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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-14 · Heft 2830 (14.1.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2830 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seit« S Wien, Freitag SBitlWC M«rgen»«w«S Der fehlende Vorspann. —y, Wien, 14. Jänner 1927. In dieser Woche hat rnan auch in Wien wieder i-t.vas über den Völkerbund gehört. Es ivar eine Dersanrmöung der internationalen Frauenorganisation und es wurde die Gründung eines Schweste rndnndks beschlossen, der sich der Angabe unterziehen will, den (Sedanken der pazifistischen Demokratie in weitere Kreis« zu tragen. Der verdienstvolle Leiter der österreichischen L:ga, Herr Dum-ba, hielt einen Vortrag, in dem er die Notwendigkeit unterstrich, dem Dölkerbmrd Vorspanudienste zu leisten. Das; es eine Organisation dieses Namens in Genf gibt, ist auch unserer Oeffentlichkeit bekannt, aber doch nur sehr lückenhaft. Das ist ein Verdienst unserer Presse, die im Publikmn die Ueberzeugnng erweckt hat, die Genfer Institution sei der gute, brave Onkel, zu dem Oesterreich immer gehen darf, wenn cs Geld braucht. Das sichert ihm ein se nach den Umständen freundliches oder feindliches Renommee, trägt aber nichts S"r Kenntnis seines Wesens oder grveckes bei. Versiertere Politiker Minen ihn kalt und verächtlich als «ine lndisck« Erfindung ab. An den Vorspanndiensten hapert cs, wie ja in dem Vergländerbnnd geistige Dinge inter* nationaler Richtung immer unbekannt bleiben, solang« sie für den Frieden wirken. Oesterreich ist Mitglied des Völkerbundes. Das ist sehr wenig bekannt. Zum Schaden der Republik. Denn sie , hat fürs erste ziemliche Vorteil« aus dieser Zugehörigkeit gezogen, und wenn wir heute eine feste Währung besitzen, Haushalt und Kaufmann eine sichere Grundlage für ihr Budget haben, so ist das nicht zrlletzt dem Völkerbund zu danken, der die Basis zur Sanierung gelegt hat. Als jüdische Erfindung hat er dies entsprechend den Vorschlägen -es jüdischen Vankdirektors Wilhelm Rosenberg getan, die der VundeskaWer Seipel vorlegte. Ter Völkerbund hat auch durch einige Jahr« die Sanierungsaktion durch einen Generalkommissär kontrollieren lassen. Als dieser von Wien Abschied nahm, brach in Oesterreich die politische Moral aus, in deren Verlauf einiges Bedeutsames über 'die Korruption (immer die des anderen) gesagt und noch mehr festgestellt wurde. Das ist nun auch vorbei, die wunderlichen Whne des Chaos müssen Neues ersinnen, da doch Wahlen kommen. Es ist demnach wenig Zeit und Empfänglichkeit für.Friedenspropaganda und die warmen Worte des Herrn Dumba laufen Gefahr, zwischen Sieghart und Bösel zu verhallen. Aber Oesterreich ist doch Mitglied des Völkerbundes. Die Tatsache ist dürch einwandfreie. Zeugen erhärtet. Es ist nur an dem, daß die herrschenden Parteien inklusive der Regierung so herzlich wenig dazu tun, daß auch das so geliebte Volk vom Völkerbund etwas erfährt. In England und letzthin auch in Schwe-, den sprechen Parteiführer 'und Minister über den Völkerbund, kritisieren seine Tätigkeit und bringen seine Gedankenwelt der Masse näher. Aber das ist draußen, jenseits der Berge. Wir müssen/sagt Herr Dumba. der Idee des Völkerbundes Vorspanndienste leisten. Was ist dich« Idee? Daß die Völker sich miteinander vertragen sollen, daß sie, wenn sie Streit miteinander haben, nicht sofort das Messer -ziehen: daß sie nicht irgendeiner Minorität das. gleiche Recht und die Sprache nehmen sollen und daß sie jedem, der da arbeitet/und schafft, auch nicht den gebührenden Lohn vorenthatten dürfen. Voraussetzung für, jeden Versuch, die bestehenden Schwierigkeiten zu beheben, ist der"gute Wille, das Einverständnis den Frieden halten zu wollen und jedermann sein Recht auf Leben, Ehre und Arbeit zu gewährleisten. Das ist, zumindesten der Theorie, Inhalt der Idee des Völkerbundes.' -Er entspricht in der Wirklichkeit nicht dem Ideal. Denn im Raum stoßen sich die Dinge, und die Interessen der Großmächte, die mH Weltproblemen zu tun haben, schaffen eine Situation, in der der Völkerbünh oft wie der Greis auf dem Dache aussieht. Er hat aber — und das ist nicht gering zu schätzen — bischer den Krieg vereitelt. Er kann vielleicht für den Augenblick nicht mehr erreichen, weil er ja doch als Folge eines Krieges entstanden ist und weil er als ein Gebilde von Menschenhand zum Opfer und Werkzeug der internationalen Bureaukratie geworden ist. Das spricht aber nicht gegen seinen ideellen Inhalt, uM» wenn nicht die Großmacht«, so könnten doch die kleinen Staaten, und wenn nicht die, so doch das kleine Oesterreich mit dem guten Beispiel der geistigen und inneren Abrüstung vorangehen. Oesterreich wird nicht angefochten, cs bangt nicht um seine territoriale Integrität. Nichts würde seine Parteien davon abhalten, sich auf ein österreichisches Bewußtsein zu «inigen und bei aller Schonung ihres Raufbedürfnisses doch wenigstens zuhause die Abrüstung durchzuführen. Aber wie steht es damit? M>ei Parteien leben programmatisch von der Lebensunfähigkeit des Staates und warten auf den Anschluß an Deutschland: die dritte, die gerade regiert, ist international gerichtet und empfängt ihre Anregungen und di« Vorschriften für ihre Haltung aus dem römischen Vatikan. Sie alle ziehen nach verschiedenen Seiten. Vom G»ist des Völkerbundes spricht keine Partei, von seinem Wirken schweigt dfe Presse, Di« Bevölkerung erfährt nichts von ihm. Wer soft also. zum Vorspann herangezogen werden? Herr Dumba hat es angeraten. Aber es ist niemand vorhanden, an wen «r seine Aufforderung direkt adresfieren könnte, und der Schwesternbund wird sehr bald den Weg aller Vereine gehen. PRÄMIEN NACH WAHL FÜR UNSERE JAHRESABONNENTEN 4 PRÄMIEN NACH WAHL FÜR UNSERE HALBJAHRSABONNENTEN BEACHTEN SIE UNSER INSERAT AUT SEITE 5 Aus frei Israel. Krise im Siadtrat von Tel Awiw. Tel Aw-Uv. 19. Jänner. Der am 6. Dezember neugewählte Stad trat hat sich in einer außerordentlichen Sitzung mit dem Budget (dessen Einzelheiten die „Wiener Morgenzeitung" bereits mitgeteilt hat) beschäftigt. Da über die Bndgetfragen kein Beschluß erzielt werden konnte, sind die bisherigen Leiter der Geschäfte der Stqdtveüvaltuitg, dje Herren Bloch-Blumenfeld und Kaplan zurückgetreten. Nach dem Antrag der Budgetkommisfion sollen, wie * gemeldet, die Einnahmen für das Jahr' 1927 sich aus 91.650 Pfund (davon 46.400 Pfund aus Steuern und Abgaben)^ belaufen, während die Ausgaben m'.t 65.425 Pfund präliunniert tarden. „Haaretz" bemerkt zu den Vorgängen im Stadtrat, es sei nur natürlich und verständlich, tarnt die Mitglieder der bürgerlichen Parteien, die sich für den bestehenden finanziellen Zustand und für die daraus resultierenden Verhältnisse zwischen Stadtverwaltung und Regierung nicht verantwortlich fühlen, von der Art tntd Form des Voranschlages betroffen sind und erst eine Klärung der Sachlage durch eine besondere Kommission wünschen. Es ist sehr zu beklagen, schreibt der Verfasser, daß schon vor Beginn der eigentlichen Arbeit des Stadtrates eine von ausgesprochener Parteipolitik beherrschte Polemik um sich greift; die fortgesetzte Verschiebung der wichtigsten Angelegenheiten, die dadurch bedingt wird, ist kein gwes Zeichen für den Arbeitswitten und die Arbeitsfähigkeit der neuen Mitglieder. Die Regiemnil vrrMevvt dir Lösung der Aibeilslofigkeit. uäle ans fflrem» ' Tel Awlrv. 13. Jänner. „Haaretz" schreibt: „Das Schweigen über die Lage auf dem Arbeitsmarkt, das durch die innerpolitischen Vorgänge (int Zu'antmenhang mit bctt Wahlen) in den letzten Wochm ei getreten Ivar, beweist nicht, daß hier eine Erleichterung eingetreten ist; im Gegenteil, man hat begonnen ateben geldlicher Unterstützung den Hungernden nun auch Naturalien zu verabfolgen. Wie lange soll dieser Zustand noch andauern? Seit Monaten, werden ttvU der Regierung B erhandln na en geführt, um die Arbeiten, die zur Ausführung bestimmt sind, zu beschleunigen. Die Regteritngsvertreter sind durch den scharfen Tott, mit dein die jüdische Presse von der Regierung Arbeit und A r b e i t s Möglichkeiten fordert, gekränkt . . . Schließlich tati.de aber verkündet, daß die Verhandlungen über die Straße Petach- TiÜvah—Tel Awiw positiv beendet seien und die Arbeit bald beginnen sott. Inzwischen sind wiederum zwei Monate verflossen, ohtte daß mau mit der Arbeit begonnen hat. Die Regierung warte anscheinend auf dis Einnahmen des Keren Hajossöd und die Ergebnisse der Aktion in A m erika. Wir wissen durchaus unsere Pflichten zu erfüllen, aber wir haben auch vonderRegierungdie Erfüllung der ihr auserlegte» Pflichten zu verlangen, denn sie trägt zum großen Test die Verantwortung für die Schwierigkeit der gegenwärtigett Lage." Arab sche Hossnongen ans den Vatikan. Haisa. 13. Jänner. Der „^armuk" berichtet, daß der Papst sich dieser Tage gegen den Ziottisntus ausgesprochen haben soll. „Wir sind davon überzeugt, daß der letzte Besuch des Mut ran Heg'ar (?) beim Papst diese Wirkung gehabt und ihn zu der Erkenntnis gebracht hat, daß der Zionismus das Heilige Land gefährdet. Die religiösen Oberhäupter der Gemeinden im Lande müßten die religiösen Kreise im Auslattde entsprechend aufklären und ihre materielle und geistige Hilfe für den Kantpf gegen den Zionismus erbitten." Heftiger sirbbebrn In KaU ornIea. Braw.ey (Kalifornien), 13. Jänner. Um 9 Uhr früh wurden hier zwei heftige Erdstöße wahrgenomme.^. lieber einen etwa angerichteten Schaden liegen noch keine Meldungen vor. M, tzStmer 1927 Mt. Mv khina fordert die Rückgabe der Sremdea-MederiMose«. Peking, 13. Jänner. Vertreter der Pekinger Regierung haben gestern bei verschiedenen Gesandtschaften vorgefprochen und den Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß die Fremden-Niederlassungen den Chinesen zurückgegcbcn werden möchten. Aremdevdoykoit in Li'changscha. London, 19. Jänner. Nach einer Meldung aus Schanghai hat in T s ch a n g s ch a, der Hauptstadt der Provinz Hunan, eine fremden feindliche Boykott- und Streikbewegung eingesetzt. Es werden Vorbereitungen zur Evakuierung von 400 britischen und 200 amerikanischen Staatsangehörigen aus dem westlichen Teil der Provinz Setschuan getroffen. Ilurnhen in britische« Spinnereien. Schanghai, 13. Jänner. Gestern kam eS in zwei b r i i i schc n Spi n nerc ien zu Unruhen, wobei etwa tausend Arbeiter, darunter zahlreiche Frauen, große Schäden anrichteten. Die Polizei zerstreute die Manifestanten. Die Unruhen sind von Extremisten verursacht worden. Die Rüumung Kink angS. London, 13. Jänner. Aus K i u! i a n g in Peking ewgelrosiene Ausländer berichten, daß die Kasttonbe- Hörden im Gebiete der englischen Konzession Posten auf gestellt hätten. Die letzten Fremden seien an Bord britischer Kriegsschiffe eingetrofftn. Dem britischen Konsul fei es gelungen, die Archive mitzunehmen. Der britische Konsul und der' französische Zollkommiffär versehen ihren Dienst an Bord einer Jolle. Sr. finrtius bemüht sich weiter. Berlin, 13. Jänner. In den lMlt'.gen Besprechungen zwischen den Führern des Zentrums mtt DA E u r t i u s unterrichteten die ZentrumAsührer den Min.,der über den Standpunkt der Zenirmnsfraktion und brachten deren innen-'und außenpolitischen Bedenken vor. Die Fraktion wird morgen nachmittags ihre endgültigen Beschlüsse fassen. Dr. Curt'ruS hat in Aussicht genommen, morgen vormittags über die Ergebnisse der heutigen Besprechungen mit den Vertretern der D e u t s ch n a t i o n a l e n zu verhandeln. Eine endgültW Entscheidung ist also nicht vor morgen abends zu erwarten. Lar Kabinett Pilsudski. Vorläujig keine weiteren Aenderungen. Warschau, 13. Jänner. Wie „Glos Prawdy^', das Blatt des Marschalls Pilsudski mitteilt, sind vorläufig keine weiteren Aenderunge'n in der Zusamensetzung der Regierung'zu erwarten, da es-der Marschall für möglich hält, die Ministerpräsidentschaft mit seinem Amte als Kriegsminister zu vereinen. Pilsudski könne dies um!o mehr tun, als der Biz:prasidont Bartel nach der kürzlichen Ernennung eines eigenen Unter* rlch-Sministers in der Lage sei, Pilsudski wirksamer alS bisher in der Leitung des Ministerpräsidiums ' zu unterstützen. Poirns Vertretung beim Völkerbund. Warschau, 13. Jänner. Wie schon gemeldet, hat der Budgetausschuß des Sejm beu Posten des ständigen Vertreters Polens beim Völkerbünd gestrichen. Es handelt sich bei diesem Beschluß nicht um eine Demonstration gegen den Völkerbund,' sondern der Beschluß beruht auf dein Unwillen der Rechtsttnb Mittelparteien gegen den augenblicklichen Völkerbundvertreter Sokal, der der sozialistischen Partei nahesteht. Die Fudcn in Syrien. Beirut. 13. Jänner. (I. T. A.) Der französische Oberkommissar für Syrien, Herr Ponsot, besuchte Damaskus, um sich vott beit dortigen Behörden und Notabeln zu verabschiedelt. Er empfing bei dieser Gelegenheit eine Abordltung der Judenschaft von Damaskus, mit der er sich über die Lage der Judetr in Syrien auseinandersetzte. Die Abordltnttg führte Klage darüber, daß in Syrien die Juden Regierurtgsämter nicht bekleiden dürfen und demnach als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Herr Ponsot gab. das Versprechen, die Frage der Zulassung von Jttden zu Regierungsämtern als dringend zu behandeln, wie er dies auch hinsichtlich der Juden in Tunis und Marokko getan habe. Die Juden, erklärte er zum Schluß, sind überall loyal uitd zivilisationsfreundlich. Ae Fellachen sind den gloMe» dankbar. London, 12. Jänner. Hier hielt, vorige Woche Kanonikus P a r s i t, der 29 Jahre lang in Palästina lebte und im Frühjahr wieder dahm zurückkehrt, einen Vortrag für Kinder über Palästina. Palästina — sagte er — könne man unmöglich während einer Reisejour wirklich sehen. Um Pa« lästipa zu sehen und kennen zu lernen, müsse man viel« Jahre im Lande leben. Die Ä r b e i t d e r Z i o n i sien hat außerordentlich viel zur Entwicklung des Landes btzi« getragen und die Fellachen sind den jüdischen Monlste« aufrichtig.dankbar für alles, was diese für das AufblÜhe» des Landes ,leisten.

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