Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2828 (12.1.1927)
- Date
- 1927-01-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2981916--28733-3016796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettmrg 12. Jänner 102« Tettk t> iindorleihen war es aus. Mit der Kohlerckarte aber auch, all liegen Bücher herum. Diesen fehlen die Deckel, jene sind um eine erklecklich Zahl von Duchsciten rnSgerer geworden. ES läßt sich auch erkennen, wozu jene Buchdeckel unddiese Rvmanfeiten verwendet wurden: sic waren Mvrdwerkzcuge für lästige Manzen: das Buch hat für jeden Fall seine Schuldigkeit getan. Ignaz aber versetzt den uml)erlicgenden Buchsragnren tcn Fußtritte, als wollte er sich für die Mühe rächen, die sic ihm verursacht haben. Jetzt nmß er daran denken, einen neuen Refrain zu ersinnen, einen, der so zieht wie der gestrige Ae lScherliche Pnccims Oper in Japan unmöglich. Es gibt kein europäisches Bühnenstück, das in Japan einen jo ungeheuren Lacher folg erzielt, wie Puccinis -Oper „Butterfly". Die Komik, die dieses tragische Spiel von dem Schicksal der verlassenen Geisha auSlöst, liegt natürlich nicht in der Musik des großen italienischen Komponisten, sondern sie ist unfreiwillig und wird hervorgerufen durch das Erscheinen eu r 0 pä i s che r Scha u spi e le r in japanischen .K o st ü m e n. Erst kürzlich ist wieder eine Ausführung von „Madame Butterfly" in Tokio unter nicht enden wollenden Lachsalven begraben worden. Das gleiche Schicksal haben alle Versuche gehabt, die Oper, deren Handlung dem japanischen Publikum ja eigentlich sehr nahe liegt, auf der Bühne des Jnsolreiches einzuibüigern. Als eine russische Operngesellscha.fi das Werk zum erstenmal im Jahre 1921 aufführte, konnte der erste Akt nicht zu Ende gespielt werden, weil sich das 'Publikum vor Lachen wand. Als eine italienische Truppe 1623 Pueeinis Werk wieder in ihr Repertoire aufnahm, mutzte ebenfalls der Vorhang vorzeitig fallen, weil der Gesang ans der Bühne von den: dröhnenden Jubel des amüsierten - Publiku ul s übcrtönt wtlrde. 192Ö erlebte vine andere Gesellschaft dasselbe Fiasko. Die Sänger, die von eien Fehlschlägen ihrer Vorgänger nichts wußten, lvaren aufs höchste erstaunt, als plötzlich verschiedene Herren so zu lachen anfingen, daß sie von ihren Sitzen fielen, und ihre Verwirrung wuchs, als jedes Erscheinen einer neuen Persoll neue Lachstiirme entfesselte. Die imwiderstühliche Komik, die für den Japaner durch die Darstellung ausgolöft wird, liegt darin, daß der Europäer bei der Vorführung japanischer Sitten und Kleidung mir eine höchst lächerliche Karikatur der echten japanischen Haltung darbietet. Besonders sind es die Kostüme und die Art, wie sich die Darstellenden in ihnen bewogen, die die Lachmuskeln des Japaners urrwiderstehlich in Bewegung setzen. Eine Europäerin, die den Untertanen des Mikado die Vorstellung einer Geisha vermitteln will, bietet den Gipfel- Punkt des Lustigen für das Volkdas einen'so starken Sinn für Humor bat. Ae kranke rnffifche Intelligenz. Das Clcmd der Jiuclllgenzkreise in Sowjetrußland ist durch zwei'wissenschaftlich-statistische Untersuchungen, die vor kurzem durchgeführt wurden, recht deutlich dargetan wor-- den. Alle Studenten deö eigentlichen Rußland wurden, voll einer Äerztekotnmission untersucht und einer ebensolchen Prüfung wurden die Aerzte und die anderen medizinischen „Arbeiter" voll Petersburg unterzogen. Die Ergebnisse der Untersuchung bei? Studeuteil, welche die Sowjetblätter jetzt mit* teilen, sind entsetzlich. Insgesamt erstreckten sich die Nachforschungen auf die Hörer von 25 Hochschulen und von 28 Arbeiterfaknltäten. Cs zeigte sich, baß durchschnittlich 70 bis 80 Prozent der Studenten krank strrd. „Günstig" daran sind die Hochschulen in Charkow, Nw der Prozentsatz 60 beträgt, in Kiew, ivo die Zahl der Kranken unter beu Studenten 48 Prozent ausmacht, und in Petersburg, wo man 50 Prozent Kranke zählt. In Perm dagegen sind voll 1600 Studenten 1260 krank. Alan stellte Hochschulen fest, an denen alle Hörer krank find, km stärksten ist die Tuberkulose verbreitet. Dann folgen Magenleidon und Herzkrankheiten. Bemerkenswert ist, daß die Zahl der Erkrankungen irr beit höheren Semestern zunimmt. Je länger ein Student <m der Hochschule studiert, desto größer tvird für ihir die Gefahr, krank zu lverden. Das erklärt sich aus den sehr schlechten hygienischen Bedingungen, unter denen die Studenten leben, und aus der allgenteinell Untererllährung. Die Untersuchung der Aerzte und ihrer Mitarbeiter in Petersburg hatte nicht tveniger beschatnende Konstativrungen zur Folge. Es zeigte sich vor allem, daß die meisten Aerzte ein erschreckend armseliges Dasein führen. Sehr wenige von ihnen habet: eine eigene Wohnung- Den meisten steht bloß ein Zimmer zur Verfügung, ja nicht wenige Aerzte haben nicht einmal dieses eins Zimmer und müssen sich rntt einem „Winkel", wie vre Russen sagen, zufrieden geben, daö heißt, sie teilen das Zimmer mit mehreren Personen. Infolgedessen sind die Gesulldheitsverhältnisse unter den Aerzten überaus betrüblich und die Zahl der Sterbesällo ist in dieser Berüfsfchicht weit höher als in beu übrigen Gruppen der Bevölkemug. 7ns lüdisdke Maus das fttdistüe GHatt ]>ie Hrnnane der Welflfferaftur . Maufrassant / Dci f;chöno Freund Balzac ( Tolldreiste deschiehter Fiaubert / Fraa Bovary Flaubert / Satatnbo Stenklewlcz / Qno vadis? Storm / Schlfnmelreitor Keller / Züricher Novellen Keller / Martin Salander Jeder Band geb. Mantegaxxa 1 Hygiene der Liebe Mantegazza / Fhiniologie der Liebe 1001 Nacht / Erzählungen Gobineau / Dis Benaieoance Grimmelshausen / Der abenteuerliche SimpHzissimns Ho ff mann / Elixiere des Teufels Hoffmann / Nachtstöcke 83.— Poe / Seltsame Geschichten Stendhal / Äebtissin von Castro Wallace / Ben Har Wilde / Bildnis des Dorisn Gray Wilde / Märchen Cervantes / Don Quijote mMm G. ethe ' Faust, l. tunt!?. Teil Casi^ova Mo.noircii Boccaccio / Dokameron Dostojewski / Der Spieler Bulwer / Die letzten lag« vou Pompeji Alexis / Dio Hosen des Herrn r^n Bfedöw Mtfrtke / Maler Holten Metalloid / BörnsteinhöSe Kleist / Michael Kohlhau- Heine / Buch der Lieder Turgenjew/ Vater und Söhne Jacobsen / Marie Grnbbe Prevost f Manen Lescaat Tolstoi / Dio Kreutzersonate Stevenson / Dio Schatzinset Weber' Dreizehnlinden Murger/ Bohbmo Sealsfield / Das Kajütenbuch Marie Twain / Tom Sawyer Hauff / Liehtenstein Francois / Reckenburgcrin Visdher / Anch einer fmmermann 1 Der Oberhof Buchhandlung R. Löwit, Wien, I., Rotenturmstraße 22 ein internationaler „echwrftnnbnnd" für Den Frieden. Botschafter Dr. Dumba Über de« Bvtterbund. Die Gesamtorganisation der Frauenvöreine Oesterreichs hatte für gestevn abends eine Versammlung zu dem Zwecke eknöerufen, eine Zusammenarbeit aller Frauenvereine mit der Union der Bölkerbundligen in die Wege zu leiten. Der Präsident der Oestürreichischen Liga, Botschafter a. D. Dr. Dumba hielt ein umfassendes Referat Über die Situation im Völkerbund. An die Stelle des idealen Kriegs- Pazifismus, der sich in Kongressen und Petitionen erschöpfte, ist nach dem Kriege der konstruktive praktische Pazifismus getreten, der sich dem bereits vorhande- >neN Friedensinstrument, dem Völkerbund anschließt. Der Völkerbund hat, wenn er auch nicht allen Idealen entspricht, durch die Aufnahme Deutschlands einen großen Schritt nach vorwärts gemacht, weil er erst jetzt eine große Zahl der wichtigsten Propleme praktisch ihrer Lösung näherbringen wird. Dahin gehört zunächst das Minorität e n p r o p l e m und in einem gewissen Grade auch die Abrüstung. Wir müssen dem Völkerbund Vorspaundienste leisten, indem wir die öffentliche Meinung für die Bölkerbnndidec gewinnen und auch praktische Vorschläge für Genf machen. Da die Beeinflussung der Regierungen ein wesentlicher Teil der zu leistenden Arbeit ist, ist die . Eingliederung der Frauenveroine in die Bewegung absolut notwendig, um die breiten Massen für die Idee zu gewinnen. Im Anschlüsse an die programmatische Rede Dr. D u m b a s sprach die englische Delegierte Ms. Wells (Oxford), die auf die große Beteiligung der englischen Frauen an der Bölkerbundidee hinwies. Gerade für Oesterreich ist der Anschluß der Frauen nötig, well das Schicksal Oesterreichs ganz und gar von der Arbeit des Völkerbundes abhängt. Es werde ein „Schwestevnbund" von Frauen der ganzen Welt für die Propagierung des Völkerbundes gegründet werden, der jede Frau, die einen Sohn hat, beitreten müsse, um eilt für allemal Kriege unmöglich zu machen. Wer die Greuel der gegenwärtigen Kriegsrüstungen kennt, werde nie mehr dulden, , daß für politische Interessen Menschonblut vergossen wird. (Lebhafter Beifall.)- Me LotzaliM der gsraelttttchen Union. Gin gebrochenes Wahlkompromiß. Man schreibt uns aus Liesing: Die „Israelische Union" berichtete letzthin in ihrem Blatte über den „großen" Sieg, den die liberalen Juden über die Zionisten bei den Kultuswahlen in Mödling am 12. Dezember v. I. errangen haben. Wohlweislich verschweigt sie aber, wie dieser „Erfolg" erreicht ivurde. ES soll dies hier verzeichnet lverden, um die Taktik dieser Herren und ihre Loyalität, von der sie so gerne reden, einmal gründlich aufzuzeigen. Den Zionisten aber diene eS als Beispiel, wie wenig verläßlich unsere assimilatorischen Vertragspartner sind. Als für den 12. Dezember die Kultuswahlen in dem Bezirk Mödling ausgeschrieben worden waren, beschlossen die Zionisten, eine eigene Kandidatenliste aufzustellen, um ihrer Stärke gemäß in dem neuen Kultusrat vertreten zu sein. Alle bewußten Juden stimmten dieser Absicht freudig zu, und die Zionisten wärm als stärkste Partei in die Kültusstube eingezogen, wenn nicht die bisherige Majorität mit allen Mitteln versucht hätte, den Wahlkampf zu verhindern. Die Liberalen beschworen die Zionisten, von einer eigenen Kandidatenliste abzustehen und, um „eine Spaltung der Judenschast zu vermeiden", ein Wahlkompromiß abzuschließen. Des Friedens halber entschlossen sich die Zionisten dazu, und es wurde die Parole ansgegeben^ die einzige Liste, die nun bestand, die Einheits liste, auf welcher auch neun Zionisten standen, zu wählet:. Zwei Tage vor der Wahl aber erschien in aller Stille eine Liste einer sogenannten Wirtschaftspartei, auf der alle Kandidaten der Kompromißliste standen, ohne die Zionisten, vermehrt durch einige andere Mitglieder der Israelitischen Union. fF.ttr diese Liste machten nun die Mitglieder der bisherigen Kultusmajorität, auch die, wllche auf der Kompromißliste standet:, eifrigste Propaganda, und so wurde das Abkommen gebrochen, dem nur die Zionistei: treu blieben. Der Erfolg dieses Betruges aber war, daß alle bewußten und ehrliche:: Judenn diesen „Ehretnnänt:ern" den Rücken kehrten und sich zu einer großen zionistischen V e r e i n i g u n g zusammmschlossen, welche die Orte. Liesing, Atzgersdorf, Erlaa, Mauer :u:d Perchtoldsdorf umfaßt. Menu nun die Israelitische Union nach dieser Wahl schrieb, cs beginne bereits die Einsicht der Juden, so hat sie wohl recht, wenn mich in anderem Sinuc, als ns dm: Liberalen lieb ist. Grober gowetenDIebftohl im Palair Mn«. Gestert: nachts tvurde in der herzoglich Sachsen-Koburg-Gothaschen Zentralkanzlei im Koburg-Palais ein höchst verwegener U?asseneinbruch verübt. Die Täter sind im Kanal bis zum Keller des Palais vorgedrungen, haben die Kellerdecke durchbrochen und sind in der Nah« einer engen Wendeltreppe, die zur Zentralkanzlei führt, ms Haüs gelangt. Sie durchbrachen dann die Platte mehrerer schwerer Doppeltüren. Im Kaffenraum der Zentralkanzlei fanden sie eine große feuerfeste Kassa, die sie mit ihrer: Werkzeugen erbrachen. Wahrscheinlich vermuteten die Einbrecher in der Kasse der: unschätzbar wertvollen Koburgschen Familienschmuck. Dieser ist aber schon seit zwei Jahren an einem sicheren Ort aufbetvahrt. Dagegen ist der: Dieben ein Barbetrag, dessen Höhe noch nicht bestimmt ist, der aber sicherlich mehrere Lausend Schilling beträgt, Lu die Hände gefallen, ferner zahlreiche wertvolle Wertpapiere. Dann erbeuteten die Tater eine große Anzahl Juwelen, mehrere silberne und goldene Labatiere», zum Ringe, ein Paar Ohrgehänge mit Perlen, vier nroderne Armbänder, eine antike Uhr aus Gold, drei goldttve Hemdknöpfe mit Perlen, lose Brillanten, eine golderwe Doppelmanteluhr tust den Zmttalen des Exkönigs Ferdinand von Bulgarien nnd goldene Uhrketteu. Bon dcu Tätern fehlt jede Spur. ' Sine StthAieNrngSdie in der Rovnragnffe. Im Hause 3. Bezirk, Novaragasse 19, ereignete sich gestern ein blutiges Drama. Gegen 13 Uhr mittags wurde ein Wachebeamter in daS Haus berufen und traf an: Gang die 24jährige Prostituierte Margarete Pohl, die sich vor Schmerz windend bei der Wasserleitung die Auge:: kühlte. Man teilte dem Wachebeamten mit, daß zwischen der Pohl und ihrem früheren Lebensgefährten, der» arbeitslosen MMrer Emanuel Gleixncr, Streitigkeit«»: bestanden und daß Gleixner der Pohl eine ätzend« Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet habe. Der Wachebeamte eilte in die Wohnung der Pohl und fand dort auf einem Sessel zusammengesunken, b lut über strömt mit einer klaffenden Stichtouttde an: Hals den Gleixner, der iwch vor Mntreffen der Rettungsgesellschaft starb. Die Pohl wurde in das Spi tal geschasst, wo eine Gewebezerstö rung Leider Augen konstatiert wuchs, die wahrscheinlich zu einer vollständigen Erblindung führen wird. Ueber den Hergang der Bluttat wird bekamtt: Die Pohl lebte mit dem Gleixner seit Längerer Zeit in gemeinsamem Haushalt und hatte sehr viel unter seinen Gewalttätigkeiten zu leiden. Als die Ausschyeitutlgen zu arg wurden, entschloß sie sich, die polizeiliche Anzeige zu erstatten, und Gleixner wurde für einen Monat eingesperrt. Als er entlassen wurde, wußte er die Pohl ioicher zu überreden, ihn bei sich auszunehmen. Ball» darauf setzte er seine Gewalttätigkeitm fort, und die Pohl kiindigte ihm abermals die Wohnung. Gestern mittags kam er, um sich seine Sachen zu holen und schüttete der ahnungslosen Pohl ganz unvermutet aus Rache Schwefelsäure ins Gesicht. Gleixner brachte sich, als er sab, was er angerichtet hatte, die tödlichen Wunden bei.