, in welchen: die Nummer von: 25. Dezember des „Dearbom: Independent" mit den: Bemerken angekündi st wart e, daß die Weihnachtsnummer neue Anschuldigungen gegen die jüdische Rasse enthalten werde. „Die Manson News Agency," schreibt Manson, „null nichts'zu tun haben init einer Zeitung, die cs sich zur.Aufgabe gemacht hat, gegei: ein Volk, das wie das jüdische Volk, zun: geistigen Reichtum der Welt beigestenert hat, einen durchaus unameriranischen Geist des .Hasses zu verbrcitei: und persön'iche Propaganda zu treiben. Wir erinncrr: Cie daran, daß wir Ihnen bereits einmal aus ähnlichem Grunde die Verbreitung kündigten, die wir erst über ausdrückliche Versicherung Ihres Vertreters, daß der „Dearbom: Jndepen ein" den Verieumdungsseldzug eingestellt habe, wieder übernommen haben. Da sich diese Versicherung als unwahr he.ausstellt, iveisen 'wir 'Ihre Vertretung endgültig zurück." Mansons News A>en/Y ist eine der größten Vertriebs- Unternehmungen für Zeitungen. sagte mms Järeux ~m- WARUM haben Sie uns Ihr Jahresabonnement noch mcht überwiesen / Aucb ln Ihrer Bibliothek dürste eines od. das andere unserer Prämienwerke noch fehlen MS fache Friedevsmiete. Die Mielerfrage in der TLastlagitation. Ob der Versuch, eine Aufwertung der Mieten im Wege des Jnstandhaltungszinses zu erreichen, zum Ziele führen wird, muß heute, obwohl Vizekanzler Dr. Dinghofer die .Hausbesitzer daz'n emnuntert hat, doch schon einigermaßen bezweifelt werden. Vor allen: ist der Umweg über die sechs LaNdcskommissionen zeitraubend und unsicher. Keine dieser Kommissionen konnte bisher einen, die Hausbesitzer befriedigende::, rechtskräftige!: Beschluß fassen. . Die für heute anberaumte Sitzung der steirischen Landeskommission ist in Frage gestellt, weil der Vertreter der Hausbesitzer, Dr. Neumann selbst kein Hausbesitzer ist. Der Vorsitzende Oberlandesgerichtsrat Dr. Bauer erklärte, in dieser Angelegenheit keine Erüscheidung treffen zu köunen. Daraufhin hat Landeshauptmann Dr. Gürtl e r deir Hausherrenorganisationen nahe'e'egt, sich bis zum 17. d. M. in dieser Streitfrage zu äußern. Also abermalss eine Vertagung! , Ji: Kärnten hält man jetzt so tveit, daß ein Sachverständigen Machten darüber eingeholt wird, inwieweit sich das Erfordernis für die Instandhaltung der Häuser seit dem letzten, am 3. Jul: 1925 gefaßten Beschluß, erhöht hat. In Niederösterreich wird die Landesmietenkommission erst zusamnrenrreten können, wenn das Sachverständigengutachten über die Erhöhung des sogenannten B au Index -vorliegen wird. Die Zwischenzeit wird von der sozialdemokratischen Mieterorganisation zu einer Kampagne gegen den christlichsozialen Mietervertreter ausgenützt, von dein sie behaupten, daß er für eine gar nicht existierende christlich-deutsche Mietervereinigung als Bejsitzer der Landesmietenkommission ernannt worden sei. Mit Rücksicht auf die bevorstehende:: Nationalratswahlen hat die sozialdemokratische Mieterorganisation einen „Abweh rkamPf" vorbereitet. Es werden bereits Versammlungen und Straßendemonstrationen für die Beibehaltung der bestehenden Mietengesetzgebung angekürchigt. Die Entwicklung .ist jedoch schließlich stärker als der Wille der Agitatoren Wie aus einer Aufstellung des Haus¬ und Grundbesitzerverbandes hervorgeht, bezahlen bereits in Graz 59 Prozent, der Mieter, in St. Michael 82 Prozent, in Stainach 70 Prozent, in Eisenerz die meisten Mieter schon seit Jahren' d.en 4000b: s 9000fad)2u Friedenszins. In zahlreichen anderen Orten muß bereits die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung die 3000- bis 7000fache Friedensmiete bezahlen. m Srttstück. Bruckners „Krankheit der Jugend". — Wiener Uraufführung in den Kamurerspielen. Zwischen Max Halbes „Jugend" und Ferdinand Bruckners ,Krankheit der Jugend", zwischen der Oeffnung von Pandoras Büchft durch Frank W-edekind und ihr«r gäiHlichen Umstülpung durch den neuen Dichter — nichts bsiü'bt in der Büchse zurück, nran versuche die Nagelprobe! — liegt der Weltkrieg. Nicht Toller mit seinen ^blert Tendenzstücken, sticht Unruh und Hasencl.'v-er, nicht Bronnen und Brust — Ferdinand Bruckner hat mit seinem Sexualstück die erste Tragödie der Generation geschrieben, welche den Weltkrieg überdauerte oder während des Massenmordens geboren wurde. Die blaue Blume der Romantik haben die Giftgase ausgebrannt. Samt der Wurzel. Und der Gott Ecos ist ein böser, harter Wüterich geworden, der die Jugend geißelt, ihre Seele zerfrißt und ihr Antlitz in entsetzter Verzerrung niederbeugt, denn er atmet Verwesung, wenn er ihre Stirne küßt. Der Raisoneur dieses furchtbaren Stückes ist ein junger Arzt, der zwei Jahre im Gefängnis saß, weil er einem unheilbar kranken Kinde die Qualen verkürzte. Er predigt jetzt, daß es Schwäche ist, in einem anderen Menschen zu leben (für ihn zu leben), und das einzige, was er, dev Gütige, „Beruhigte", nämlich völlig passiv Gewordene, also Erledigte, seinen Kameraden und Karneradinnen raten kann, ist, ihren Weg der Qualen bis zu Ende zu gehen. Da gibt es kein« Flucht, keine Arznei, keinen Hoffnungsschimmer. Hinein in die Pestgrube, in die euch lteblose Gier des Fleisches, freudlose perverse Lust jagt — hinein, bis euer Leben, ihr kranken jungen Menschen, im Moder erstickt! Dieses Dranra sPielt aus einer Studentenbude, unter Intellektuellen,- Hörerinnen und Hörern der Medizin. Marie, die soeben promoviert, liebt seit zwei Jahren einen jungen Schriftsteller. In ihrem Liebesleben ist die Komponente „.Mütterlichkeit" überwiegend. Hypertrophisches Gemüt ist in dieser entgötterten Zeit die böseste Krankheit, und das junge Mädchen, mit solchem 1'ttbu behaftet, ist verloren. T^e rothaarige Irene nimmt ihr mit kräftigem, sportlich hervorragend an gesetztem Handgriff den Geliebten weg, und eine ändere Kollegin, Desiree, die Perverse, die bereits durch alle Laster h'.ndurchgegangen ist, paßt nur darauf, die unglückliche Marie zur Bettgenossin zu kriegen. Freder, ein versoffener Kraftkerls dessen hypnotischem Einfluß kein Weib entgeht, läßt das junge Dienstmädchen der Studentenpension für sich Ringe stehlen, schminkt sie, zieht ihr die Nobelkleider der Studentinnen an und schickt sie auf den Strich. Marie, des Geliebten beraubt, vor: Desiree lesbisch umgtrrt, schreit auf: „Wir leben in einem Stall!" Sagt es, die Blonde, Mütterliche, und handelt allsogleich wie das Mensch im Stall, denn sie knebelt die Rivalin, bindet sie mit ihren roten Zöpfen an der Ottomane fest und überantwortet sie dem Scheusal Freier. In den Armen der Kollegin Desiree findet sie Entspannung nach diesen Aufregungen, ist aber nach einigen orgiastischen Nächten, Angebracht im Schlafzimmer der Desiree, wiederum einschichtig, denn die Perverse'hat genug von ihr und schüttelt die Anhängliche. Mütterlich' ab. — Der Anblick des Dienstmädchens, das vom Strich zurückkommt und die Hotelerlebnisft schildert, reizt Desiree, desgleichen zu tun. Die blonde Marie, mütterlich um das Schicksal der Geliebten bekümmert, läßt sie nicht auf die Straße und drängt sie in ihr Zimmer. Dort begeht Desiree Selbstmord. Freder, der Praktiker, hat ihr für solche Zwecke die nötige Zahl von Veronalpulvern verschafft. Es ist der letzte Schmerz, den die blonde Marie in diesem Inferno erfahren mutz. Denn jetzt faßt sie selbst die tierische Raserei, die Gier nach dem Untergang, und sie zwingt Freder zun: Lustmord, zum Biß in ihre Kehle. Das Gegenständliche mußte berichtet werden, ohne daß es für den Wert der Dichtung, die wir trotz aller Kraßheiten als solche unbedingt anerkennen, entscheidend iväre. Bruckner enthüllt rücksichtslos hie Krankheit belasteter Jugend, nichts bleibt uns erspart. Fest gefügt ist der Dialog dieses Sturm- und Drangslverkes, scharf greifen die Sätze ineinander, auch wenn man die entsetzlichen Vorgänge hinwegdenkt, bleibt die Sprache stark. Cs empfiehlt sich, mit dem Einwand „Spekulation auf Nervenkitzel" zurückhaltend zu sein. Sie ist dort am Werke, wo die Revue-Mädchen zu der einzigen Kunstübung verhalten sind, den Herren (und Damen!) die nackten Brüste und Hüften zu präsentieren, ferner dort, wo man das Animierlied von den „Mädels im Trikot" und von den „duftenden Dessous" singt, also auf den Marischka-Bühnen; nicht hier, wo ein Verantwortungsvoller die Not kranker Jugend hinausschreit, nicht hier, wo ein junges Weib daran zerbricht, daß es nicht bloß Sexualnerven besitzt, sondern auch Liebe für den Gegenpart, nicht hier, wo die Heldin sich opfert und den Erzeuger dieser Not mit sich reißt — die kalte, selbstsüchtige, durch Intellekt zu höchster Machtentfaltung potenzierte, die Menschen fressende Kraft. Die jungen Künstler der Kammer.spiel-e haben gefühlt, daß es um eine Krankheit, ein brennendes Leid ihrer Generation geht und daß sie für -einen Dichter einzustehen haben. Sie „spielten" nicht, sie setzten sich ein und wuchsen an der Aufgabe. Friedl Haerlin in der Rolle der blonden Marie aus Passau ist zunächst ein schönes, gesundes, gütiges, den Geliebten mütterlich versorgendes Mädchen, das den Boden ihres Zimmers schauert, die Kollegin überprüft. Aufgestachelt durch das Wirrsal von Lust, grobem Eigennutz, tierischer Brunst, rasender Qual, in das sie gerät, wird fie zur heroischen Rächerin, die den Moloch mit sich in die Tiefe reißt. Sie ist diesmal außerordentlich, wie Eva Fiebig, die Darstellerin der perversen Deisiree (ergreifend, wie in den Pausen zwischen den Nervenexzessen tiefste Trauer ihr Antlitz überschattet), außerordentlich, wie Hans P e p p l e r in der Nolle des zynischen, überlegen kaltblütig ,-arbeitenden" Mannti-eres Freder. Eva G e y rr als sexualhöriger, sch'cksalsverfallener Dienstbote, Eddie P epple r, Theodor Gr ie g und Paul Verh oeven ergänzen das Ensemble, das sich unter Franz Wenzl-ers Leitung zu einer prachtvoll entfesselten Gesamtleistung vereinigt. , Arme kranke Jugend! Gibt es noch einen blauen Himmel, gibt es noch die Farbe „himmelblau"? Oh, die gibt es noch; Desiree hat ihrem „Verhältnis", her Marie, ein leuchtend himmelblaues Pyjama gekauft, weil es'ihre Lust stachelt, wenn's die blasse, schlanke Blonde trägt .. . . Otto Abeles.