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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-13 · Heft 2829 (13.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2829 (13.1.1927)
Date
1927-01-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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IHch, NmittkStas 9Rwg«MettHi0 m. tasrr «ette 8 LagesberW. Verls Kredo. In einer Versammlung des Wiener Handels- und Jn- ..ustrievereiucs, die am Montag abends stattsimd, erklärte der Präsident dieses Vereines, der Kommerzialrat Oskar Perl, das; er trotz seiner jüdischen Abstammung schon bei den letzten Wahlen ch r t st l i ch s o z i a l gewählt habe und auch bei den kommenden Wahlen so wählen werde, denn die christlichsoziale Parrei sei die einzige Partei des Bürgertnms, die eine festgefügte Organisatton besitze und den Sozialdemokraten wirksam entgegentrete,r könne. Das österreichische Bürgertum könne eine neue Partei nicht mehr gründen und es fcl daher die Unterstützung der chrrstlichsozialen Partei durch alle bürgerlichen Kreise ohne Unterschiedder Konfession der einzige Ausweg. Er erklärte zum Schlüsse, daß er sich durch keine konfessionellen Schlagworte beirren lassen werde, und sprach sein Bedauern darüber aus, daß oas Bürgertum auch bei den heurigen Wahlen keine geeigneten Vertreter für den Nationalrnl zur Verfügung haben werde. Es gibt sicherlich irr Wien . Juden (nicht sehr viele, aber sehr reiche), die charakterlos genug sind, sich den Christlichsozialen anzubiedcrn und die ihre Perversität im Knopfloch tragen. Es ist ein gewisser Sadismus, der sic treibt, ihr mangelndes Ehrgefühl auch noch zu annoncieren. Zu ihnen gehört Kommerzialrat Berl nicht. Er i st b e r e i t s g e t a u s t, es ist also kein besonderer Mut für sein politisches Credo notwendig. Es müssen doch nicht alle Judenftämmlinge bei der Sozialdemokratie sein. Sie können auch dort zu finden sein, wo „der zersetzende Einfluß des Judentums" als parteiprogrammatisches Kampfziel angekündigt wird. Nie AKaL Haam-Feier in Berlin. Aus Berlin wird uns berichtet; Die am 9. Jänner im großen Festsnale des Logerchauses in der Kleiststraße von den zionistischen Organisationen, der Akademie und der Hochschule für .die Wissenschaft des Judentums veranstaltete Trauerfeier für Achad Haam dereini-gte eine sehr große Zahl führender jüdischer Persönlichkeiten und Gelehrten. Die erste Gedenkrede hielt ' Martin Brr-er. Er sagte: Achad Haam war einer der seltenen Lehrer des Volkes, der im Glauben an die Wahrheit, im Dienst für die Wahrheit lebte. Er hat nicht eine Ideologie geschaffen,. sondern er stand der Tatsächlichkeit gegenüber, ihr ins Auge schauend. Eine so große Bedeutung Achad Haam für die hebräische Literatur hatte, so war sein Wort doch wicht Literatur, sondern das b a u e n d e Wort. Er diente dem Volke, stellte aber auch strenge Forderungen an das VoU. Er forderte vom Volke ein Leben in Wahrheit und Verantwortung gegenüber der Vcrstricktheit in tausendfältige Lüge, die Galuth bedeutet. Darrt,n forderte er ein Zentrum des lebenerhaltenden und iebensteigernden Geistes in Palästina. Professor Simon Dubnow sprach hebräisch: Es geht eine direkte Linie von Rambam (Maimonides) zu Achad Haam. Es ist der Funke der Prophetie. Eine schöne Sage berichtet: Im Himmel ist ein Seraph-Tier, das am Tage das Zeichen der Wabrhert, in b?t Nacht das Zeichen des Glaubens an der Stirn trügt. Achad Haam hat in der tiefften Finsternis der Galuth das Mal der Wahrheit an der Stirn getragen. Er zerstörte erbarmungslos den Glauben an ein Wunder. Er trug das Panier des Kampfes für die Wahrheit, die Tatsächlichkeit voran. Jetzt fiel der Riese dos Geistes, die Fahne entglitt feiner Hand. Wir sind um einen Wegweiser ärnver, um einen „More nebuchim". Wäre die Zeit ihm günstig gewesen, er hätte der Rambain unserer Zeit werden können. Mir cittwickelte er seine Pläne, zwei grundlegende Werke: Torath Hamusar (Morallehre), „Hitpatchuth Hal'umith" (Nationale Renaissance) zu schaffen. Aber die Zeit war dagegen. Professor Guttmaun sagte u. a.: Alle, denen Achad Haam Lehrer gewesen war, versammeln sich abseits vom Streite der Partien, um Achad Haam, den Streiter und Kämpfer, den Mann ohne Kompromisse, zu ehren. Denn er gehört dem ganzen Judentum, allen, denen Judentum eine innere Angelegenheit ist. Die jüdische Wissenschaft neigt sich in Ehrfurcht vor dem Kämpfergeist Achad. Haams. Sein Denken war Wille zu schöpferischer Tat. Nichts war ihm verhaßter, als bloßes Jdealstreben ohne Willen zur Wirklichkeit. Er war letzten Sinnes Denker der Wirklichkeit. Als letzter sprach Dr. Jakob Klatzkin hebräisch. Er charakterisierte die einzelnen Phaseü des Kampfes Achad Haams um den Weg für das jüdische Volk. Ihm war es gegeben, dem Gedanken den feinsten Schliff zu geben, ihn in seine Atome zu zerlegen. Trauerverfügttngen in der Tschechoslowakei. Aus Prag wird berichtet: Der zionistische Zentralverbano für die tschechoslowakische Republik hat die Veranstaltung von Trauerfeiern angeordnet. In der Zeit bis zum 18. Jänner (Chamischah-assar b'schwat) haben zum Zeichen der Trauer Veranstaltungen mit. Tanz und dergleichen zu unterbleiben. ,>MiSrachi" und Achad Haam. Berlin, 12. Jänner. (I. T. A.) Die Zionistische Föderation „M israchi" in Deutschland veröffentlicht eine Kundgebung zum Ableben Achad Haams, in welcher es u. a. heißt: Achad Haam ist in die Ewigkeit eingegangen . . . er ist nicht auf unserem Standpunkt gestanden, aber sein Einfluß auf die gesamte zionistische Bewegung, mit der er jahrzehntelang in heißem geifttgem Kampf stand, deren heutige geistigen' Grundlagen er kämpfend geschaffen, machte sich auch bei uns geltend'. Auch aus unserer Einstellung zu den Fragen der Erneuerung Mischen Lebens ist die Gedankenwelt Achad Haams nicht fortzudenken. . . . Mögen wir stets durchdrungen fern von dem heiligen Ernst, mit dem Achad Haam die Aufgaben des Judeittums erfaßte, dann wird dieses Leben nicht umsonst gelebt sein. Noch haben Sie die Möglichkeit, sich prachtvolle jüdische Bücher U M S O H S T zu' verschaffen durch unsere Grati'prämienakfioul Eft Überflügelt durch sein Renommee, seine riesige Wirkung der echte DIANA- ■ FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL sämtliche ausländischen Erzeugnisse und Hausmittel. An Narvosltttt und KopfscitntOrxon Leidende wenden nur eine Massage an, um sich zu e,frischen und ihre ermüdende Tagesarbeit foitsetzen zu können. ÜBERALI ERHÄLTLICH! Sic Grivve. Bedenkliche -Zunahme in Berlin. Berlin, 12. Jänner. Nach einer Mitteilung des Berliner Gesundheitsamtes haben die Grippeerkrankunge» eine nicht unbedenkliche Zunahme erfahren. Nach dein „Berliner Tageblatt" sbnd die Krankenhäuser überfüllt, so daß es kaum noch möglich ist, Betten für Neuerkrankte freizumachen. In allen Betrieben fehlen zahlreiche Angestellte und Arbeiter. Zu BetricSseiirschräntun gen ist es jedoch noch nicht gekommen. Tödliche Fälle in Luxemburg. Wie aus Luxemburg gemeldet wi.b, ist dbrt die Grippeepioemie besonders heftig ausgetreten und hat bereits zahlreiche Opfer gefordert. Besonders heftig wütet sie auf dem flachen Lande. Es gibt Dörfer, wo nur wenige Familien verschont blieben. Wenngleich die Erkrankungen in den allermeisten Fällen keinen tödlichen Ausgang nehmen, so hat die Sterblichkeit infolge der tödlich verlaufenen Grippefälle gegen das Vorjahr doch stark M genommen. In Wie« ist auch in den letzten Tagen keiuewesent liehe Zpr» nähme der sonst um diese Zeit üblichen Jnfluenzaerkrawkungen zu verzeichnen. Der Krankenstand bei den Kranken-? kaffen ist wohl, der Jahreszeit und der Witterung entsprechend, erhöht, bei den. Erkältungskrankheiten handelt es sich meistens um harmlose, rasch vorüKarg^tzend^ Symptome. Me ma» der Grippe vorbevgt. Die Biovfuche des Berliner Arztes Dr. Engetottur». Die EigenblutinfeMon. Die Grippe geht um und es ist wohl angebracht durchs geeignete Selbstschutzmaßnahmen der Verbreitung der Krankheit vorzubeugen. Die Kardinalfrage bei Epidemien, wie der Grippe, W wie-schütze ich mich vor-der Erkältung? Und da kommt rade eine Arbeit aus der hydro-Lherapeutischen Univeffitätsanstalt Berlin zur rechten Zeit. Sie handelt von dem urn heilvollen Einfluß der kalten Füße auf die, Entstehung der' Erkältungskrankheiten. Ein tapferer Arzt, Engelmann, zog an Mer duf*. einander folgenden Abenden feuchte Strümpfe und enge Schuhe an. um die. Füße einer langdauernden, feuchten Kälte! Isr Aonslem. Bon Lola Landau. Der Jongleur pfiff leise, mrd die sieben Lunten Bälle, vie er über sich in einem zauberischen Springbrunnen von Farben spielen ließ, sanken gehorsam auf ihn herab. Zwei von ihnen, der blaue und der grüne, setzten sich aus seine Schulter une gezähmte Vögel, die von seinem Aermel Futter picken wollten^ Die violette und die goldgelbe Kugel wiegten sich auf seinen Stiefelspitzen. Drei verkrochen sich im Nest seiner Hände, mrd die eine feuerrote blieb auf seinem Kopfe stehen wie eine purpurne kleine Krone, die sein weißgeschminktes Gesicht rroch unben-eglicher und asiatischer machte. Er sah nun wirklich aus wie cin Dämmt, der mit leibhaftigen Seelen Ball spielte und aus dem toten Leib der Dinge das Leben herauslockte. Diese Balle waren vielleicht verzaubert« Menschen, gewiß, rief er sie ja doch bei Namen. „Komm, her, Ludwig," schrie er zornig, und der blaue Ball kroch demütig in feine Hand. „Friedrichs" lachte er über seine Schulter hinweg. „Was treibst du V für Geheimnisse hinter meinem Rücken? — Mit einem Satze sprang der grüne Ball über feine Schulter ihm zwischen .Hals und Kinn, in einer Klammer gefangen, und dabei riß der Zauberkünstler groß seinen Mund auf wie ein menscheufrefserischer Riese, als wollte er ihn verschlinge«. „Else, du hast ja das, Tanzfieber," rief e* und ließ dabei einen andere« Ball in einer» irrsinnigen Wirbel kreisen, daß die Luft rote Funken sprühte. Else war der rote Ball, ihn schien er mit besonderer Zärtlichkeit anzureden.;: Niemand wußte, daß Else der Name feiner Frau war, die soeben, als zierliche Kellnerin irr tveißer Haube mrd Schürze verkleidet, ihm auf einen' Tablett das Frühstück reichte, Eier, zerbrechliche Tassen, Teller, Flaschen und blitzende Gläser, lauter Dinge, mit denen er sein schwerstes Kunststück an diesem Abend vollbrmgen sollte. Die Kellnerin knickste leicht mit dem einstudierten koketten Verziehen der Mundwinkels er streichelte ihr die Wange, sie schlug ihn auf die Hand, ihr hübsches Gesicht mit dem eingegipsten Lächeln verzerrte sich einen Augenblick in wirklicher Wut. Keiner bemerkte es, auch der Jongleur nicht, der die Gegenstände vom Tablett leicht in seine Finger gleiten ließ Und während er aß, die Bissen ihm von selbst in den Mund flogen, standen die Tassen traumhaft in der Luft, die weiße« Eier flatterten wie Tauben um seinen Kopf, Messer und Gabel klirrten, die Teller aber waren kleine, sinnvoll bewegte Weltkörper, die sich um ihren Schöpfer drehten. In einem wilden Trimnph schien, er bei diesem wunderlichen Mahl zwischen der irdischen Hast der Menschen mit ihren' fleischlichen Bedürfnissen und der beschwingten Sehnsucht ihrer Seelen das vollkommene überirdische Gleichgewicht hergestellt zu haben. Furchtsam und voll verstecktem Haß sah chn seine Frau an. So wie diese Dinge glaubte er auch sie alle Zeit in der . Gewalt zu haben, sie zu schleudern mrd. zu fange«, mit ihr zu jonglieren, und sobald sie auffliegen wollte, sie mußte doch immer wieder in die geschickten Hände dieses Mannes zurück. Seit drei Jahren reiste sie mit ihm durch ganz Europa und half ihm bei der letzten Nummer: „dem fliegende» Frühstück". Ihre Verliebtheit war längst verstoben, als er sie vor einem Jahre geheiratet hatte, und ihre Zustimmung geschah schon mrter einem Zwang. Denn sie ivußte, falls sie ihrr nicht fest band, würde er sie eines Tages mit kaltem Mtmlde entlassen, um durch eine geschicktere Partnerin seine Nummer zu vervollkommnen. Vielleicht liebte er sie auch; denn noch sah er keine andere Frau am Aber gewiß lichte er sie nicht anders als feilte bunten Bälle oder noch weniger. Seine Kunst füllte so völlig sein Leben aus, daß kein anderes Wese« sonst darin Raum fand. Er behandelte sie zwar freundlich, und seine Liebkosungen waren von der weisen achtungswerten Zärtlichkeit, mit der er jedes Ding berührte. Sttrr wenn sie bei der Vorstellung das Geringste versäumte, die Gegenstände nicht in der geübten Reihenfolge reichte oder das Tablett ein wenig schiefer neigte als gewöhnlich, so konnte er in erstem grauenhaften Ausdruck des Zornes mit schrecklichen Schreien und Stampfen die Hilflose ganz zerttetcn, daß sie sich in einer Ecke des Zimmers zusammenduckte. Urw was war Üjt Leben? Seit drei Jahren durste sie jeden Abend fllavisch ein Tablett hinreichen, und von dem Applaus der Menge, der über ihn hinströmte, empfing sie selber nichts, kein Blinken, kein Stäubchen des Glanzes. In der ersten Zeit hatte sie ihn gebeten, er möchte sie in seiner Kunst unterweisen, damit sie gemeinsam ein neues phantastisches Spiel anfführten. Er hatte abweisend den Kopf geschüttet. „Du hast dafür kern Taümt," fagfe -r. „Störe müh jcht mcht! Ich arbeite." In seinen Uebungsstunden schloß er sich m sein Zimnrer wie ein Mönch in die Zelle. So sperrte er sie bisweilen tagelang aus seinem Leben aus, als habe tt ihre Anwesenheit überhaupt vergessen. Vergeblich versuchte sie, seine Eifersucht zu reizen. Sie ließ sich bei einer großen Revueprobe vor seinen Augen auf dem Arm eines jungen Athleten in die Höhe hebe,:. Während der Zwischenmusik tauchte sie im Orchester unter und ließ sich von dem ersten Geiger mnarmen, so daß ihr Mann auf dem Podium das Geräusch -er Küsse zwischen dem prustenden .schallenden Gelächter des Saxophons deutlich hören konnte. Aber er lachte sie nur aus; er schien ihrer so sicher wie seiner Bälle, die ihm blind gehorchten und immer wieder aus der Lust zu ihm zurückfielen. Ja, es rührte chn dies alles gar nicht an. Nur seine Hände sannen vastlos «ach, um wunderbare neue Spiele zu ersinnen, auf de» Fingerspitzen die Last der Welt fc'.e sine Feder m tragen. „Ist di-r überhaupt -in Mnjllj an, Fleisch «ch Blut?" fragte sie sich manchmal. „Nein, er ist ei« Hexenmeister, ein Unmensch, ein Kobold ohne Wer mb Oe- WMder nicht zu WWychM ifc?

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